Pro­jekt: Neue Viel­falt

Vom Wan­del der Ar­beit­neh­mer­ver­bands­land­schaft und neu­en Ak­teurs­kon­stel­la­tio­nen in der kol­lek­ti­ven In­ter­es­sens­ver­tre­tungs­po­li­tik

Das Projekt wurde von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert und lief von Oktober 2008 bis Dezember 2010.

Projektleitung: Prof. Dr. Wolfgang Schroeder

Projektbearbeitung: Samuel Greef, Viktoria Kalass

Kur­ze Pro­jekt­be­schrei­bung

Seit einigen Jahren erhalten Berufsgewerkschaften verstärkt öffentliche Aufmerksamkeit: Kleine, aber mächtige Verbände, die Berufsgruppen wie Lokführer, Ärzte oder Piloten organisieren, kündigen ihre Kooperation mit den Großgewerkschaften des DGB auf und setzen mit ihren Streiks nicht nur die Arbeitgeber erheblich unter Druck. Das Phänomen betrifft das deutsche Gewerkschaftsmodell im Ganzen.

Kon­text / Pro­blem­la­ge

Unzureichende Kenntnisse über die Berufs- oder Spartengewerkschaften, aber vor allem das Aufsehen, das die Frage nach Tarifeinheit und Gewerkschaftskonkurrenz in der politisch interessierten Öffentlichkeit und vor allem unter Juristen erregt, spricht dafür, dieses Thema in einem eigenständigen Forschungsprojekt aufzugreifen. Diese Untersuchung befasst sich mit dem Phänomen des Wandels von Berufsverbänden zu eigenständigen Tariforganisationen und hinterfragt dessen Bedingungen und Ursachen. In diesem Sinne versteht sich die Studie als grundlagenorientierter Beitrag zu der Frage: Was sind die wesentlichen Elemente des Wandels des deutschen Gewerkschaftsmodells und welche Konsequenzen resultieren daraus für dessen Funktions- und Leistungsfähigkeit?

Fra­ge­stel­lung

Um die Ursachen und Folgen tarifpolitischer Überbietungskonkurrenz durch Berufsgewerkschaften verstehen und erklären zu können, ist ein detaillierter, empiriegeleiteter Blick auf die zugrundeliegenden Bedingungen und Akteure bereits erfolgter Transformationen unerlässlich. Folgende Fragen sind für diese Untersuchung erkenntnisleitend:

  1. Um welches Phänomen handelt es sich bei der Integrationskrise? Wie lässt sich dieses Phänomen in die Krisensymptome des deutschen Gewerkschaftsmodells einordnen?
  2. Was sind die Ursachen der doppelten Integrationskrise? Worauf basiert die neue Offensivität der Berufsverbände, die nunmehr als gewerkschaftliche Akteure auftreten?
  3. Welche Auswirkungen hat die Integrationskrise auf das deutsche Modell der industriellen Beziehungen? Handelt es sich um eine Teilinfragestellung, eine vorübergehende oder eine dauerhafte Infragestellung des deutschen Gewerkschaftsmodells? Was bedeutet dieses Phänomen für die Zukunft des deutschen Modells?

Un­ter­su­chungs­me­tho­den

In die Untersuchung wurden vier Organisationen einbezogen: der Marburger Bund, Verband der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte Deutschlands (MB), der Verein Deutscher Ingenieure (VDI), die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) und der Verband angestellter Akademiker und leitender Angestellter der Chemischen Industrie (VAA).
Der qualitativen Untersuchung der Einzelfälle liegt eine große Bandbreite an Empirie, Material und Zugängen zu den Verbänden zugrunde. Neben Sekundärliteratur sowie schriftlichen Verbandsquellen und -materialien basiert die Studie auf qualitativen Interviews, die die Autoren mit Vertretern sowohl der vier untersuchten Organisationen als auch weiterer Verbände und Gewerkschaften sowie mit Experten im unmittelbaren Umfeld der ausgewählten Fallbeispiele auf unterschiedlichen Organisationsebenen führten. Darüber hinaus wurden vielfältige Daten zur Entwicklung von Beruf und Branche herangezogen.

Dar­stel­lung der Er­geb­nis­se

  • Der Überbietungswettbewerb durch Berufsgewerkschaften ist Ausdruck einer doppelten Integrationskrise: Integrationsdefizite der Branchengewerkschaften in Bezug auf einzelne Berufsgruppen (Hochqualifizierte). Integrationskrise des deutschen Modells gegenüber den Berufsverbänden, die vormals über die DAG eingebunden waren.
  • Die Transformation von Berufsverbänden zu Gewerkschaften ist ein voraussetzungsvolles Phänomen. Sie bedarf einer spezifischen Gelegenheitsstruktur (Umweltwandel der Branche, Beruf, Arbeitsbedingungen und des Verhaltens der etablierten Akteure). Um diese Gelegenheit nutzen zu können, muss ein Verband aber auch über Ressourcen verfügen und diese mobilisieren können.
  • Der voraussetzungsvolle Charakter der Transformation lässt auf eine allenfalls begrenzte Ausbreitung des Phänomens schließen und nicht auf eine umfassende Erosion des gesamten Systems.
  • Die doppelten Integrationskrise, macht dennoch Lösungsstrategien auf zwei Ebenen erforderlich: Entwicklung neuer Kooperationsmodell im Fall berufsgewerkschaftlicher Konkurrenz. Neue Integrationsansätze zur Aufnahme differenzierter Interessenlagen um weiteren Abspaltungen entgegenzuwirken.