Ar­beits­schwer­punk­te

Bild: Pierre-Yves Babelon

A. For­schungs­li­ni­en

Im Rahmen dieses Forschungsbereiches rücken wirtschaftliche Krisenszenarien in den Fokus, Finanz- und Währungskrisen, die man bspw. im Argentinien der letzten beiden Jahrzehnte hat beobachten können, ebenso verschärfte soziale Notlagen, die mit wirtschaftlichen Krisen verbunden sind. Außerdem bilden Umweltkrisen, die im Zusammenhang mit neo-extraktivistischen Wirtschaftsregimen auftreten und zum Gegenstand regionaler oder überregionaler Politiken oder Protestformen werden können, ein zentrales Untersuchungsfeld des CELA.

Die Thematisierung von Krisensituationen geht einher mit einer begrifflich-theoretischen Reflexion, welche die Krise als Denkfigur, Narrativ oder Ergebnis gesellschaftlicher Diskurse in den Blick nimmt, wobei der Anteil europäischer Tradition an Konstitution und Gebrauch des Begriff ebenso wie sein Potential zum Abbau hegemonialer Konzepte wie Entwicklung oder Niedergang kritisch hinterfragt werden. In einem gleichen Zusammenhang werden nicht nur Beschreibungen und Darstellungsformen der Krise analysiert, sondern auch kulturell verfügbare Muster der Krisenbewältigung (Resilienz) in den Fokus gerückt.

Hier schließen sich unterschiedliche Themen an wie z.B. Krisen von politischen Systemen in Form von politisch motivierten Gewaltexzessen und deren Darstellung in Öffentlichkeit, Film und Literatur. Unter anderen Aspekten interessieren die Verarbeitungsformen von politischer Gewalt in sogenannten Politiken der Erinnerungen, die aufgrund von Bürgerkriegen und Diktaturen in jener globalen Region ein besonderes Gewicht haben.

Lateinamerika gehört neben dem Afrika der Subsahara zu jenen globalen Regionen, in denen die beträchtlichsten sozialen Ungleichheiten, verstanden als ungleiche Zugänge zu ökonomischen Ressourcen, zu verzeichnen sind. Diese gesellschaftlich instabilen Verhältnisse stehen in einem direkten Zusammenhang mit den politischen und sozialen Krisen jener Region. Eine international vergleichende Thematisierung von sozialen Ungleichheiten befragt die dabei wirksamen Zusammenhänge mit den diskursiv konstituierten Merkmalen von "class", "race", "gender" (Intersektionalitätsansatz).

Erforscht werden zudem gesellschaftliche wie politische Strukturen, die den lateinamerikanischen Wirtschaftseliten ihre ökonomischen Privilegien und gesellschaftliche Vormachtstellung erhalten - unabhängig von wechselnden wirtschaftlichen und politischen Konstellationen. Hier schließt sich die Frage nach den Reproduktionsmechanismen sozialer Machtverhältnisse bzw. der (mangelhaften) Entfaltungsräume sozialer Mobilität an. Zudem steht die Neuaufteilung des urbanen Raums im Zuge von Gentrifizierung und gesellschaftlicher Dissoziation zur Debatte, wobei insbesondere städtebauliche Phänomene wie einerseits Gated Communities oder anderseits die Entstehung von Slums besondere Beachtung finden. Auch wird eine Reaktualisierung des Milieu-Begriffs kritisch diskutiert.

In allen genannten Fragehorizonten geht es nicht nur um die sozialen Phänomene, sondern immer auch um die Darstellung von Ungleichheit in kulturreflektierenden Medien wie Literatur, Film und Kunst, wobei gleichsam in den Fokus rückt, inwiefern der Zugang zu kulturellen Gütern wie bspw. Literatur auf der Grundlage von ungleichen Sozialverhältnissen reguliert oder eingeschränkt wird.

Mit Blick auf die Reproduktion sozial ungleicher Verhältnisse in Lateinamerika erhält insbesondere dem Arbeitsmarkt Beachtung. Allerdings wird in der Sozialpolitikforschung weitgehend von formellen Arbeits-verhältnissen ausgegangen, wobei zu berücksichtigen ist, dass in großen Teilen der Nicht‐OECD‐Welt - und besonders ausgeprägt in Lateinamerika - eine Integration breiter Bevölkerungsschichten in den formellen Arbeitsmarkt gar nicht stattfindet. Diese Diagnose führt allerdings nicht nur zu kritischen Analysen, sondern auch zu einer kulturspezifischen Bewertung von Mechanismen, Dynamiken und Potentialen der Informalität, die Gegenstand unserer Forschung sind.

Durch einen solchen Befund wird außerdem ein Forschungsinteresse an kulturell gefestigten Vorstellungen von Arbeit bzw. an kulturgeschichtlich privilegierten oder marginalisierten Arbeitssektoren angestoßen. Über die Sicherung des unmittelbaren Lebensunterhaltes hinaus hat Arbeit eine sozial-kulturelle Bedeutung, d.h. kulturelle Identität, die auf Arbeit rekurriert, konstituiert sich über die Vorstellung, dass die individuelle berufliche Tätigkeit einen Nutzen über die eigene Person oder Familie hinaus erbringt und im Kontext einer gemeinsamen sozialen Sinnstiftung steht. Die Varietät der regionalen und nationalen Verweisungs-zusammenhänge jener Region, die dennoch eine gleiche koloniale Vergangenheit zusammenhält, verspricht ertragreiche Studien zu kulturell varianten Mustern von Arbeit und ihre jeweilige Anbindung an Ausbildungssysteme, soziale Absicherung oder den Arbeitsmarkt

Intendiert wird der Aufbau eines Forschungsnetzwerkes zum Thema Sprache - Erzählung - Identität. Der Grundgedanke ist, dass Sprache immer eine zentrale Rolle bei der Bildung von Identität spielt. Entscheidend für die Ausformung der Identität sind dabei zum einen die Sprachen oder Dialekte, in denen wir uns verständigen und die uns zu Angehörigen einer Sprachgemeinschaft machen. Sehr wirkmächtig für die Identitätsbildung sind jedoch auch die kulturellen Traditionen, wie zum Beispiel das Erzählen und seine verschiedenen Spielarten, die den Leitfaden für unsere kommunikative und soziale Praxis bilden. Sprachliche und kulturelle Traditionen konvergieren besonders aussagekräftig in Texten, die als Sprachwerke überliefert werden und ihrerseits wieder auf Sprache und Kultur zurückwirken. Aus diesem Grund sind literarische Texte, insbesondere narrative Texte, ein einflussreiches Medium zu Herstellung und Erhalt kollektiver Identitäten. Das Projekt verbindet daher die sprachliche Konstruktion von Identität im Diskurs und mit der Rolle, die das Erzählen als kommunikative Praxis und literarische Tradition für den Prozess der Identitätsbildung spielt. Doch nicht nur Texte und Sprache konstruieren die Identität von Individuen und Kollektiven – auch filmische Werke oder die architektonische Modellierung von Lebensräumen haben ihren Anteil an der Identitätsbildung und können gleichsam als multimodale Texte gelesen werden, die Geschichte und Geschichten erzählen. Die Kernfrage ist daher, wie Sprachen, kulturelle Traditionen und soziale Gewohnheiten bei der Ausformung von Identitäten zusammenwirken. Diese Thematik ist damit ein ideales Feld für einen interdisziplinären Forschungsverbund und erlaubt zudem vielfältige Brückenschläge zu anderen kultur- und gesellschaftswissenschaftlichen Thematiken.

B. An­­de­­re Ar­beits­be­­rei­che

Aufbauend auf der erstmaligen Teilnahme der Universität Kassel an der Hochschulmesse der deutschen Schulen in Peru, Bolivien, Kolumbien und Equador im März diesen Jahres wurden Absichtserklärungen zwischen der Universität Kassel und sieben deutschen Schulen geschlossen und zudem durch die Kollegen Prof. Dr. Rita Borromeo Ferri, Prof. Dr. David di Fuccia und Prof. Dr. Andreas Meister ein BIDS-Antrag beim DAAD am 11.7.2018 eingereicht, der neben Stipendien für Studienanfänger aus den deutschen Schulen sowie Mittel für Lehrerfortbildungen auch die Durchführung schulpraktischer Studien an den deutschen Schulen in Südamerika und hierdurch die Internationalisierung der Lehrerbildung unterstützt.

Mit den Wirtschaftsreformen gibt es seit 2010 auf Kuba eine Öffnung für private Unternehmer. Seitdem ist der private Sektor rasant von weniger als 150000 lizensierten "cuentapropistas" (Selbständige) auf mehr als 500000 (Stand 2015) angewachsen. Dieses quantitative Wachstum wird allerdings durch qualitative Einschränkungen relativiert. So gibt es eine recht restriktive Liste, die den Privatsektor auf 201 einfache berufliche Tätigkeiten begrenzt. Die überwiegende Mehrheit der Selbständigen geht daher halb- oder unqualifizierten Tätigkeiten wie Feuerzeugauffüller, Straßenhändler o.ä. nach, und nur 27% der Lizenzen werden an Facharbeiter im Handwerksbereich vergeben. Als wichtige Sektoren privatwirtschaftlichen Unternehmertums haben sich der Tourismus (Restaurants/Paladares, Privatunterkünfte/Casas Particulares, Transport/Taxi) und die landwirtschaftlichen Kooperativen etabliert.

Insbesondere im Hochschulwesen wird dieser wirtschaftliche Systemwandel bildungspolitisch nicht oder nur partiell unterstützt. Die fachbezogene Hochschulpartnerschaft zwischen der Universität Kassel (Fachgebiet Arbeitslehre, FB 07 Wirtschaftswissenschaften) und der Universidad de Sancti Spiritus, Kuba soll die Strukturbildung an der ausländischen Partnerhochschule fördern. Das Ziel ist die Einrichtung zweier interdisziplinärer Querschnittsmodule zu den Themen "Entrepreneurship/Intrapreneurship Education" und "Ökonomisches Denken für eine nachhaltige Entwicklung" als fachübergreifendes Lehrangebot. Unternehmerisches Denken und Handeln als eine wichtige Schlüsselqualifikation, soll die Absolventinnen und Absolventen befähigen, die ökonomische Entwicklung ihres Landes selbstgesteuert und verantwortungsbewusst zu gestalten.

Gleichzeitig wird ein fachliches Forschungsnetzwerk aufgebaut, das eng mit den Forschungslinien des CELA verknüpft ist.

Gefördert wird das Projekt vom DAAD mit einer Laufzeit vom 01.01.2017 - 31.12.2020.