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01.11.2022 | Pressemitteilungen

Die HNA be­rich­tet vom Pro­jekt See­pferd­chen in den Fe­ri­en

Am 18. Oktober 2022 wurde in der HNA ausführlich das regionale Schwimmprojekt mit Grundschulkinder vorgestellt, welches von Dr. Sebastian Fischer geleitet wird: „Kassel gibt Gas bei der Förderung der Schwimmkompetenz von Kindern. Gleich zwei gute Nachrichten sind jetzt aus dem Rathaus zu erfahren. Erstens: An der Luisenschule im Stadtteil Vorderer Westen entsteht demnächst ein neues Lehrschwimmzentrum mit drei Becken für Schwimmunterricht. Es kann von den städtischen Schulen genutzt werden und darüber hinaus auch den Vereinen und der DLRG für Schwimmkurse zur Verfügung stehen. Laut Oberbürgermeister Christian Geselle soll mit dem Modellprojekt dem wachsenden Bedarf an Schwimmkursen nachgekommen werden. Die Stadtverordnetenversammlung hat den Plänen zugestimmt.

Die zweite Nachricht: Hunderte von Kasseler Hortkindern werden künftig in den Oster- und Sommerferien die Gelegenheit haben, schwimmen zu lernen. Am Ende des Projekts, das auf zwei Jahre befristet ist, können Grundschulkinder das Frühschwimmerabzeichen Seepferdchen ablegen. Den Schwimmunterricht erteilen Sportstudierende. Das Projekt wird vom Sportinstitut der Uni Kassel unter Federführung von Sebastian Fischer begleitet. Für die Studierenden ist es ein „Nebenjob mit Praxisbezug“. Den Auftakt zu dem städtischen Angebot hatte in diesem Jahr – sozusagen als Pilotprojekt – eine Aktion des Rotary-Clubs Kassel gemacht. Der Serviceclub unter Präsidentschaft des ehemaligen Oberbürgermeisters Bertram Hilgen hatte für die Finanzierung von Schwimmkursen für 500 Hortkinder 20 000 Euro aufgebracht, weitere 10 000 Euro kamen von Kasseler Unternehmen.

Hintergrund für die Aktion ist die zunehmende Verschlechterung der Schwimmfähigkeit von Kindern in Kassel wie anderswo. Schon vor Corona konnten fast 40 Prozent der Zehnjährigen in Deutschland nicht sicher schwimmen, erläutert Sebastian Fischer. „Schwimmen zu lernen, ist lebenswichtig“, sagt Geselle. Doch viele Kinder seien keine sicheren Schwimmer. Die Pandemie habe diesen Trend verstärkt. Die Stadt Kassel „möchte daher vorangehen und die Schwimmkompetenz von Kindern gezielt fördern“

Quellenangabe: Hessische Allgemeine (Kassel-Mitte) vom 18.10.2022, Seite 1

 

„Ein Drittel gilt als schwimmunfähig“

INTERVIEW mit Sportwissenschaftler Dr. Sebastian Fischer über Schwimmunterricht für Grundschüler

Kassel – Im Frühjahr und Sommer hatten Hunderte Kasseler Hortkinder die Möglichkeit, in den Ferien kostenlos Schwimmkurse zu besuchen. Möglich gemacht hatte das Projekt der Rotary-Club Kassel in Zusammenarbeit mit der Stadt. Für den Sportwissenschaftler Sebastian Fischer von der Uni Kassel, der das Angebot fachlich begleitet hat, war es ein Erfolg: 415 Kinder haben am Prüfungstag teilgenommen. Es wurden 235 Seepferdchen und 180 Frösche erreicht, was eine Seepferdchen-Quote von fast 60 Prozent bedeute. Auch die Regelmäßigkeit der Teilnahme von über 90 Prozent Anwesenheit der Kinder habe gezeigt, wie gut das Projekt angenommen wurde.

Wir sprachen mit Sebastian Fischer darüber, dass immer weniger Kinder schwimmen können und was das für Folgen hat.

 

HNA: Immer weniger Kinder können schwimmen, woran liegt das?

Keine einfache Frage. Aber vielleicht können wir drei Punkte benennen. 
Erstens, wir leben in einer Gesellschaft mit unglaublich vielen attraktiven Sport- und Kulturangeboten für Kinder und Jugendliche. Das war rückblickend über die letzten Jahrzehnte nicht immer so. Diese Konkurrenz macht eher den traditionellen Sportarten zu schaffen. Wir sehen bei allen großen Verbänden rückläufige Mitgliederzahlen zum Beispiel in den Vereinen. Damit verbringen immer weniger Kinder- und Jugendliche ihre Freizeit in Schwimmbädern, sondern nutzen die Zeit auch, um in die mediale Welt einzutauchen. 
Zweitens, seit 2000 ist in Deutschland jedes zehnte Schwimmbad geschlossen worden. Das sind im Durchschnitt rund 80 Bäder pro Jahr. Viele Schwimmbäder schieben Sanierungsstaus vor sich her, da die finanziellen Möglichkeiten fehlen. Dies bedeutet, dass mit jedem Quadratmeter Wasserfläche der verloren geht, auch die Chance für Lehrangebote schwindet.

Drittens: Die deutschlandweite Verpflichtung des Schwimmunterrichts in den Schulen zeigt bislang keine Wirkung. Viel zu viel Schwimmunterricht fällt aus oder ist nicht durchführbar. Wir sehen schlechte Betreuungsschlüssel zwischen Lehrkräften und Schülern und oftmals suboptimale Rahmenbedingungen in den Bädern.

 

HNA: Wie sehr beunruhigt Sie das? Wie wichtig ist es, schwimmen zu können?

Mich persönlich beunruhigt diese Situation sehr. Ich werde oft gefragt, warum sich der Schwimmunterricht von anderen Sportarten in der Schule unterscheidet. Und es gibt eine ganze einfache Antwort: Wenn ich keinen Ball fangen kann, werde ich wohl oder übel mit einem blauen Fleck im Laufe des Lebens rechnen müssen. Wir erkennen eine koordinative und konditionelle Bewegungsausbildung ist wichtig. Wenn man allerdings nicht schwimmen kann, bezahlt man im schlimmsten Fall mit seinem Leben. 

 

HNA: Wie sieht die Situation allgemein aus?

Bereits vor 20 Jahren ermittelte das europäische Regionalbüro der WHO bei tödlich verunglückten Kindern unter 15 Jahren 6389 Opfer von Verkehrsunfällen, 23 Prozent, und an zweiter Stelle rangierte das Ertrinken. 4679 Kinder kamen im Wasser ums Leben, 17 Prozent.

Die Zahl der tödlichen Unfälle durch Ertrinken hat in den zurückliegenden Jahren zugenommen.

 

HNA: Wo finden die Unfälle statt?

Im Alter bis zu zwei Jahren ist es das Ertrinken in Badewannen, Ein- bis Dreijährige ertrinken oft im heimischen Gartenteich, für Zwei- bis Sechsjährige sind die offenen Gewässer in der Stadt oder Gemeinde die Hauptgefahrenpunkte. Kinder über sechs Jahre ertrinken in Schwimmbädern und für Kinder über acht Jahre sind es Meeresstrände und Seen.

 

HNA: Lernen Kinder denn nicht mehr in ihren Familien schwimmen?

Fragt man die Kinder, wo sie schwimmen gelernt haben und unterteilt sie nach Stufen des Könnens, zeigt sich eine Überrepräsentanz der unerfahrenen und schlechten Schwimmer aufseiten der Schule. Bei Kindern, die im Rahmen der Familie oder in einem Kurs Schwimmen gelernt haben, ist der Anteil der Könner nicht viel höher.

Dieses Ergebnis zeigt weniger das Versagen der Schule, sondern vielmehr den hohen Anteil von Kindern, deren Eltern offenbar wenig Interesse haben, sich selbst um das Schwimmen ihrer Kinder zu kümmern.

 

HNA: Wie sind denn die Bedingungen für Schwimmunterricht in Schulen?

Die sind nicht ideal. Kaum eine Schule verfügt noch über Lehrschwimmbecken. Mehr als ein Drittel der Grundschulen muss eine Entfernung von zehn Kilometern oder mehr bis zur nächsten Schwimmhalle zurücklegen. Schwimmen wird in vielen Schulen vernachlässigt. 20 Prozent der Grundschulen haben gar keinen Zugang zu einer Schwimmhalle.

Und dann erleben wir bundesweit ein Bädersterben.

 

HNA: Wo steht da Kassel?

In Kassel haben wir im Vergleich zum deutschlandweiten Trend eine sehr gute Ausgangslage. Die großen Bäder in der Stadt sind frisch saniert. Wir haben eine Bäderlandschaft, die vom Sportbecken über Freibäder bis hinzu Lehrschwimmbecken alles zu bieten hat. 

 

HNA: Wie steht es um das Ziel, dass Grundschulkinder schwimmen können sollten?

Von dem Ziel, dass zumindest 90 Prozent der Grundschüler als Schwimmer bezeichnet werden können, sind wir deutlich entfernt. Die realistische Einschätzung lautet: Ein Drittel unserer Grundschulkinder gelten als schwimmunfähig. 

Aktuelle Studien haben ergeben: Am Ende der Grundschule liegt die Quote der Nichtschwimmer bei zwölf Prozent; 24 Prozent der Kinder haben kein Abzeichen erworben und 35 Prozent haben ein Seepferdchen gemacht. 19 Prozent haben das Schwimmabzeichen in Bronze, 8 Prozent in Silber und 2 Prozent in Gold. Studien haben zudem ergeben, dass Kinder mit niedrigem Sozialstatus seltener schwimmen können als Gleichaltrige.

 

HNA: Sie haben das Schwimmprojekt der Rotarier begleitet. Was waren die Herausforderungen?

Es war insgesamt eine große Herausforderung das Projekt für Hunderte von Kindern zu organisieren: die Absprachen mit den Bäderbetrieben, der KVG für den Busshuttle, den Horten, die Rekrutierung von Übungsleiterinnen und -leitern.

Die größte Herausforderung aber war, dass die meisten Kinder ohne Vorerfahrungen kamen, da zum Teil die Bäder in den letzten zwei Jahren in Kassel geschlossen waren und der Schwimmunterricht in der Umgebung in und um Kassel fast komplett ausgefallen war. Somit standen wir vor dem Problem, dass maximal heterogene Lernausgangslagen innerhalb unserer Kindergruppen zum Start unserer Schwimmkurse vorlagen. 

 

HNA: Nach Corona kommt die nächste Krise: Energiesparmaßnahmen werden dafür sorgen, dass Bäder künftig einen eingeschränkten Betrieb fahren. Wie bewerten Sie das?

Im Vergleich zu vielen anderen, sehe ich das Absenken der Temperatur – abgesehen vom Lehrschwimmbecken – nicht so skeptisch. Ich bin der Meinung, dass durch angepasste Übungsinhalte und neue Übungsformen die Schwimmausbildung ohne Einschränkungen weiterlaufen kann.

Kritischer bin ich, wenn ich die Preisanstiege zum Beispiel beim Schwimmbadeintritt für die Zukunft sehe. Hier sind die öffentlichen Stellen gefragt, so lange wie möglich gegenzusteuern, um einer breiten Masse in der Gesellschaft einen Zugang zu überwachten Wasserflächen zu ermöglichen. Wechseln die Kinder und Jugendlichen an unüberwachte Wasserflächen – etwa Flüsse oder Seen im Sommer – wird unsere Gesellschaft mit einem exponentiellen Anstieg an Badeunfällen bezahlen.

Quellenangabe: Hessische Allgemeine (Kassel-Mitte) vom 18.10.2022, Seite 4