Termin

Titel: Brown-bag-Lunch: Einflüsse von Governance auf Forschungsinhalte...
Startdatum: 27 Januar
Startzeit: 12:15
Stoppzeit: 14:00Uhr
Veranstalter: INCHER-Kassel
Referent:
Professor Dr. Jochen Gläser (Zentrum Technik und Gesellschaft, Technische Universität Berlin) 
Ort: INCHER-Kassel, Mönchebergstraße 17, Universität Kassel, Sitzungsraum 4. Stock
Beschreibung:

Einflüsse von Governance auf Forschungsinhalte: epistemische Bedingungen, Aggregateffekte und Zeithorizonte

Die Frage, wie Governance Forschungsinhalte beeinflussen kann, wird empirisch in der Regel mit einem Fokus auf unmittelbare Mikro-Effekte neuer Governance-Instrumente und ohne die Berücksichtigung der Spezifik der Fachgebiete untersucht. Dafür gibt es methodische Gründe: Da die interessierenden Governance-Instrumente (z.B. Evaluationen und evaluationsbasierte Forschungsfinanzierung) erst unlängst eingeführt wurden, beginnen sich ihre mittel- und langfristigen Wirkungen erst zu manifestieren. Es gibt keine Methoden für die Untersuchung epistemischer Makro-Dynamiken, und auch die die Effekte von Governance modifizierenden epistemischen Eigenschaften der Fächer lassen sich nur schwer erheben. Die theoretische Abschätzung von Effekten aus den Einflussmöglichkeiten, die den Governance-Akteuren prinzipiell zur Verfügung stehen, unterliegt solchen Beschränkungen nicht. Dennoch konzentriert sie sich bislang ebenfalls auf die unmittelbaren Mikro-Effekte.

Das Ziel meines Vortrages besteht darin, die theoretische Abschätzung von Effekten durch die Berücksichtigung makroskopischer epistemischer Bedingungen beeinflussenden epistemischen Bedingungen, möglicher Aggregateffekte und möglicher langfristiger Effekte zu erweitern. Ich werde zeigen, dass die Identifizierung elementarer Mechanismen der Beeinflussung von Forschungsinhalten durch Gläser (2019) in dreierlei Hinsicht unterkomplex ist. Erstens werden zwei wichtige epistemische Operationsbedingungen der Mechanismen nicht berücksichtigt. Die Responsivität individueller Entscheidungen für Governance-Einflüsse hängt auch vom Grad der funktionalen und strategischen Interdependenz der Forschenden in ihren Fachgemeinschaften ab (nicht aber von ihrer methodischen Interdependenz). Zweitens blendet die Betrachtung elementarer Mechanismen Überlagerungseffekte aus, d.h. die wechselseitige Verstärkung oder Abschwächung von Governance-Mechanismen, die dieselben Akteure adressieren. Drittens werden zwei langfristige makroskopische Prozesse ausgeblendet, die zu signifikanten Veränderungen von Forschungsinhalten beitragen können, und zwar die Veränderung kollektiver Identitäten und von Karriereskripten (Laudel et al. 2019).Diese langfristigen Veränderungen werden über Rekrutierungen und fachgebietsinterne Sozialisationsprozesse vermittelt und erfordern deshalb die aktive (wenn auch nicht immer bewusste) Mitwirkung der Forschenden.

Die beunruhigende Schlussfolgerung aus dieser Abschätzung lautet, dass auch schwache Einflussnahmen langfristig signifikante nichtintendierte Nebenwirkungen haben können.

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