Profil

Zentrale Forschungsschwerpunkte und Themengebiete:  Rechtspopulismusforschung, Qualitative Methoden, Politische Soziologie, Zeitsoziologie, Wissenschaftssoziologie und Sozialtheorie

Philipp Rhein hat Soziologie, Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie und Gender Studies in Freiburg, Jerusalem und München studiert. Als studentischer Mitarbeiter am Institut für Soziologie München (Lehrstuhl Prof. Dr. Stephan Lessenich) war er unter anderem für das Forschungsprojekt „Politische Lebenswelten in München. Warum Menschen (nicht) wählen gehen“ verantwortlich. Daneben arbeitete Philipp Rhein am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. – ISF München. Hier arbeitete er schwerpunktmäßig im Bereich der Erforschung von Digitalisierung und Arbeitshandeln in mittelständischen Unternehmen und der arbeitssoziologischen Evaluation des Gewerkschaftlichen Erschließungsprojekts (GEP) der IG Metall. Philipp Rhein war als Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Politische Soziologie sozialer Ungleichheit der LMU München, der Hochschule München und der DHBW tätig. Er unterrichtet Qualitative Methoden der Sozialforschung und politische Soziologie der Rechtspopulismusforschung. Seit 2018 war Philipp Rhein Promotionsstipendiat im Hans-Böckler-Promotionskolleg „Rechtspopulistische Sozialpolitik und exkludierende Solidarität“ an der Universität Tübingen.

Rechte Zeitverhältnisse. Zeiterleben und Endzeitvorstellungen württembergischer AfD-Wähler*innen

Der erstarkte Rechtspopulismus ist ein Phänomen der Spätmoderne. Sie kennzeichnet eine tiefgreifende Verwerfungen der gesellschaftlichen Zeitkultur und die Befürchtung eines ‚Endes der Geschichte‘ ist eine ihrer wirkmächtigen Selbstbeschreibungen. Damit wird die spätmoderne Zeiterfahrung eines Verlustes historischer Orientierung, von verdunkelten Zukunftshorizonten, beschleunigter Zeit und breiten Gegenwarten auf den Begriff gebracht. Der Erfolg des Rechtspopulismus wird im Panorama dieser Zeitkrise auf seine vermeintlich rückwärtsgewandte Programmatik und Ideologie zurückgeführt. Es wird angenommen, dass rechtspopulistische Parteien und Bewegungen eine Nachfrage eines Zeitbewusstseins bedienten, das die Vergangenheit verkläre und die Zukunft fürchte. Ihr Anschluss an die gegenwärtige Nostalgie-Konjunktur werde zur antidemokratisch-nationalistischen und autoritären Verlockung.
In seiner Dissertation untersucht Philipp Rhein den Rechtspopulismus in temporaler Hinsicht. Im Zentrum der Arbeit steht eine wissenssoziologische Analyse narrativer Interviews mit Wähler*innen der AfD schwerpunktmäßig aus Württemberg. Anstatt dabei jedoch auf nostalgisch-reaktionäre Orientierungen zu stoßen, entdeckt die Arbeit apokalyptische und endzeitliche Vorstellungen, die mit ausgeprägten Selbstviktimisierungen aufgeladen sind. Das Zeitbewusstsein der rechtspopulistischen AfD-Wähler*innen stellt sich vielmehr als chiliastische Utopie dar: AfD-Wähler*innen stellen sich endzeitlich-katastrophische Zustände vor, in denen sie sich als Opfer aber zugleich als Elite erleben.
Diese empirischen Ergebnisse werden als Ausdruck einer Krise der Temporalität der Spätmoderne interpretiert. Damit wird der Rechtspopulismus als Versuch der Überwindung des Verlustes eines politischen und geschichtlichen Richtungsindexes und erschöpfter gesellschaftlicher Zeitstrukturen verstanden. Die Arbeit macht deutlich, dass der Rechtspopulismus womöglich weniger ein nostalgisch-reaktionäres Projekt ist, sondern eines von Aussteiger*innen aus den spätmodernen Zeitverhältnissen, die sich vor allem der demokratischen Aushandlungen über Zukunft verweigern.


Betreuer:
Prof. Dr. Jörg Strübing (Uni Tübingen)
Prof. Dr. Matthias Möhring-Hesse (Uni Tübingen)

Herausgeberschaft

  • Rhein, Philipp (2023): Rechte Zeitverhältnisse. Eine soziologische Analyse von Endzeitvorstellungen im Rechtspopulismus. Exkludierende Solidarität der Rechten. Frankfurt/Main: Campus.
  • Sorce, Giuliana; Rhein, Philipp; Lehnert, Daniel; Kaphegyi, Tobias (Hrsg.) (2022): Exkludierende Solidarität der Rechten. Wiesbaden: Springer.

Zeitschriftenbeiträge

  • Rhein, Philipp (2022):  „Negativ privilegiert statt deklassiert. Der andere Groll der AfD-WählerInnen“,  Sozialer Sinn, Jg. 23/1, S. 49-71.

  • Rhein, Philipp (2022): „Nicht-populistische Populisten. Eine empirische Untersuchung zu Orientierungen von AfD-Wähler*innen“, Soziale Welt, Jg. 73/1, S. 105-133.

  • Huchler, Norbert; Rhein, Philipp (2017): „Arbeitshandeln und der digitale Wandel von KMU – Die Rolle des Menschen und die Grenzen der Formalisierung 4.0“, Arbeit. Zeitschrift für Arbeitsforschung, Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik, Jg. 26/3-4, S. 287-314.

Buchbeiträge

  • Rhein, Philipp; Möhring-Hesse, Matthias (2022): Gemeinsamkeit in der Frustration. Wie exkludierende Solidarisierung enttäuschte Solidarität ausbeutet, in: G. Sorce, P. Rhein, D. Lehnert & T. Kaphegyi (Hrsg.), Exkludierende Solidarität der Rechten, Wiesbaden: Springer, S. 215-236.

  • Rhein, Philipp (2021): „Mir wirds scho auslange. Das bedeutet doch nichts anderes als après moi la déluge. Wie kann man nur so daherreden.“ Dekadenz als konjunktive Zeitorientierung unter AfD-Wähler/-innen, in: B. Blättel-Mink (Hrsg.), Gesellschaft unter Spannung. Verhandlungen des 40. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 2020. https://publikationen.soziologie.de/index.php/kongressband_2020/article/view/1329

  • Rhein, Philipp; Lenger, Alexander; Gengnagel, Vincent (2021): Pierre Bourdieu als öffentlicher Intellektueller, in: S. Selke et al. (Hrsg.), Handbuch Öffentliche Soziologie. Springer VS: Wiesbaden, online first: https://link.springer.com/referenceworkentry/10.1007/978-3-658-16991-6_14-1

  • Rhein, Philipp (2018): Kann die Schule eine „Erziehung nach Auschwitz“ leisten? Anmerkungen zum Lernort Schule und historisch-politischer Bildung, in: H. Knothe und R. Sigel (Hrsg.): „…weil ich selber so überrascht war, dass ich so wenig wusste.“ Eine Studie über den Unterricht zum Schicksal der europäischen Roma und Sinti während des Holocaust (Dachauer Diskurse, Bd. 10). München: Herbert Utz Verlag, S. 89-102.

  • Lessenich, Stephan; Rhein, Philipp (2017): Gesellschaftlich und kollektiv bindende Entscheidungen. Zum Verhältnis von Politik und Staat bei Pierre Bourdieu, in: M. Hirsch & R. Voigt (Hrsg.), Symbolische Gewalt. Politik, Macht und Staat bei Pierre Bourdieu. Baden-Baden: Nomos, S. 55-74.

  • Lenger, Alexander; Rhein, Philipp (2014): Das wirtschaftswissenschaftliche Feld und das Feld der Macht, in: K. Hirte, S. Thieme und W. O. Ötsch (Hrsg.), Wissen! Welches Wissen? Zu Wahrheit, Theorien und Glauben sowie ökonomischen Theorien. Marburg: Metropolis-Verlag, S. 319-345.

Weitere Publikationen

09/2020
„Dass Leute im Flughafen in Mülleimern kramen um Flaschen zu sammeln und daneben blutjunge Rotzlöffel mit Fridays for Future demonstrieren und nach New York fliegen“. Dekadenz als Konjunktives Zeiterleben westdeutscher AfD-Wähler*innen
40. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie („Gesellschaft unter Spannung“), Berlin


3/2019
Politischer Kompetenz und der Schaden der Demokratie.
40 Jahre ‚Die feinen Unterschiede‘ – Zur Aktualität von Pierre Bourdieus Gesellschaftstheorie in der kultursoziologischen Ungleichheitsforschung (Wien)


1/2018
„Ich kann nicht ein Kreuzchen machen, wenn ich keinen kenne, um was es da geht überhaupt“. Über Wahlverzicht und die soziale Spaltung politischer Kompetenz.
Kolloquium in der Carl Friedrich von Siemens Stiftung (München)


9/2017
Politische Kompetenz und exklusive Solidarität. Gesellschaftstheoretische Perspektiven auf den Extremismus der Mitte.
Summer School „Rechtspopulistische Sozialpolitik und exkludierende Solidarität“ (Tübingen)


8/2017
From Deprivation to Populism. Locating the Social Origins of the Current Populist Upheaval.
Konferenz der Nordic Political Science Association (NoPSA) (Odense, Dänemark)


6/2017
Politische Lebenswelten in München – Warum Menschen (nicht) wählen.
Projektpräsentation und Podiumsdiskussion an der LMU München.