Beyond Reason? Kritische Theorien und Gestalten der (Un)Vernunft

Dass Vernunft nicht nur die Voraussetzung gesellschaftlicher Emanzipation bildet, sondern selbst in Herrschaft verstrickt ist, zählt zu den grundlegenden Einsichten der Kritischen Theorie. Während Vernunft im Selbstverständnis der Aufklärung die Befreiung von Mythos, Willkür, Unterwerfung und zugleich Autonomie ebenso wie Emanzipation verspricht, hat sie historisch zugleich Formen der instrumentellen Naturbeherrschung, gesellschaftlicher Kontrolle und des Ausschlusses hervorgebracht. Vernunft und Unvernunft stehen sich demnach nicht als abstrakte Gegensätze gegenüber, sondern müssen in ihrer Vermittlung als auch in konkreten gesellschaftlichen Zusammenhang begriffen werden. Angesichts fortbestehender Herrschaftsverhältnisse und neuer Formen technologischer Rationalisierung stellt sich daher die Frage nach einer kritischen Theorie der Vernunft, die deren emanzipatorischen Anspruch bewahrt und zugleich ihre Verstrickung in Herrschaft offenlegt.

Der zweitägige Workshop soll dieser Frage im Rückgriff auf unterschiedliche Traditionen und Weiterentwicklungen kritischer Theorie nachgehen. Im Mittelpunkt stehen die Verflechtung von Vernunft, bürgerlicher Gesellschaft und den Widersprüchen sozialer Freiheit (Isabel Sickenberger), kolonialen Herrschaftsverhältnissen (Rodrigo Maruy) sowie technologischer Rationalität (Marvin Ester), das Verhältnis von Vernunft, Alltagsverstand und Gefühl, das aus feministischer und affekttheoretischer Perspektive betrachtet wird (Henrike Bloemen). Analysiert wird, wie naturalistische Erklärungen des Denkens zur Rechtfertigung gesellschaftlicher Unfreiheit beitragen können (Chris Zunke) und die Vernunft sowohl als Denkform als auch als materiell wirksames Prinzip kapitalistischer Vergesellschaftung begriffen (Franz Heilgendorff). Zugleich stellt sich die Frage, welche Möglichkeiten einer Kritik der Vernunft und Überwindung von Herrschaft sich durch die kritische Reflexion auf Naturbeherrschung, Subjektivität und gesellschaftliche Arbeitsteilung (Alexandra Colligs) sowie durch ästhetische Erfahrung (Giulia Zerbinati) eröffnen. So wird die Kritik der Vernunft zum Prüfstein einer Gesellschaftskritik, die ihre Maßstäbe in der Auseinandersetzung mit den Widersprüchen ihres Gegenstandes gewinnt und nach den Bedingungen einer vernünftigen Einrichtung der Gesellschaft fragt.

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