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Projekt im Sommersemester 2026 (Ben Pohl)

Bild: Ben Pohl

Städtebau als sozio-materielle Praxis fragt nach dem Zusammenspiel von Menschen, Dingen, gebauter Welt, Ökonomie, Ökologie und Kultur. Räume sind in dieser Perspektive keine neutralen Behälter — sie werden durch Praktiken hervorgebracht und strukturieren zugleich, welche Praktiken möglich sind. Public Houses — Wirtshäuser, Kaffees und Kneipen — zählten historisch zu jenen Orte, an denen diese Produktion von Raum am dichtesten stattfand: als Zentralitäten des Urbanen, als Versammlungorte, Nachrichtenbörsen und Ursprünge politischer Öffentlichkeit.

Jürgen Habermas hat in Strukturwandel der Öffentlichkeit (1962/1990) gezeigt, wie Kaffeehäuser, Salons und Tischgesellschaften im 17. und 18. Jahrhundert zu den materiellen Bedingungen bürgerlicher Öffentlichkeit wurden. Die jüngere Forschung zeigt zudem die räumlich-körperliche Dimension auf: Rudolf Schlögl prägt den Begriff der «Vergesellschaftung unter Anwesenden» und zeigt, dass nicht Printmedien, sondern «Körper und die Dinge in ihrem Arrangement, der Raum und die Zeit» die zentralen Medien frühneuzeitlicher Stadtöffentlichkeit waren (Schlögl, in: Schwerhoff 2011, S. 33).

Der Historiker Beat Kümin hat in Drinking Matters (2007) das empirische Fundament dieser These gelegt. Public Houses waren weit mehr als Ausschankorte — «civic sociability, political exchange, long-distance commerce and legitimate gatherings of people were simply unthinkable without an adequate network of inns and drinking establishments» (Kümin 2007, S. 158). Dabei waren diese Räume nie planerisch vorgegeben, sondern stets ko-produziert: «forever under construction and always contested» (Kümin 2007, S. 196). Zusammen mit Kirche und Rathaus bildete das Wirtshaus ein Dreieck kommunaler Grundinfrastruktur — Ortschaften ohne dieses Dreieck galten historisch nicht als vollwertige Gemeinwesen (Kümin 2007, S. 176–177).

Das Projekt ist eingebettet in die Gastprofessur  Nachhaltige Städte und Gemeinden. Karl Hermann Tjaden hat einen Begriff der Nachhaltigkeit als Nicht-Gewaltsamkeit vorgeschlagen: als die Fähigkeit einer Gesellschaft, ihre Lebensgrundlagen — ökonomisch, ökologisch, sozial — zu reproduzieren, ohne sie zu untergraben (Tjaden 2002). Public Houses lassen sich in dieser Perspektive als Orte lesen, an denen die soziale Reproduktion des Gemeinwesens konkret stattfinden kann. 

Heute, in einem Moment schwindender Verlässlichkeit medialer Öffentlichkeiten, unklarer demokratischer Grundhaltungen und politischer Konfrontationen stellt sich die Frage nach dieser Raumtypologie neu. Nicht als Nostalgie, sondern als städtebauliche Aufgabe: Welche Räume ermöglichen die körperliche, multifunktionale, unvermittelte Begegnung, auf die demokratische Gesellschaften angewiesen sind? Der Soziologe Rainald Manthe argumentiert jüngst, dass Begegnungsorte auf eine Stufe «mit Straßen und Schienen, mit Parteien und Medien, mit Kommunikationsnetzen und Wasserleitungen» gehören — als Infrastruktur, ohne die Demokratie nicht funktionieren kann (Manthe 2024, S. 52–53).

Kassel dient uns vor diesem Hintergrund als 1:1-Modell: Wir untersuchen, wie die Wirkungsgefüge urbaner Begegnungsräume zu verstehen sind — welche Materialitäten, Praktiken und Ökonomien sie tragen — und wo Ansatzpunkte für gestalterische Eingriffe liegen.

Wir laden alle Disziplinen ASL ein, ausgehend von ihren Kompetenzen und Motiven dieser Frage nachzugehen. Für die Planer:innen: Wie stehen soziale, materielle und ökonomische Alltagspraktiken in Wechselwirkung mit rechtlichen und planerischen Rahmungen? Für die Architekt:innen: Welche konkreten räumlichen (An)Ordnungen und Typologien werden durch Alltagspraktiken der Versammlung hervorgebracht und wie wirken sie auf diese zurück? Für die Landschaftsarchitekt:innen: Welche Wechselwirkungen zeigen sich zwischen den Praktiken der Versammlung, den konkreten Orten, den Trinkkulturen, den Freiräumen und den produktiven Landschaften bis hin zu den Kaffeeplantagen oder Weinbergen? 

Methodisches Vorgehen

Eine minimale Struktur von fünf Fragen strukturiert das Projekt: Wie organisieren wir uns als interdisziplinäres Team? Wie finden wir Zugang zu den Trink-, Ess- und Begegnungsräumen Kassels und wie folgen wir den infrastrukturellen sozio-materiellen und sozio-ökonomischen Zusammenhängen? Wie lesen wir das gewonnene Material als sozio-materielle Assemblagen? Wie schärfen wir daraus städtebauliche Fragen und eigene Motive? Wie machen wir die entdeckten Potenziale verfügbar und legen unser Vorgehen offen?

Lernziele

Das Projekt entwickelt folgende Kompetenzen:

  • Sozio-materielle Analyse: Fähigkeit, gebaute Räume als Zusammenspiel von Materialität, Praktiken und sozialen Beziehungen zu lesen
  • Typologisches Denken: Sensibilisierung für die städtebauliche Relevanz unterschätzter Raumtypologien wie Public Houses
  • Historisch-gegenwärtige Perspektive: Kompetenz, historische Perspektiven für zeitgenössische Fragen produktiv zu machen
  • Relationalräumliches Denken: Sensibilisierung für komplexe urbane Handlungszusammenhänge
  • Umgang mit Offenheit: Kompetenz im Umgang mit Unbestimmtheit und ergebnisoffenem Arbeiten

Ergebnis

Als physisches Ergebnis entsteht ein Katalog sozio-materieller Infrastrukturen der Begegnung in Kassel — in Buchform.

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Projekt im Sommersemester 2025 (Robin Höning)

Wie kann es gelingen, flexible, modulare und anpassungsfähige Strukturen und bauliche Formen für einen kollektiv und ko-kreativ gestaltet und gewachsenes Quartier zu entwickeln? Welche Lösungsansätze lassen sich in der direkten Auseinandersetzung situativ und ortsspezifisch entwickeln? Kann ein städtebaulicher Entwurf mit Architektur- und Stadtplanungstudierenden an einem Institut für Urbane Entwicklung entstehen, der trotzdem der Logik von „Architecture without Architects“[1] folgt? Wer plant eigentlich die Planung[2]? Wer bestimmt, was geplant wird (und was nicht)? Wir finden es zusammen raus.

In diesem Projekt entwickeln wir visionäre großmaßstäbliche informelle und experimentelle Entwurfskonzepte für die nächste Phase des PLATZprojekts in Hannover.

Das PLATZprojekt ist ein Ort für Ideen, die sonst keinen Platz in der Stadt finden. Auf einer ehemaligen Industriebrachfläche in Hannover hat sich in den letzten Jahren ein einzigartiges, selbstorganisiertes Experimentierfeld entfaltet – mit Schiffscontainern, temporären Bauten und einer Kultur des Machens jenseits von Normen und Vorschriften. Hier werden Unternehmungen erprobt und Soziale und Kulturelle Projekte finden einen Platz, die anderswo in der Stadt an finanziellen, rechtlichen oder planerischen Hürden scheitern würden. Das Projekt ist inzwischen international bekannt, vielfach ausgezeichnet und ein Best-Practice-Beispiel für informelle, experimentelle Stadtentwicklung. https://platzprojekt.de/aktuelles/

Anfang 2025 hat die Stadt Hannover das Gelände erworben und dem Projekt eine 40-jährige Erbpacht (mit Option auf Verlängerung) eingeräumt. Nach 13 Jahren ohne Planungssicherheit und wildem Bauen kann das PLATZprojekt jetzt weiterdenken, größer denken, die Zukunft ganz anders gestalten.

 

Zielsetzungen: Wir wollen einen baulichen Vorschlag erarbeiten, wie es sich auch mindestens die nächsten 40 Jahre radikal, flexibel und experimentell weiterentwickeln kann.

Die entwickelten Vorschläge sollen so gestaltet sein, dass sie flexibel erweitert und an neue Nutzungsbedürfnisse angepasst werden können. Dabei sollen modulare und adaptive Planungskonzepte im Mittelpunkt stehen, die es ermöglichen, bestehende Strukturen schrittweise und iterativ zu transformieren und zu erweitern – immer mit dem Ziel, Normen zu hinterfragen und Raum neu zu denken und PLATZ zu schaffen, den es sonst in der Stadt nicht gibt.

 


[1] Ballard, L., Rudofsky, B., Ransom, H. S., Mumford, L., Moore, H. T. & Deutsch, K. W. (1966). Architecture without Architects. Journal Of Aesthetics And Art Criticism

[2] Wer plant die Planung? (1974) ist ein Textbeitrag von Lucius Burckhardt, erstmals erschienen in:

Fezer, Jesko/ Schmitz, Martin (Hg.) (2004): Lucius Burckhardt: Wer plant die Planung? Architektur, Politik und Mensch. Berlin: Martin Schmitz Verlag, s. 71-88