Pro­mo­tio­nen

Va­nes­sa Ster­nath

(Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der germanistischen Mediävistik der Universität Kassel)

Ich was du, du wer ich. Die (Un-)Gleichheit von Achill und Patroklos in der mittelhochdeutschen Trojadichtung

Achill und Patroklos sind ein Freundespaar mit Tradition: Bereits bei Homer wird ihre Freundschaft als ideal dargestellt, in der Spätantike und im Mittelalter entstehen zahlreiche lateinischsprachige und mittelhochdeutsche Bearbeitungen wie Herborts Liet von Troye und Konrads Trojanerkrieg, und selbst in der Neuzeit erfreut sich der Trojastoff weiter Verbreitung.

Um die Symmetrie dieser Freundschaftsbeziehung untersuchen und herausfinden zu können, wie sie funktioniert, wird vom Freundschaftsbegriff Ciceros ausgegangen: Im Laelius de amicitia, der im Mittelalter zur Schullektüre gehörte, betont der Rhetor und Philosoph, wie wichtig es ist, selbst ein guter Mensch zu sein, bevor man sich einen Freund sucht. Denn nur dann könne man diesen so behandeln wie sich selbst, was das Wesen der Freundschaft ausmache. In diesem Sinne ist der Freund ein alter idem, ein "anderes Selbst". In einem zweiten Schritt wird diese Theorie auf die mittelhochdeutschen Trojatexte angewandt und herausgearbeitet, was sich daraus für die (A-)Symmetrie der Freundschaft von Achill und Patroklos ergibt und welche Bedeutung die Umwälzungen von heroischer Kriegergefolgschaft zur höfischen Kultur dafür haben. Ebenso gilt zu untersuchen, ob die beiden Freunde je ein Defizit haben, das der andere ausgleicht, und ob Achill und Patroklos eigentlich eine in sich widerspruchsvolle Figur sind, die aber in zwei verschiedene Figuren aufgespaltet wurde, sie also die zwei Seiten eines alter idem darstellen.

Gerade die Mediävistik steht an einer Gelenkstelle, von der aus man in beide Richtungen blicken kann: Eine umfassende Analyse des Themas ist nur unter Zuziehung der lateinischen Prätexte, der mittelhochdeutschen Bearbeitungen und der dadurch zustande kommenden Bereitstellung des Verständnishorizontes der neuzeitlichen Versionen möglich, was die bisherige Forschung vernachlässigt.


Jo­han­na Kahl­mey­er

(ehem. Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der germanistischen Mediävistik der Universität Kassel)

Lieb, zorn, forcht. Zur Darstellung von Emotionen in Georg Wickrams Metamorphosen und seiner antiken und mittelalterlichen Vorlage

Georg Wickram ist bislang vornehmlich als einer der ersten Autoren deutscher Prosaromane in den Blick der Forschung geraten. Seine Auftragsarbeiten - darunter auch sein umfangreichstes Werk, die Metamorphosenbearbeitung - bleiben weitgehend unberücksichtigt. Das Dissertationsvorhaben widmet sich diesem Desiderat und verfolgt als zentrales Anliegen einen Vergleich des Werkes mit seinen Vorlagen. 

Die Metamorphosenbearbeitung wurde von Ivo Schöffer in Auftrag gegeben und 1545 von Georg Wickram fertig gestellt. Als direkte Vorlage dient die Metamorphosenbearbeitung von Albrecht Halberstadt (um 1200), der wiederum die Metamorphosen Ovids übertragen hat. Das genaue Verhältnis der drei Autoren zueinander gilt es zu untersuchen.

Am Beispiel der Darstellung von Emotionen soll zum einen ergründet werden, wie Wickram seine Quellen transformiert, und zum anderen systematisch erforscht werden, über welche Techniken der literarischen Gestaltung Wickram z.B. in Hinblick auf Figurengestaltung verfügt. Darüber hinaus sollen paratextuelle Mittel der Textgestaltung wie Glossierung, Holzschnitte und der begleitende Kommentar des Gerhard Lorichius in den Blick genommen werden. Es steht zu vermuten, dass sich die Arbeit an den Metamorphosen auch auf die späteren Werke Wickrams auswirkt, in denen ein antikes Figureninventar eine Randposition einnimmt. 


An­na-The­re­sa Kölc­zer

(ehem. Wissenschaftliche Mitarbeiterin im LOEWE-Schwerpunkt "Tier-Mensch-Gesellschaft")

Die Welt im Tier. Zur Konstruktion von Tier-Mensch-Beziehungen im mittelhochdeutschen „Physiologus“ und in Konrads von Megenberg „Buch der Natur“

Das Mittelalter wies einerseits eine historisch spezifische Relationierung von Tier, Mensch und Gesellschaft im Vergleich zur Neuzeit auf, produzierte aber andererseits bereits Einordnungen und Abgrenzungen, die die modernen Deutungsmuster prägen. Der „Physiologus“ gehört hierbei auch in seiner deutschen Bearbeitung zu den zentralen Texten. Er präsentiert den ‚Naturkundigen‘ als seinen Gewährsmann und eröffnet aus einer griechisch-spätantiken Tradition heraus eine christlich-allegorische Deutung des Verhältnisses von Tier, Mensch und Gesellschaft. Darin lassen sich Konzepte und Probleme der Erfassung und Repräsentation des Tier-Mensch-Verhältnisses fokussieren. Motivgeschichtlich zeigt sich, dass dieses vielfach redigierte Textkorpus je nach Textgestaltung eigene narrative, argumentative, moralisierende und illustrative Muster ausbildet. Ziel ist, die Konzepte und Probleme der Erfassung und Repräsentation des Tier-Mensch-Verhältnisses in zwei differenten Textgattungen zu untersuchen. Das Mitte des 14. Jhs. entstandene illustrierte „Buch der Natur“ von Konrad von Megenberg dient als Referenztext und Gegenmodell, weil es bis in die Frühe Neuzeit hinein eines der einflussreichsten Naturbücher des deutschsprachigen Mittelalters war. Es bot ein Kompendium des Wissens über die ‚natürlichen Dinge‘ und ist ein Schlüsseltext zwischen traditionsbewussten, allegorischen Naturbetrachtungen und einer zunehmend ‚naturwissenschaftlichen‘ Anschauung der Welt.

Erstmals soll eine systematische Aufarbeitung literarhistorischer Tierentwürfe vorgenommen werden, bei der nicht nur einzelne Wissensbestände anderer Disziplinen herangezogen werden, sondern bezüglich der theologischen Diskurse und des Verhältnisses von textlichen Narrativen der Tier-Mensch-Relationierung zu den bildlichen der illustrierten Handschriften ein wirklicher Austausch praktiziert wird. Ziel des Projektes ist es zu zeigen, wie das Tier in Diskursen zum Medium von Erkenntnis, Vergegenwärtigung, Strukturierung und Deutung der Welt wird und so bis in neuzeitliche Formen literarischer Repräsentation des Tier-Mensch-Verhältnisses hineinwirkt.