Plantagen
Publikationen
Witthaus, Jan-Henrik (2025) «Relecturas antropológicas y ecocríticas de Hombres de Máiz (1949) de Miguel Ángel Asturias», Pangeas. Revista Interdisciplinar de Ecocrítica (7), pp. 97–108. doi: 10.14198/pangeas.29724.
Rink, Annika (geplant): "Ressources, résistance et relations interspécifique dans la littérature francophone caribéenne de plantation" Frankoromanistiktag, Universität Kassel, 29.09.-02.10.2026.
Rink, Annika: "Écricultures: Sovereignty, Paternalism and Agency in Autobiographic Plantation Novels of the Caribbean", "Écritures du moi en contexte caraïbéen: regards croisés", Université des Antilles (Martinique), 23.-24.06.2026.
Logbuch zur Recherche
Jiménez Brais Drama in fünf Szenen (2023) spielt auf einer futuristischen Plantage in den 20ern des 22. Jahrhundert, die an der Speerspitze der technologischen Errungenschaften die besten Ananaspflanzen der Welt produziert. Geschildert wird der Einsatz künstlicher Intelligenz und brillianter Wissenschaftlerinnen (!) sowie Verwalterinnen (!). Die Figurenbezeichnungen sind entpersonalisiert und verweisen auf den Beruf („Ingeniera“, „Administradora“), eine klarere klassifizierende Berufsbezeichnung („Patrón“, „Peón“) oder ein Kollektiv („Cuerpo de Peones“, „Grupo de Empresarios“) oder vage Essenzen („Señora“ oder „Multiespecie“, einem pulsierenden, ‚natürlichen‘ Wesen). Unter einem riesigen Kuppelbau wachsen genetisch ‚optimierte‘ Ananaspflanzen, die Grundlage der costaricanischen Wirtschaft unter dem Monopol bei der Pinea Fruit Corporation. Trotz des Ziels klimaneutral zu werden, ist die Umwelt außerhalb der Kuppeln fast komplett zerstört. Die Klassenunterschiede schlagen sich in den Wohnungen nieder, wobei überrascht, dass bei dem augenscheinlichen Grad des technologischen Fortschritts überhaupt noch Arbeiter:innen gebraucht werden. Piña spielt mit den Leser:innenerwartungen. Dass die neuste Ananaskreation roh verköstigt werden kann (409), mag überraschen, während Erzählungen von ‚Fortschritt und Entwicklung‘ wiederum die gängigen neoliberalen Formulierungen reproduzieren und Kontinuitäten implizieren.
Die Handlung entspinnt sich entlang eines Sabotageplans zwischen „Señora“ und „Patrón“, dem Erben des Plantagengründers. Die Frau kommt auf unerklärliche Weise in die gesicherte Schaltzentrale der Plantage und fragt die Verwalterin nach dem patrón. Es stellt sich heraus, dass dieser lieber „David“ genannt werden will, was auf eine Distanzierung zum paternalistischen System in der Identifikation Davids hindeutet. Die Frau deckt im Gespräch mit der Verwalterin auf, dass die Arbeiter:innen trotz Rekordgewinnen des Unternehmens unterbezahlt werden und, dass sowohl die Menschen als auch die Erde ausgebeutet werden (411). Administradora lässt das Argument nicht gelten, antwortet zunächst mit der Formel „¡Piña!“ und führt im neoliberalen Jargon fort: “No podemos detenernos ni una hora. Trabajamos para nosotros… Por Costa Rica. Somos un ejemplo en la plataforma. No hay pobreza… No existe huelga. Somos una comunidad que funciona sin interrupción. ¡La piña nunca faltará!“ (412).
Als die Frau die Abhängigkeit und Fragilität des Systems impliziert, möchte die Verwalterin sie entfernen lassen. Da kommt Patrón auf die Bühne, die beiden sprechen im Schatten der Geräuschkulisse der Multiespecie, um nicht gehört zu werden. Er und Loriana kennen sich über Internetchats und planen einen Re-Set: sie möchten Fehler programmieren, damit die Plantage einfriert und dann ein neues, (umwelt-)gerechtes, gesundes System entwickeln, bevor die Welt kollabiert (413).
Die Plantage friert ein, die Ingenieurin versteht die Welt nicht mehr, ihre Berechnungen waren perfekt (414-416), es scheint als ob „el ecosistema ha despertado por si mismo“ (416). Während Patrón noch versucht menschliche Opfer zu vereiteln organisieren die Peones den Widerstand. Zwischen giftigen Dämpfen und zunehmender Kälte fordern sie die Entlassung der Ingenieurin, die sie in ihren prosperierenden Zukunftsbeschreibungen belogen habe (418). Sie sei die Schuldige für viele Tote. Doch die Arbeiter:innenschaft ist keineswegs geeint. Einige möchten danach wieder an die Arbeit, und eben keine Revolution, um das Land „nach vorne zu bringen“, die Plantage wiederaufbauen. Patrón insinuiert ökologisch und soziale Probleme des Ananansanbaus, einige Arbeiter:innen beginnen von Neuem neoliberale Formeln zu wiederholen. Im Gespräch versteht die Ingenieurin, dass der Patrón hinter der Sabotage steckt, und er versucht, sie für den Aufbau eines alternativen Systems zu begeistern, doch sie entlässt sich selbst (420).
Ein Zeitsprung, 300 Tage Streik, die Multiespecie wird luftiger, auf ihr wachsen Blumen. Señora muss Patrón davon überzeugen, den Zusammenbruch zu initiieren (421-422). In der nächsten Szene beraten sich vier buchstäblichen Herrschaften, Plantagenunternehmer:innen, aus verschiedenen Ländern, zur Streiksituation in Costa Rica, die jedoch auch Nachahmer:innen in Argentinien fand (422). Das weitere Vorgehen solle vom „Gobierno del Tricentario“, denen die Unternehmer:innen einen Bericht schicken, „unabhängig“ (423) entschieden werden. Patrón hat die Runde eingeladen, doch sie möchten nicht von der Ananas abrücken (424). „PATRÓN: ¡La misma medida es la naturaleza! Porque sobre estas tierras no se verá más una corona. Reinará aquí una especie distinta a la nuestra” (424). Die Ananaskrone wird zu einer Souveränitätsmetapher, die im Folgesatz aufgenommen wird: Es herrsche bald eine ‚andere‘ multiple mehr-als-menschliche Spezies ohne menschliches Zutun. Ein Unternehmer droht mit der Überwindung der äußeren Souveränität des Territoriums: “Si hasta [esta noche] no ha sido comunicada la despedida de la ingeniera, le romperán las fronteras las unidades del gobierno” (425).
Zwei Tage später dringen die Arbeiter:innen in die Schaltzentrale der Plantage vor. Sie beklagen ihre Toten und fordern Gerechtigkeit (425-426). Erneut werden die Zukunftsperspektiven einander konfliktiv gegenübergestellt: Zurück zur Arbeit oder hin zu einem neuen System? Die Ingenierin tritt auf und proklamiert technische Lösungen bei aufopfernder Arbeit der peones, letztere einigen sich und schicken sie raus. Die Szene bricht ab, ein Regierungsrepräsentant nimmt die Kuppel ein, keine Technik funktioniert mehr, fast alles friert ein (426).
In der nächsten Szene spricht der überlebende Patrón mit einem Androiden der Regierung. Er versucht zuerst einen guten Eindruck von der Situation zu vermitteln, doch der Android möchte mit ihm über den Neustart, finanziert durch die Regierung, verhandeln (427). Der Repräsentant versucht zu verdeutlichen, dass die Regierung die Übermacht hat, „dicho. Y si no es así... lo doy por enterado” (428). Technische Unterstützung könne die Neuauflage ermöglichen. Patrón entgegnet: „: Máquinas… ¡contra seres humanos! […] ¡Mientras pueda hablar y respirar! ¡No más piña!” (428). Er öffnet die Abdeckung der Multiespecie, die sich ausbreitet. Der Repräsentant stammelt in technischen Aussetzern: “Intenté conversar… ahora me veo obligado a hacer uso de mi pleno poder. Por el riesgo que representa para toda Costa Rica… el Gobierno de la República lo excluye a usted de la dirección de Pinea Fruit Corp. y se producirá la piña bajo la inversión del Estado. ¡En seguida empezamos la recuperación!” (428). Durch die Ausbreitung der Multiespecies sterben Patrón und Señora. Ihr Selbstopfer wird durch Reflexionen zu Grenzen der Entwicklung und eines Neustarts nach der, letztlich anthropogenen, Zerstörung eingeleitet. In Harawayscher Manier spricht Patrón vom Cyborg „La única esperanza que veo es esta nueva especie. Horizontal entre la máquina, lo orgánico y la consciencia” (428). Die Frau hat das letzte – ökofeministische – Wort: “¡Somos compost!” (428). Die Multiespecie bewegt sich und beginnt schließlich zu tanzen (428). Braucht es nach der Apokalypse noch Souveräne?
Jorge Amado schrieb ein Buch (1933), womöglich einen Roman (59 und 61), um die Kakaoplantagen in Süd-Bahía zu beschreiben. Dieser Notiz liegt die spanische Übersetzung zugrunde, die portugiesischen Zitate werden nach der Beschaffung ergänzt. Der autodiegetische Erzähler wechselt innerhalb kurzer Kapitel zwischen cuadros der Plantagengesellschaft und biographischer Erzählungen, die seinen Weg auf die Plantage nacherzählen. Er kommt aus dem Mittelstand, ist gebildet und wurde durch eine Familienfehde mittellos und sieht sich daher als Mittler zwischen den Klassen (10) und versucht den Klassenunterschied mehrfach über seine authentifizierbare Erzählerrolle zu normalisieren (20).
Das Werk ist geprägt von kontrastiven Vergleichen zwischen den Lebensbedingungen der patrones und der peones (6). Die Familie des übergewichtigen Plantagenbesitzers (41) wird als dekandent, im Falle des Sohnes zudem als dümmlich und im Falle der Tochter als arrogant, obschon gebildet, beschrieben. Die weiblich gelesenen Arbeiterinnen werden von Vater und Sohn, patrones, bereits im Kindesalter missbraucht (30), sie ignorieren bestehende Paarbeziehungen der peones (54). Der Erzähler resümiert, dass Liebe nichts für Arbeiter*innen sei:
“Y en nuestras vidas sin amor (existe el amor en las plantaciones de cacao…) teníamos momentos de nostalgia. ¿El amor habría sido hecho solamente para los ricos? Honorio decía en voz alta lo que pensábamos: —Vida de mierda” (33).
Detalliert werden die übrigen Akteur*innen auf der Plantage, aber auch in der Plantagengesellschaft, die die Stadt Pirangi samt Festen und Prostitution einschließt, beschrieben. Das Erzählen vom Paternalismus bildet eine Konstante des Werks. Besondere Aufmerksamkeit verdient der Umstand, dass in Brasilien die patrones mit „coronel“, also einem militärischen Rang bezeichnet werden (6). Polizei und Richter sind in das paternalistische System integriert. Ordnung und klare Hierarchien, die Tochter des patrón idyllisiert die Plantage in ihrer schriftstellerischen Tätigkeit:
„… y son felices en su trabajo honesto. Se divierten, tocan la guitarra aman estiman a los patrones, que son sus padres y maestros. Adoran a los patrones, que en pago los tratan bien, como padres a sus hijos. Quizá por eso, no valen las ideas exóticas de los adoctrinadores, que aparecen en las plantaciones” (50).
Dazu kontrastieren sowohl die Beschreibungen des Ich-Erzählers, der versucht die Subalternen als Subjekte zu inszenieren, die zwar unterworfen, aber eben keine Objekte sind:
“[Los ninos] Fumaban cigarrillos de tabaco picado y bebían grandes tragos de cachaca desde la más tierna infancia. Aprendían a temer al coronel o al capataz, y asimilaban aquella mezcla de amor y odio de los padres hacia el cacao. Rodaban con los chanchos por el barro y aceptaban la bendición a todo el mundo. Poseían una vaga idea de Dios, un ser algo así como el coronel, que premiaba a los ricos y castigaba a los pobres. Crecían llenos de supersticiones y de heridas. Sin religión, sentían al cura como un enemigo. Lo odiaban naturalmente, como odiaban a las cobras venenosas y a los hijos chicos de los patrones. A los doce años los trabajadores los llevaban a Pirangi, a la casa de las putas. Cuando se agarraban la enfermedad mala, se volvían hombres. En lugar de quinientos reis pasaban a ganar mil quinientos. Chiquillada de nombres corrientes: Jodo, José, María, Pedro, María de Lourdes, Paulo, chicos que nunca tuvieron al juguetes ni muñecas. Algunos tenían nombres raros de héroes de novela, aristocráticos: Luis Carlos, Tito Livio, César, Augusto, Jorge, Gilca, Alda. Después descubrí que todos ésos eran ahijados de María, la hija del coronel” (37).
Auch die Figurenrede der peones verleiht ihnen Hörbarkeit der eigenen Stimme, die beispielsweise die Klassendifferenz anhand der Abhängigkeit vom internationalen Börsenmarkt (wie auch 62) reflektiert:
„-Ésta parece una tierra maldita. Allá en Ceará me habían dicho que por aquí corría la plata. | -Plata hubo hace unos dos años. El cacao llegó a cuarenta mil reis. Los coroneles gastaban ele verdad. Ganábamos cinco mil reis por día. | -Juntaron plata? | -Apenas ... Subió todo: la carne seca, la harina, el poroto. Nadie ahorraba. Para uno la cosa siempre es igual, con el cacao bajo o el cacao alto. Para los coroneles, es diferente. Yo hasta me alegro cuando el cacao baja ... | El viejo se volvió al cearense. | -Usted se vino de Ceará justo ahora que mandaron una cantidad de plata para allá ... Los sueldos subieron. Yo lo leí. El gobierno garantizaba que nadie se moriría de hambre. | -Vaya Dios a saberlo. Ellos se tragan la plata y nosotros nos morimos de hambre. No vimos los billetes. Mi mujer murió por el camino y mi hija se quedó en la calle de los siete pecados capitales” (18)
Die Normalisierung der Armut, die über Marginalisierung gerechtfertigt wird (ebenso 40), wirkt wenige Seiten später ironisch:
„Nadie se quejaba. Todo estaba bien. Vivíamos casi al margen del mundo y nuestra miseria no le importaba a nadie. Se vivía por vivir. Muy lejana, se entreveía la idea de que las cosas podían cambiar. Cómo, no lo sabíamos. No todos podríamos ser patrones. Entre mil, apenas se podía enriquecer uno. En la plantación Fraternidad solamente Algemiro había conseguido algo. El patron le había ciado un campo que valía unos treinta cantos, que él le pagaría con las zafras. Entonces, ¿cómo íbamos a salir de esa situación miserable? A veces pensábamos en esas cosas. Principalmente Colodino” (22).
Deutlich werden die Netzwerke, die die paternalistische Plantagenwirtschaft ermöglichen. Der Priester predigt machtstabilisierend:
“El cura, vestido de oro y seda, nos daba envidia. Después hacía un bonito sermón. Afirmaba que la gente debía obedecer a los patrones y a los curas. Que no debía prestarse oídos a las teorías igualitarias (la gente quedaba ansiosa por conocer estas teorías). Amenazaba con el infierno a los malos que se rebelasen. Ofrecía el cielo a los que se conformasen (39)
Auch in Cacao wird ausgiebtig über das Vertrags- und Schulder*innensystem der Plantage berichtet (6). Dass die Vertragsarbeiter*innen als alquilados bezeichnet werden, sorgt beim Ich-Erzähler für Verwunderung:
„Me extrañó la palabra: | - Se alquilan máquinas, animales todo, pero la gente no se alquila. | En las tierras del cur, la gente también se alquila. La palabra me humillaba. Alquilado… estaba reducido a mucho menos que un hombre” (14).
Doch Cacao erzählt auch von den Widerstandsstrategien und der agency der peones und Vorarbeiter wie auch der Prostituierten, die größtenteils über die Solidarität innerhalb der unteren Klasse erfolgreich sind.
“—[…] Matar coroneles me gusta, pero trabajadores no mato. No soy traidor. | Después de mucho tiempo descubrí que ese gesto de Honorio no se llamaba generosidad. Que tenía un nombre mucho más hermoso: conciencia de clase“ (58).
Sie migrieren für bessere Lebensbedingungen oder geben den patrones Widerworte (43ff). Es gibt Betrug in der Schuldenkalkulation und Strafen bei Fehlern der Vor- und Arbeiter*innen (34-35). Der engagierte Ich-Erzähler versucht außerdem Mythen der patrones auflösen. Beispielsweise zitiert er Briefe von Prostituierten und peones gegen die Vorstellung, sie seien Analphabet*innen. Trotz normsprachlicher Alterität, die zuweilen ins Piktoreske umschlagen, zeigt sich jedoch, dass sich diese Personen schriftlich verständigen können (59-69). Revolte sei jedoch nicht möglich:
“Por fin, un día rebajó los jornales a tres mil reis. Yo lidericé la revuelta No volveríamos al campo. Arreglamos todo una noche, en la casa del viejo Valentín […] Joao Grilo fue el último en llegar. Venía de Pirangi y cuando conoció nuestro plan nos desanimó. Ni lo piensen... Llegaron más de trescientos hambrientos que trabajan por cualquier precio... y nos vamos a morir de hambre... —Estamos vencidos antes de empezar a luchar. —Nosotros ya nacemos vencidos... —sentenció Valentín. Bajamos las cabezas, Y al otro día volvimos al trabajo con quinientos reis menos” (62).
Der einstige Arbeiter und jetzige capataz tötete für den patrón und wird besonders von ihm geschützt (21). Algemiro wird zum Teil der Plantagenherren, die folgende Episode skizziert seine mimikry:
“Algemiro también bailaba. […] El capataz amaba aquellas fiestas de la gente rica y se hinchaba de vanidad porque lo trataban bien. Había sido labrador como nosotros y no sabía leer. Hacía catorce años que trabajaba para Mané Frajelo. Consiguió comprar un campo por treinta contos. El coronel le había prestado la plata bajo la hipoteca de las zafras. Toda su ambición era enriquecerse. Nosotros odiábamos al coronel. Pero a Algemiro lo despreciábamos. Sentíamos que no era de los nuestros. Yo, descendiente de familia rica, estaba más cerca de los labradores que él que venía de generaciones y generaciones de esclavos. Mulato, los cabellos rubios y crespos, la ropa azul de casimir, todo, inclinaciones y sonrisas, se reía encantado de las charlas de esas burguesas. Desde afuera nosotros sonreíamos con desprecio” (27)
Im verbalen Schlagabtausch des Protagonisten mit der Tochter des patrón werden zum einen Themen wie Bildung, Hygiene und race angesprochen, auf der anderen Seite versucht der Protagonist die Sterotype der patrona umzukehren oder zu ironisieren. Zwischen Flirt und Selbstvergewisserung betont der Ich-Erzähler seine solidarische Haltung zu seiner Klasse (die als protokommunistisch gerahmt wird [44]) und den Hass gegen das paternalistische System (44ff). Die Romanze führt zu einem hypothetischen Spiel um die Zukunft: wer würde die Klasse wechseln – sie am Ende nicht! (61ff). Der Ich-Erzähler schließt pathetisch zum Abschied von der Plantage:
„AMOR | Al otro día me despedí de los compañeros. El viento balanceaba los campos y por primera vez sentí la belleza del lugar. Miré con nostalgia hacia la casa grande. El amor por mi clase, por los campesinos y obreros, amor humano y grande, mataría el amor mezquino por la hija del patrón. Pensaba así y tenía razón. En la curva del camino me di vuelta. Honorio me decía adiós con la enorme mano. En el patio de la casa grande el viento agitaba los cabellos rubios de María. Partí para la lucha con el corazón limpio y feliz” (64).
Die kurze Artikelserie Lo que son los yerbales wurde von dem Spanier Rafael Barrett geschrieben und verschreibt sich der realistischen Darstellung der menschenunwürdigen Lebensbedingungen der mineros. Die Erzählstimme will mit den textuellen Strategien faktualer Texte die Lesenden mit auf die yerbales nehmen „y con vuestros ojos veréis la verdad“ (157). Dabei beleuchtet der Erzähler das Verhältnis von Staat und ‚moderner Sklaverei‘, die Technologien der Akquise durch Schuldnerverträge (161-162), der Unterwerfung, Bestrafung bei Aufbegehren oder Flucht (174) und Morde sowie Kinderarbeit (163-164) der Yerbaindustrie. Ebenfalls wird über die demographischen Folgen der Vernichtung der Waldarbeiter berichtet, die meist ihre Familien zurücklassen, während die Prostitution in den Unterbringungen floriert (170-171). Neben dokumentarischen Darstellungen durch Bezifferungen der Besoldung, des hintergründigen Finanzsystems und dessen Spekulationen (177-178), die Zitation von Gesetzestexten und Nacherzählungen von Gesprächen mit Erntearbeitern, hat der Text einen appellativen Charakter (164), der über Perspektivwechsel und ironische Mittel Empörung auszulösen vermag und den Fortschrittserzählungen von Industrie und Staat ein Ende bereiten möchte (178-179). Dem Wald und den Pflanzen werden Monströsität und Subjektivität zugeschrieben (166), in denen einige Menschen ‚Gold‘, die meisten aber Ausbeutung oder ihren Tod finden.
Hinsichtlich Souveränitätsdarstellungen, werden in Lo que son los yerbales verschiedene Akteure mit ihr assoziiert. Der Staat habe seine Souveränität eingebüßt, die Ländereien wurden verkauft, die Gesetzgebung entspinnt sich dank korrupter Politiker und Richter an den Interessen der Industrie (157-158):
“Es sabido que el Estado perdió sus yerbales. El territorio paraguayo se repartió entre los amigos del gobierno y Industrial se fué quedando con casi todo. El Estado llegó al extremo de regalar ciento cincuenta leguas a un personaje influyente. Fué aquella una época interesante de venta y arriendo de tierras y de compra de agrimensores y de jueces” (158).
Gegen die Industrie kann er nicht einmal seine äußere Souveränität verteidigen und seiner Schutzpflicht nachkommen: „no supo ni sabe proteger la carne inocente de los ciudadanos. Y la Industrial lleva anualmente la cantidad de víctimas que necesita para llevar a cabo una de las más abyectas explotaciones del mundo moderno” (176). Die Chefs sind jedoch weiterhin mit der Politik verbunden, durch Freundschaft oder Verwandtschaft (160). Barrett stellt ebenfalls transnationale Vergleiche hinsichtlich Ausbeutungstechnologien auf Plantagen an:
„El anticipo es la gloria de los alcahuetes de la avaricia millonaria. Así se arrean los mártires de los gomales bolivianos y brasileños, de los ingenios del Perú. Así se arrean las muchachas del centro de Europa prostituidas en Buenos Aires. El anticipo, la deuda es la cadena que arrastra de lupana en lupanar, como la arrastra el peón de un habilitado a otro. ¡El anticipo!“ (162).
Ferner beschreibt er das Panorama der Yerbahierarchie, in der Paternalismus über die verschiedenen Funktionen der Industrie wirkt:
„Sumad el ejército de los mensualeros, atacadores de mboroviré, troperos de carreta, picadores, boyeros, expedicionarios desprovistos de lo más preciso, obligados a cruzar desiertos y pantanos interminables; chateros a quienes se paga por viaje de un mes y que regresan, entorpecidos por las sequías, después de tres o cuatro meses, de combate aguas arriba, con el pecho tumefacto por el hotador; sumadlo todo, y obtendréis la turba maldita de los yerbales, jadeante catorce, dieciseis horas diarias, para la cual no hay domingo ni otra fiesta que el Viernes Santo, recuerdo del martirio de Jesús, padre de los que sufren...” (167-168)
Die vielzähligen Beschreibungen der Gewaltanwendung reihen sich in realistische Erzähltraditionen ein. Besonders die Figur des capataz ist gewaltverherrlichend dargestellt:
“Aquí no hay más Dios que yo’ dice al nuevo peón una vez por todas el capataz. Y si no bastara el rebenque para demostrarlo, lo demostraría el revólver del mayordomo. En el yerbal no se habla, se pega.” (173).
Wie in den Zitaten deutlich wird, ist auch in Lo que son los yerbales religiöse Motive einerseits Mittel der Kontrastierung von Nächstenliebe und Ausbeutung, andererseits suggeriert der gottgleiche Vorarbeiter eine absolute, transzendente Macht über Mensch und Natur.
Viento Fuerte (1970 [1950]) ist das erste Werk der nobelpreisgekrönten Bananentriologie von Miguel Ángel Asturias. Es erzählt mehrperspektivisch von der Urbarmachung der guatemaltekischen tropischen Küste für Bananenplantagen der United Fruit Co. alias Tropical Platanera S.A. Die Erzählung wechselt zwischen realistischen Portraits der Ausbeutung von Menschen – gesteuert von souveränen, oft anonymen Machtzentren – und magisch-surrealistischen Beschreibungen der indigenen und criollo Kultur sowie der ‚Natur‘. Allen Akteur:innen, auch den mehr-als-menschlichen, wird Handlungsfähigkeit zugesprochen. Die narrative Dynamik entfaltet sich jenseits von Heteronormativität und Spezismus, wodurch Stereotypisierungen eindämmt werden. Die Bananenpflanze wird als Erlösungssymbol: „Los movimientos de la cuadrilla de corte, al pie del bananal, que semejaba un árbol de la cruz verde, eran como a un Cristo verde convertido en racimo“ (25–26). Doch die Ausbeutungsmaschinerie bringt sie um ihre Existenzen.
Eine geschäftliche und freundschaftliche Verbindung zwischen criollo und expad Akteur:innen führt zur Idee einer alternativen, widerständigen Bananenproduktion – doch sie droht zu scheitern. Der Schamane Rito Perraj aus Semírames beschwört den „Viento Fuerte“, den die US-amerikanischen Angestellten für unmöglich halten. Der Wind zerstört nahezu alle Orte der Plantagengesellschaft – ohne Klassenunterschiede zu machen.
Die Beschwörung wird als Rachefeldzug Hermenegilo Puacs verstanden, der starb, da er keinen physischen Schuldigen für seine Misere fand. Mensch sagte ihm, dass auf einen getöteten Manager ein neuer folgen würde. Schuldig seien „la famosa gente de por allá“ (194). Gegen sie sei nichts auszurichten – man solle nach Chicago schreiben. Hermenegilo weiß jedoch nicht, wo die Stadt liegt. Humorvoll kommentiert die Erzählung: Er wäre zu Fuß gekommen, wenn er gewusst hätte, wo sie sich befindet. Doch selbst dann erscheinen die Gegner unbestimmt: „Y quién es esa gente, preguntaba. Todos, al parecer, sabían quién era, pero sin concretar nada. Chicago. La gente de por allí. Los amos“ (194).
Seine riesigen Bananen kann er nicht verkaufen: „Gringos hijos de puta, si ellos tienen eso que no se ve y que nos aplasta, contra lo que no se puede pelear ni matando, también nosotros, ¡já!, ¡me capo si no hay venganza!...“ (194). Der Schamane löst eine zerstörerische Kraft aus, die Puacs’ toten Kopf als Opfer fordert (194). Triumphierend lachen beide über die „cabezas secretas que los gobernaban“ (199). Mit der Zerstörung des imperialen Spiels verhöhnen sie ihre Gegner: „Hermenegilo Puac, con su calavera blanca, se reía de los doce millones de plantas de banano que terminaba de derribar el viento fuerte, botándolas de los terrenos húmedos donde parecian sobrepuestas igual que ‘pines’ de boliche“ (199–200).
Die Unsichtbarkeit der Herrschenden – oder auch die Vielgesichtigkeit am Beispiel Lester Stoners, Meads oder einfach nur Cosis –, die Opferung der Bevölkerung und ihr Aufbegehren gegen die Tyrannei der transnationalen Firma samt ihrer detailliert beschriebenen „Köpfe“ (siehe z.B. 49-50 sowie 93-95) verweisen auf Prinzipien von Souveränität. Doch auch die Aufständigen beherrschen über ihr Wissen die ‚Natur‘ und nutzen diese – obschon sie sich dafür selbst opfern müssen. Die Figur des grünen Papsts – „jerarca más alto de la ‚Tropical Platanera S. A.‘“ (93–94) – verbindet Macht, Glauben und Globalität. Anders als in klassischen Herrschaftsmythen eröffnet sie Interpretationsspielräume für die Deutungshoheit des Fortschritts.
Die Organisation der Firma bieten einen Nexus zum Projektschwerpunkt zu Büroliteratur, denn sie erscheint als „maquinaria ciega, implacable, que todo lo convertía a cifras“ (28). Die Angestellten sind „autómatas“ – ohne Risiko, ohne Affekte (28–29). Der grüne Papst selbst ist „ajeno a la vida humana, un ser de números“ (94–95). Seine Macht ist immens: „Mueve un dedo y camina o se detiene un barco. Dice una palabra y se compra una República. Estornuda y se cae un Presidente… Frota el trasero en la silla y estalla una revolución“ (101).
Die ersten Recherchen zu relevanten Primärtexten ergaben sich aus der Lektüre von einschlägiger Sekundärliteratur zu Plantagenliteraturen Lateinamerikas. Ergänzt wurde die Suche durch Prompts in ChatGPT, die über detallierte Recherchen ggf. validiert wurden. Neben der Suche der Begriffe „plantación“ und „plantaciones“ wurden in gängigen Datenbanken wurden die Begriffe caña de azúcar, algodón, cacao, caucho, café, plátano, guineo, cahuete, maní, yerba mate, uvas, tabaco, arroz genutzt.
Innerhalb weniger Monate ergab sich ein Korpus aus über 60 spanisch-, portugiesisch- und französischsprachigen Romanen und Dramen aus Lateinamerika und der Karibik. Die Texte wurden priorisiert und an jenen Texten, die als äußerst relevant eingeschätzt wurden, wurde ein Annotationsverfahren erprobt, dass über Codierungen im Programm MaxQDA realisiert wurde und wird.
Die Vorteile der Codierung ist die visuelle Darstellung, die mehrfache Annotationen der vorher als relevant betrachteten Konzepte zulässt. Dadurch können verschiedene Konzepte oder auch Parameter narrativer Formen markiert und ihre Kookkurrenzen übersichtlich festgehalten werden. Über unterschiedlichen Suchfunktionen können einfach- oder mehrfachcodierte Textstellen angezeigt werden. Anders als bei Zitatensammlungen ermöglicht die Markierung im Text eine leichtere Sichtung des Kontexts in der Erzählung bei gleichzeitiger Verschlagwortung.
Die Nachteile dieser Vorgehensweise ist die mitunter uneinheitliche Codierung durch die verschiedenen Stile und zeitliche Versetzung der Lektüre wie auch die schiere Menge von Codes. Diese müssen, der Übersicht wegen, über- und unterkategorisiert werden. Geschieht dies, so können die Textstellen auch zu thematischen Feldern angezeigt und konsultiert werden. An der Universität Kassel ist die Software kostenfrei nutzbar, für deine Veröffentlichung der Analysedaten bedeutet dies allerdings eine Hürde.




