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14.04.2022 | Film- und Serienkritik

»Und was sag‘ ich? Er hat mich nicht geschlagen?!« die US-Miniserie Maid

von Wiebke Bierwirth

(Netflix, 2021, USA – Drama – Regie: John Wells, Nzingha Stewart, Lila Neugebauer, Helen Shaver, Quyen Tran)

Triggerwarnung: Häusliche Gewalt, Alkoholerkrankung, sexueller Missbrauch, psychische Gesundheit, Drogensucht, selbstverletzendes Verhalten

„Bevor sie beißen, da bellen sie. Bevor sie dich schlagen, schlagen sie gegen die Wand.“
Alex (Margaret Qualley) gelingt es sich und die gemeinsame Tochter Maddy (Rylea Nevaeh Whittet) vor ihrem gewalttätigen Partner Sean (Nick Robinson) zu retten, bevor dessen emotionaler Missbrauch in körperliche Gewalt übergeht. Dass das Erleben derartigen Missbrauchs nicht weniger schlimm ist, zeigt die Serie dabei eindrücklich. Schnell muss die junge Mutter jedoch feststellen, dass weitere Hindernisse auf sie warten: Ohne Job keine Kinderbetreuung und keine Wohnung, ohne Wohnung keine Kinderbetreuung und keinen Job. Um es in den Worten der Protagonistin zu sagen: „Was is’n das für’n Scheiß?“

Auf die Unterstützung ihrer Familie kann und will sie nicht zählen. Ihre Mutter Paula (Andie MacDowell), welche undiagnostiziert bipolar ist, scheint als scheiternde Künstlerin noch immer an ihrem alten Hippieleben festzuhalten, worunter ihre Zuverlässigkeit sowie die Kommunikation zwischen Tochter und Mutter stark leidet. Die frühkindlichen Erinnerungen an ihren Vater Hank (Billy Burke) sind zuerst nebelhaft, doch sobald sich die Protagonistin ins Gedächtnis ruft, was während ihrer Kindheit wirklich geschehen ist, entfernt sie sich von ihrem Vater.

Alex muss also ihr Leben sowie das ihrer Tochter auf eigene Faust meistern. Während sie abends in schimmligen Sozialwohnungen einschläft, reinigt sie tagsüber die Villen am Stadtrand und probiert sich dadurch über Wasser zu halten. Nebenbei steckt sie im Sorgerechtsstreit mit ihrem Partner, versucht Tochter Maddy ein gutes Leben zu ermöglichen, gerät mit ihrer Mutter aneinander und träumt gleichzeitig von einem Studienabschluss im Fach Kreatives Schreiben.

Armut, ein schlecht bezahlter Job, Obdachlosigkeit, Rückfälle, häusliche Gewalt, Panikattacken, Drogenkonsum, Frauenhäuser, Sorgerechtsprobleme, ein absurd wirkendes Sozialsystem, und bedingungslose Mutterliebe, das alles ist Teil der Netflix-Serie Maid. Basierend auf den autobiographischen Memoiren von Stephanie Lands „Maid: Hard work, Low Pay and a Mothers Will to survive“ (2019), wird die Geschichte einer jungen Frau erzählt, die, trotz ihrer schwierigen Lebensumstände, alles für ihre Tochter tut. Die Liebe, die Alex für Maddy spürt, scheint bedingungslos, alle Entscheidungen werden aufgrund des Kindeswohls getroffen. Hier könnte bemängelt werden, dass Maddy als zweijähriges Kind zu brav dargestellt wird, zumindest wird sie in der kompletten Serie nur ein einziges Mal quengelnd gezeigt, ansonsten ist sie ein Sonnenschein oder am Schlafen, was nicht besonders realistisch scheint. Die an manchen Ecken komplizierte Verbindung zu ihrer Mutter Paula wird authentisch übermittelt, was womöglich daran liegt, dass die beiden Schauspielerinnen auch im echten Leben Mutter und Tochter sind. Obwohl man die Beziehung der beiden voreilig als dysfunktionale Mutter-Tochter-Beziehung abstempeln könnte, wird, vor allem nach Alex Erkenntnis, dass beide dasselbe oder zumindest ähnliches durchgemacht haben, deutlich, dass sie sich umeinander sorgen.

Besonders interessant ist ebenfalls Alex‘ Beziehung zu Regina. Sie besitzt eine dieser Villen am Stadtrand, in denen die Protagonistin putzt. Ihre neue Reinigungskraft empfängt sie kaltherzig. Die beiden Frauen, deren Leben auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher seien könnten, lernen sich und die Lebenssituation der anderen jedoch besser kennen, und prägen einander letztendlich in ihrer Entwicklung.

Maid gelingt es in zehn je einstündigen Folgen die Hürden einer Frau, welche sich von ihrem gewalttätigen Mann befreien möchte, eindrücklich, ruhig, fesselnd und gleichzeitig emotional, ohne dabei auch nur ansatzweise kitschig zu werden, darzustellen. Letztendlich ist dies wohl auch den Schauspieler:innen zu verdanken, die allesamt mit ihren Leistungen überzeugen. Ohne die einzelnen Glücksmomente, die Alex erfährt, wäre die Serie mit all ihrer Gewalt, ihren Rückschlägen und Augenblicken der Verzweiflung kaum zu verdauen. Auch die Farbpalette des Films, filterlos, einfach und ohne grelle Akzente, trägt zur Realitätsnähe der Geschichte, ihrer Greifbarkeit und zum Hineinversetzen in die Charaktere bei, selbst wenn man die dargestellten Erfahrungen nicht teilt. Eine Serie, mit der man nicht automatisch nach Beendigung der letzten Folge abschließt, die ohne viel Action und aufwendige Produktion überzeugt und gleichzeitig auf ein so wichtiges Thema aufmerksam machen kann.