Ak­tu­el­les

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Ver­an­stal­tun­gen

Im Jahr 1941 schrieb Stefan Zweig im brasilianischen Exil das Buch „Brasilien. Ein Land der Zukunft“. Der Buchtitel galt in Brasilien für Jahrzehnte als Beiname des Landes. Gerechtfertigt wurde dies, da trotz massiver Probleme die Bevölkerung auf ausländische Besucher stets Hoffnung – also Zukunft - ausstrahlte. Oft wurde von den Brasilianern und Brasilianerinnen der melancholisch-ironischen Zusatz angefügt ... eine Zukunft, die wir nie erreichen werden.
Dann geschah das Unwahrscheinliche. Mit der Wahl des linken Kandidaten Luiz Inácio Lula da Silva zum Präsidenten, der sein Amt am 1.1. 2003 antrat, hatte Brasilien seine Zukunft erreicht. Die ersten Jahre seiner Regierung waren von einem breiten gesellschaftlichen Aufbruch und Zukunftsgestaltung geprägt. Die Ernüchterung trat ein. Derzeit wird Brasilien von einem rechtsradikalen Präsidenten regiert. Von Aufbruch und Hoffnung ist wenig zu spüren. Seine Wiederwahl würde Brasilien zum Land der Vergangenheit machen. Aber was könnte die Zukunft sein? 
Brasilien ist heute ein tief gespaltenes Land. Die Frage, ob es noch ein Land der Zukunft oder doch der Vergangenheit ist, werden die Vortragenden aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten.


Vorträge jeweils Do. 18 – 20 Uhr, Hörsaal 4, Arnold-Bode-Str. 12, auf dem Campus Holländischer Platz in
Kassel

Die Teilnahme ist für max. 100 Personen in Präsenz möglich oder sie können sich zur online Teilnahme per
Zoom bei Frau Klein anmelden p.klein[at]uni-kassel[dot]de.

 

Do 05.05.22: Regina Reinart: Gott ist Brasilianer! Hat er aber derzeit einen Asylantrag gestellt?
Im einst überwiegend katholischen Brasilien mischen heute andere Konfessionen mit. Der Anteil der Katholikinnen und Katholiken ist gesunken, die Bevölkerung, die sich als evangelikal oder auch als nicht-gläubig bezeichnet, steigt. Dabei heißt es in Brasilien: „Deus é brasileiro“ („Gott ist Brasilianer“). Was steckt dahinter? Und inwiefern steckt – ähnlich wie in Deutschland - auch die katholische Kirche Brasiliens in der Krise. Hat die einst so bedeutende Theologie der Befreiung an Inspirationskraft verloren?

 

Do. 12.05.22: Christian Russau: Mit wem bist du noch solidarisch?
Die einst so starken sozialen Bewegung Brasiliens, die anziehend und faszinierend für viele politisch Engagierte waren, stehen heute enorm unter Druck, viele Politikerinnen und Politiker, denen vertraut wurde, waren in Korruptionsskandale verwickelt. Was fasziniert und begründet heute noch eine engagierte Solidarität und mit wem überhaupt?

 

Do. 19.05.22: Hat der Cerrado eine Zukunft? Buchvorstellung
Der brasilianische Cerrado ist die artenreichste Savanne der Erde. In wenigen Jahrzehnten wurde die Hälfte des Cerrado vernichtet. Seine traditionellen Völker und Gemeinschaften sind bedroht. Das Buch Cerrado möchte eine breite wissenschaftliche, gesellschaftliche und politische Debatte über diese wichtige, aber übersehene Weltregion in Gang setzen.


Do. 02.06.22: Clarita Müller-Plantenberg: Was wollen die Indigenen noch?
Von Beginn der Eroberung sank die Zahl der Indigenen von etwa fünf Millionen auf unter 200.000 in den 1960er Jahren. Heute wächst die Zahl der Völker in Brasilien und auch das demographische Wachstum ist beachtlich und viele Territorien wurden ausgewiesen. Haben die Indigenen ihre Zukunft erreicht?


Do. 09.06.22: Thomas Fatheuer: Gibt es eine politische Zukunft?
Brasilien steht im Oktober eine Schicksalswahl bevor. Die Wiederwahl des derzeitigen Präsidenten wäre eine Katastrophe und der Weg in ein weitere Zerstörung von Umwelt und Demokratie. Kann es eine hoffnungsvolle Zukunft mit anderen politischen Konstellationen in einer verwirrenden Parteienlandschaft geben? Wie sehen die politischen Alternativen aus, für welche Perspektiven stehen sie?


Do. 30.0622.: Dieter Gawora: Brasilien Land der Zukunft oder der Vergangenheit?
Der Versuch der Beantwortung einer Frage.

 

Trying to build some togetherness in times of "social distancing". All welcome!

We are currently reading and discussing “The Nutmeg’s Curse. Parables for a World in Crisis” by Amitav Ghosh.

Please check here for information to the upcoming sessions.

Call for Pa­pers

In der öffentlichen Kommunikation erscheint er als große Ausnahme: ein großer Krieg in Europa, erstmals seit 1945. Angesichts der Kriege um die Auflösung Jugoslawiens während der 1990er Jahre (einschließlich des NATO-Bombardements und der ersten deutschen Kriegsbeteiligung seit dem Zweiten Weltkrieg unter einer rot-grünen Regierung) und des fortwährenden Kriegs der Türkei gegen die kurdische Bevölkerung ist dies nicht ganz zutreffend. Dennoch verweist die jetzt viel berufene „Zeitenwende“ auf die Notwendigkeit und Herausforderung, das globale Gewaltregime neu zu reflektieren. Offensichtlich sind Kriege in anderen Weltregionen als im größten Teil Europas, in Nordamerika, in Ostasien und Ozeanien während der vergangenen Jahrzehnte in viel stärkerem Maße Normalität gewesen, als dies im öffentlichen Bewusstsein zumal in Deutschland ernsthaft wahrgenommen wurde. Oder sie wurden zwar wahrgenommen, aber ein Krieg im vermeintlich zivilisierten Europa wird gänzlich anders bewertet: eben nicht als Normalität, sondern als „Zeitenwende“. Ein Ausdruck dieses Umstandes ist aktuell das anhaltende, deutliche Ungleichgewicht zwischen der Wahrnehmung der Schrecken des Krieges in der Ukraine einerseits, im Jemen andererseits. Die Lieferung auch deutscher Waffen an Parteien in diesem Krieg, zumal an Saudi-Arabien oder auch Ägypten unterstreicht dies. Zu dieser nach wie vor in den Hintergrund der öffentlichen Kommunikation gedrängten Wirklichkeit gehören auch die Orientierung der Bundeswehr auf Auslandseinsätze und die Erfahrungen damit, die auch für diejenigen nicht ermutigend sein können, die sich einer grundlegenden Kritik verweigern. Die Zusammenhänge zwischen der militärischen Intervention wichtiger westlicher Staaten – freilich nicht Deutschlands – 2011 in Libyen und dem darauff olgenden Gewaltgeschehen in der Großregion Sahara sind dafür ein zentrales Beispiel. Dies gilt insbesondere angesichts aktueller Zuspitzungen, die mit dem quasi-offiziellen Scheitern zentraler Aspekte der europäischen Mali-Einsätze, dem Vordringen auch militärisch agierender islamistischer Gruppen und dem Auftreten der Gruppe Wagner, die anscheinend im russischen Auftrag handelt, schlaglichtartig, wenn auch unvollständig benannt werden können. Letztere Dimension verknüpft exemplarisch das Kriegsgeschehen sowohl in wesentlichen Teilen Afrikas wie im Nahen Osten unmittelbar mit dem Krieg in der Ukraine. Und sie erinnert auch daran, dass Parteien in Kriegen und Konflikten eben nicht nur Staaten, sondern Gruppierungen wie Terrorgruppen, Paramilitärs oder Söldner sind. Ihr Agieren speist sich oftmals aus einem Mix aus ideologischen, religiösen und ökonomischen Motiven.

Eine weitere Dimension des Kriegs gegen die Ukraine betrifft das Abstimmungsverhalten einiger wichtiger Staaten des Globalen Südens – neben China und Indien ein Großteil der afrikanischen Staaten – in den UN-Gremien und damit ihre Positionierung zu diesem Konflikt und hier implizierte Bündnisse. Die Enthaltung in der UN-Generalversammlung hat u.a. eine lebhafte Debatte in Südafrika ausgelöst – u.a. über die Frage, mit welchem der Staaten, die beide Teil der den Anti-Apartheids-Kampf unterstützenden Sowjetunion waren, man nun verbunden sein sollte. Übergreifend stellen sich auch Fragen an die mit dem Wechsel im deutschen Außenministerium angekündigte feministische Außenpolitik. Diese, wie auch postkoloniale, antirassistische und antinationalistische Perspektiven auf Weltpolitik, sehen sich in der Defensive. Ihnen wird in Zeiten der Forderung nach Wehrhaftigkeit und der Orientierung auf starke Männer fehlende Eindeutigkeit und pazifistische Naivität vorgeworfen. Ein weiterer besorgniserregender Aspekt ist das offene racial profiling durch ukrainische, polnische und deutsche Behörden im Umgang mit Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine. Dass Menschen die Flucht aus einem Kriegsgebiet entlang rassistischer Einteilungen ermöglicht, erschwert oder verunmöglicht wird, verursacht mehr als einen bitteren Beigeschmack in der derzeit viel beschworenen Solidarität in Europa. Die Ungleichheit, mit der Geflüchtete konfrontiert werden, zeigt sich am anhaltenden mörderischen Regime im Mittelmeer und sinnbildlich an der Willkommenskultur gegenüber weißen Ukrainer*innen in Polen einerseits, der im Bau befindlichen Mauer an der Grenze Polens zu Belarus andererseits. Neben der Beschreibung der Zusammenhänge und dem Bemühen, sie zu systematisieren und zu verstehen, stellt uns der Umschlag in der öffentlichen Diskussion in Deutschland hin zu einer positiven Besetzung der Militarisierung von Politik, kommuniziert als „Zeitenwende,“ auch vor die Notwendigkeit grundlegender Überlegungen zu Krieg und Frieden. Diese Thematik hat die PERIPHERIE immer wieder beschäftigt, angefangen von der kritischen Auseinandersetzung mit bewaffneten Befreiungskämpfen und ihren Folgen bis hin zu Weichenstellungen wie dem Zweiten Golfkrieg (Nr. 42 [1991]), von Fragen der Intervention und Besatzung (Nr. 55/56 [1994]; Nr. 79 [2000]; Nr. 84 [2001]; Nr. 116 [2009]) über die Folgen des Terroranschlags vom 11. September 2001 (Nr. 88 [2002]) und Grundfragen der „Sicherheit“ (Nr. 122/123 [2011]) bis hin zur Fragestellung von „krieg macht geschlecht“ (Nr. 133 [2013]) und nicht zuletzt immer wieder zur Erfahrung mit der Besetzung Afghanistans ab 2001/02. Die katastrophale Zuspitzung im Osten Europas stellt gewiss diese Debatten auf den Prüfstand, diese können jedoch auch umgekehrt zu einer Einordnung helfen, die eurozentrisches Denken konterkariert, also auch fragt, was so anders ist an dieser jetzt in Europa virulenten Situation gegenüber den andauernden Kriegen im Globalen Süden. Die viel unmittelbarere Gefahr eines alle vernichtenden Atomkrieges ist zweifellos ein eklatanter und bedenkenswerter Unterschied gegenüber den zahlreichen „Stellvertreterkriegen“ der Vergangenheit. Eine andere Fragestellung betrifft die Bedeutung des Imperiums und kolonialer Herrschaft für die (einstige) Machtsphäre des Zarismus und der Sowjetunion. Zugleich sind aber auch Fragen neu zu bedenken, die die oben angesprochenen Konflikte immer begleitet haben. Sie betreffen die zumal durch den Kosovo-Krieg 1999 entschieden aufgeworfene Frage des Völkerrechts, seiner Geltung und Durchsetzung ebenso wie Möglichkeiten und Formen regionaler Friedensordnungen, die seit Langem nicht nur für Europa, sondern etwa auch für die WANA-Region (Westasien und Nordafrika) diskutiert werden – wie wir gerade aktuell wissen, mit allzu geringem praktischem Erfolg. Dennoch bleibt diese Debatte notwendig. Weiterhin grundlegend bleiben auch Fragestellungen, die lange unter den Stichworten „Gesinnungsethik“ und „Verantwortungsethik“ diskutiert wurden, wobei sich auch in Beiträgen in der PERIPHERIE als strittig erwies, welche Antworten auf die Fragen von Krieg und Frieden der einen oder der anderen Seite zuzurechnen wären.

Für ein Heft, das auf die aktuelle Zuspitzung reagiert, sind uns Beiträge zu den folgenden Themen besonders willkommen:

  • Regionale Friedensordnungen als realistische Perspektive
  • Wer Frieden will, muss Frieden machen – oder den Krieg vorbereiten?
  • Ethische Fragen nach Krieg und Frieden
  • Globalisierung von Kriegsgeschehens und Kriegsfolgen
  • Die Kriege in der Sahara und ihre überregionalen Gründe und Auswirkungen
  • Folgen der Regionalkriege in der WANA-Region
  • Strategien von Staaten des Globalen Südens angesichts der Konfrontation in Europa
  • Feministische Außenpolitik auf dem Prüfstand
  • Eurozentrismus in der Konfliktwahrnehmung
  • Der Ukraine-Krieg und das internationale Migrationsregime – Diskriminierung zwischen Geflüchteten
  • Russischer Imperialismus: osteuropäische Perspektiven
  • Unterschiedliche Kommunikationen/Kommunikations- und Bildstrategien der Kriege – wozu dienen sie.

 

Redaktionsschluss für Artikel ist der 31. August 2022.

Manuskripte, Rücksprachen zu möglichen Beiträgen und weitere Fragen richten Sie bitte an info[at]zeitschrift-peripherie[dot]de. Weitere Hinweise für Autor*innen stehen auf unserer Website unter https://www.zeitschrift-peripherie.de zum Herunterladen bereit

Stel­len­aus­schrei­bun­gen

Im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Fachgebiet Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien (Prof. Dr. Aram Ziai), ist zum 16.09.2022 die folgende Stelle zu besetzen:

Wissenschaftliche:r Mitarbeiter:in (m/w/d), EG 13 TV-H, befristet, Teilzeit (derzeit 20 Wochenstunden)

Das Sozialunternehmen Vielfaltsprojekte, welches mit Bildungs- und Beratungsformaten an der Vision einer diskriminierungsfreien und inklusiven Gesellschaft arbeitet, besteht aus einem Team von zehn Mitarbeitenden aus den Bereichen der Geistes- und Sozialwissenschaften und sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt Pflichtpraktikant:innen. Die Stellenausschreibungen für die Praktika sowie weitere Ausschreibungen des Unternehmens gibt es hier.

Ver­öf­fent­li­chun­gen und Bei­trä­ge

Zwei Videos, in denen Prof. Dr. Aram Ziai anschaulich die wichtigsten Aspekte zu Post-Development und den Sustainable Development Goals erklärt, sind jetzt auf Youtube verfügbar:

Post Development - Questioning the whole paradigm

The SDGs: Old Wine in new Bottles?

Im Ramen eines Beitrags für Deutschlandfunk Kultur hat sich Aram Ziai mit Stephanie Rohde über Kritik an Entwicklungspolitik unterhalten.

Das Gespräch finden Sie hier.

Das aktuelle Special Issue ‘Race and Imperialism in International Relations: theory and practice’, mit herausgegeben von Dr. Jenna Marshall und Dr. Jasmine K. Gani, ist derzeit frei zugänglich (open acces).

Link zum Special Issue 

Das Goethe-Institut in München hat Prof. Dr. Aram Ziai zum Thema der Sustainable Development Goals (SDGs) interviewt.

Das Interview finden Sie hier.

Das Schwerpunktheft "Schwarze Feminismen/Black Feminisms" der Femina Politica. Zeitschrift für feministische Politiwissenschaft ist erschienen - von Denise Bergold-Caldwell, Christine Löw und Vanessa Eileen Thompson. 

Link zum Schwepunktheft:  https://budrich-journals.de/index.php/feminapolitica/issue/view/2932

Folgende zwei Beiträge sind frei zugänglich (open access):

  • Bergold-Caldwell, Denise/Löw, Christine/Thompson, Vanessa Eileen: Schwarze Feminismen – Verflochtene Vermächtnisse, Kritische Gegenwartsanalysen, emanzipatorische Horizonte, Femina Politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft, 2-2021, S. 9-22. https://doi.org/10.3224/feminapolitica.v30i2.02
  • Thompson, Vanessa Eileen/Bergold-Caldwell, Denise/Löw, Christine: Black Feminisms: Entangled geopolitical, historical and contextual backgrounds in conversation. Interview with Hakima Abbas, Maisha Auma, Noémi Michel und Margo Okazawa-Rey, Femina Politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft, 2-2021, S. 120-141. https://doi.org/10.3224/feminapolitica.v30i2.10

Im Rahmen des Podcasts "War da was?" der Radiosendung südnordfunk wurde die Politikwissenschaftlerin Lucia Fuchs, die ihre Dissertation bei Prof. Dr. Aram Ziai geschrieben hat, zu kolonialen Kontinuitäten in internationalen Freiwilligendiensten interviewt.

Den Beitrag finden Sie hier

Das Heft umfasst unter anderem folgende Beiträge:

  • Anil Shah: Kann die Subalterne zahlen? Die kolonialen Wurzeln der Finanzialisierung sozialer Reproduktion in Indien
  • Juvaria Jafri: Schattenbanken und der Ausbau eines inklusiven Finanzwesens im globalen Süden
  • Paula Haufe: Warum das Mikrofinanzwesen trotz eminenter Kritik fortbestehen kann. Eine diskursanalytische Erklärung anhand der Analyse von Subjektpositionen von Entwicklungsfinanziers in Indien
  • Frauke Banse: Der „globale Pool privaten Geldes“ in Afrika Anleihemärkte in lokaler Währung und die deutsche Entwicklungszusammenarbeit
  • Carsten Elsner / Franziska Müller / Manuel Neumann / Simone Claar: Finanzialisierung und „de-risking“ in Sambias Energiewende: Perspektiven für nachhaltige Entwicklung? (im Open Access verfügbar)
  • Frauke Banse / Anil Shah: Die Geopolitik von Finanzialisierung und Entwicklungspolitik. Interview mit Ilias Alami

Peripherie 162-163: Finanzialisierung und Entwicklungspolitik

Blogeintrag von Prof. Dr. Aram Ziai

The endeavour of ‘decolonising’ is very much on vogue (not only, but also) in recent discussions and debates in academia and Higher Education. But what does this claim practically and tangibly entail for academia generally and development research and development studies specifically? In this blog, I want to  briefly outline what I see as eurocentric or even colonial structures in development studies in terms of its knowledge basis and its knowledge production before pointing to possible ways of decolonising development research.

Vollständiger Blogpost  "Decolonising Development Research: Why it is urgently needed and what steps must be taken"

Die deutsche Afrikapolitik zeichnet sich in den vergangenen Jahren durch internationale Initiativkraft und den Anspruch einer „Partnerschaft auf Augenhöhe“ aus. Dabei deutet der Blick auf Machtkonstellationen in den Kooperationen darauf hin, dass entgegen des eigenen Anspruchs Ungleichheiten reproduziert statt aufgebrochen werden.

Ein historischer Blick auf deutsch-afrikanische Beziehungen zeigt, dass das koloniale Erbe die Zusammenarbeit bis heute stark prägt. Die Erörterung gegenwärtiger Konfigurationen und Akteur*innen der deutschen Afrikapolitik ergibt ein mäßig koordiniertes Mosaik von Vorhaben, das sich auch nach geopolitischen Interessen richtet. Als zentrale innenpolitische Legitimation für deutsche Vorhaben offenbart sich der Imperativ der Migrationsminderung, der menschenrechtlich problematisch ist. Richtungsweisend ist zudem eine Außenwirtschaftsförderung unter marktliberalen Gesichtspunkten, die auf lokaler Ebene polit-ökonomische Risiken mit sich bringt. Die zukunftsträchtige klimapolitische Zusammenarbeit ist gegenwärtig durch deutsche Transformationsvisionen dominiert, während in kulturpolitischen Vorhaben Ansätze selbstkritischer Partnerschaftlichkeit sichtbar werden. Der Beitrag schließt mit praktischen Perspektiven emanzipatorischer deutsch-afrikanischer Kooperationen.

Die deutsche Afrikapolitik: Erneuerung einer ungleichen Zusammenarbeit? - PDF auf Deutsch

La politique africaine de l’Allemagne : vers la reconduction d’un modèle de coopération asymétrique ? - PDF en français

The German government as well as the European Commission claim to start a new area of equal partnership with African countries: “(…) the days of ‘aid’ and of ‘donors and recipients’ [must be] put behind us” (BMZ 2017, 4). One main tool for this assumed new partnership is the increased role of private companies ‒ be it by way of financing or direct investment.

This study analyses the recent and most prominent initiatives of the German Government and the European Commission vis-à-vis the African continent and their reference to private sector promotion. The initiatives looked at are: 1) the German driven Compact with Africa (CwA), 2) the Marshall Plan with Africa of the German Ministry for Economic Cooperation and Development (both 2017), 3) the Entwicklungsinvestitionsfonds (Development Investment Fund) of diverse German Ministries (2019) as well as 4) the External Investment Plan (EIP) (2017) of the European Commission and 5) the Post-Cotonou Agreement between the European Commission and, among others, African states. - Banse 2021, 6 (Executive summary)

Private Sector Promotion for Development? - PDF

Im Zuge der Berichterstattung zur Budestagswahl 2021 hat die tageszeitung Prof. Dr. Ziai zum Thema deutsche Entwicklungspolitik interviewt. Das volle Interview gibt es hier.

Im Zuge des vom Fachgebiet unterzeichneten "Statement on the Threat of Academic Authoritarianism" interviewte die HNA Prof. Dr. Ziai. Das Interview ist hier einsehbar.

This podcast launches a collaboration between the Wits Centre for Diversity Studies and the Convivial Thinking Collective.

We are discussing the particularities and intersections of critical diversity studies and convivial thinking, and go in depth on questions of pedagogies, curriculums, race, gender, development studies, post-development studies and much more.

Speakers of this issue: Prof. Melissa Steyn, Dr. William Mpofu, Dr. Hayley McEwen, Dr. Aftab Nasir, Dr. Julia Schöneberg

Host: Dr. Sayan Dey

Episode 5 - A conversation on convivial thinking and critical diversity literacy

For a general overview of the episodes of this podcast, click here.

 

The conversation is part of the series ‘Here comes Columbus’.

Information provided by the hosts: Before boarding the caravel to the New World, there are a few things you should know. We are taking the opposite route of Columbus and sailing towards decoloniality, degrowth and relearning. Sit tight and unwind with Here Comes Columbus as we will sail towards the new horizons of progress.

The series is curated by Alvise Scarabosio, Anisha de Vries, Anna Brautingam & Marianna Martins.

The interview can be listentened to on soundcloud.

Zapatistas betreten europäischen Boden und benennen den Kontinent in "Rebellisches Land" um

Vigo, Galizien. Es war stürmisch am Hafen von Vigo, Nordwest-Spanien, am vergangenen Dienstag, als über 500 soziale und ökologische Aktivist*innen die seit Oktober angekündigte Delegation der linksgerichteten zapatistischen Befreiungsarmee EZLN aus Chiapas, Mexiko, sichtlich aufgeregt erwarteten. Der gesamte Weg vom Kai zum Veranstaltungsort wurde mit solidarischen Transparenten in diversen Sprachen geschmückt, darunter Slogans wie „Mit offenen Armen, offenen Herzen und erhobenen Fäusten heißen wir Euch willkommen!“

Gegen 18 Uhr war es soweit: Zum ersten Mal, 500 Jahre nach der vermeintlichen Eroberung Lateinamerikas, legten die indigene Rebell*innen mit einem kleinen Boot an und betraten europäischen Boden. Sie wurden unter euphorischem Jubel mit Parolen wie „Zapata lebt! Der Kampf geht weiter!“ begrüßt. Die „umgekehrte Invasion“, wie die Zapatistas es humorvoll und gleichzeitig mahnend nennen, hat nun begonnen.

Zunächst wurde die Delegation am Strand von Vertreter*innen von Kollektiven aus unterschiedlichen Ländern begrüßt.

Alle bekundeten ihre tiefe Solidarität mit den Zapatistas und stellten kurz ihre Kämpfe vor. Schwerpunktthemen - wie bei den Zapatistas - waren antipatriarchale, antikapitalistische und antirassistische Kämpfe, der entschlossene Einsatz gegen Umweltzerstörung sowie die Forderungen nach politischer Autonomie und für Ernährungssouveränität weltweit.

Danach begann ein festlicher Akt auf einer großen Wiese. Die Zapatistas betraten als erste die Bühne. Die ersten Worte der EZLN, die von Marijosé vorgetragen wurden, lauteten: „Im Namen der zapatistischen Frauen, Kinder, Männer, Alten und selbstverständlich auch Personen anderer Geschlechter erkläre ich, dass der Name dieses Bodens, den seine Einheimischen heute „Europa“ nennen, fortan Slumil K‘ajxemk‘op, das heißt „rebellisches Land“ [auf der indigenen Sprache Tzotzil, Anm.d.A.], oder „Land, das nicht aufgibt und nicht verzagt“, genannt werden wird. Und so wird es den Einheimischen und Auswärtigen bekannt sein, solange es hier jemanden gibt, der nicht aufgibt, sich nicht verkauft und nicht kapituliert”.

Yuli, eine indigene Tojolabal-Frau, betonte, dass sie sehr zufrieden sei, nun hier zu sein, und dass sie glücklich sei, dass ihre Gemeinde sie für die Teilnahme an der Reise ernannt hat. Marijosé, eine „otroa“-Person, wie die Zapatistas sagen - auf deutsch eine Person anderen Geschlechts - ergänzte, dass es der bei der Reise darum ginge, „unsere Wut, unsere Schmerzen, unsere Wege, unsere Formen des Kampfes mitzuteilen, aber auch Wege des Widerstands und der Rebellion zu teilen. Wir sind hier, um dem kapitalistischen System zu zeigen, dass eine andere Welt möglich ist. Nie wieder eine Welt ohne uns!“

Es folgten zahlreiche kämpferische Reden mit klarer außerparlamentarisch-linker bis anarchistischer Ausrichtung aus unterschiedlichen Teilen Europas und der Welt sowie kulturelle, vor allem musikalische
Auftritte.

Anwesend waren unter anderem Kollektive aus dem Baskenland, Brasilien, Deutschland, Frankreich, Galizien, Griechenland, Iran, Italien, Katalonien, Marokko, Mexiko, Portugal, Schweden, Schweiz,  Tschechische Republik, und aus verschiedenen Städten und Regionen Spaniens.

Autonome Medien dokumentierten dieses nach einhelliger Einschätzung historische Ereignis per Audio, Foto, Video, Text und mit diversen Live-Streams.

Die Anreise per Segelschiff ist bereits regelrecht legendär. Nach einer 50-tägigen Reise war das Schiff, das die Zapatistas poetisch-symbolisch in „La Montaña“ (dt.: „Der Berg“) umgetauft hatten, am Sonntag eingetroffen. Ein Transparent mit der Aufschrift „Wacht auf!“ wurde - von Land aus gut sichtbar - angebracht. Es ankerte zwei Tage in Küstennähe, zwecks Akklimatisation sowie administrativer und medizinischer Routineverfahren, bevor die Delegation und die Besatzung von Bord gingen.

Auch Kapitän Ludwig sprach bei dem Festakt auf der Bühne: „Glücklicherweise sind wir jetzt hier. Die Vorräte waren eh fast aufgebraucht. Wir sind alle glücklich! Wir übergeben Euch nun die compas zapatistas. Hier endet eine Reise, aber es beginnt eine neue! Und an Alle, die nicht hier sind: Wacht auf!“

Die nun angelandete Gruppe bildet eine Art „Vorhut“ und wird von der EZLN als „Geschwader 421“ bezeichnet, da sie aus vier Frauen, zwei Männern und einer Transperson besteht. Über 150 weitere Delegierte aus Mexiko sollen folgen. Gemeinsam mit zahlreichen Kollektiven des Kontinents werden nun Besuche – die „Reise für das Leben“ - in rund 30 Ländern organisiert, um einen politischen Austausch und den Aufbau emanzipatorischer Projekte intensiv voranzubringen.

Luz Kerkeling * 23.6.2021

QUELLE: nd-aktuell - Journalismus von links. Zapatisten: "Wir sind angekommen!"

We cannot solve our problems with the very same thinking that created them’. This quote, attributed to Einstein, sums up one of the main arguments of this talk and of the recently published book, “Revolutions in Learning and Education from India”, on which it is based. The presentation will argue that in order to tackle the many challenges – from rising inequality and poverty levels to environmental degradation, climate change, political apathy, and a general sense of disenchantment – that are found in today’s world, we need to stop relying on the ideas of “Development”, economic growth and “progress” so deeply ingrained in our minds. While, as it will be argued, schooling and other forms of modern education are some of the key instruments that keep us firmly within the ambit of this ‘sacrosanct canon’ of development, growth and progress, there exists an abundance of educational projects which re-imagine learning and education, and therefore also re-envision what makes meaningful – and more sustainable – lives. Drawing on several case studies from the Indian subcontinent, the presentation will introduce some of these alternatives and show how they can be understood as a form of prefigurative politics based on Jacques Rancière’s principle of radical equality.

Christoph Neusiedl produces transdisciplinary research that is located at the crossroad of post-development and radical political theory and the Philosophy of Education. His recently published book “Revolutions in Learning and Education from India: Pathways towards the Pluriverse” offers a critique of the ways in which mainstream education contributes to perpetuate an inherently unjust and exploitative development model. As an alternative, the book proposes a new anarchistic, postdevelopmental framework that goes beyond Development and schooling to ask what really makes meaningful lives.

The full video of his book launch can be found on via this link on youtube.

Die Nachwuchsgruppe des Fachgebiets hat das aktuelle Heft der Zeitschrift Peripherie (Jahrgang 41, Nummer 161) herausgegeben.

Das Heft umfasst unter anderem folgende Beiträge:

  • Aram Ziai - "Auswirkungen der globalisierungskritischen Protestbewegung.Institutionelle Reformen, ein neues Politikverständnis und postkoloniale Nachfragen"
  • Anne Reiff - "Alle(s) kooptiert? Globalisierungskritik und partizipative Weltbankreformen.Eine postkolonial-feministische Kritik des Kooptationskonzepts"
  • Janet Conway - "Kosmopolitisch oder kolonial? Das Weltsozialforum als „Kontaktzone“"
  • Walden Bello - "Deglobalisierung – Zwanzig Jahre später(Zur Diskussion)"
  • Frauke Banse, Friederike Habermann, Jai Sen & Peter Wahl mit Aram Ziai - „Our World is not for Sale!“ Was hat die globale Protestbewegung der 1990er Jahre erreicht – und was nicht?"

Den Link zur Ausgabe gibt es hier.

Postkoloniale Kritik zeigt den Eurozentrismus der Diskurse und Praktiken um „Entwicklung“ auf. Der Band eröffnet Perspektiven zur Bekämpfung globaler Ungleichheit jenseits einer eurozentrischen Weltsicht. Die AutorInnen analysieren die kolonialen Kontinuitäten der gegenwärtigen Entwicklungszusammenarbeit, erkunden dekoloniale Strategien in Forschung und Praxis und skizzieren gelebte Alternativen im Sinne des Post-Development. Julia Schöneberg ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Kassel im DFG-Projekt „Theorizing Post-Development. Towards a reinvention of development theory“. Aram Ziai ist Leiter des Fachgebiets Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien an der Universität Kassel. Mit Beiträgen von Frauke Banse, Anne-Katharina Wittmann, Albert Denk, Esther Kronsbein, Christine Klapeer, Julia Plessing, Meike Strehl, Julia Schöneberg, Gabriela Monteiro und Ruth Steuerwald, Fiona Faye, Jacqueline Krause und Joshua KwesiAikins.

Hier der Link zum Buch beim Verlag.

We, the researchers of the EU research network “Decolonising Development“, stand in solidarity with the signatories of the open letter “The threat of academic authoritarianism – international solidarity with antiracist academics in France.” We wish to express our concern with the trend to attack and slander post- and decolonial studies. This trend can be witnessed in France using the slogan of “Islamo-Leftism“, but it can be observed in numerous other European countries as well, often in the guise of a defense of academic freedom. In the UK a series of interventions, mirroring those emerging at the end of Trump’s presidency in the US, have sought to invert the premises of anti-racist and decolonial studies to spread falsehoods about these ideas and then to denounce them as part of increasingly authoritarian discourses. These include misrepresenting Critical Race Theory as teaching white pupils about ‘inherited racial guilt’ and suggesting that to teach it is to ‘break the law’[1]. The UK universities Minister also sought in a Parliamentary speech to link ‘decolonisation’ to ‘censoring History’, suggesting that to ‘remove elements of history’ is reminiscent of the Soviet Union and China.[2] To blame “indigenist, racialist and decolonial ideologies” allegedly imported from North America for terrorist attacks and assassinations by fundamentalists, as some academics in their 100 Manifesto are claiming in France, is nothing short of outrageous.

As scholars committed to peaceful, respectful and plural coexistence, justice and dignity for all, we think that Islamic cultures, like other cultures present in Europe and the world, cannot be simply dismissed as possessing an inferior morality and be condemned to invisibility and silence. We are living in a world which unmistakeably bears the marks of European colonialism, which had occupied 85% of the earth‘s surface and has lasted for centuries. Today’s global asymmetries of power and division of labour are directly shaped by colonialism, and in all too many cases today’s – subtle or violent – racism is its legacy, long after formal independence has been achieved by former European colonies and universal rights have, at least in theory, been recognized.

Decolonial and postcolonial studies have – not only in North America, but all over the world – begun to investigate and unveil this racism and these asymmetries.  Movements like Black Lives Matter and Rhodes Must Fall illustrate that there are many people who perceive an urgent need for such critical theories. They recognize the necessity to rectify Eurocentric curricula or representations of history in textbooks, to investigate the effects of colonial violence that can be witnessed even today. To equate this with the support for terrorism is not only slander. It amounts to taking the position of the coloniser who wishes to defend its privilege of defining what counts as true. Let us be clear: colonialism denied the right of self-determination on the basis of racialized constructions of superior and inferior groups to populations the world over. It was a crime which cannot be reconciled with the idea that humans possess dignity and equal rights, and with the project of constructing a peaceful and inclusive global world. In this context, it is particularly important that thorough and solid research is not only allowed but actively encouraged, so that facts and new angles can be unearthed and debated in as dispassionate a manner as possible. As academics, we believe in research and academic debate to drive this process forward.

The threat of academic authoritarianism does not come from those who criticize colonial legacies and seek to change the traditional curricula, it comes from those who defend them and who wish to control and banish postcolonial and decolonial studies in universities. The continuous and deliberate conflation of intolerance and censorship with a range of ideas, including anti-racism, anti-Islamophobia and decolonisation that might be broadly construed as on the ‘left’ of our political discourse is a now well-trodden path to, ironically, shut down and, in some instances, criminalise, ideas that are seen as outside of our political, social and economic norms. This type of misrepresentation is profoundly dangerous to the types of pluralistic, inclusive and dynamic exchanges of ideas that the vast majority of Higher Education institutions are committed to nurturing. For a network of decolonial scholars, the threat this poses to our capacity to discuss, debate and disseminate these ideas is very real and must be challenged. Linking our academic commitment with violence and terrorism is a simplistic strategy defending the Eurocentric status quo in which the history has been written by the colonisers. As scholars committed to peace, respect, plurality, justice and dignity, we can only understand this attack in terms of racism and anti-racism: a racist narrative attacking anti-racist scholars and activists in order to maintain a white supremacist status quo. The current nationalist and authoritarian populist labelling of others is a continuation of structures that must be refused if a world of peace and genuine domestic and international cooperation are to be possible. 

We call upon the EU to defend universities and schools against this new academic authoritarianism, in the name of the universal – not European – values of humanism and justice. This has to include social justice as well as cognitive justice.

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[1]www.theguardian.com/commentisfree/2020/oct/23/uk-critical-race-theory-trump-conservatives-structural-inequality

[2]www.independent.co.uk/news/education/education-news/history-curriculum-university-michelle-donelan-culture-war-b1808601.html

 

Please find the publication als on the website of COST Action - Decolonising Development. Follow this link here.

The COST Action ‘Decolonising Development’ launch event has been recorded and is available on youtube now. Find the video here.

During the event, Rosalba Icaza Garza, Kalpana Wilson and Olivia U. Rutazibwa were discussing imperatives and practical implications on what ‘decolonizing’ can, must, and shouldn’t mean. It was a rich and challenging conversation.

Aram Ziai's brief input on Zhengistan starts at 6:00min.

Anil Shah held a public talk on "COVID-19, Migrant Labour and Re/Productive Finance in India" at an online event of the York Centre of Asian Research.

The video is accessible here.

Aram Ziai's "Development Discourse and Global History" (2015) is now open access.

"It admirably deploys Foucauldian theory and methodology, demonstrating why its author has become the most persistent and insightful analyst of development from poststructural perspectives."

- Arturo Escobar, Kenan Professor of Anthropology, University of North Carolina, Chapel Hill, USA

Ein Beitrag aus dem Deep Dive Podcast mit Politikwissenschaftler Prof. Dr. Aram Ziai über die Geschichte der Entwicklungshilfe, die Rolle der Weltbank bei der Entwicklungspolitik, deutsche und internationale Kolonialschuld, das Summers Memo, die Bedeutung der Mont Pèlerin Society u.v.m.

Der ganz Beitrag kann hier angehört werden.

Ashish Kothari shares a brief reflection prompt about the need for a rainbow revolution. The double rainbow signifies multiple strands and struggles for justice and dignity in the pluriverse.

See on Convivial Thinking Website

New blog entry by Ashish Kothari in the series "COVID-19 Pandemic: Worlds Stories from the Margins" now available on the Convivial Thinking Homepage. 

More information

The latest issue of Acta Academica (Vol.52, No.1, 2020) contains the Special Focus: How do we know the world? Collective engagements with the (de)coloniality of development research and teaching.

The Special Focus was guest edited by the Convivial Thinking Writing Collective. Convivial Thinking (www.convivialthinking.org) is a collective platform seeking to surpass boundaries of origin, ethnicity, professional affiliation and academic disciplines in order to give space to inclusive, interdisciplinary and alternative approaches to mainstream methods of knowledge production, especially in the context of “development”. The articles in the Special Focus reflect these concerns. 

Available here (open access and free): https://journals.ufs.ac.za/index.php/aa/issue/view/442

In ihrem Diskussionspapier stellen die Autor*innen 17 Vorschläge für eine gerechtere und machtsensiblere Entwicklungszusammenarbeit vor.

Deutsche Version

Englische Version

Am 1. Juli 2020 fand eine Online-Präsentation und -Diskussion des Buches "Epistemische Gewalt. Wissen und Herrschaft in der kolonialen Moderne" von Claudia Brunner statt.

Ansehen auf YouTube

Außerdem ein Interview mit Claudia Brunner und Auszüge der Buchpräsentation (s.o.).

Anhören auf cba

Ein Interview mit Franziska Müller und Aram Ziai über koloniale Spuren in Nordhessen.

Lesen auf hessenschau.de

Following the critique, by Brecht De Smet, of the inherent shortcomings of the development paradigm, Julia Schöneberg and Mia Kristin Häckl argue for a post-2030 Utopia that starts now. They propose to ‘un-develop’ the Global North and to start from a multitude of radical alternatives from below.

Read here

See the latest entries of the blog series "World Stories from the Margins" on Convivial Thinking by clicking here.

In dem Text „Postkoloniale Theoretiker: Leerstelle Antisemitismus“ in der taz vom 25./26. April1 werfen Saba-Nur Cheema und Meron Mendel dem kamerunischen und in Südafrika lehrenden Historiker Achille Mbembe Antisemitismus vor und werfen den postkolonialen Studien Ignoranz gegenüber Antisemitismus und ein manichäisches Weltbild vor. Beide Thesen halte ich für problematisch.

Vorab, zur Klarstellung und zur Vermeidung von Frontenbildung: Wir alle sind durch unsere Sozialisation u.a. mit rassistischen und antisemitischen Argumentationsmustern in Berührung gekommen und reproduzieren sie, wenn wir uns nicht selbstkritisch mit ihnen auseinandersetzen. Antisemitismus ist auch heutzutage ein brandgefährliches gesellschaftliches Problem, das weithin unterschätzt wird, und in manchen Fällen ist Israelkritik tatsächlich ein Ventil für antijüdische Ressentiments. Doch genau wie in der Critical Whiteness schießen auch in der Antisemitismusforschung manche Leute übers Ziel hinaus und urteilen zu schnell, zu pauschal und zu scharf. So wie hier: Cheema und Mendel weisen darauf hin, dass Mbembe die israelische Palästinenserpolitik mit der Apartheidpolitik Südafrikas vergleicht bzw. gleichsetzt und das alttestamentarische Prinzip „Auge um Auge“ ursächlich mit „Zerstörungsideologien“ auf der Welt verknüpft. Es braucht schon eine recht weite, vielleicht zu weite Definition, um dies als hinreichend für Antisemitismus anzusehen, aber es ist nicht komplett aus der Luft gegriffen. Unredlich wird es allerdings, wenn die Autor_innen Mbembe unterstellen, für seine Art von Israelkritik sei „das Problem … die schiere Existenz des Judenstaats“. In dem von ihnen zitierten Artikel in der ZEIT schreibt Mbembe unmissverständlich: „das Existenzrecht Israels ist grundlegend für das Gleichgewicht der Welt“.2

Man könnte jetzt natürlich einwenden, Mbembe sei durch die Unterstützung der BDS-Kampagne überführt, da er 2015 ein Vorwort für ein Buch verfasst hat, dessen Erlös einer BDS-Gruppe gespendet wurde.3 Zwar bestreitet auch BDS nicht offen das Existenzrecht Israels, fordert aber das Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge und BDS-Vertreter_innen haben zumindest das Ende Israels als jüdischer Staat und eine Einstaatenlösung gefordert. Die Indizienkette ist jedoch lang und Mbembes gegenteilige Aussage eindeutig. Warum die Autor_innen dies nicht zur Kenntnis nehmen, bleibt ihr Geheimnis. Ebenso, warum sie bei der Problematisierung des Apartheid-Vergleichs nicht berücksichtigen, dass in Südafrika israelkritische Positionen aus einer Tradition des Widerstands gegen einen Staat stammen, der das Atomwaffenprogramm des Apartheid-Regimes unterstützte. Stattdessen stellen sie seine Äußerungen in einen anderen, vermeintlich „kolonialen“ Kontext: „deutsche Israelfeinde, die sich zur Legitimation ihrer Abneigung Schützenhilfe aus Südafrika einfliegen lassen“. Agency auf seiten Schwarzer Menschen? Fehlanzeige.

Wenn jedoch das Bekenntnis zum Existenzrecht Israels so eine wichtige Rolle einnimmt, drängt sich die Frage auf, was mit dem Existenzrecht eines palästinensischen Staates ist, der seit Jahrzehnten von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung eingefordert wird, aber in der Debatte eine scheinbar untergeordnete Rolle spielt. Dies wird bisweilen gerechtfertigt mit dem Verweis darauf, dass die Existenz des Staates Israel die Konsequenz aus der Shoah (und davor schon jahrhundertelanger Verfolgung in Europa) war und somit einen besonderen Stellenwert hat. Doch wären dann nicht die Europäer_innen und an erster Stelle die Deutschen verpflichtet gewesen, den jüdischen Menschen Land abzutreten und ihnen einen eigenen Staat zu ermöglichen? Warum wurde stattdessen das den Palästinenser_innen versprochene Land weggenommen? Natürlich gab es auf jüdischer Seite den berechtigten Wunsch nach einer Heimat in Jerusalem. Aber den gab es auch auf palästinensischer Seite. Warum sollten arabische Menschen für die Verbrechen der Europäer_innen (v.a. der Deutschen) Vertreibung erleiden? Wer hat das überhaupt entschieden? Palästina war britisches Mandatsgebiet. Die Entstehung eines jüdischen Staates hat also nicht nur mit dem Krieg arabischer Staaten gegen Israel einerseits und mit britischen außenpolitischen Interessen und der zionistischen Bewegung andererseits zu tun, sondern auch mit Kolonialismus. Davon ist allerdings in der Debatte selten die Rede. Aus postkolonialer Perspektive zeigt sich hier ein wiederkehrendes Muster in der europäischen Öffentlichkeit: ein blinder Fleck.

Es trifft zu, dass der Apartheid-Vergleich problematisch ist, weil arabischstämmige bzw. nichtjüdische Menschen in Israel weitaus mehr Bürgerrechte genießen als Schwarze im rassistischen Südafrika bis zum Anfang der 1990er (wenn auch keine völlige rechtliche Gleichstellung). Es trifft allerdings auch zu, dass die israelische Besatzungspolitik die Kritierien der UN-Apartheidkonvention durchaus erfüllt und völkerrechtswidrig und menschenverachtend ist (letzteres sind Anschläge der Hamas auf israelische Zivilist_innen übrigens auch). Und es trifft zu, dass tatsächlich auffällig ist, wie oft die israelische Besatzungspolitik in der Weltöffentlichkeit kritisiert wird, im Vergleich zur chinesischen Besatzungspolitik in Tibet, oder der marokkanischen in der Westsahara. Auch hier wird mit zweierlei Maß gemessen.

Aber wenn wir in der deutschen Medienlandschaft über zweierlei Maß reden, drängt sich auch die Frage auf: wenn der sehr dünne Antisemitismusbefund im vorliegenden Fall für eine „Causa Mbembe“ (taz) ausreicht, warum haben wir dann keine Causa Martenstein oder Posener oder Stein? Alle drei Journalisten haben in den letzten Jahren in angesehenen deutschen Tageszeitungen den Kolonialismus und Imperialismus samt seiner auf Rassismus gegründeten Willkürherrschaft verharmlost und zu rehabilitieren versucht, mit sehr viel eindeutigeren Äußerungen.4 Kein Skandal, nirgends. Aus Perspektive der postkolonialen Studien bleibt zu hoffen, dass es ihn wenigstens gäbe, wenn einer der drei einen Frantz-Fanon-Preis bekommen sollte.

Genau diese postkolonialen Studien werden von Cheema und Mendel in dem Beitrag scharf kritisiert. Mbembe stehe emblematisch dafür, dass sie Israel dämonisierten und unfähig seien, Antisemitismus als Problem ernst zu nehmen. Denn sie verstünden ihn ganz überwiegend als „nur eine andere Form von Rassismus“. Dies wird von ihnen offenbar als eine Abwertung empfunden, die das „Einzigartige“ am Antisemitismus ignoriert. Nun ist es in der Tat so, dass die Konstruktion der Andersartigkeit von jüdischen Menschen anders geprägt ist als die von muslimischen oder afrikanischen Menschen: „die Juden“ seien habgierig und einflussreich. Aber wie soziologische Theorien über „middlemen minorities“ (ethnische Minderheiten, die primär im Handel und Gewerbe tätig sind bzw. sein mussten) aufzeigen, ist dies gar nicht so weit weg von der Art, wie chinesische Menschen in Südostasien und indische Menschen in Ostafrika diskriminiert werden: als reiche Parasiten. Sicher, es gibt auch die Vorstellung von Übermacht und Verschwörung im Antisemitismus. Aber finden sich nicht auch Ähnlichkeiten in der Vorstellung eines Pakts von Eliten und Muslimen zum Bevölkerungsaustausch in Deutschland?

Doch auch wenn sich Antisemitismus von allen anderen Formen des Othering unterschiede: warum können verschiedene Arten von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit nicht alle gleichberechtigt mitsamt ihrer Spezifika analysiert werden, wie in der vergleichenden Völkermordforschung?5 Warum soll es eine Abwertung sein, Antisemitismus „nur“ als eine Form von Rassismus zu begreifen? Warum muss hier eine Sonderrolle reklamiert werden? Eine Sonderrolle, die auch in den Schlagwörtern „Singularität des Holocaust“ und „Zivilisationsbruch Auschwitz“ zum Ausdruck kommt. Aimé Césaire vertrat die These, dass die Shoah vom weißen Europa nur deswegen als so schockierend empfunden worden sei, weil die Nazis weiße Europäer_innen rassistischen Praktiken unterwarfen, die vorher nur auf nichtweiße Menschen in Afrika, Asien und Amerika angewandt worden sein.6 Sind einige Opfer „gleicher als andere“?

Wenn, wie Cheema und Mendel schreiben, einige postkoloniale Theoretiker_innen Verständnis für Selbstmordattentate gegen israelische Zivilist_innen äußern, ist dies kritikwürdig. Hieraus jedoch eine „einseitige Parteinahme gegen Israel“ der ganzen Disziplin abzuleiten, ist nicht plausibel, ebensowenig wie die pauschale Behauptung einer „Leerstelle“ im Bereich Antisemitismus oder eines „manichäischen Weltbilds“. In den Sammelbänden „Die Dämonisierung der Anderen. Rassismuskritik der Gegenwart“ und „Postkoloniale Politikwissenschaft“ setzen sich jeweils gleich mehrere Artikel auch mit Antisemitismus auseinander.7 Und postkoloniale Theoretiker_innen wie Stuart Hall oder Homi Bhabha haben sehr deutlich auf die Rolle der Kolonisierten und Ambivalenzen im kolonialen Diskurs hingewiesen, fernab von den unterstellten simplen Zweiteilungen in Unterdrücker und Unterdrückte.8

Woher rührt also die einseitig negative Wahrnehmung der postkolonialen Studien, die ja auch von rechter Seite neuerdings als akademischer Hauptfeind ausgemacht werden?9 Antisemitismus konstruiert Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit als anders und legitimiert ihre Abwertung und Ausgrenzung, ähnlich wie andere Rassismen. Linke Wissenschaftler_innen beider Felder kämpfen insofern gegen bzw. für die gleiche Sache. Kritik an Verkürzungen und blinden Flecken der jeweils anderen Seite – vermeintlichen oder tatsächlichen – sollte dies nicht aus den Augen verlieren.

 

Aram Ziai lehrt im Fachgebiet Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien an der Universität Kassel. Er dankt Bilgin Ayata, Daniel Bendix und Franziska Müller für hilfreiche Kommentare.

 

¹ https://taz.de/Postkoloniale-Theoretiker/!5678482/ (27.4.2020).

² https://www.zeit.de/2020/18/antisemitismus-achille-mbembe-vorwuerfe-holocaust-rechtsextremisus-rassismus (27.4.2020).

³ https://www.zeit.de/2020/18/achille-mbembe-antsemitismus-vorwurf-israel (27.4.2020).

https://www.welt.de/debatte/kommentare/article149662414/Die-Entkolonisierung-war-eine-Katastrophe.html (27.4.2020), https://www.zeit.de/zeit-magazin/2015/41/harald-martenstein-fluechtlinge-kolonialismus (27.4.2020), https://www.welt.de/debatte/kommentare/article204715322/Westafrika-und-die-EU-Die-EU-tritt-das-Erbe-der-Imperialisten-an-Gut-so.html (27.4.2020).

⁵ Z.B. Chalk, Frank/Jonassohn, Kurt 1990: The History and Sociology of Genocide. Analyses and Case Studies. New Haven: Yale University Press und Fein, Helen 1990: Genocide: A Sociological Perspective, in: Current Sociology 38 (1), 1-126.

⁶ Césaire, Aimé 1968 (1955): Über den Kolonialismus. Berlin: Wagenbach, S. 12.

⁷ Castro Varela, Maria do Mar/Mecheril, Paul (Hg.) 2016: Die Dämonisierung der Anderen. Rassismuskritik der Gegenwart. Bielefeld: Transcript. Ziai, Aram (Hg.) 2016: Postkoloniale Politikwissenschaft. Theoretische und Empirische Zugänge. Bielefeld: Transcript.

⁸ Bhabha, Homi 2000: Die Verortung der Kultur. Tübingen: Stauffenburg. Hall, Stuart 1994: Rassismus, Kultur und Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg: Argument.

https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/unter-kolonialen-haerten-versteht-13548449.html (27.4.20).

Ein 36-Minütiger Podcast auf Deutschlandfunk Kultur zum Thema "Gerechtigkeit aus Sicht des Südens".

In ihrem Beitrag kritisiert Franziska Dübgen das Ausblenden von Ursachen der Armut in Ländern des Globalen Südens, welche im Zusammenhang mit den Folgen des europäischen Kolonialismus stehen. Gleichzeitig geht Sie auf alternative Konzeptionen von Gerechtigkeit und Gesellschaft ein, die die westliche Sichtweise produktiv herausfordern.

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von Aram Ziai

In dem Artikel „WTO: Trump ist nur der Vollstrecker der Antiglobalisierungsbewegung“ (Aufgerufen am 9.2.2020) zeichnet der Autor und SPIEGEL-Kolumnist Henrik Müller – Professor für Wirtschaftsjournalismus an der TU Dortmund, vorher Vizechefredakteur des Manager Magazins – ein verzerrtes Bild sowohl von der Welthandelsorganisation (WTO) als auch von den globalisierungskritischen Protesten gegen sie. Seine These ist, dass der „Niedergang der liberalen Weltordnung“, personifiziert in Donald Trump, mit der Globalisierungskritik der späten Neunziger und der „erste[n] große[n] Antiglobalisierungsdemo“ zum WTO-Gipfel in Seattle 1999 begann. Seither sei der Multilateralismus allgemein und die WTO, die laut Müller „die Wirtschaftsgroßmächte einbremsen und eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung begründen sollte, indem sie allgemeinen Regeln zur Geltung verhälfe“, zugrunde gerichtet worden. Diese These ist aus mehreren Gründen problematisch und sogar falsch.

Zunächst wandte sich die globalisierungskritische Protestbewegung der 1990er nie gegen Globalisierung oder Multilateralismus oder Liberalismus per se, sondern gegen eine neoliberale Globalisierung der Weltwirtschaft im Interesse multinationaler Unternehmen. Die fehlende Differenzierung zwischen politischem Liberalismus (individuelle Freiheitsrechte) und wirtschaftlichem Liberalismus (Freihandel) ist eine gezielte Verschleierung. Sie lässt die Gegner*innen einer Globalisierung der Weltwirtschaft – die im globalen Wettbewerb Arbeitsrechte und Umweltschutz zu Standortnachteilen erklärt – als Gegner*innen der Freiheit schlechthin erscheinen. Dass die Protestbewegung bereits 1998 mit einem globalen Aktionstag in über 30 Städten auf fünf Kontinenten gegen die Ministerkonferenz in Genf demonstriert hat (und auch schon 1988 gegen den Gipfel von Weltbank und IWF in Berlin 80.000 Menschen auf die Straße gingen), sei nur am Rande erwähnt.

Vor allem aber sollte die WTO nie „die Rechte der Stärkeren begrenzen“, wie Müller behauptet. Im Gegenteil: sie war eine Manifestation der Kräfteverhältnisse im Welthandel und setzte die Rechte der Stärkeren durch. Sichtbar ist dies daran, dass sie im Unterschied zum Vorgänger, dem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT) auch den Bereiche der Dienstleistungen umfasste, der den Banken, Versicherungen und Unternehmen des Nordens besonders am Herzen lag. Die WTO ist dabei der „Nicht-Diskriminierung“ verpflichtet, d.h. sie verpflichtet zur Gleichbehandlung von lokalen und ausländischen Akteuren – auch wenn letztere ungleich kapitalkräftiger und wettbewerbsfähiger sind und die einheimische Konkurrenz vom Markt drängen. Es wird zweitens auch sichtbar in dem für den Süden wichtigen Bereich der Agrarsubventionen, in dem die WTO zwar Liberalisierungen in Aussicht stellte, de facto aber durch Ausnahmeregelungen („green box“ und „blue box“) den Industriestaaten des Nordens weiterhin erlaubte, ihre Landwirte und Agrarkonzerne mit umfangreichen Zahlungen vor der Konkurrenz aus dem Süden zu schützen bzw. ihnen sogar Dumpingexporte ermöglichte. Durch Dumpingexporte aus der EU sank der Marktanteil einheimischer Geflügelbäuer*innen in Ghana zwischen 1992 und 2001 von 95% auf 11%. Hunderttausende verloren ihre Existenz durch die angeblich segensreiche Wirkung der Marktöffnung. Auch im Bereich des geistigen Eigentums fand die globale Durchsetzung von Patentrechten v.a. im Interesse nordamerikanischer und europäischer Pharmaunternehmen statt. Die verheerenden Auswirkungen zeigten sich beispielsweise darin, dass sich durch das Verbot günstiger Generika die Preise für HIV-Medikamente in Südafrika vervielfachten. Erst durch die lang anhaltenden Proteste der Treatment Action Campaign konnte der WTO (in der Doha Declaration 2001) abgetrotzt werden, dass bei Ausrufung eines Gesundheitsnotstands der Import von Generika doch erlaubt wurde.

Die Beispiele für die negativen Konsequenzen der WTO-Regeln könnte noch weiter geführt werden. Die Kritik am Freihandel ist hierbei in keiner Weise eine Unterstützung von Trumps Handelspolitik: weder das eine noch das andere Konzept hat arbeitsrechtliche oder ökologische Ziele, von einer grundlegenden Umorientierung der Weltwirtschaft ganz zu schweigen. Dass auch im Jahre 2020 noch das neoliberale Märchen von den Segnungen des Freihandels erzählt wird, ist tragisch, aber leicht erklärbar: die von Müller mitverfasste Studie, auf die er sich beruft, wurde von der Bertelsmann-Stiftung finanziert.

 

Aram Ziai ist Professor für Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien an der Universität Kassel und Leiter der Nachwuchsforschungsgruppe „Protest und Reform in der globalen politischen Ökonomie aus postkolonialer Perspektive“ der Hans-Böckler-Stiftung.

Der Film "Concerning Violence" ist ein Rückblick auf die afrikanischen Befreiungsbewegungen und deren gewaltvoller Konfrontation mit den Kolonialmächten. Der Filmemacher nutzt dabei Archivmaterial, welches schwedische Fernsehjournalisten und Dokumentarfilmer in den Jahren von 1966 bis 1984 in Afrika aufgenommen haben. Die Bilder werden kombiniert mit Texten des Dekolonialismus-Vordenkers Frantz Fanon aus dessen Buch "Die Verdammten dieser Erde".

Zum Film

von Aram Ziai

Unter dem Namen „Post-Development“ werden Entwicklungstheorie und –politik grundlegend in Frage gestellt, weil sie eurozentrisch, entpolitisierend und autoritär seien. Was könnte die Entwicklungspolitik aus dieser Kritik lernen, wenn sie sich nicht selbst abschaffen will?

Vor nunmehr einem Vierteljahrhundert erschien unter dem Titel „Wie im Westen so auf Erden“ ein Sammelband, der die Grundlagen der Entwicklungstheorie erschüttern würde. Die AutorInnen wollten die Idee der „Entwicklung“ nicht verbessern, indem sie ihre mangelhafte Umsetzung kritisierten, sondern das ganze Paradigma in Frage zu stellen. Sie riefen sogar das Ende der „Entwicklungsära“ aus und etablierten die sogenannte Post-Development Schule in der Entwicklungstheorie. Aus welchen Gründen?

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Am 18. April 2017 trat Aram Ziai die Heisenberg-Professur "Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien" an der Universität Kassel mit seiner Antrittsvorlesung zum Thema "Postkoloniale Perspektiven auf Entwicklungspolitik" an.

 

Die Antrittsrede zum Nachlesen finden Sie hier.

zum Artikel in der Frankfurter Rundschau