Rät­seln über Ti­wa­na­ku

Der eu­ro­päi­sche Blick auf ei­ne alt­ame­ri­ka­ni­sche Rui­nen­stät­te (1550-1876)

Projektverantwortlicher: Dr. Felix Hinz

Das Projekt geht der diskursgeschichtlichen Frage nach, wie europäische Reisende zwischen 1550 bis Ende des 19. Jahrhunderts die bis heute nicht befriedigend gedeuteten materiellen Reste des einstigen urbanen Zentrums Tiwanaku und der kulturell-religiös eng mit ihm verbundenen Insel Titicaca (heute beides Bolivien) wahrnahmen, sie deutend in ihr Weltbild integrierten und sogar dasjenige der dort ansässigen Aymara-Indianer beeinflussten.
Bereits während der Eroberung durch die Pizarros untersuchten erste interessierte Spanier diese beiden Stätten, um die sich schon zur Zeit der Inka zahlreiche Ursprungsmythen rankten, und hinterließen hierüber (beginnend mit Cieza de León, 1549-1550) Aufzeichnungen. In diesen zeigten sie sich von Anfang an beeindruckt von der räumlichen Lage wie auch von der monumentalen Ausgestaltung und stellten hierzu vielfältige, hinsichtlich ihrer Weltsicht aufschlussreiche Überlegungen an.
In Tiwanaku erregten insbesondere die medial zu Toren, Reliefs und Statuen geformten, originär ortsfremden Materialien die Fantasie der reisenden Betrachter, die sie jeweils mit ihren kultureigenen Konzepten zu entschlüsseln suchten. Herausragende Beispiele sind vor allem die monolithischen Statuen, die sowohl für die Indigenen der Conquista-Zeit als auch für die heutigen Aymara völlig atypische Kleidung und damals nicht zufriedenstellend interpretierte Objekte in Händen tragen, aber eine gewisse Ähnlichkeit mit ihre Bibel haltenden Mönchen aufweisen. Schon von den spanischen Eroberern wurden sie daher z.T. als solche identifiziert („El Fraile“). Eine besondere Anziehungskraft auf Besucher übte auch das ebenfalls monolithische sog. „Sonnentor“ aus, dessen Reliefs noch immer zu Spekulationen herausfordern.
Während unklar blieb, warum das einst so bedeutende Tiwanaku an einem scheinbar so ´nichtssagenden´ Ort errichtet wurde, fordert die Lage der Titicaca-Insel, als deren urbane Nachbildung das nahe Tiwanaku gilt, zu einer materiell-medialen, ´heiligen´ Aufladung geradezu auf. Am Rande des Kernbereichs der Inkakultur und bis ins 19. Jahrhundert praktisch nur auf Schilfbooten erreichbar war es ein Ort der Kontemplation und weitsichtigen Betrachtung des Wassers, des Himmels und der Erde. Die Inka und ihre Vorgänger gestalteten diesen Erinnerungsraum auf vielfältige, bis heute schwer zu entschlüsselnde Weise. Doch zog er nach der Conquista angefangen bei Hernando Pizarro auch zahlreiche spanische und indianische Schatzsucher an, die die ursprüngliche räumliche Repräsentation weitgehend zerstörten.
Davon unbeschädigt lebten die Orte in der Erinnerung und in den Legenden der Aymara fort und entfalteten so noch immer ihre normative Kraft. Wissbegierige Reisende erkundigten sich entsprechend ihrer sprachlichen Möglichkeiten oftmals bei den Einheimischen über die Lokalgeschichte der beiden Stätten. Die oral geprägte Aymara-Kultur hatte jedoch nur noch vage Vorstellungen von den ´Viracochas´, den legendären Kulturstiftern, die einst dort gelebt, übernatürlich gewirkt und schließlich den Inka zur Macht verholfen haben sollen. Die Europäer schrieben auf diesen Grundlagen Briefe und Berichte und trugen so einen wesentlichen Teil zur Rezeption der ´rätselhaften´ Titicacaregion in Europa bei. Berücksichtigt man auch die um Idolatrie und Synkretismus besorgten, meist jesuitischen Priester vor Ort (v. a. in Juli) innerhalb des entsprechenden Kommunikationskreislaufs, wird deutlich, dass die Fragen und eigenen Überlegungen der europäischen Reisenden wie auch der Geistlichen ihrerseits Rückwirkungen auf die Mythen und das Selbstverständnis der Aymara haben mussten.
Es geht also gerade nicht um die wissenschaftliche Erforschung des archäologischen, historischen Tiwanaku und der Titicaca-Insel, sondern um die bisher nicht untersuchte vorwissenschaftliche Imagologie, Interpretation und Rezeption dieses Raumes, der als Wiege der andinen Kulturen gilt, bis zu Alphons Stübel (1876). (Max Uhle leitete 1894-96 dann die ersten wissenschaftlichen Untersuchungen in Tiwanaku ein.) Es wird untersucht, inwiefern sich der erweiterte Horizont im Zuge der europäischen Expansion, die Aufklärung und schließlich die Ideen der Französischen Revolution (u. Freiheitsbewegung in Spanisch-Amerika) in den entsprechenden Quellen niederschlug und welche weiteren Faktoren die aus den Darstellungen sprechenden Konzepte beeinflussten.
Zu diesem Zweck werden die Berichte über Tiwanaku und Titicaca anhand von Chroniken, Berichten, Briefen, Notizen, Skizzen, Stichen und frühe Fotografien analysiert.

Stand: 06. Februar 2008