Shifting Borders of Transnational Democracy. Concepts, Conflicts and Practices of Citizenship Education in Europe
Grenzverschiebungen transnationaler Demokratiebildung in Europa
Projektbeschreibung
Demokratische Gesellschaften geraten unter Druck, transnationale Problemlagen nicht hinreichend bearbeiten zu können. Autoritäre Antworten auf die Vielfachkrisen führen in einigen europäischen Ländern zur Einschränkung demokratischer Rechte, Institutionen und Prozesse. Zudem werden zwischengesellschaftliche Beziehungen (wieder) stärker an nationalen Interessen ausgerichtet. (Vgl. Eis u.a. 2025; Huke 2021) Ausgangsthese des Forschungsprojektes stellt ein demokratiebezogenes Defizit bei bestehenden Bildungskonzepten dar. Global Citizenship Ansätze beruhen vielfach auf idealisierten Vorstellungen einer Ausweitung von universalistischen Werten, supranationaler Demokratie und Weltbürger:innenschaft (vgl. Benhabib 2024; Eis/Moulin-Doos 2017). Die realen Gestaltungs- und Entscheidungsräume geraten dabei ebenso wie strukturelle Hindernisse, Machtasymmetrien, Ungleichheits- und Ausbeutungsverhältnisse vielfach aus dem Blick (vgl. Abdi u.a. 2015; Pashby u.a. 2020).
Im Forschungsprojekt werden in vergleichenden Länderstudien untersucht, wie politische Bildung gesellschaftsübergreifende Krisen und aktuelle Problemlagen thematisiert und bearbeitet. Im Mittelpunkt steht das Erkenntnisinteresse, wie sich dabei Konzepte und Praktiken von (transnationaler) Demokratie aus Sicht von Lernenden und Bildungsakteur:innen verändern. Erste Ergebnisse liegen für das Fallbeispiel Schottland vor, mit Schwerpunkten auf die Fragen: Welche Auswirkungen hatte der Brexit für die Praxis einer Global Citizenship Education? Und wie haben sich die Demokratievorstellungen im Hinblick auf kollektive Problembearbeitung, aber auch die Strategien von Bildungs- und sozialen Bewegungsakteur:innen verschoben? Welche Erwartungen haben die Akteur:innen zur zukünftigen (Weiter)Entwicklung kollektiver Handlungsfähigkeit in transnationalen Demokratien sowie deren Förderung oder Behinderung durch politische Bildungsformate?
Weitere Fallstudien sind 2026/27 in Finnland zu sicherheitspolitischen und friedenspädagogischen Schwerpunkten sowie 2028/29 in Südeuropa (Rumänien, Kroatien) zu sozial- und migrationspolitischen Fragen transnationaler Demokratiebildung geplant.
Abdi, Ali A./Shultz, Lynette/Pillay, Thashika (Hrsg.) (2015): Decolonizing Global Citizenship Education, Rotterdam
Benhabib, Seyla (2024): Für einen interaktiven Universalismus. Kosmopolitismus und die postkoloniale Kritik. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 6/2024, S. 59-68
Eis, Andreas/Grabau, Christian/Salomon, David (Hrsg.) (2025): Jahrbuch für Pädagogik 2024. Deglobalisierung, Weinheim/Basel
Eis, Andreas/Moulin-Doos, Claire (2017): Cosmopolitan Citizenship Education: realistic political program or program to disillusioned powerlessness? A plea for a critical power perspective within Global Citizenship Education, in: Journal for Social Science Education, 4/2017, S. 49-59
Huke, Nikolai (2021): Ohnmacht in der Demokratie. Das gebrochene Versprechen politischer Teilhabe, Bielefeld
Pashby, Karen/Sund, Louise (2020): Decolonial options and foreclosures for global citizenship education and education for sustainable development. In: Nordic Journal of Comparative and International Education (NJCIE). 4(1), S. 66–83.