Cornelius Sträßer

Bio-dynamische Beratung und Stiftungsarbeit

1989 habe ich mein Studium in Witzenhausen abgeschlossen mit einer Diplomarbeit, die mir ganz persönlich wichtig war und die sich im Laufe des Studiums über eine längere Zeit entwickelt hatte. Der sperrige Titel lautet: „Zu Methodik und erkenntniswissenschaftlicher Begründung der üblichen und der goetheanistischen Naturwissenschaft - dargestellt am Beispiel der Nutztierethologie“. Darin ging es für mich um die Frage, ob und wie Wissenschaft zu so tragfähigen (wahren) Erkenntnissen kommen kann, dass, darauf begründet, Entscheidungen getroffen werden können, wie wir Menschen z.B. mit Tieren umgehen dürfen oder nicht dürfen. Im Studium hatte ich viele Ergebnisse der Wissenschaft und Methoden kennengelernt, aber diese Grundfrage war im Rahmen des offiziellen Studienprogramms nicht angesprochen worden.

Cornelius Sträßer - Diplom Agrarwirtschaft, Abschluss 1989. Aktuell: Projektleiter bei der Software AG – Stiftung.

Über die landwirtschaftliche Praxis zur Beratung

Nur in Stichworten meine beruflichen Stationen - und was mir dabei wichtig war:

 

  • Landwirtschaftliche Praxis im Bio-Landbau: Ackerbau, Kartoffeln; Kombination von Praxis und ganz einfacher Forschung.
  • Aufbau des Demeter-Verbandes und verbandsübergreifenden Beratungsring im Land Brandenburg : Betriebsgründungen, Finanzierungen, Grundlagen der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, Bodenfruchtbarkeit auf sandigen Böden steigern, Klärung von persönlichen Zielen, Raum für die Verwirklichung von Idealen schaffen, Zusammenarbeit gestalten, Coaching in der Landwirtschaft.
  • Weiterführung der Beratung als Selbständiger.
  • Projektleiter bei der Software AG–Stiftung = SAGST, in diesem Rahmen:
    • Begleitung von Projekten, die (biologisch-dynamische) Landwirtschaft mit gemeinnützigen Zwecken verbinden, insbesondere Forschungsprojekte; sowie Projekte aus den Bereichen Pädagogik und integrative Medizin,
    • Projektleitung „Juchowo“, eines 1.800 ha großen biologisch-dynamischen Milchviehbetriebs in Polen; im Zusammenhang mit der Landwirtschaft Entwicklung von Sozialtherapie, Erlebnispädagogik und Forschung,
    • Bearbeitung einer eigenen Forschungsfrage zur Weiterentwicklung der Forschungsmethoden, bei denen es um Erkenntnis von „individualisierten Verhältnissen“ geht – ähnlich wie in der integrativen Medizin, wo jeder Mensch unterschiedlich auf das gleiche Medikament reagieren kann.

Rückblick auf das Studium

Für alle diese Tätigkeiten hat mich das Studium in Witzenhausen in verschiedener Hinsicht gut vorbereitet:

 

  • 1 Jahr Praxis vor dem Studium und ½ Jahr Praxis nach dem vierten Semester waren notwendig.
  • Ein breiter Überblick über die Landwirtschaftswissenschaften wurde angeboten.
  • Das Denken in Zusammenhängen wurde vor allem durch die Veranstaltungen von Prof. Kickuth zur Ökologie, von Prof. Boehncke zur Tiergesundheit und durch die Umstellungsübungen auf Öko-Landbau gefördert.
  • Es gab viel Freiraum, um zusammen mit anderen Studierenden nach unseren eigenen Bedürfnissen Wissen zu erwerben und auszuprobieren.
  • In der Auseinandersetzung mit Professoren, die andere Ansichten zu Landwirtschaft und Wissenschaft hatten als ich, konnte ich viel lernen.
  • Das gleiche gilt für die Auseinandersetzungen im Fachbereichsrat, wo es zu der Zeit viel um die Frage ging, welchen Stellenwert ökologischer Landbau haben soll, und wie andere Prüfungsleistungen als immer nur Klausuren realisiert werden können.
  • Und ich hatte die Möglichkeit, ein „Außenseiterthema“ als Diplomarbeit zu bearbeiten. Ganz besonderen Dank an meine Betreuer: Thomas van Elsen, Christian Schüler und Engelhard Boehncke.

Grundlegende Fragen von Wissenschaft und Landwirtschaft

Im Rückblick zeigt sich mir, dass die verschiedenen beruflichen Tätigkeiten alle mit einigen großen Fragen verbunden sind:

 

  • Was bedeuten die gedanklichen Vorstellungen (wie der Inhalt von Wissenschaft) im Verhältnis zur Wirklichkeit?
  • Was ist nicht nur „richtig“ (Erkenntnis) sondern auch „gut“ für Mensch und Welt?
  • Wie können neben den stofflichen Aspekten, die Bereiche von Leben, Seele und Geist in den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess einbezogen werden – ohne die Grundprinzipien von Wissenschaft aufzugeben?
  • Wie kann ich mich selbst zum „Beobachtungs- und Messinstrument“ für Leben, Seele und Geist machen?
  • Wie handle ich verantwortlich angesichts der Tatsache, dass meine persönliche Erkenntnisfähigkeit mich nur zu Teilwahrheiten führt, die immer durch weitere Aspekte ergänzt und relativiert werden können? (Von echten Irrtümern ganz zu schweigen)
  • Wie ist der Zusammenhang zwischen der Art der Landbewirtschaftung, Lebensmittelqualität und Gesundheit der Menschen? Gesundheit meine ich dabei sowohl körperlich als auch seelisch und geistig. Die Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft, Ernährung und Medizin ist aus meiner Sicht eine der drängenden Aufgaben, um wirkliche Nachhaltigkeit erreichen zu können.

 

Gerade angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen durch Corona und unser Verständnis von Krankheit, Tod, Leben und Gesundheit erscheinen mir die skizzierten Fragen ausgesprochen drängend.

In den verbleibenden Jahren meiner beruflichen Tätigkeit will ich zur Beantwortung dieser Grundfragen Beiträge leisten und gleichzeitig mitwirken, dass solche Ideen von anderen erforscht und dass „Gutes“ verwirklicht werden kann. Ich freue mich, dass ich dabei auch immer wieder Projekte begleiten kann, die an der Universität Kassel-Witzenhausen durchgeführt werden, und dass ich auch dort wertvolle Gesprächspartner finde.


Kommentare

Saro Gerd Ratter: Welch eine Freude zu lesen, wie man mit einem weiteren Horizont den vielen drängenden Fragen unserer Zeit "erfolgreich" begegnen kann und welchen Beitrag dazu das Studium in Witzenhausen leisten konnte. Ich habe mein Studium in Witzenhausen (1982-88) auch in dieser Richtung als sehr bereichernd erfahren und freue mich auch dadurch jetzt in der Schweisfurth Stiftung Projekte für eine neue Agrarkultur und einen respektvollen Umgang mit Tieren begleiten darf.


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