Statements der Fachgruppe

Die Universität internationalisiert sich. Wir erleben es als große Bereicherung, dass Student:innen aus aller Welt in Kassel studieren – und dass sie ihre Weltsicht und ihre Erfahrungen mit uns teilen. Ohnehin sind unsere Studierendenschaft und die Belegschaft der Universität divers und vereint Menschen unterschiedlichster Herkünfte und Zugehörigkeiten. Diese Vielfalt erleben wir im Hochschulalltag als Bereicherung. Gleichzeitig erschüttert es uns, dass uns unsere Student:innen immer häufiger davon berichten, dass sie zum Ziel von rassistischen Angriffen werden. In einer sich zuspitzenden gesellschaftlichen Krise machen rechte Kräfte mit menschenfeindlichen Haltungen politisch Stimmung – und erklären Menschen, die nicht in ihr krudes Weltbild passen, zu Feinden. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie wir die von Rassismus betroffenen Mitglieder der Universität vor Übergriffen besser schützen können – und was wir gemeinsam tun können, um menschenfeindliche politische Kräfte zu stoppen. 

Rassismus ist kein neues Phänomen - weder auf deutschen Straßen noch an deutschen Hochschulen. Vielmehr ist Rassismus Teil des Alltags. Laut dem Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor haben mehr als 22 Prozent der Bevölkerung Rassismus selbst erlebt. Die Bandbreite von rassistischen Erfahrungen reicht von abwertenden Kommentaren über institutionelle Ungleichbehandlung bis hin zu physischer Gewalt. Hochschulen sind von diesen Phänomenen nicht ausgenommen. Eine Befragung des Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung zeigt, dass mehr als ein Viertel der Studierenden im Rahmen des Studiums selbst sexistische oder rassistische Diskriminierung erfahren und fast die Hälfte (46%) Diskriminierung anderer beobachtet hat. Vor diesem Hintergrund haben vielen Hochschulen ihre Antidiskriminierungsarbeit in den vergangenen Jahren ausgebaut und professionalisiert. Diesen Schritt begrüßen wir ausdrücklich.

Allerdings ist das Ausmaß rassistischer Diskriminierung und Gewalt, welches Studierende, Mitarbeitende und Gastwissenschaftler:innen der Universität Kassel an den Hochschulstandorten und im Alltag erleben, bislang unbekannt. Vieles spricht dafür, dass weiterer Handlungsbedarf besteht und Rassismus den Hochschulalltag negativ beeinflusst. Unsere (internationalen) Studierenden berichteten seit 2023 von Fällen, in denen sie in der Kasseler Innenstadt aufgrund ihres Aussehens beleidigt und bespuckt wurden. Sie trauten sich nicht, entsprechende Fälle zu melden, weil sie Angst vor Polizeibehörden hatten und nicht wussten, an wen sie sich in der Universität wenden können. 

Diese Berichte nehmen wir ernst und sehen einen dringenden Handlungsbedarf. Rassistische Handlungen, Äußerungen und Übergriffe gegenüber unseren Studierenden, Mitarbeitenden und Gastwissenschaftler:innen erfordern, dass wir in unterschiedlichen Rollen und an verschiedenen Stellen hinsehen und Verantwortung übernehmen. 

Als Mitglieder der Fachgruppe Soziologie wollen wir das Thema nicht totschweigen, sondern Rassismus entschlossen entgegentreten. Wir beziehen Stellung in öffentlichen Debatten und setzen uns für eine demokratische Gesellschaft ein. Wir hören zu, wenn wir von Rassismus erfahren und sichern den Betroffenen unsere praktische Unterstützung zu. Wir greifen ein, wenn wir Gewalt und Diskriminierung beobachten und nehmen selbst eine diversitätssensible Haltung ein. 

Als Lehrende klären wir über Rassismus und diesbezügliche Theorien, Debatten und empirische Befunde auf. Zugleich ist es uns wichtig, dabei auch diejenigen zu schützen, die von Rassismus und Diskriminierung betroffen sind. Wir sorgen in unseren Veranstaltungen und Räumen für eine gute Diskussionskultur und können als erste Anlaufstelle für Betroffene über die Beratungsinfrastruktur aufklären. 

Als Forschende wissen wir um die Notwendigkeit einer soliden Datengrundlage. Wir regen daher an, dass die Universität eine Erhebung über die Erfahrungen von Rassismus in der Hochschule, auf dem Campus sowie im öffentlichen Raum durchführt. Wir erwarten zudem, dass die hochschulinterne Dokumentation rassistischer Vorfälle unter Einbezug von Betroffenen und ihren Bedarfen kontinuierlich überprüft und verbessert wird.

Als Mitglieder der Hochschule setzen wir uns für einen Ausbau der Strukturen zur Beratung und Unterstützung der Betroffenen ein. Wir regen an, rassismuskritische Kompetenzen von Mitarbeitenden zu fördern, beispielsweise im Rahmen von Weiterbildungen. Die Hochschule ist mit dafür verantwortlich, die Sicherheit ihrer Mitglieder auf dem Campus und darüber hinaus zu garantieren. Dies ist nicht allein Aufgabe der Hochschulleitung. Wir rufen daher auch die Hochschulöffentlichkeit auf, Zivilcourage und Solidarität zu zeigen sowie Informationen zur bestehenden Antidiskriminierungsarbeit an der Universitätmit (neuen) Kolleg*innen und Studierenden zu teilen.

Als Mitglieder der Stadtgesellschaft fordern wir die Stadtverwaltungdazu auf Maßnahmen zu ergreifen, die ein weltoffenes und gewaltfreies Klima in Kassel schaffen. Eine internationale und diverse Hochschule kann nur an einem Ort existieren, der hierfür eine politische und kulturelle Offenheit aufbringt und Verantwortung übernimmt. Die Stadtverordnetenversammlung fordern wir daher dazu auf, sich zu einer antirassistischen Grundhaltung zu bekennen. Kampagnen, wie der Aufruf zur Zivilcourage in öffentlichen Verkehrsmitteln der KVG sind hierfür zielführend.