Forschungsschwerpunkte

Die Forschung des Fachgebiets folgt dem empirischen Paradigma, wobei eine Reihe verschiedener Untersuchungszugänge gewählt und konstruktiv miteinander in Beziehung gesetzt werden (Mixed-Methods-Ansatz, Methodenvielfalt). Hierbei sollen einerseits Gegenstände der beruflichen Bildung und Entwicklung exploriert, rekonstruiert und somit wissenschaftlich fassbar gemacht werden (z.B. veränderte Arbeitsmodi durch die Digitalisierung, Berufswahlmotive und der Berufswahl unterliegende subjektive Theorien). Andererseits sollen theoretisch abgeleitete Aussagen des entsprechenden Gegenstandsbereichs empirisch geprüft werden (z.B. Zusammenhang von Arbeitsplatzcharakteristika und Anlernbedingungen auf die berufliche Entwicklung von Praktikant:innen und Auszubildenden). Als theoretischer Ausgangspunkt stehen unter anderem Ansätze der Expertiseforschung sowie des Arbeitsplatzlernens im Fokus des Fachgebiets.

Ein Großteil beruflicher Bildungs-, Entwicklungs- und Lernprozesse findet in praxisbasierten Lehr-Lernsettings statt (z.B. betriebliche Ausbildung; Referendariat; Praktika; Erwerbsarbeit; spezielle Lehr-Lernarrangements, wie Schulstationen oder Auszubildendenfilialen). Im Kontext solcher praxisbasierter Lehr-Lernsettings werden Lernende mit authentischen Herausforderungen des jeweiligen Tätigkeitsfeldes konfrontiert und können sich durch zielgerichtetes Handeln kognitiv mit den gestellten Problemen und Aufgaben sowie den erlebten Phänomenen der jeweiligen beruflichen Domäne auseinandersetzen, wodurch verschiedene Lernprozesse angestoßen werden sollen. Trotz der hohen gesellschaftlichen Relevanz sowie einer gewissen Omnipräsenz praxisbezogener Lernprozesse sind diese ein bisher eher vernachlässigter Forschungsbereich. Insbesondere (empirisch) liegen bisher noch immer nur in unzureichendem Ausmaß gesicherte Erkenntnisse zu Bedingungsfaktoren von Lernprozessen in der Praxis vor. Unter Bedingungsfaktoren werden in diesem Zusammenhang einerseits Merkmale auf personaler (d.h. die Beschäftigten selbst betreffende: z.B. Persönlichkeitsfacetten, Überzeugungen) sowie situationaler (d.h. die den Arbeitsplatz, die übergeordnete Arbeitsorganisation sowie weitere relevante soziokulturelle Kontexte betreffende: z.B. Qualität und Aktivität des betrieblichen Ausbildungspersonals) Ebene verstanden, die Lernen in der Praxis erklären. Andererseits umfassen diese auch Gestaltungskriterien von Praxiskontexten, welche sich zur Förderung und Stimulierung praxisbezogener Lernprozesse eignen (z.B. spezielle Lehr-Lernarrangements und deren Ausgestaltung). Der vertieften Erkenntnisgenerierung in diesem Bereich widmet sich das Fachgebiet.

Gesellschaftliche und technische Entwicklungen haben unmittelbaren Einfluss auf unterschiedliche Sphären verschiedener Arbeits- und Lebensbereiche. Gegenstand dieses Forschungsschwerpunktes des Fachgebiets sind entsprechende Entwicklungen aufgrund von prävalenten Digitalisierungstendenzen. Ein Forschungsdefizit besteht in diesem Kontext vor allem darin, dass unklar ist, (a) wie die fortlaufende Digitalisierung berufliche Domänen verändert, (b) welche Auswirkungen dies auf die Verrichtung und Organisation von Arbeit und (c) somit auch die berufliche Aus- und Weiterbildung hat bzw. haben wird. Diesen Forschungsdesiderata nimmt sich das Fachgebiet an. Ein Fokus liegt auf den Fragen, inwiefern sich informelle Lernprozesse im Rahmen der beruflichen Tätigkeit in digitalisierten Arbeitskontexten verändern und inwiefern in formalen Bildungskontexten (v.a. berufsschulische Ausbildung) auf entsprechende Änderungen (kompensierend) eingegangen werden kann bzw. muss.

Es existieren immer noch relativ wenige Befunde darüber, aus welchen Beweggründen (Motiven, subjektiven Theorien, antizipierte Rahmenbedingungen, erlebte Zweifel) sich Menschen für oder gegen bestimmte Berufsbilder entscheiden und welche Relevanz diese Beweggründe für die weitere berufliche Entwicklung von Beschäftigten haben. Im Fokus dieses Forschungsschwerpunktes stehen daher einerseits die empirische Erfassung der relevanten Beweggründe einschließlich der Entwicklung entsprechender Erhebungsinstrumente sowie andererseits die Untersuchung des Zusammenhangs von Mustern des Berufswahlverhaltens auf individuumsspezifisch, betrieblich und gesellschaftlich relevante abhängige Variablen. Hierbei liegt ein besonderes Forschungsinteresse auf der Frage, wie sich unterschiedliche Muster des Berufswahlverhaltens auf den Verbleib von Personen innerhalb des gewählten Berufs, die Berufszufriedenheit und die Salutogenese der Beschäftigten sowie deren professionelle Entwicklung im Hinblick auf ihre berufliche Tüchtigkeit und Mündigkeit, ihre berufliche Identität sowie ihren Berufsethos auswirken. Ein Fokus liegt auch auf dem subjektbezogenen Verständnis der Entstehung von Beweggründen für oder gegen den Verbleib in einer Domäne.

National wie international muss konstatiert werden, dass sich die pädagogisch-orientierte Wissenschaftsgemeinschaft mit dem Fokus auf berufliche Lehr-Lern- sowie Entwicklungsprozesse nur aus einem beschränkten Repertoire von Forschungsmethoden zur Untersuchung ihrer unterschiedlichen Fragestellungen bedient. Im Vergleich zu anderen Scientific Communities (z.B. Psychologie oder Organisational Behaviour) werden neuere methodische Entwicklungen nur langsam bzw. selten aufgegriffen. Das Fachgebiet verfolgt mit diesem Forschungsschwerpunkt das Ziel, bisher in der eigenen Wissenschaftsgemeinschaft nur eingeschränkt eingesetzte Forschungsmethoden zu sondieren, zu adaptieren und zu etablieren. Dies soll einerseits durch eigene Beteiligungen an forschungsmethodischen Diskursen gelingen. Andererseits sollen in eigenen Forschungsprojekten innovative und bisher wenig etablierte Verfahren verstärkt zur Erkenntnisgewinnung eingesetzt werden (z.B. Ecological Momentary Assessments, Eye Tracking, Q-Methode sowie subjektbezogener Längsschnittforschung orientiert an der Methodologie der Grounded Theory.