SoSe 2023 Fusion: Reform der Gestaltungspädagogik
Das Kasseler Modell: Reform der Gestaltungspädagogik – gestern und morgen
Im Jahr 2023 feiern wir als Fachbereich Architektur – Stadtplanung – Landschaftsplanung an der Universität Kassel unser 50-jähriges Gründungsjubiläum. Dies ist Anlass, zurückzublicken und nach vorne zu schauen. Während wir uns mit einer Ausstellungsreihe exemplarischen Rückblicken widmen, hat die Vortragsreihe Fusion im Sommersemester 2023 diese Rückblicke mit Ausblicken verbunden: Was waren die Reformansätze der 1970er Jahre und was sagen sie uns heute? Welche Innovationen in der Gestaltungsausbildung adressieren wichtige Herausforderungen von heute?
1973 initiierte die neue Gesamthochschule Kassel die Reformstudiengänge Architektur, Stadtplanung und Landschaftsplanung. Das „Kasseler Modell“ stellte mit seinen Reformstudiengängen pädagogische Konzepte, institutionelle Strukturen und fachliche Inhalte in Frage. Die Gesamthochschule verfolgte eine starke gesellschaftspolitische Agenda und dachte die Beziehung zwischen Wissenschaft, Planung und Gesellschaft neu. Kassel profilierte sich in der bundesdeutschen Hochschullandschaft als radikales Bildungsexperiment, von dem in den Folgejahren zahlreiche fachliche Innovationen ausgingen, welche die Gestaltungs- und Planungsdisziplinen nachhaltig beeinflussten. Dabei wurden viele Themen antizipiert, die heute angesichts von ungleicher Entwicklung und Klimakatastrophe eine neue Dringlichkeit erhalten haben. Zugleich erfordern die gestiegene Anzahl der Studierenden, ihre Diversität, die Ökonomisierung des Bildungswesens bei begrenzten Budgets und die Digitalisierung neue Beziehungsweisen in der universitären Lehre und im gemeinsamen Lernen und Forschen.
Organisation:
Prof. Dr. Gabu Heindl
Fachgebiet Bauwirtschaft | Projektentwicklung | ARCHITEKTUR STADT ÖKONOMIE
Prof. Dr. Philipp Oswalt
Fachgebiet Architekturtheorie und Entwerfen
Anlässlich seines 50-jährigen Bestehens hat der Fachbereich ASL eine Tafel in der Burchardikirche in Halberstadt gestiftet, in der seit 2001 John Cages Orgelstück ORGAN2/ASLSP aufgeführt wird. Die Tafel zum Jahr 2623 nimmt ein Zitat von Lucius Burckhardt aus dem Jahr 1982 auf, aus seiner Zeit am Fachbereich, welche die Vorteile des Unfertigen und des Ruinösen würdigt. Doch wie halten wir es heute mit der Planung? Eine kontroverse Diskussion über das Statement von Lucius Burckhardt mit Mitgliedern des Fachbereichs, mit Gabu Heindl, Harald Kegler, Jens Knissel, LESS:ON, Dagmar Pelger, Ariane Röntz.
Aufzeichnung des Vortrags und Diskussion
In ihrem Vortrag stellt Prof. Dr. Kira Funke das Wirken des brasilianischen Pädagogen – eigentlich Rechtswissenschaftler – Paulo Freire vor, der als Klassiker der Pädagogik gilt.
1921 in Recife im Nordosten Brasiliens geboren, lebte er, durch die brasilianische Militärdiktatur zum Exil gezwungen, von 1970 – 1980 in Europa, wo er als Berater beim Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf tätig war. In dieser Zeit wurde er in Europa sehr bekannt und stark rezipiert.
Die Grundlage des Lernens im Sinne Freires ist ein radikaler, offener Dialog und die menschliche Begegnung zwischen Subjekten. Die Lehrperson wird damit ebenso zum Lernenden. Freires Kernidee war es, dass Erziehung (und Bildung) niemals neutral sind, sondern stets sowohl in einen politischen und gesellschaftlichen Kontext eingebettet und damit mit impliziten und expliziten Aufträgen versehen sind. Zugleich geht Freire davon aus, dass Erziehung und Bildung die Voraussetzungen dafür schaffen (müssen), gesellschaftliche Wirklichkeit hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit zu verändern. Pädagogik ist damit für Freire zugleich auch immer Politik und Gestaltung gesellschaftlicher Wirklichkeit.
Insbesondere für Fragen des gerechten gesellschaftlichen Zusammenlebens in allen Lebensbereichen, für Reformen im Bildungs- und Gemeinwesen und für Konzepte von Lernen im 21. Jahrhundert ist er nach wie vor hochaktuell.
Prof. Dr. Kira Funke, Professorin für Soziale Arbeit an der IU Internationale Hochschule in Köln, hat ihre Dissertation zu Paulo Freire verfasst. (Paulo Freire. Werk, Wirkung und Aktualität. Waxmann, 2010) Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Grundsatzfragen der Kinder- und Jugendhilfe und Jugendpolitik, dialogische und befreiende Erziehung und Bildung, Inklusion und Partizipation, konstruktivistische Erziehungswissenschaft.
Folgen Sie dem Betonweg zwischen den Bäumen oder steigen Sie die Gerüsttreppe hinunter, die Sie zwei Stockwerke unter das Straßenniveau bringt, und die Floating Learnscapes entfalten sich vor Ihnen. Learnscapes nennen wir die schwimmende Landschaft der Wissensproduktion, des Wissens und des Seins und der Prozesse des Ent-, Um- und Mitlernens, des kollektiven Arbeitens und Denkens auf dem Gelände des Regenrückhaltebeckens in Berlin Kreuzberg.
Hier lernen wir von unserer Präsenz innerhalb einer technischen Infrastruktur, in der giftiges Regenwasser, Schlamm, Algen, Schilf, Frösche, Vögel und Füchse ein einzigartiges Ökosystem bilden. Hier fördern wir nicht-disziplinäre Lernformate und radikale, experimentelle Ansätze im Dialog mit der Komplexität unserer Umgebung. Die Floating University bietet eine breite Palette öffentlicher Programme, die das urbane Territorium erforschen, einschließlich Fragen der Klimaverantwortung, der urbanen Praxis und der räumlichen Kompetenz, sowie die Schaffung einer Basis, auf der wir lernen können, wie wir die komplexen Verstrickungen der Urbanität annehmen, uns mit ihnen auseinandersetzen und durch sie navigieren können, während wir uns verschiedene Formen des Zusammenlebens als Menschen und mit mehr als menschlichen Wesen vorstellen und schaffen.
Sarah Bovelett ist seit Beginn Teil der Floating University und gehört seit 2020 zum Vorstand. Sie ist Mitgestalterin der Floating Learnscapes und co-kuratiert dort unter anderem das Free Radicals Programm, das sich speziell an selbst-organisierte Gruppen Studierender richtet. Sie interessiert sich für verschiedene Formen des (Ver-)Lernens und deren mögliche räumliche und programmatische Darstellung, insbesondere in nicht-institutionellen Kontexten.
Ihr Bachelorstudium der Innenarchitektur absolvierte sie an der Royal Academy of Art in Den Haag und der Konstfack University of Arts, Crafts and Design in Stockholm. Der Masterabschluss in Architektur an der Universität der Künste in Berlin steht im kommenden Semester an.
Derzeit arbeitet sie gemeinsam mit MOULD, einem Team von Architekt:innen und Akademiker:innen der TU Braunschweig und CSM London am Forschungsprojekt Architecture After Architecture: Spatial Practice in the Face of the Climate Emergency.
Benjamin Foerster-Baldenius studierte in Berlin (TU und Diplom an der HdK) und in Kopenhagen (Kunstakademie) Architektur, seine Arbeit ist die logische Fortsetzung dessen, was er an der Uni begonnen hat. Und so ist er seit 1999 als darstellender Architekt mit »raumlaborberlin« zur Kultur der Stadt neue Ideen beizusteuern. Benjamin Foerster-Baldenius plant, zeichnet und realisiert Installationen und Interventionen im öffentlichen Raum, macht Szenografien und Dramaturgien für Bühnen, Plätze und Ausstellungen und entwickelt Veranstaltungs- und Lehrformate.
Viele der Arbeiten entstehen im Kunst und Theaterkontext mit großen und kleinen Institutionen, sie wachsen aber auch auf dem Kompost des Kollektivs: z.B. „working on common ground“ für die Manifesta 14 in Prishtina, „2465 Enright“ für die Pulitzer Foundation in St. Louis und die Floating <s>University</s> in Berlin, deren Verein er seit 2018 vorsteht und die 2021 einen halben goldenen Löwen gewonnen hat.
Er war Professor für Architektur in Prag und Essen, lehrte an der Universität Witten/Herdecke und der Royal Academy in Den Haag und ist gerade Professor für Cohabitation an der Städelschule in Frankfurt.
Benjamin Foerster-Baldenius zeigt ein paar der letzten Projekte und unterhält sich dann mit euch über die Freuden und Vorteile des Arbeitens im Kollektiv, die Verzichtbarkeit von Neubauten und wie man das Überleben als Architekt hinbekommt ohne sich in die Schlangengrube der Bauindustrie zu begeben.
Aufzeichnung des Vortrags und Diskussion
This lecture will address the question of reusing building materials. It will show how this topic is, for Rotor, a way to explore and question our relationship to the material environment, and how it is designed and built. Incorporating reclaimed materials into a construction does not only call to rethink design strategies, it also necessitates to dig into procedures, technical, economic and normative aspects. The lecture will share some insights and lessons learnt by Rotor throughout this process.
Michael Ghyoot has trained as an architect. In 2008 he joined the non-profit organisation Rotor. Since then, he has been involved in the association's many projects: exhibition making, lectures, assistance to building owners, research efforts... In 2014 he defended his PhD thesis at the Faculty of Architecture of the Université libre de Bruxelles. In 2018 he supervised the edition of Rotor's book Deconstruction et Réemploi [Deconstruction and Reuse]. Since 2019, he orchestrates the FCRBE project (Facilitating the circulation of reclaimed building elements) as part of the Interreg NWE programme.
Architecture is a tool to improve lives.
The vision behind, and motivation for my work is to explore and use architecture as a medium to strengthen cultural and individual confidence, to support local economies and to foster the ecological balance. Joyful living is a creative and active process and I am deeply interested in the sustainable development of our society and our built environment. For me, sustainability is a synonym for beauty: a building that is harmonious in its design, structure, technique and use of materials, as well as with the location, the environment, the user, the socio-cultural context. This, for me, is what defines its sustainable and aesthetic value.
Anna Heringer wurde mit dem Bau der METI School in Rudrapur, Bangladesch, international bekannt, die sie als Diplomarbeit an der Kunstuniversität Linz entworfen hat. Seither hat Heringer durch Bauten hauptsächlich in Asien, Afrika und durch die Architekturlehre u.a. an der Harvard University, ETH Zürich und TU München ihren mehrfach ausgezeichneten Architekturansatz, der auf lokalen Baumaterialien und Arbeitskräften beruht, weiterentwickelt. Ihr zentrales Anliegen ist es, soziale und wirtschaftliche Zusammenhänge im Planungs- und Bauprozess schrittweise aufzubauen und deutlich zu machen. Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen Museen weltweit ausgestellt, wie beispielsweise im MoMA New York, in der Cité de l’architecture in Paris, im Victoria and Albert Museum London und der Biennale in Venedig. Für Ihre Arbeit erhielt sie u.a. den Aga Khan Award for Architecture, den Global Award for Sustainable Architecture, den New European Bauhaus Preis 2021, den Philippe Rotthier European Prize for Architecture 2021, den Archdaily Building of the Year 2020 Preis und den OBEL Award 2020. Die UNESCO verlieh ihr einen Ehrenprofessortitel für „Earthen Architecture, Building Cultures and Sustainable Development. In 2022 wurde sie vom Bundespräsidenten Steinmeier mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
LESS:ON ist ein studentische Initiative, die sich im Sommer 2022 am Fachbereich 06 der Uni Kassel gegründet hat. Wir beschäftigen uns mit dem großen Thema der Nachhaltigkeit in der Lehre. In unserem Seminar sprechen wir über die Missstände in der aktuellen Lehre. Wir formulieren Forderungen, die wir an die Lehre haben.
Die Stilisierung des Wortes zu LESS:ON eröffnet noch weitere Interpretationsspielräume, die wir im Kontext des Fachbereichs hin zu nachhaltiger, ressourcenarmer und emissionsarmer Stadtproduktion des 21. Jahrhunderts prägen wollen. Hierzu nur einige wenige Beispiele: LESS:CONCRET; LESS:POLUTION; LESS:SEALING, LESS:CAPITALISM, LESS:CARS etc..
Es muss sich intensiv mit aktuellen Theorien wie beispielsweise „Cradle to Cradle“, „Rezyklierbares Bauen“, „Urban Mining“ oder „Zirkuläre Stadt“ auseinandergesetzt werden und ein fester Bestandteil in unserer Lehre werden.
Im Rahmen des Jubiläums sehen wir die Chance, Erfahrenes, Gelehrtes und Entstandenes gemeinsam zu reflektieren und in aktuelle Debatten einzuordnen, um eine Zukunftsperspektive für den Fachbereich zu entwickeln.
Wir rufen dazu auf, ein Themenjahr nicht nur zu kuratieren, sondern dieses als gesamter Fachbereich zu gestalten und mit Leben zu füllen. Dafür wollen wir auf die gemeinsame Zusammenarbeit zwischen Studierenden, Lehrenden sowie allen Angestellten am Fachbereich setzen.
Unseren Fusions-Abend werden wir gemeinsam mit Studiereden erarbeiteten und gestalten. Wir diskutieren über Inhalte, Ergebnisse und Forderungen aus dem Seminar von letzten und diesem Semester.
Vortrag von Jeremy Till, Professor of Architecture, Central Saint Martins, University of the Arts, London.
Der Vortrag findet im Rahmen des Jubiläumsfestes "50 Jahre Fachbereich Architektur - Stadtplanung - Landschaftsplanung" statt.
Das gesamte Programm finden Sie hier: http://www.uni-kassel.de/go/jubilaeumsfest-ASL
Prof. Dr. Britta Jänicke stellt in der Vorlesung die wesentlichen Herausforderungen von Städten im Klimawandel, ausgewählte Lösungen und ihre Forschungsziele an der Uni Kassel vor.
Seit März 2022 leitet Prof. Dr. Britta Jänicke das Fachgebiet Umweltmeteorologie am Institut für Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung am Fachbereich ASL. Britta Jänicke studierte an der Technischen Universität Berlin Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung (BSc.) und Stadtökologie (MSc.). Ihre Promotion erfolgte ebenfalls an der TU Berlin mit dem Schwerpunkt auf Stadtklima und Hitzestress. In Südkorea war sie als Postdoc beim National Institute of Meteorological Sciences tätig und untersuchte das Stadtklima der Megacity Seoul. Durch ihre Arbeit als Leiterin der Abteilung Klimaschutz und strategische Umweltplanung bei der Stadt Braunschweig bringt sie nicht nur wissenschaftliche, sondern auch praktische Erfahrung in die Forschung und Lehre an der Universität Kassel ein.
Übergeordnetes Ziel der Forschung am Fachgebiet ist es, durch sowohl grundlegende als auch angewandte Forschung in der Stadtklimatologie und Umweltmeteorologie das Wissen zur klimaangepassten Entwicklung und Gestaltung von Stadt und Raum zu vertiefen. Die Verzahnung von Stadtklimatologie und Planungswissenschaften spielt dabei eine wichtige Rolle.
Architekturdiskurse der Verwissenschaftlichung, Politisierung und Mitbestimmung in den 1960er Jahren
Das Design Methods Movement war jedoch eine so unbeliebte Bewegung, dass sogar ihre Begründer*innen sich bald von ihr distanzierten. Hartnäckige Auseinandersetzungen über die Art und Weise des Entwerfens legten die politische Dimension von Gestaltung sowie die Notwendigkeit sehr weitgehender Partizipation offen. Die Entwurfsmethodik problematisierte sich selbst und hinterfragte die neutrale Expert*innenrolle von Entwerfer*innen zugunsten offenerer und intensiverer Beziehungen zur gesellschaftlichen Wirklichkeit – eine durchaus destruktive zentrale Forderung am Ende der Bewegung.
Jesko Fezers Buch „Umstrittene Methoden“ folgt den Konflikten um die Begründbarkeit des Entwerfens von der HfG Ulm über Horst Rittel und Christopher Alexander bis zum Design Methods Movement und den dort engagierten Architekten wie John Habraken und die S.A.R, Yona Friedman oder die Architektur Machine Group. Dort wie auch im späteren deutschsprachigen Methodendiskurs um 1968, der von Jürgen Joedicke und der neugegründeten ARCH+ geprägt wurde, sowie im kaum aufgearbeiteten Feld der methodisch motivierten Anwaltsplanung – vom Architects’ Renewal Committee Harlem und Urban Planning Aid Boston bis zur portugiesischen SAAL – lässt sich eine verdrängte engagierte und (selbst-)kritische Gestaltungspraxis rekonstruieren.
Jesko Fezer arbeitet als Gestalter. In je unterschiedlichen Kooperationen befasst er sich dabei mit der gesellschaftlichen Relevanz entwerferischer Praxis. Er arbeitet mit ifau an Architekturprojekten, er ist Mitbegründer der Buchhandlung Pro qm in Berlin sowie Teil des Ausstellungsgestaltungsstudios Kooperative für Darstellungspolitik. Er gibt die Bauwelt Fundamente und die Studienhefte für problemorientiertes Design mit heraus. Er ist Professor für Experimentelles Design an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg und betreibt mit Studierenden seit 2011 die Öffentliche Gestaltungsberatung St. Pauli. Zuletzt erschienen ist: Jesko Fezer: Umstrittene Methoden. Architekturdiskurse der Verwissenschaftlichung, Politisierung und Mitbestimmung in den 1960er Jahren, Adocs, Hamburg 2022.
How do multi-disciplinary spatial practices use institutional structures and frameworks in initiating pedagogical tools and platforms? How do such pedagogical platforms function as infrastructures of care spaces, responding to urgent socio-political conditions? In what geopolitical conditions may such socially engaged curricula transform themselves in transversal instituting? The lecture will focus on alternative pedagogical alliances as care infrastructure.
Wie nutzen multidisziplinäre räumliche Praktiken institutionelle Strukturen und Rahmen, um pädagogische Instrumente und Plattformen zu initiieren? Wie funktionieren solche pädagogischen Plattformen als Infrastrukturen von Betreuungsräumen, die auf dringende sozio-politische Bedingungen reagieren? Unter welchen geopolitischen Bedingungen können sich solche sozial engagierten Curricula in transversale Institutionen verwandeln? Der Vortrag wird sich auf alternative pädagogische Allianzen als Infrastrukturen für die Pflege konzentrieren.
Prof. Dr. Pelin Tan ist eine türkische Soziologin und Kunsthistorikerin. Sie ist die sechste Preisträgerin des Keith Haring Art and Activism Award und die Hauptautorin des Berichts Cities of Int.Panel of Social Progress (Cambridge Univ.Press., 2018). Derzeit ist Tan Professorin an der Filmabteilung der Batman University, Türkei. Senior Researcher am Center for Arts, Design and Social Research, Boston. Forscherin an der Fakultät für Architektur der Universität Thessalien, Griechenland (2021-2026). Sie ist die Kuratorin von Urgent Pedagogies von IASPIS (Stockholm), Cosmological Gardens: Land, Anbau, Pflege (CADSR) und MAAT Lissabon Didier F. Faustino Retrospektive (2023). Kuratoriumsmitglied der IBA Stuttgart 2027.
Die seit 60 Jahren fortwährende Digitalisierung der Architektur scheint immer neue pädagogische Ansätze für die Architekturlehre zu fordern. Neben der Architekturtheorie und Baupraxis hat sich der Komplex der digitalen Methoden zu einem dritten, stetig anwachsendem Wissensbereichs in der Architektur etabliert. Von der Erschließung digitalen Grundlagen bis zu deren Konsolidierung in Software vergehen nur wenige Jahre. Dies stellt besondere Herausforderungen an das Curriculum und die Profilierung von Kompetenzen. Die drängende Herausforderung des klimaneutralen Bauens, ist auch eine pädagogische Herausforderungen und wird als vierter Wissensbereich in der Architektur ähnlich der Digitalisierung spezifische pädagogische Strategien erfordern.
Prof. Mirco Becker leitet seit 2016 den Lehrstuhl für Digitale Methoden in der Architektur (dMA) am Institut für Gestaltung und Darstellung an der Leibniz Universität Hannover. Er unterrichtete an der AA School, war Gastprofessor an der Universität Kassel und Stiftungsprofessur an der Städelschule. Sein Interesse gilt dem Computational Design und dem Bauen mit kleinsten Robotern. Seit 2023 ist er Dekan der Fakultät für Architektur und Landschaft an der Leibniz Universität Hannover.
Am 5. März 2023 verstarb Mike Wilkens (geb. 27. Februar 1935), der 1974 an die Gesamthochschule Kassel berufen wurde und dort bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2000 Entwerfen, Planungs- und Architekturtheorie unterrichtete. 1978 gründete er mit Marcel Monard aus der gemeinsamen Arbeit an der Gesamthochschule die Arbeitsgruppe Stadt / Bau, welche zunächst mit neun Reihenhäusern im „Substandard“ zur documenta urbana beitrug. Aus der Arbeitsguppe ging 1981 das Büro „Baufrösch“ hervor, das sich mit seinen zahlreichen Projekten zu ökologischem, einfachem und partizipativem Wohn- Stadt- und Umbau profilierte und in dem heute 35 Architekt*innen tätig sind. 1989 initiierte er eine Kooperation mit UCLV Sta Clara und des Büros ChichiPadron, um den Blick auf den globalen Süden zu öffnen. Texte zu seinem Entwurfs- und Architekturverständnis veröffentlichte u.a. in seinen Büchern „Architektur als Komposition: 10 Lektionen zum Entwerfen“ (2000) und „Am schönsten sind nach alledem die Entwürfe des Esels“ (2005). Seit 2019 war er Ehrenmitglied des BdA. Der Fachbereich wird im Rahmen der Ausstellung zur Kuba-Kooperation (Di. 20. Juni – Do. 6. Juli 2023) eine Gedenkveranstaltung ausrichten.
Marc Matzken ist Architekt in Münster. Hier führt er gemeinsam mit Heiko Kampherbeek das Büro heimspiel architekten. In Arbeitsgemeinschaft mit der agn Gruppe gewannen sie den Wettbewerb für den Rathausneubau im nordhessischen Korbach. Der Anbau an den historischen Bestand ist ein Pionierbau des Urban-Mining-Prinzips. Erstmals versuchte man hier in Deutschland, den Materialkreislauf zu schließen. Dafür wurde der bestehende Anbau abgebrochen, ortsnah recycelt und zu zwei Dritteln im Neubau wieder verwendet. Das Korbacher Rathaus wurde 2022 für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur nominiert.
Des Weiteren stellen ASL-Studierende ihre Projekte vor, die sich ebenfalls mit den Themen „Re-Use“ und „Kreislaufgerechtigkeit“ beschäftigen.