SoSe 2025 Fusion: Baukultur Kassel/ Nordhessen (3)

INFRASTRUKTUREN

Bereits im WiSe 2024/25 fragten wir in der Vortragsreihe: Wie steht es um die Baukultur in Kassel und Nordhessen? Im Sommersemester 2025 widmeten wir uns nun großen Infrastrukturprojekten: Autobahnen, Schienentraßen, Windräder, Bergbau, Gewerbegebiete und Bunker. 

Jedes dieser Projekte adressiert einen gesellschaftlichen Bedarf, und fast jedes stößt auf Protest. Wie legitim sind die Bedarf, wie legitim der Protest? Welchen Beitrag leisten die Projekte für Transformation und gesellschaftliche Erneuerung? Gäbe es Alternativen? 

Jeder Abend der Ringvorlesung ließ unterschiedliche Akteure zu Wort kommen und lud zur gemeinsamen Diskussion ein.

Moderiert und konzipiert von Philipp Oswalt

Aufzeichnung des Vortrags 

Das erst kürzlich bei Adocs erschienene Buch Nonsolution. Zur Politik der aktiven Nichtlösung im Planen und Bauen ist ein Plädoyer für eine andere Planung: Gegen die als alternativlos dargestellte Maßnahme, gegen die verordnete Lösung bringen Gabu Heindl und Drehli Robnik Nonsolution in Stellung. Dabei meint Nonsolution entschieden nicht, dass es Lösungvorschläge nicht geben soll. Nonsolution ist vielmehr als eine demokratische Praxis zu verstehen, die dafür eintritt, die Probleme schon selbst zu stellen, ohne sie vorschnell zu lösen, die Verhandlungsraum einfordert, mutig Antworten gibt und dennoch auf Weiterentwicklung beharrt. Das Buch zieht dafür Facetten aus dem Denken Siegfried Kracauers heran und erschließt sie für den Bereich der Planung: Ein Argument für Planung als eine politisierte, das heißt konfliktuelle und zukunftsoffene Praxis. (Text: oegfa.at)

Mit: Gabu Heindl und Drehli Robnik

Gabu Heindl ist Professorin und Leiterin des Fachgebiets ARCHITEKTUR STADT ÖKONOMIE | Bauwirtschaft und Projektentwicklung an der Universität Kassel. Als Architektin und Stadtplanerin betreibt sie das Büro GABU Heindl Architektur in Wien. Sie praktiziert, forscht und publiziert mit dem Fokus Wohnen, öffentlicher Raum und Verteilungsfragen in Architektur und Stadtplanung. Weitere Publikationen u.a. die Monografie: Stadtkonflikte. Radikale Demokratie und Architektur und Stadtplanung (2020) und der Studienbericht: Gerechte Stadt muss sein! (2022).

Drehli Robnik ist Essayist und Theoriedienstleister in Sachen Politik, Film und Geschichte sowie Edutainer und Musikveranstalter (Sonntag'sdisco). (Mit-)Herausgeber von Büchern zu Siegfried Kracauer, zu den X-Men und (2022 mit Joachim Schätz) zu Männergewalt im domestic thriller. Autor zu Monografien im Anti-Nazi-Widerstand, Jaques Rancière, Kontrollhorrorkino, Pandemie-Spielfilm sowie zu populärem Kino und Politik. Zuletzt: Flexibler Faschismus. Siegfried Kracauers Analysen rechter Mobilisierungen, damals und heute (2024). 

Gabu Heindl, Drehli Robnik: Nonsolution. Zur Politik der aktiven Nichtlösung im Planen und Bauen (Adocs, 2024)

Aufzeichnung des Vortrags

Im ersten Teil des Abends wird der Filmemacher Klaus Stern einen kurzen Einblick um den Konflikt um. den Bau der Autobahn A 49 auf Basis seines Film im Rahmen eines Impulsvortrages geben. Der Bau der A 49 und die Teilrodung des Dannenröder Forsts hat in den vergangenen Jahren bundesweit für Aufregung gesorgt. Die Debatten um die A 49 stehen beispielhaft für Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Interessengruppen, die den Ausbau von Infrastruktur in Deutschland immer wieder begleiten. In dem Dokumentarfilm Die Autobahn – Kampf um die A 49 aus dem Jahr 2022 kommen sowohl Befürworterinnen und Befürworter der Autobahn als auch langjährige entschiedene Gegnerinnen und Gegner zu Wort, militante Besetzerinnen und Besetzer ebenso wie Vertreterinnen und Vertreter der Polizei und aus der Politik. Ende 2020 beendete einer der größten Polizeieinsätze in der Geschichte Hessens die Besetzung des Waldes. Im März diesen Jahres wurde der letzte Abschnitt der Autobahn zwischen Schwalmstadt–Stadtallendorf Nord-Ohmtal eingeweiht, die in Kassel beginnt.

Im zweiten Teil wird Oliver Elser auf Basis der von ihm kuratierten Ausstellung „Protestarchitekturen. Barrikaden, Camps, Sekundenkleber“ von 2024 dieses internationale Architekturphänomen vorstellen, welches auch bei der friedlichen Besetzung des Dannenröder Forst mittels Baumhäuser zum Zuge kam, die Ende 2020 von der Polizei geräumt wurden. Protestarchitekturen sind Gegenwelten innerhalb einer Gesellschaft. Protestbewegungen wandeln Orte für Zwecke um, um Räume zu blockieren, zu kennzeichnen und zu verteidigen. Der französische Philosoph Michel Foucault sprach von Heteropien als  „tatsächlich realisierte Utopien“. Als Mittel können bereits die Körper der Protestierenden eingesetzt werden, indem sie Räume besetzen und menschliche Barrikaden bilden. Doch oft entstehen auch improvisierte Baulichkeiten zum Schutz vor Wetter und Staatsmacht, als Orte der Autonomie und Mainfestation der Protestbewegungen – ob in Hessen, auf dem Maidan oder im Gezi-Park.

Den beiden Präsentationen folgt wie immer ein Gespräch, moderiert von Philipp Oswalt.

Aufzeichnung des Vortrags

Immer im Sommersemester findet am Fachbereich ASL der Tag der Forschung statt. Lehrende präsentieren ihre aktuellen Forschungsarbeiten in einem Science Slam und diskutieren sie in einem interdisziplinären Forum. 

Der Tag der Forschung 2025 findet am Mittwoch, 4. Juni ab 15 Uhr in Raum 0105 und 0106 im ASL-Neubau statt. Am Abend findet ein zusätzlicher Termin der FUSION statt mit Speaker:innen der Forschungsgruppe Neue Suburbanität sowie der Forschungsstelle Geschichte des Ökologischen Bauens.

Weitere Infos und Programm gibt es hier: https://www.uni-kassel.de/fb06/oeffentliche-veranstaltungen/tag-der-forschung

Aufzeichnung des Vortrags

Vor über 20 Jahren wurde die Kurve Kassel als eine Maßnahme zur Verbesserung des großräumigen Güterverkehrs zwischen dem Ruhrgebiet und dem Raum Halle anvisiert und im Jahr 2016 in den Bundesverkehrswegeplan 2030 aufgenommen. Die Planung erfolgte in den Jahren 2018 – 2021 mit einer Variantenprüfung im Rahmen eines Beteiligungsverfahrens. Die Kosten werden auf circa 1,2 Milliarden Euro geschätzt. Eine Bürgerinitiative in den betroffenen Gemeinden Fuldatal, Vellmar und Immenhausen wehrt sich wegen Lärmbelästigung und Landschaftseingriffen gegen diese Planung und fordert eine andere Variante. Im Jahr 2024 wurde aus haushaltspolitischen Gründen die Finanzierung des Vorhabens vorläufig ausgesetzt.

Den Präsentationen folgt wie immer ein Gespräch, moderiert von Philipp Oswalt.

Aufzeichnung des Vortrags


Auf dem Weg von der Innenstadt zur Autobahn kommen wir im Kasseler Süden und Osten an großen Gewerbegebieten vorbei. Für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt sind sie wichtig, aber städtebaulich-architektonische Ansprüche werden an sie wenige gestellt. Geringere Vorgaben versprechen mehr Investitionen.  Anforderungen und Gestaltungsmöglichkeiten werden an zwei Beispielen vor- und zur Diskussion gestellt: Das neue, 76 Hektar große Gewerbegebiet Kassel-Niederzwehren, und das mit neun Hektar deutlich kleinere Konversionsprojekt Lörrach-Lauffenmühle, für welches die Stadt Städtebaufördermittel einwerben und somit höhere ökologische und gestalterische Standards realisieren konnte – nicht zuletzt in Holzbauweise.

Den Präsentationen folgt wie immer ein Gespräch, moderiert von Philipp Oswalt.

Aufzeichnung des Vortrags

Am Fachbereich 06 Architektur Stadtplanung Landschaftsplanung der Universität Kassel wird in zahlreichen Konstellationen zum Thema Diversität, Transformation und Bauwende geforscht und gelehrt, die Rolle und die Errungenschaften von Gestalterinnen und Planerinnen in Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung reflektiert sowie die Gleichstellung in den Disziplinen durch Diskurs, fachliche Vernetzung und Mentoring gefördert. Das diesjährige WIA Festival wird zum Anlass genommen, diese vielfältigen Aktivitäten des Fachbereichs zu präsentieren und zur Diskussion zu stellen. Der Festivalbeitrag soll insbesondere die Relationen von Diversität und Bauwende thematisieren und den interdisziplinären Entwurfs- und Planungsansatz, der den Fachbereich ASL bundesweit auszeichnet, herausstellen.

Während des Festivalzeitraums vom 19. bis 29.06.25 zeigt eine Ausstellung die genannten Themen und Projekte im Foyer und Außenbereich des ASL-Gebäudes am Campus Nord Holländischer Platz. Am Mittwoch, 25.06.25, findet ein eintägiges Festival-Programm statt mit Führungen durch die Ausstellung und mehreren Panels und Diskussionen zu Themen wie Chancengleichheit, Gender Gap und Diversität in der Planungskultur. Im Rahmen der am Abend stattfindenden Veranstaltungsreihe „Fusion“ wird es einen Festvortrag geben. 

Die Veranstaltungen und Ausstellung richten sich an Studierende, Lehrende und Mitarbeitende des FB06 ASL und darüber hinaus an alle Universitätsangehörige sowie Planer:innen und Interessierte aus Stadt und Region.

Das Festival-Programm am 25.06.25 findet von 14.00 - 21.00 Uhr statt.

Aufzeichnung des Vortrags

Seit dem Wintersemester 2024 besetzen Susanne Heiß und Christoph Heinemann die Gastprofessur Zukunftslabor Wohnen. In der Antrittsvorlesung geben sie einen Einblick in die praktische Arbeit mit ihrem Büro ifau und stellen Verknüpfungen zu den Inhalten und Motiven der Lehre an der Universität Kassel her.

ifau (Institut für angewandte Urbanistik, Susanne Heiß, Christoph Heinemann, Christoph Schmidt) arbeitet im Kern als Architektengruppe, in verschiedenen Kooperationen und interdisziplinären Konstellationen. Sie verstehen Architektur und Stadt als Ort alltäglicher Verhandlungen und entwickeln aneignungsoffene Räume, die vielfältige Interpretationen, Gebrauchsformen und Transformationen ermöglichen.

ifau hat diverse Projekte für Kulturinstitutionen realisiert und beschäftigt sich intensiv mit gemeinschaftlichen Wohnformen sowie kostengünstigem Wohnungsbau. Die Verhandlung von Räumen und Programmen auf der Basis einfacher Standards und Konstruktionen zu ermöglichen ist ein grundlegender Ansatzpunkt für die Entwicklung einer Architektur, die urbane Praktiken, kooperative Entwicklungsmodelle und differenzierte Wohnformen auf vielfältige Weise verknüpft.

Aufzeichnung des Vortrags

Die Energiewende bedarf des Ausbaus erneuerbarer Energien, wozu Windkraft auf dem Land ein wichtiger Baustein ist. Manche Kommunen werden selber zu Eigentümern und Betreibern von Windparks, um von diesen finanziell zu profitieren. Doch der Bau von Windrädern ist auch ein Eingriff in die Landschaft. Die Installation neuer Anlagen führt daher lokal öfters zu intensiven Debatten. Der Reinhardswald als Landesforst ist ein gemeindesfreies Gebiet, so dass die Landespolitik hier ohne Abstimmung mit Kommunen direkt agieren kann, was die Umsetzung erleichtert. Aber ist es sinnvoll, in diesem Jahrhundert alten Waldgebiet Windkrafträder zu installieren. Die Meinungen gehen hierüber auseinander. Über das Für und Wider soll an diesem Fusionsabend gesprochen und gestritten werden.