Narco-Literatur

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Delinquenz durchkreuzt staatliche Souveränität, besonders dort, wo Gangs oder kriminelle Organisationen staatliche Domänen usurpieren – Gewalt- und Sicherheitsmonopol – oder darüber hinaus aus welchen Gründen auch immer sogar ‚sozialpolitische‘ Maßnahmen ergreifen. Die Erzählliteratur nimmt diese kriminellen Subjekte, die sich rund um den Drogenhandel und -schmuggel konstituieren, schon seit längerem in den Blick, die einschlägige Forschung zu diesem Genre ist beachtlich angewachsen.

Der Roman Trabajos del reino (2003, dt. Der Abgesang des Königs, 2011) des mexikanischen Schriftstellers Yuri Herrera bringt durch die Metapher des Königs, die auf einen Drogenboss angewandt wird, die Frage nach den Machtfaktoren kleiner Souveränität auf den Punkt. Neoliberale Regime in Lateinamerika – so deuten Romane wie derjenige Herreras an – bilden nicht nur den Hintergrund, sondern bereiten durch Begünstigung von Pauperisierung den Nährboden für Delinquenz, sie fördern allerdings darüber hinaus ökonomische Subjektentwürfe, die sozialen Aufstieg in Aussicht stellen (Santos López 2021). Zugleich wird häufig erkennbar, dass Akteuer:innen der organsierten Drogenkriminalität mit neuerworbener Finanzmacht den Rückweg in eine bürgerlich-ökonomische Gesellschaft anstreben.

Die Narco-Literatur hat längst die audiovisuelle Unterhaltungsindustrie erreicht. Serien wie Narcos (2015-17) erweisen sich hinsichtlich der Zeichnung kleiner Souverän:innen als aufschlussreich. Aber hierbei handelt es sich nur um das bekannteste Beispiel.

Bibliographie zum Teilkorpus „Narcoliteratura“

Publikationen

Witthaus, Jan-Henrik: „Mapeando ‘soberanías menores’ en la narrativa sobre el narcotráfico. Entre México y Colombia”, in: Mecila Working Paper Series 79 (2025), São Paulo. Open Access. DOI: 10.46877/witthaus.2025.79. Online: mecila.net/wp-content/uploads/2025/03/WP-Witthaus-Online.pdf (09.05.2025).

Witthaus, Jan-Henrik: "Pequeña soberanía y narcoliteratura. Reflexiones acerca de un tema recurrente en la literatura hispanoamericana", in: Writing the Post-Global in Latin America: Collapse and Conviviality, ed. Gesine Müller und Jan Knobloch. Ciudad Autónoma de Buenos Aires: CLACSO; São Paulo: Mecila, 2022.

Logbuch zur Recherche

Blogeintrag von Emilia Stella Härty und Janina Schneider (vom 26.03.2025)
Formale Gestaltung und Lektüreeindrücke 
Pilar Quintanas Roman Coleccionistas de polvos raros zeichnet sich durch eine besondere formale Gestaltung aus, die sowohl sprachliche als auch narrative Elemente nutzt, um zentrale inhaltliche Themen zu unterstreichen. Die unkonventionelle Zeichensetzung, insbesondere der Verzicht auf Anführungszeichen bei wörtlicher Rede, zwingt die Lesenden zu einer aktiven Auseinandersetzung mit dem Text. Dialoge werden ausschließlich durch Gedankenstriche markiert, was eine erhöhte Konzentration erfordert. Zudem hebt der kursiv gesetzte englische Text bestimmte Passagen hervor, wie beispielsweise das Lied von Pink Floyd (vgl. Eingangsmotto), und schafft dadurch eine bewusste Differenzierung der sprachlichen Ebenen.
Die sprachliche Gestaltung ist stark vom kolumbianischen Argot geprägt, was nicht nur zur Authentizität der Figuren beiträgt, sondern auch deren soziale Herkunft und Bildungsstand reflektiert. Gleichzeitig kann dies für nicht-spanischsprachige oder mit dem kolumbianischen Kontext weniger vertraute Leserinnen und Leser eine Herausforderung darstellen. Der Roman evoziert zudem eine Vielzahl an Emotionen – von Bedrückung und Ekel bis hin zu Wut und sozialer Scham. Durch die explizite Darstellung von sozialen Ungleichheiten, Machtverhältnissen und sexualisierter Gewalt wird eine affektive Ebene geschaffen, die tiefergehende Reflexionen anregt. Besonders die multiperspektivische Erzählweise verstärkt diese Wirkung, da sie unterschiedliche Sichtweisen auf das Geschehen zulässt.
Auf narratologischer Ebene zeichnet sich der Roman durch eine komplexe Fokalisierung aus. Die Geschichte ist in zwei Hauptabschnitte gegliedert, die mit den Zeitangaben „9:45 p.m.“ und „11:45 p.m.“ strukturiert sind. Im ersten Teil erfolgt die Erzählung aus der Sicht von La Flaca, wobei ihr Blick auf die Welt bereits durch eine kulturell-männliche Perspektive beeinflusst ist. Im zweiten Abschnitt wird der maßgebliche Blickwinkel auf Mono Estrada verlagert, dessen Wahrnehmung verallgemeinernd als repräsentativ für patriarchale Strukturen dargestellt werden kann. Diese multiperspektivische Erzählweise erschwert zwar das kohärente Erfassen der Handlung, erlaubt aber gleichzeitig tiefere Einblicke in die vielschichtigen sozialen Dynamiken.
Quintana nutzt verschiedene Fokalisierungsstufen, die sich nach Gérard Genette beschreiben lassen, und wechselt zwischen Variablen interner Fokalisierung. Während Mono Estrada in manchen Passagen als allwissender Erzähler erscheint, wird in anderen Abschnitten auf eine heterodiegetische Erzählweise oder erlebte Rede zurückgegriffen. Die fragmentarische Struktur des Textes trägt dazu bei, dass sich die Zusammenhänge erst nach und nach erschließen, was unerfahrenen Leserinnen und Lesern eine zusätzliche Herausforderung bieten kann.
Trotz seines vergleichsweisen kurzen Umfangs von rund 200 Seiten entfaltet der Roman ein komplexes Figuren- und Handlungsgeflecht, das die Lesenden in ein von Machtgefällen geprägtes Geflecht von Liebesbeziehungen zieht, die unter einer sehr ambivalenten ‚Schirmherrschaft‘ des Narcotráfico stehen. Die Ambiguität des Textes ermöglicht (auch kontroverse) Gespräche über die thematische Schwerpunktsetzung – von sozialen Ungleichheiten über Mutter-Tochter-Konflikte bis hin zur Darstellung männlicher Begierde. Die Verflechtung formaler und inhaltlicher Aspekte macht Coleccionistas de polvos raros zu einem anspruchsvollen, aber überaus aufschlussreichen Roman, der Leserinnen und Leser sowohl emotional als auch intellektuell fordert.

Blogeintrag von Rosalie Nadler und Natascha Lea Schmolz (vom 26.03.2025)
Relevanz des Romans für Genderstudies und für das Forschungsprojekt 
Der Roman Coleccionistas de polvos raros thematisiert geschlechtsspezifische Machtverhältnisse und patriarchale Strukturen. In der ersten Hälfte wird aus der Perspektive von La Flaca erzählt, deren Selbstbild durch den male gaze: den männlichen Blick geprägt ist. Sie nutzt ihre Sexualität strategisch, wird aber nicht als gleichwertige Partnerin wahrgenommen, sondern als Objekt männlicher Begierde. Ihr Ziel ist es, jenseits des Bildungswegs, Status und Reichtum zu erlangen. Auch andere weibliche Figuren sind von patriarchalen Stereotypen gezeichnet: Estelita verkörpert die aufopfernde Mutterrolle, während Susana, als wohlhabende Politiker-Tochter, im Kontrast zu La Flaca steht. Beide Frauen (La Flaca - Susana) werden in die traditionelle Dichotomie von „Heilige“ und „Hure“ eingeteilt, was die internalisierte Konkurrenz unter Frauen verdeutlicht, die zwei verschiedene männliche Bedürfnislagen betrifft: Begehren einerseits, Reproduktion und Care auf andererseits.
In der zweiten Hälfte wechselt die Erzählperspektive zu Mono Estrada, der zeigt, wie Männer unter den patriarchalen Erwartungen leiden, ohne diese zu reflektieren. Obwohl er durch sein Geschlecht und sozialen Stand privilegiert ist, fühlt er sich durch den Druck der Männlichkeitsnormen verunsichert. Er misst sich an anderen Männern, sieht sie als Konkurrenz und reduziert Liebe auf Macht und oberflächliche heteronormative Körperlichkeit. Jedoch macht die Erzählung seiner Figur deutlich, dass der Mono Estrada homo- oder bisexuelle Neigungen verspürt. Seine Faszination für Travestiekünstler:innen deutet auf eine unterdrückte Sexualität hin, während er zugleich sexistische Stereotype bei Frauen reproduziert.
Der Roman verbindet materialistischen Feminismus mit einer Kritik an narkokapitalistischen Strukturen und zeigt, dass alle Geschlechter unter dem Patriarchat leiden – sei es durch Objektifizierung, Selbstzweifel oder internalisierte Rollenbilder.
Das Buch ist ein geeignetes Werk für das Forschungsprojekt „Kleine Souveränität“, da es die subtilen Mechanismen von Macht und Kontrolle in alltäglichen, oft unscheinbaren Kontexten beleuchtet. Anstatt sich auf klassische Herrschaftsstrukturen zu konzentrieren, zeigt das Buch, wie Souveränität in persönlichen Beziehungen, sozialen Randzonen und informellen Netzwerken ausgehandelt wird – ein zentrales Thema des Forschungsprojekts.
Ein wesentlicher Aspekt ist die Art und Weise, wie Macht in zwischenmenschlichen Beziehungen verteilt ist. Quintanas Figuren sind oft in Situationen gefangen, in denen sie mit unsichtbaren Hierarchien konfrontiert werden. Ihre Protagonist*innen bewegen sich in prekären sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen, in denen staatliche Institutionen entweder versagen oder kaum präsent sind. Stattdessen bestimmen individuelle Strategien des Überlebens, informelle Regeln und persönliche Abhängigkeiten die Dynamiken innerhalb der Erzählungen. Diese kleinen Machtverschiebungen, die nicht durch offizielle Positionen legitimiert sind, spiegeln genau die Art von Souveränität wider, die das Forschungsprojekt untersucht: eine Macht, die nicht von oben herab verordnet wird, sondern im Alltag durch Beziehungen und soziale Zwänge ausgeübt wird.
Darüber hinaus thematisiert Quintana die Rolle von Randfiguren der Gesellschaft – Menschen, die in abgelegenen Regionen oder in instabilen sozialen Kontexten leben. In diesen Räumen entstehen alternative Formen der Ordnung, die das Forschungsprojekt besonders interessieren. Quintanas Buch zeigt, dass Souveränität nicht nur in großen politischen Strukturen existiert, sondern auch in den alltäglichen Kämpfen um Autonomie und Einfluss. Das Buch illustriert, wie individuelle Handlungsmacht in einem Umfeld ausgeübt wird, das durch Unsicherheit und soziale Ungleichheit geprägt ist.

Nach der Lektüre des Romans Leopardo al Sol von Laura Restrepo hat sich auch der später erschienene längere Erzähltext derselben Autorin als projektrelevant herausgestellt: Delirio erschien erstmals 2004 bei Alfaguara und ist seit 2009 ins Deutsche übersetzt (‚Das Land der Geister‘). Polyperspektivisch wird hier die Anamnese der geisteskranken Protagonistin Agustina in Angriff genommen, wobei ihr familiärer Hintergrund aufgerollt wird, der seine Verflechtung mit dem organisierten Verbrechen Kolumbiens zu Beginn der 1990er Jahre zu erkennen gibt. Dem ist durchaus eine Kritik an den sozialen Eliten Bogotás zu entnehmen, die demnach ihre gesellschaftliche Stellung durch Kollaboration mit dem organisierten Verbrechen und Pablo Escobar zu konsolidieren versuchten. 
Diese narrative Rekonstruktion realisiert sich in vier Handlungssträngen, die jeweils über Agustinas Großvater, ihren Mann Aguilar, sie selbst und ihren ehemaligen Geliebten, mit sprechendem Namen Midas McAllister, fokalisiert werden. Die Autodiegesen werden dabei unvermittelt durch heterodiegetische Einschübe unterbrochen, was die Lektüre auch unter ästhetischen Gesichtspunkten reizvoll macht. 
Thematisch relevant ist die Figur Midas McAllister – ein Geldwäscher Pablo Escobars. Er bereichert nicht nur sich selbst, sondern auch willige Investoren seines Umfeldes, die bei den Transaktionen behilflich sind. Dabei wird deutlich, in welcher Weise über die Drogengelder zunächst außenstehende Personen, die vom Kuchen auch etwas abhaben wollen, in ein Geflecht von Verbindungen und Abhängigkeiten gezogen werden. Die hieraus resultierende Machtstellung des ‚Drogenkönigs‘ wird allerdings auch konterkariert durch verschiedene Brechungen seines Mythos. Auch werden die Grenzen seiner Macht (gescheiterte politische Karriere, das nahende Ende seiner Terrorherrschaft) angedeutet.

Paradais (2021) von Fernanda Melchor (von mir in deutscher Übersetzung gelesen) ist ein schonungsloser Text über Machismo und Verbrechen, über strukturelle und physische Gewalt. Mit einer ausgeklügelten Technik der internen Fokalisierung zeigt die Verfasserin auf äußerst beklemmende Weise den schmalen Grat zwischen sozialen Ausgrenzungen einerseits und Verbrechens- und Gewaltbereitschaft andererseits. In einer Gated Community bildet sich eine schräge Allianz zwischen Franco, der dort wohnt und aufgrund seines Übergewichtes ein Außenseiter ist, und Polo, der dort arbeitet und ausgebeutet wird. Die Geschichte endet in einem kaum fassbaren Blutbad. Von Interesse für unser Projekt ist die Erzählung vor allem im Mittelteil. Polos Cousin Milton gerät in eine Jugendgang, die von einer Frau, Licenciada genannt, angeführt wird. Diese taucht nur auf einigen Seiten auf. Aber es lohnt sich, dieser Skizze von Jugendkriminalität und den hier greifenden Machtmechanismen nachzugehen.

Der Roman Leopardo al sol (1993) der kolumbianischen Schriftstellerin Laura Restrepo handelt vom Konflikt zweier Familien aus La Guajira/Kolumbien, die verwandtschaftlich miteinander in Verbindung stehen. Die Barragáns und Montsalves sind beide im Drogengeschäft und beherrschen ganze Stadtteile. Der Bandenkrieg ist äußerst brutal und wird bis zum bitteren Ende geführt. Für uns ist der Text äußerst relevant, nicht zuletzt deswegen, weil hier die Legendenbildung der Bosse thematisiert wird – ein Prozess, der letztlich eine Aura der Mächtigen erschafft, Teil des Geschäfts ist, aber sie auch in ein kollektives, wenn auch eher lokales Gedächtnis eingehen lässt. Tatsächlich lassen sich sowohl Nando Barragán auf der einen als auch sein Rivale Mani Montsalve auf der anderen Seite jeweils als kleine Souveräne charakterisieren, die jenseits staatlicher Kontrollen einen erheblichen Handlungsspielraum entfalten, den sie sich gegenseitig streitig machen. Stilistisch erinnert Restrepos Erzählprosa an die Groteske eines García Márquez, konkret auch durch das dialogische Spiel mit einer Kollektivstimme, die in sich noch einmal in Einzelstimmen aufgeteilt ist und das Gerede der Menschen darstellt – dies verweist ein Stück weit auf den Herbst des Patriarchen zurück.

El ruido de las cosas al caer (2011) von Juan Gabriel Vásquez war ein Roman, den wir nicht vorrangig auf dem Zettel hatten. Erzählt wird hier die Bekanntschaft des Ich-Erzählers, Antonio, mit einem Mann, Ricardo Laverde, den er beim Billard kennenlernt. Wenig später werden beide bei einem Moped-Attentat in den Straßen Bogotás niedergeschossen, wobei Laverde das eigentliche Ziel war. Dieser stirbt, Antonio überlebt, versucht allerdings nach seiner Rekonvaleszenz – auch im Sinne einer Verarbeitung des Traumas – die Hintergründe aufzuklären, weshalb er mit Laverdes Tochter in Kontakt kommt. Ein beeindruckender Text, der recht traditionell erzählt wird und – wie ich finde – brillant geschrieben ist. Eigentlich handelt es sich meinem Verständnis nach nicht direkt um Narcoliteratura, dennoch finden sich dort sehr aufschlussreiche Textstellen, auf die man kaum verzichten mag, tritt doch hier der kleine Souverän Pablo Escobar zwar nicht direkt als Figur, aber als Bestandteil und Unruheherd eines generationalen Gedächtnisses in Erscheinung – vor allem durch seine Hinterlassenschaften, wie die Hacienda Nápoles oder die Nilpferde (vgl. den Eintrag weiter unten zu Juan Pablo Villalobos), die aus seinem Zoo entkommen sind, sich vermehrt haben und die Gegend unsicher machen – so verrät der gelungene Romanbeginn, der mich nicht nur aus Gründen der Projektarbeit zum Weiterlesen animiert hat. Wir sollten bei künftiger Literatursichtung auch links und rechts des Weges unserer primären Liste Ausschau halten.

Eine weitere Sekundärquelle mit relativ ausführlichen Inhaltsangaben zur kolumbianischen Narco-Literatur stellt die Monographie von Oscar Osorio (El narcotráfico en la novela colombiana, Cali 2014). Hier haben wir gute Hinweise für einige Texte unseres Korpus gefunden.

Die Lektüre von Rosario Tijeras (Edition bei Alfaguara: México 2018) von Jorge Franco war nicht ergiebig. Hier handelt es sich um das Genre der Sicaresca. Ein Erzähler, der sich zwischen Homodiegese und Autodiegese bewegt, berichtet von seiner engen Freundin Rosario, die ihrerseits eine Liebesbeziehung mit seinem Freund Emilio führt. Es handelt sich also um eine Dreiecksgeschichte, denn der Erzähler ist lange heimlich selbst in Rosario verliebt. Diese wird über ihren Bruder in einen Strudel von Drogenkriminalität, Prostitution und Gewalt gezogen. Ich finde den kurzen Roman bisweilen etwas klischeebehaftet. Die emotionale Dreiecksgeschichte beinhaltet aber durchaus aufschlussreiche psychologische Dynamiken.

Candide meets Mexiko. Der Roman Fiesta en la madriguera (2010) von Juan Pablo Villalobos wird aus Sicht eines kleinen Jungen erzählt, dessen Vater das Oberhaupt einer kriminellen Vereinigung ist. Aus dieser Perspektive erscheinen alle Grausamkeiten durch eine Brille der Normalität, die im kindlichen Bewusstsein das, worum es geht, als so hingenommen vermittelt, die aber auch durch den Kontrast von Unschuld des Erzähldiskurses einerseits und der Ungeheuerlichkeit des Darstellten andererseits eine groteske Note erhält. Der Effekt ist Sozialsatire, im Zuge derer Brutalität, Korruption und die Entmachtung politischer Souveränität sowohl direkt als auch metaphorisch offengelegt werden. Der Roman passt in dieser Hinsicht ausgesprochen gut zu unserer Fragestellung. 

Vorbild für Villalobos dürfte Voltaires Candide (1759) sein: maßgeblich ist hier wie dort die Perspektive eines Ahnungslosen und ein in der Betrachtung der Vorkommnisse spürbares Nichtverstehen. Die Ich-Narration führt dabei eher zum pikaresken Erzählen zurück – im Candide wird ja heterodiegetisch vorgegangen. Ansonsten bildet wie gesagt Voltaires Text das Modell: Weltanschauungsdiskurse, Pessimismus, das Reisemotiv und ein Hauslehrer, der das Zerrbild der Pangloss-Figur darstellt.

Gelesen habe ich aus Zeitgründen primär die deutsche Übersetzung, die 2011 im Berenberg-Verlag (Berlin) erschienen ist. Der Text ist flüssig und flott, wirft aber nach einigen Stichproben Fragen auf, bspw. ist patético z.B. nicht mit „pathetisch“ (S. 7 und in der Folge) zu übersetzen, und der gobernador oder gober ist kein „Regierende[r]“ (S. 18), sondern vermutlich eher der Gouverneur einer der mexikanischen Provinzen, welche unbenannt bleibt.

Die Seite „archive.org“ ist augenblicklich eine regelrechte Fundgrube. In den ersten beiden Suchoptionen (Inhalt, Metadaten) habe ich Begriffe zum Themenkorpus der Bürogeschichten eingeben: "oficina", "secretaria", "literatura", "novela", "cuento", in verschiedenen Kombinationen. Dabei sind mir folgende Erzähltexte ins Netz gegangen: Mariana Enríquez (aus Argentinien), Chicos que vuelven (2011), Maximiliano Álvarez (aus Uruguay), Contar la plata (2017) und Eliécer Cárdenas Espinoza (aus Ecuador), Un fantasma en la oficina: novela juvenil (2015). Entdeckerinnenfreude - so kann es weitergehen!

Die Seite „archive.org“ stellt ein breites Korpus an Texten zur Verfügung, die mit einer übergreifenden Suchmaschine zu identifizieren sind, die aber auch intern mit einer weiteren Suchmaschine durchsucht werden können. Hier ergeben sich sehr gute Möglichkeiten der Literaturrecherche. Die Eingabe des Wortes „capo“ für ‚mexikanischer Drogenboss‘ ergab zahlreiche Treffer. Auf diesem Weg bin auf einen weiteren für uns relevanten Roman gestoßen: Alejandro Almazán, El más buscado (2012). Almazán ist ein mexikanischer Journalist und Schriftsteller. In diesem Text erzählt der fiktionale Boss Chalo Gaitán, der im Gefängnis sitzt, einem Corrido-Sänger sein Leben. Hier wird sicherlich sehr viel zu entdecken sein.

Der uns schon bekannte Roman Balas de plata (2008) des mexikanischen Schriftstellers Élmer Mendoza war ertragreich hinsichtlich unserer Fragestellung. Daher bot und bietet sich eine Weiterverfolgung der Fortsetzungsromane an, in denen die Geschichte des Polizisten Edgar Mendieta, genannt „El Zurdo“, weitergeht. Der unmittelbar darauf folgende Roman trägt den Titel La prueba del ácido (2010) und ist seit 2012 in deutscher Übersetzung leicht zu beschaffen: Das pazifische Kartell. Ich habe aus Gründen der Zeitersparnis die deutsche Version gelesen. 

Die Bücher folgen der Untergattung des ‚Roman noir‘ (novela negra) und zeigen genretypisch durch die manchmal zweifelhafte moralische Perspektive des Protagonisten die Verflechtungen von staatlichen Akteur:innen und dem organisierten Verbrechen. In diesem Roman soll der Mord an einer Nachclubtänzerin aufgeklärt werden. Den Hintergrund bildet der sogenannte ‚Krieg gegen die Drogen‘, der mit der Amtszeit von Felipe Calderón in Verbindung zu bringen ist, der jedoch im Roman – soweit ich das rekapituliere – namentlich nicht erwähnt wird.

Wie schon in Balas de plata wird der Folgeroman nach dem Richter-und-sein-Henker-Modell (Dürrenmatt) aufgelöst und arbeitet durch diese Handlungsführung dem Thema untergrabener staatlicher Souveränität zu. Besonders das Kapitel 31, in dem der Drogenboss Valdés zu Grabe getragen wird, ist von Relevanz für unsere Fragestellung, weil der Verstorbene hier eine pompöse Totenfeier bekommt, die einem Staatsbegräbnis gleicht.

Der Roman von Mario González Suárez, A wevo, Padrino (2008, liegt mir in der Edition Era 2015 vor) ist sprachlich sehr anspruchsvoll, weil er beinahe durchgehend in mexikanischer Umgangssprache, ja im Slang des Milieus verfasst ist. Er ist in drei Teile untergliedert. Erster und dritter Teil vermitteln autodiegetisch die Geschichte eines Taxifahrers, der wider Willens in eine Drogenbande gerät und im Zuge dieser Gefolgschaft seine Familie verlässt. Unterbrochen wird diese Geschichte von einem kurzen Kapitel, das episodisch heterodiegetisch die Ehefrau in den Blick nimmt. Sprache, Darstellung und Erzählperspektive erinnern stark an pikareske Erzählweisen, was die Anwendung des in der Forschung nicht ganz unumstrittenen Begriff der ‚Sicaresca‘ berechtigt erscheinen lässt. Da die Rede an seinen Kirchenpaten (padrino) gerichtet ist, ist naheliegend diese als eine Art Beichte zu verstehen.

Widererwarten ist der Text für unsere Fragestellung nicht besonders einschlägig. Die Figur Jaime Cuéllar, der Boss, ist nicht uninteressant, bleibt aber eher im Hintergrund. Allenfalls ist seine vorübergehende Unsichtbarkeit und Unzugänglichkeit aufschlussreich. Eine Inszenierung von kleiner Souveränität findet man kaum, ein paar Hinweise zur Kleidung und zu Accessoires zu Beginn, allenfalls. Aus der Handlung wird deutlich, wie prekär seine Existenz zwischen verschiedenen Träger:innen von Handlungsmacht im Geflecht des Drogenhandels und -schmuggels ist. Wir waren auf den Titel aufmerksam geworden, weil wir hinter dem „padrino“ einen Paten vermutet hatten, tatsächlich handelt es sich aber, wie gesagt, um einen Geistlichen. So können Titel tatsächlich auf eine Fährte locken, die nicht ganz hält, was sie verspricht.

Weiterführende Literatur:

  • Herlinghaus, Hermann (2009): Violence without Guilt. New Directions in Latino American Cultures. Palgrave Macmillan, New York.
  • Quaas, Lisa (2019): Narkoprosa. Darstellungsparadigmen und erzählerische Funktionen in der lateinamerikanischen Literatur zum Drogenhandel, Berlin: De Gruyter.
  • Santos López, Danilo et. al. (2021): Narcotransmisiones. Neoliberalismo e hiperconsumo en la era del #narcopop, Ciudad Juárez.