Wie aktuell und immer wieder zu beobachten ist, florieren in Krisenzeiten politische oder wirtschaftliche Bestrebungen, die Machtstrukturen von Staaten unterwandern oder gar auf Dauer gefährden. Dies lässt sich zum Beispiel anhand des Erfolgs populistischer Parteien im Kontext von modernen Wahldemokratien beobachten. Aber ebenso wird seit geraumer Zeit diskutiert, inwiefern die wirtschaftliche Globalisierung den Einfluss staatlicher Instanzen zurückdrängt.
Mit Blick auf Lateinamerika lassen sich solche Tendenzen wie in einem Brennglas beobachten: In dieser Weltregion sind mit die höchsten Raten sozialer Ungleichheit zu verzeichnen. Politische wie gesellschaftliche Krisen (soziale Notstände, Proteste, Kriminalität) sind an der Tagesordnung. Gleichzeitig stehen lateinamerikanische Länder durch ihren Reichtum an Rohstoffen im Fokus internationaler Wirtschaftsinteressen, die aber von diesen Ländern aus verschiedenen Gründen selbst eher selten für den Wohlstand der eigenen Gesellschaften genutzt werden. Im Kontext von Klimakrise, massiv ansteigenden Lebenserhaltungskosten und neuem Autoritarismus wird man auch in Europa die genannten Tendenzen Lateinamerikas aufmerksam beobachten.