Plantagen

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Zwischen Paternalismus und Widerstand: Repräsentationen des Plantagendispositivs in Literaturen Lateinamerikas und der Karibik

Plantagen brachten Grundformen des Paternalismus hervor, welche die Gesellschaften Lateinamerikas und der Karibik bis heute durchziehen und die in den zuvor erfolgten Projektarbeiten bereits Gegenstand von Analysen gewesen sind. ‚Kleine Souveränitäten‘ innerhalb und außerhalb des Staates intervenieren auf verschiedene Weisen in lokalen Konstellationen agronomischer Handlungsmacht, die jedoch immer mit globalen Strukturen des Marktes und der internationalen Arbeitsteilung resonieren. Die Plantage als koloniales Wirtschaftsmodell, das Mikroben, Pflanzen, Tiere und Menschen unterwirft, wirkt bis zur Aktualität fort. Wie werden die Wechselwirkungen der durchaus zum Teil heterogenen Akteur:innen durch Figuren- oder Raumdarstellungen in der lateinamerikanischen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts wiedergegeben? Welche Rolle haben Einflussgrößen wie die des europäischen Realismus oder der endemischen Testimonialliteratur? Welche Analysen resultieren durch die Betrachtung literarischer Texte im Spannungsfeld von literarischer Mimesis, gesellschaftlicher Wirkung und politischem Engagement?

Publikationen

Witthaus, Jan-Henrik (2025) «Relecturas antropológicas y ecocríticas de Hombres de Máiz (1949) de Miguel Ángel Asturias», Pangeas. Revista Interdisciplinar de Ecocrítica (7), pp. 97–108. doi: 10.14198/pangeas.29724.

Rink, Annika (geplant): "Ressources, résistance et relations interspécifique dans la littérature francophone caribéenne de plantation" Frankoromanistiktag, Universität Kassel, 29.09.-02.10.2026.

Rink, Annika (geplant): "Écriculture dans les plantmoition: pouvoir et agence dans les romans autobiographiques des plantations de la Caribe", “Écritures du moi en contexte caraïbéen: regards croisés” Université des Antilles (Martinique), 23.-24.06.2026.

Logbuch zur Recherche

Die kurze Artikelserie Lo que son los yerbales wurde von dem Spanier Rafael Barrett geschrieben und verschreibt sich der realistischen Darstellung der menschenunwürdigen Lebensbedingungen der mineros. Die Erzählstimme will mit den textuellen Strategien faktualer Texte die Lesenden mit auf die yerbales nehmen „y con vuestros ojos veréis la verdad“ (157). Dabei beleuchtet der Erzähler das Verhältnis von Staat und ‚moderner Sklaverei‘, die Technologien der Akquise durch Schuldnerverträge (161-162), der Unterwerfung, Bestrafung bei Aufbegehren oder Flucht (174) und Morde sowie Kinderarbeit (163-164) der Yerbaindustrie. Ebenfalls wird über die demographischen Folgen der Vernichtung der Waldarbeiter berichtet, die meist ihre Familien zurücklassen, während die Prostitution in den Unterbringungen floriert (170-171). Neben dokumentarischen Darstellungen durch Bezifferungen der Besoldung, des hintergründigen Finanzsystems und dessen Spekulationen (177-178), die Zitation von Gesetzestexten und Nacherzählungen von Gesprächen mit Erntearbeitern, hat der Text einen appellativen Charakter (164), der über Perspektivwechsel und ironische Mittel Empörung auszulösen vermag und den Fortschrittserzählungen von Industrie und Staat ein Ende bereiten möchte (178-179). Dem Wald und den Pflanzen werden Monströsität und Subjektivität zugeschrieben (166), in denen einige Menschen ‚Gold‘, die meisten aber Ausbeutung oder ihren Tod finden.

Hinsichtlich Souveränitätsdarstellungen, werden in Lo que son los yerbales verschiedene Akteure mit ihr assoziiert. Der Staat habe seine Souveränität eingebüßt, die Ländereien wurden verkauft, die Gesetzgebung entspinnt sich dank korrupter Politiker und Richter an den Interessen der Industrie (157-158):

“Es sabido que el Estado perdió sus yerbales. El territorio paraguayo se repartió entre los amigos del gobierno y Industrial se fué quedando con casi todo. El Estado llegó al extremo de regalar ciento cincuenta leguas a un personaje influyente. Fué aquella una época interesante de venta y arriendo de tierras y de compra de agrimensores y de jueces” (158). 

Gegen die Industrie kann er nicht einmal seine äußere Souveränität verteidigen und seiner Schutzpflicht nachkommen: „no supo ni sabe proteger la carne inocente de los ciudadanos. Y la Industrial lleva anualmente la cantidad de víctimas que necesita para llevar a cabo una de las más abyectas explotaciones del mundo moderno” (176). Die Chefs sind jedoch weiterhin mit der Politik verbunden, durch Freundschaft oder Verwandtschaft (160). Barrett stellt ebenfalls transnationale Vergleiche hinsichtlich Ausbeutungstechnologien auf Plantagen an: 

„El anticipo es la gloria de los alcahuetes de la avaricia millonaria. Así se arrean los mártires de los gomales bolivianos y brasileños, de los ingenios del Perú. Así se arrean las muchachas del centro de Europa prostituidas en Buenos Aires. El anticipo, la deuda es la cadena que arrastra de lupana en lupanar, como la arrastra el peón de un habilitado a otro. ¡El anticipo!“ (162).

Ferner beschreibt er das Panorama der Yerbahierarchie, in der Paternalismus über die verschiedenen Funktionen der Industrie wirkt:

„Sumad el ejército de los mensualeros, atacadores de mboroviré, troperos de carreta, picadores, boyeros, expedicionarios desprovistos de lo más preciso, obligados a cruzar desiertos y pantanos interminables; chateros a quienes se paga por viaje de un mes y que regresan, entorpecidos por las sequías, después de tres o cuatro meses, de combate aguas arriba, con el pecho tumefacto por el hotador; sumadlo todo, y obtendréis la turba maldita de los yerbales, jadeante catorce, dieciseis horas diarias, para la cual no hay domingo ni otra fiesta que el Viernes Santo, recuerdo del martirio de Jesús, padre de los que sufren...” (167-168)

Die vielzähligen Beschreibungen der Gewaltanwendung reihen sich in realistische Erzähltraditionen ein. Besonders die Figur des capataz ist gewaltverherrlichend dargestellt:

“Aquí no hay más Dios que yo’ dice al nuevo peón una vez por todas el capataz. Y si no bastara el rebenque para demostrarlo, lo demostraría el revólver del mayordomo. En el yerbal no se habla, se pega.” (173).

Wie in den Zitaten deutlich wird, ist auch in Lo que son los yerbales religiöse Motive einerseits Mittel der Kontrastierung von Nächstenliebe und Ausbeutung, andererseits suggeriert der gottgleiche Vorarbeiter eine absolute, transzendente Macht über Mensch und Natur.

Viento Fuerte (1970 [1950]) ist das erste Werk der nobelpreisgekrönten Bananentriologie von Miguel Ángel Asturias. Es erzählt mehrperspektivisch von der Urbarmachung der guatemaltekischen tropischen Küste für Bananenplantagen der United Fruit Co. alias Tropical Platanera S.A. Die Erzählung wechselt zwischen realistischen Portraits der Ausbeutung von Menschen – gesteuert von souveränen, oft anonymen Machtzentren – und magisch-surrealistischen Beschreibungen der indigenen und criollo Kultur sowie der ‚Natur‘. Allen Akteur:innen, auch den mehr-als-menschlichen, wird Handlungsfähigkeit zugesprochen. Die narrative Dynamik entfaltet sich jenseits von Heteronormativität und Spezismus, wodurch Stereotypisierungen eindämmt werden. Die Bananenpflanze wird als Erlösungssymbol: „Los movimientos de la cuadrilla de corte, al pie del bananal, que semejaba un árbol de la cruz verde, eran como a un Cristo verde convertido en racimo“ (25–26). Doch die Ausbeutungsmaschinerie bringt sie um ihre Existenzen.

Eine geschäftliche und freundschaftliche Verbindung zwischen criollo und expad Akteur:innen führt zur Idee einer alternativen, widerständigen Bananenproduktion – doch sie droht zu scheitern. Der Schamane Rito Perraj aus Semírames beschwört den „Viento Fuerte“, den die US-amerikanischen Angestellten für unmöglich halten. Der Wind zerstört nahezu alle Orte der Plantagengesellschaft – ohne Klassenunterschiede zu machen.

Die Beschwörung wird als Rachefeldzug Hermenegilo Puacs verstanden, der starb, da er keinen physischen Schuldigen für seine Misere fand. Mensch sagte ihm, dass auf einen getöteten Manager ein neuer folgen würde. Schuldig seien „la famosa gente de por allá“ (194). Gegen sie sei nichts auszurichten – man solle nach Chicago schreiben. Hermenegilo weiß jedoch nicht, wo die Stadt liegt. Humorvoll kommentiert die Erzählung: Er wäre zu Fuß gekommen, wenn er gewusst hätte, wo sie sich befindet. Doch selbst dann erscheinen die Gegner unbestimmt: „Y quién es esa gente, preguntaba. Todos, al parecer, sabían quién era, pero sin concretar nada. Chicago. La gente de por allí. Los amos“ (194). 

Seine riesigen Bananen kann er nicht verkaufen: „Gringos hijos de puta, si ellos tienen eso que no se ve y que nos aplasta, contra lo que no se puede pelear ni matando, también nosotros, ¡já!, ¡me capo si no hay venganza!...“ (194). Der Schamane löst eine zerstörerische Kraft aus, die Puacs’ toten Kopf als Opfer fordert (194). Triumphierend lachen beide über die „cabezas secretas que los gobernaban“ (199). Mit der Zerstörung des imperialen Spiels verhöhnen sie ihre Gegner: „Hermenegilo Puac, con su calavera blanca, se reía de los doce millones de plantas de banano que terminaba de derribar el viento fuerte, botándolas de los terrenos húmedos donde parecian sobrepuestas igual que ‘pines’ de boliche“ (199–200).

Die Unsichtbarkeit der Herrschenden – oder auch die Vielgesichtigkeit am Beispiel Lester Stoners, Meads oder einfach nur Cosis –, die Opferung der Bevölkerung und ihr Aufbegehren gegen die Tyrannei der transnationalen Firma samt ihrer detailliert beschriebenen „Köpfe“ (siehe z.B. 49-50 sowie 93-95) verweisen auf Prinzipien von Souveränität. Doch auch die Aufständigen beherrschen über ihr Wissen die ‚Natur‘ und nutzen diese – obschon sie sich dafür selbst opfern müssen. Die Figur des grünen Papsts – „jerarca más alto de la ‚Tropical Platanera S. A.‘“ (93–94) – verbindet Macht, Glauben und Globalität. Anders als in klassischen Herrschaftsmythen eröffnet sie Interpretationsspielräume für die Deutungshoheit des Fortschritts.

Die Organisation der Firma bieten einen Nexus zum Projektschwerpunkt zu Büroliteratur, denn sie erscheint als „maquinaria ciega, implacable, que todo lo convertía a cifras“ (28). Die Angestellten sind „autómatas“ – ohne Risiko, ohne Affekte (28–29). Der grüne Papst selbst ist „ajeno a la vida humana, un ser de números“ (94–95). Seine Macht ist immens: „Mueve un dedo y camina o se detiene un barco. Dice una palabra y se compra una República. Estornuda y se cae un Presidente… Frota el trasero en la silla y estalla una revolución“ (101).

Die ersten Recherchen zu relevanten Primärtexten ergaben sich aus der Lektüre von einschlägiger Sekundärliteratur zu Plantagenliteraturen Lateinamerikas. Ergänzt wurde die Suche durch Prompts in ChatGPT, die über detallierte Recherchen ggf. validiert wurden. Neben der Suche der Begriffe „plantación“ und „plantaciones“ wurden in gängigen Datenbanken wurden die Begriffe caña de azúcar, algodón, cacao, caucho, café, plátano, guineo, cahuete, maní, yerba mate, uvas, tabaco, arroz genutzt.

Innerhalb weniger Monate ergab sich ein Korpus aus über 60 spanisch-, portugiesisch- und französischsprachigen Romanen und Dramen aus Lateinamerika und der Karibik. Die Texte wurden priorisiert und an jenen Texten, die als äußerst relevant eingeschätzt wurden, wurde ein Annotationsverfahren erprobt, dass über Codierungen im Programm MaxQDA realisiert wurde und wird.

Die Vorteile der Codierung ist die visuelle Darstellung, die mehrfache Annotationen der vorher als relevant betrachteten Konzepte zulässt. Dadurch können verschiedene Konzepte oder auch Parameter narrativer Formen markiert und ihre Kookkurrenzen übersichtlich festgehalten werden. Über unterschiedlichen Suchfunktionen können einfach- oder mehrfachcodierte Textstellen angezeigt werden. Anders als bei Zitatensammlungen ermöglicht die Markierung im Text eine leichtere Sichtung des Kontexts in der Erzählung bei gleichzeitiger Verschlagwortung.

Die Nachteile dieser Vorgehensweise ist die mitunter uneinheitliche Codierung durch die verschiedenen Stile und zeitliche Versetzung der Lektüre wie auch die schiere Menge von Codes. Diese müssen, der Übersicht wegen, über- und unterkategorisiert werden. Geschieht dies, so können die Textstellen auch zu thematischen Feldern angezeigt und konsultiert werden. An der Universität Kassel ist die Software kostenfrei nutzbar, für deine Veröffentlichung der Analysedaten bedeutet dies allerdings eine Hürde.


Folgenden thematische Schwerpunkte möchten wir im Rahmen des Projektes bearbeiten:

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Arbeit auf Plantagen und globale Arbeitsteilung

Die Plantage ist das zentrale Strukturelement in der Herausbildung einer Komplementär-produktion in der mittleren bis späten Kolonialzeit Amerikas. Sie fußt auf der regionalen und überregionalen Ausbeutung von Arbeitskraft: Historisch und noch heute beruht sie nicht selten auf Zwangsarbeit. Wie lassen sich die Machtstrukturen der Plantage als agronomisches Dispositiv beschreiben, und in welcher Weise ist in diesen Machtkomplex ‚kleine Souveränität‘ eingelassen? Wie werden die Entrechteten repräsentiert, wie wird der Vorgang ihrer Entrechtung konkretisiert? In diesem Kontext fragen wir, ob die erzählende Literatur nicht nur eine denunzierende Funktion innehat, sondern auch analytische Qualitäten aufweist, die die Einschränkung von Handlungsfeldern oder gar Repressionsmechanismen der Plantage offenlegt.

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Macht und Administration: Paternalismus vor Ort

Hegemoniale Subjektpositionen kümmern sich um die Herstellung von Ordnung und organisieren ‚Überwachen und Strafen‘ auf der Plantage. Strategien des Großgrundbesitzes – und später der transnationalen Industrie – gestalten durch Finanzkraft und Einfluss nationale und globale Politiken und durchdringen darüber hinaus in die Mikrostrukturen der Plantage vor. Das Militär, religiöse Würdenträger, der Vorarbeiter auf den Feldern sowie der Administrationsapparat (hierin besteht ein besonderer Nexus zum Bürodispositiv) sind somit als weitere hegemoniale Subjektpositionen des komplexen Machtnetzes zu verstehen. Wie taucht ‚kleine Souveränität‘ samt ihrer Technologien auf verschiedenen Positionen des Plantagendispositivs auf?

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Wissen und subalterne agency

Die Romane des Untersuchungskorpus werden neben einer macht- und entwicklungskritischen auch aus einer ökofeministischen Perspektive betrachtet. Sowohl Intersektionalitäten von menschlichen als auch die Handlungsmacht von mehr-als-menschlichen Akteuren werden in den Blick genommen. Diese Akteure sind nicht bloße Opfer, wie aber werden handlungsfähig? Welche können sprechen? Welche bleiben ungehört und handeln dennoch? Die Wissensformen welcher Akteure überdauern über welche Formen der Tradierung im Plantagendispositiv?