Geschichtsforschung für alle? – NS -Zwangsarbeit als internationale Lokalgeschichte

Dass während des Zweiten Weltkriegs in jeder deutschen Stadt und fast jedem Dorf ausländische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter präsent waren, ist heute vor Ort nur selten Teil des öffentlichen Bewusstseins. Dabei ist die Geschichte der insgesamt 13 Millionen zivilen Zwangsarbeiter*innen, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen fast immer viel näher als man denkt, egal, ob auf dem Land oder in der Stadt.1 

Insbesondere die Arolsen Archives, sowie weitere oft digital zugängliche Archive ermöglichen inzwischen einen fast flächendeckenden Zugang zu Namenslisten und Dokumenten.2 In Villingen- Schwenningen (Schwarzwald-Baar-Kreis) hat sich die 2023 begründete Initiative zur NS- Zwangsarbeit zur Aufgabe gemacht – am lokalen Beispiel und im Zusammenspiel von Uhrenindustriemuseum, Heimatverein, Schulen, dem Stadtarchiv sowie ehrenamtlich Beteiligten – Menschen, Orte und Wege der NS-Zwangsarbeit zu recherchieren und ins Bewusstsein zu bringen. Dabei konnten bislang allein für die kleine, vor dem Krieg 20.000 Einwohner zählende Industriestadt Schwenningen über 3.300 Namen von Zwangsarbeiter*innen sowie hunderte von Unterkunfts- und Arbeitsorten identifiziert werden. Im zweijährigen bundesgeförderten Projekt „Heimatgeschichte International – Auf den Spuren von NS-Zwangsarbeit in Villingen-Schwenningen“ (2025-2026) wurden zahlreiche Beteiligungsformate insbesondere mit Schüler*innen und Studierenden lokaler Hochschulen erprobt.3

Deutlich wurde hierbei, welches Potenzial die Entdeckung von NS-Zwangsarbeit in der eigenen Nachbarschaft hat, auch dann, wenn keine Gedenkstätte vor Ort und der Anteil des Bildungsbürgertums an der Bevölkerung klein ist. Die flächendeckende NS-Zwangsarbeit ist dabei als Thema von besonderer Prägnanz und steht in enger Verbindung zu Fragen nach Täterschaft, Rassismus, Ausbeutung und Verantwortung.

Zugleich lässt sich für eine Geschichte der NS-Zwangsarbeit als „internationale Lokalgeschichte“ aber auch allgemeiner festhalten: Wenn Heimatgeschichte mit ihren vielfältigen internationalen Verknüpfungen neu entdeckt wird und gerade jene Menschen in den Blick rücken, deren Geschichten und Perspektiven bislang kein Interesse oder Gehör fanden, geht dies mit einem offenen kommunikativen Prozess einher, in dem die Bevölkerung möglichst in ihrer ganzen Breite angesprochen und eingeladen wird, eigene Bezüge und ihre jeweils eigene Geschichte einzubringen. Die Lokalgeschichte als Raum für Austausch, Beteiligung und eigene Perspektiven zu öffnen, ist dabei auch mit Blick auf die oft kaum berücksichtige Bedeutung von Migration für die Ortsgeschichte relevant – trotz z.B. 46 % Bevölkerungsanteil mit Migrationsgeschichte in Villingen-Schwenningen.4 Klassische kulturelle Angebote richten sich oft nur an einen kleinen Teil der Bevölkerung.

 

Vorhaben

Wie können Erfahrungen und Formate des Projekts „Heimatgeschichte International“ fortgeführt und weiterentwickelt werden? In Kooperation mit Prof. Dr. Marianne Hirschberg (Universität Kassel, Leiterin des Fachgebiets Behinderung, Inklusion und Soziale Teilhabe) werden ab Mitte 2026 bis 2027 Bildungs- und Beteiligungsformaten für ein Folgeprojekt konzipiert. Ziel ist die Vorbereitung eines größeren Drittmittelantrags, der ein Projekt ermöglicht, das zum Erfahrungstransfer beiträgt. 

Im Mittelpunkt steht dabei, Lokalgeschichte als „nahe“ Geschichte der eigenen Lebenswelt sowie zugleich als Kommunikations- und Austauschraum erfahrbar zu machen, der ohne Beteiligung und Einbeziehung der Bevölkerung mitsamt ihrer vielfältigen Geschichten und Perspektiven unvollständig bleibt.

Die Schwerpunktsetzung ist dabei noch offen: Für die Teilstadt Schwenningen könnten durch die Einbeziehung von Angehörigen ehemaliger Zwangsarbeiter*innen oder die Erweiterung der Perspektive um die Erfahrungen von Gastarbeiter*innen, Aussiedlern und Geflüchteten weitere Schritte gegangen werden, etwa durch Durchführung von Interviews oder neue Erzählcafés. Nahe liegend wäre auch, das Wissen um die mehreren tausend Arbeitskommandos, in denen während des Zweiten Weltkriegs Kriegsgefangene des Villinger Kriegsgefangenen-Stammlagers (Stalag VB) in Südwestdeutschland arbeiten mussten, an die zahlreichen konkreten Orte in Städten und Dörfern der Region zu bringen. Damit würde einerseits eine meist vollständig verschüttete internationale Lokalgeschichte ins Bewusstsein gerufen werden, und zugleich würden im regionalen Verbund Formate für einen Erfahrungsaustausch lokal Forschender ermöglicht.

 

Auftragsgegenstand: Konzeption und Vorbereitung eines Projekts mit Bildungs- und Beteiligungsformaten zur internationalen Lokalgeschichte (als Folgeprojekt zu „Heimatgeschichte International“ zur NS-Zwangsarbeit v.a. in Schwenningen)

Auftraggeberin: Prof. Dr. Marianne Hirschberg, Universität Kassel, Leiterin des Fachgebiets für Behinderung, Inklusion und Soziale Teilhabe

Durchführung: Florian Kemmelmeier, Berlin, für die Initiative zur NS-Zwangsarbeit in Schwenningen (Mitglied der LAGG Baden-Württemberg seit 2024)

 

Zeitdauer: 08/2026 – 07/2027

 

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1 Die Zahl der Ausländerinnen und Ausländer während des Zweiten Weltkriegs betrug im Durchschnitt etwa 1/6 der Vorkriegsbevölkerung vor Ort. Zur quantitativen Dimension der NS-Zwangsarbeit vgl. weiterhin Mark Spoerer, Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1939-1945, Stuttgart/München 2001, S. 219-226. Von einer „Allgegenwart“ der NS-Zwangsarbeit spricht die Dauerausstellung des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin (Katalog: Alltag Zwangsarbeit 1938-1945. Katalog zur gleichnamigen Dauerausstellung, hg. v. Christine Glauning und Andreas Nachama, Berlin 2013).

2 Die Arolsen Archives (https://arolsen-archives.org/) sind das Archiv des Internationalen Suchdienstes im hessischen Bad Arolsen mit dem weltweit größten Bestand an Dokumenten zu Opfern von NS-Verfolgung. Für die Recherche zur NS-Zwangsarbeit sind insbesondere die Dokumentenbestände der 1945 von den Alliierten gestarteten „Ausländersuchaktion“ relevant.

3 Das Projekt „Heimatgeschichte International“ wurde im Rahmen des Programms „Jugend erinnert vor Ort“ durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft gefördert. Projektskizze in: Gedenkstättenrundbrief 219 (September 2025), S.44. Aktuelle und vergangene Aktivitäten der Initiative, die seit 2024 Mitglied der LAGG-Baden-Württemberg ist, sind auf der Website des Uhrenindustriemuseums zu finden: https://www.uhrenindustriemuseum.de/projekte/initiative-ns-zwangsarbeit.