Wintersemester 2026/27
Lehrveranstaltungen im Wintersemester 2026/27
Seminar: Wednesdays, 10:00–12:00
What happens when we no longer understand history primarily as the result of human intentions, decisions, and institutions? This seminar introduces historical approaches that challenge exclusively human-centred accounts of the past. Animals, plants, soils, landscapes, climatic conditions, pathogens, and material infrastructures will not be treated merely as the passive background to human action, but as integral elements of historical processes. Drawing on environmental history, animal history, multispecies history, and more-than-human approaches, the course asks how historical narratives change when ecological relations, material dependencies, and nonhuman forms of activity and influence are taken seriously.
The seminar traces the emergence of animal and environmental history and introduces central concepts such as agency, materiality, relationality, domestication, deep time, and the Anthropocene. Particular attention will be paid to the methodological challenges involved in writing histories of beings and processes that rarely produced textual records of their own. How can historians reconstruct animal lives, environmental transformations, or the effects of pathogens and climatic events from sources created by human institutions? How can nonhuman influence be described without simply attributing human intentions to animals, plants, or natural forces? And how can more-than-human histories account for unequal relations of power, labour, violence, and dependency?
These questions will be explored through a range of thematic case studies. We will examine domestication and the formation of agricultural worlds as long-term processes involving humans, animals, plants, soils, and microorganisms. We will investigate colonial ecologies and consider how imperial rule transformed forests, rivers, farming systems, animal populations, and disease environments. Further sessions address animal labour and energy in industrial societies, breeding and ideas of biological improvement, the emergence of modern food systems and multispecies commodity chains, as well as the historical production of categories such as wilderness, conservation, extinction, pests, pathogens, and invasive species. Across these topics, the seminar will explore how political, economic, social, and cultural developments were shaped by relations that extended beyond the human.
At the same time, the course provides an introduction to central practices of historical research. Students will learn how to distinguish between primary and secondary sources, contextualise different forms of evidence, assess their perspectives and limitations, and develop historically grounded arguments. In student-led source labs, participants will select, contextualise, and discuss historical sources and explore how more-than-human relations can be made visible through careful source criticism.
Literature for preparation:
O’Gorman, Emily, and Andrea Gaynor. "More-than-human histories." Environmental History Volume 25, Number 4, October 2020. https://doi.org/10.1093/envhis/emaa027.
Seminar: Dienstags 16-18 Uhr
Die rasante Verbreitung generativer Künstlicher Intelligenz verändert auch die Bedingungen geschichtswissenschaftlichen Arbeitens. Sprachmodelle wie ChatGPT können historische Fragen beantworten, Quellen zusammenfassen, Argumentationen entwickeln und scheinbar schlüssige Narrative erzeugen. Andere KI-Anwendungen unterstützen die Recherche, Transkription und Auswertung großer Text- und Bildbestände oder produzieren selbst Bilder, Videos und Audiodateien. Damit eröffnen sich neue Möglichkeiten für Forschung, Lehre und Geschichtsvermittlung – zugleich geraten zentrale Grundlagen der Geschichtswissenschaft unter Druck.
Das Seminar untersucht, wie unterschiedliche KI-Anwendungen historisches Wissen verarbeiten und darstellen. Dabei geht es nicht nur um ihre praktische Nutzung, sondern vor allem um die Frage, was KI für die historiographische Praxis bedeutet: Wie entstehen KI-generierte Darstellungen der Vergangenheit? Auf welchen Daten und Vorannahmen beruhen sie? Können Sprachmodelle Quellen interpretieren und historische Zusammenhänge erklären – oder erzeugen sie lediglich plausible Texte? Was geschieht mit wissenschaftlicher Autorschaft, Nachprüfbarkeit und Deutungshoheit, wenn historische Narrative zunehmend automatisiert produziert werden?
In gemeinsamen Übungen erproben und vergleichen wir verschiedene KI-Werkzeuge bei der Recherche, Quellenanalyse und Textproduktion. Die Ergebnisse werden mit geschichtswissenschaftlichen Methoden geprüft und hinsichtlich ihrer Faktizität, Argumentation und sprachlichen Überzeugungskraft analysiert. Einen Schwerpunkt bildet die Quellenkritik unter digitalen Bedingungen. Diskutiert werden KI-generierte Falschinformationen, erfundene Belege, manipulierte Bilder und Audiodateien sowie Formen einer „Fake History“, die historische Darstellungen gezielt verfälscht oder selektiv zur politischen Mobilisierung einsetzt.
Darüber hinaus behandelt das Seminar die ethischen und wissenschaftspolitischen Folgen des KI-Einsatzes. Welche Verantwortung tragen Historiker*innen für KI-gestützte Recherchen und Texte? Wie müssen verwendete Werkzeuge und Arbeitsschritte offengelegt werden? Welche Verzerrungen entstehen durch Trainingsdaten, technische Auswahlprozesse und kommerzielle Plattformen? Und nach welchen Kriterien lässt sich die Qualität historischer Forschung sichern, wenn sich Entstehungsprozesse und Urheberschaft eines Textes nicht mehr eindeutig erkennen lassen?
Literatur zur Vorbereitung
Christian Götter: „Künstliche Intelligenz und Geschichtswissenschaft. Mehr als ein neues Werkzeug?“, in: Historische Zeitschrift (2024).
Blockseminar: Vorbereitung: Dienstag, 20.10.2026, 18–20 Uhr; Block I 21.–22.11.2026; Block II 15.–16.01.2027
Seit dem Ende der 1970er Jahre entwickelte sich Hardcore-Punk in den USA nicht nur als musikalische Ausdrucksform, sondern auch als Lebensstil, politische Haltung und kulturelle Praxis. In Städten wie Washington, D.C., New York, Los Angeles und Boston entstanden lokale Szenen, deren Akteur*innen eigene Labels gründeten, Konzerte organisierten, Fanzines produzierten und alternative Netzwerke aufbauten.
Das Seminar betrachtet American Hardcore im Zusammenhang mit den tiefgreifenden politischen, sozialen und kulturellen Veränderungen der USA seit den 1970er Jahren. Wirtschaftskrisen, Deindustrialisierung und wachsende soziale Ungleichheit trafen auf den Aufstieg der New Right und die konservative Wende unter Ronald Reagan. Organisationen wie die Moral Majority verbanden evangelikales Christentum, traditionelle Familienbilder, Antikommunismus und die Ablehnung der Bürgerrechts-, Frauen- und Protestbewegungen zu einem neuen politischen Programm. Die Auseinandersetzungen um Sexualität, Geschlechterrollen, race, Religion, Jugendkultur und öffentliche Moral verdichteten sich zu den amerikanischen „Culture Wars“.
Vor diesem Hintergrund untersuchen wir die Geschichte des American Hardcore von seinen Voraussetzungen in den 1970er Jahren bis zu seinen Transformationen nach 2000. Behandelt werden unter anderem „Old School“, „Youth Crew“, „Straight Edge“, „New School“, Post-Hardcore und Emo sowie zentrale Szenen, Orte und Institutionen wie Dischord Records und das CBGB. Dabei fragen wir, wie sich politische Konflikte und gesellschaftliche Veränderungen in Musik, Texten, Körperbildern, Konsumverweigerung und Formen der Selbstorganisation niederschlugen. Zugleich werden die Widersprüche der Szenen thematisiert, insbesondere im Hinblick auf Geschlecht, race, Klasse, Gewalt, Zugehörigkeit und Ausschluss.
Als Quellen dienen Fanzines, Flyer, Fotografien, Konzertaufnahmen, Interviews, Podcasts und die Musik selbst. Songtexte werden als eigenständige historische Quellen gelesen, in denen politische Positionen, soziale Erfahrungen und Vorstellungen von Gemeinschaft ausgehandelt wurden. Die Quellenarbeit wird durch Forschungsliteratur zur Geschichte des Hardcore, zur Reagan-Ära und zu den kulturellen Konflikten in den USA ergänzt.
Sichere Englischkenntnisse sind erforderlich, da sämtliche Quellen und ein Großteil der Forschungsliteratur in englischer Sprache vorliegen.
Literatur und Medien zur Vorbereitung
Kevin Mattson: We’re Not Here to Entertain: Punk Rock, Ronald Reagan, and the Real Culture War of 1980s America. Oxford University Press, 2020.
Kolloquium: Donnerstag, 8–10 Uhr, online
Die Veranstaltung richtet sich an Studierende, die im Arbeitsbereich Sozial- und Kulturgeschichte, insbesondere auch im Bereich der Tiergeschichte, eine Bachelor-, Master- oder Staatsexamensarbeit vorbereiten oder schreiben. Für Studierende, deren Abschlussarbeit in diesem Arbeitsbereich betreut wird, ist die regelmäßige Teilnahme am Seminar grundsätzlich obligatorisch.
Das Seminar begleitet die Entwicklung der Abschlussarbeiten über das gesamte Semester hinweg. Es ist daher nicht als punktuelles Beratungsangebot gedacht, das nur bei der Themenfindung oder bei akuten Problemen besucht wird. Erwartet werden eine Teilnahme von Beginn an, die kontinuierliche Mitarbeit sowie die Bereitschaft, sich intensiv mit den eigenen und den Projekten der anderen Teilnehmenden auseinanderzusetzen.
Im Mittelpunkt stehen die Entwicklung und Eingrenzung eines geeigneten Themas, die Formulierung einer tragfähigen Fragestellung, die Auswahl und Kritik von Quellen, die Einordnung in aktuelle Forschungskontexte sowie Fragen der Gliederung, Argumentation und wissenschaftlichen Darstellung. Neue wie bereits laufende Vorhaben werden gemeinsam erschlossen, vorgestellt und diskutiert. Die Teilnehmenden arbeiten dabei auch mit Gliederungen, Quellen, Forschungsliteratur oder Textausschnitten und geben einander konstruktives Feedback.
Ergänzend werden ausgewählte methodische und theoretische Zugänge der Sozial- und Kulturgeschichte sowie themenrelevante Forschungsliteratur gemeinsam diskutiert. Die konkreten Inhalte orientieren sich auch an den Projekten der Teilnehmenden.
Literatur
Stefan Jordan: Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft. UTB, 2018.
Friederike Neumann: Schreiben im Geschichtsstudium. UTB, 2018.