Position der Betriebsgruppe der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Hessen zur Beibehaltung der Zivilklausel an der Universität Kassel

Personalversammlung am 30. Juni 2026

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
mein Name ist Anil Shah, ich bin seit knapp 10 Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften beschäftigt und seitdem auch Mitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), für die ich heute hier sprechen darf. Unsere Betriebsgruppe steht unmissverständlich für den Erhalt der bestehenden Zivilklausel und gegen jegliche Versuche, diese zu verwässern. Wir folgen damit auch dem Bundesbeschluss der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, der sich klar gegen Militarisierung an Schulen und Hochschulen ausspricht. Denn das Thema brennt nicht nur in Kassel, sondern überall in der Bundesrepublik.
Wir erleben aktuell die größte militärische Aufrüstung Deutschlands seit dem Zweiten Weltkrieg. Mehrere hundert Milliarden Euro sollen in den kommenden Jahren in die Rüstungsindustrie und Kriegstüchtigkeit fließen. Gleichzeitig gewinnen rechtsextreme und faschistische Kräfte an politischen Einfluss. Aus der Geschichte wissen wir, wie gefährlich diese Mischung ist.
Die Militarisierung der Gesellschaft macht vor Bildungseinrichtungen nicht Halt. Sie steht nicht nur im Zusammenhang mit den größten Kürzungen im Sozialbereich seit Jahrzehnten, sondern auch damit, dass die Hochschulfinanzierung zurückgefahren wird. Universitäten stehen zunehmend unter Druck, Drittmittel einzuwerben und sich somit an der Aufrüstung Deutschlands zu beteiligen. Deshalb wird die Zivilklausel in Frage gestellt.
Die Initiative zur sogenannten Reformierung der Zivilklausel kam weder aus dem Senat noch von Hochschulangehörigen der Uni Kassel. Der Druck kommt von der Landesregierung, dem Oberbürgermeister, der IHK und anderen Akteuren, die Nordhessen gerne zu einem noch größeren Rüstungsstandort ausbauen wollen. Und es ist vollkommen klar, wer hinter diesem Druck aus der Politik steht: Milliardenschwere Konzerne wie Rheinmetall und KNDS, die hier vor unserer Haustür Panzer und andere Waffensysteme herstellen. Diese Unternehmen wollen ihre Produktion mit dem Geldsegen des Sondervermögens weiter ausbauen und nun auch vermehrt mit Forschungs- und Lehreinrichtungen kooperieren. Dafür muss die Zivilklausel in ihrer jetzigen Form fallen.
Statt der exklusiven Fokussierung von Forschung, Lehre und Entwicklung auf friedliche und zivile Zwecke soll es in Zukunft um „unterschiedliche Fachkulturen“ und nebulöse „Diskussion von Zielen und Risiken“ gehen. Das ist kein Kompromissvorschlag, sondern eine verklausulierte Abschaffung.
Denn wir alle wissen: Hier geht es mitnichten nur um Verteidigung oder Zivilschutz. Sowohl Rheinmetall als auch KNDS exportieren ihre Produkte in alle Welt und verdienen sich dabei eine goldene Nase. Es ist dokumentiert, dass die Waffensysteme von Rheinmetall auch in Krisen- und Kriegsgebiete gelangen, und beispielsweise von Saudi-Arabien für Kriegsverbrechen im Jemen eingesetzt wurden.
Eine Universität, die sich „nachhaltige Entwicklung“ und „gesellschaftliche Verantwortung“ auf die Fahnen schreibt, macht sich komplett unglaubwürdig, wenn sie nun beginnt, Kooperationen mit der Rüstungsindustrie auf- und auszubauen. Krieg ist das Gegenteil von nachhaltiger Entwicklung: Kriege bringen Tod, Armut und Hunger, sie vertiefen Geschlechterungleichheiten und heizen den Klimawandel weiter an. Sie fördern kein nachhaltiges Wachstum und gute Arbeit, sondern zerstören Lebensräume und wirtschaftliche Perspektiven. Und sie lassen die Überlebenden traumatisiert und versehrt zurück. Wenn wir die nachhaltigen Entwicklungsziele im Jahr 2030 nicht erreichen, dann liegt das unter anderem auch an der Vielzahl der kriegerischen Konflikte, die aktuell auf diesem Planeten stattfinden.
Und was genau soll sich durch die Reformierung der Zivilklausel verbessern? Glaubt irgendjemand hier im Raum ernsthaft, dass Kooperationen mit Rüstungsunternehmen die Universität aus der aktuellen Misere führen? Keines der Drittmittelprojekte mit Rüstungsunternehmen wird Studium und Lehre verbessern, die Überlastung in der Verwaltung mindern und den wissenschaftlichen Beschäftigten auf befristeten Verträgen eine Verdauerungsperspektive eröffnen. Statt Militarisierung von Forschung und Lehre brauchen wir eine solide Grundfinanzierung, bessere Arbeits- und Betreuungsverhältnisse sowie eine Demokratisierung der Universität. Dafür stehen wir als Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.
Es wird immer wieder betont, dass die Freiheit von Forschung und Lehre nicht durch eine Zivilklausel eingeschränkt werden darf. Dieses Argument ist eine Nebelkerze. Natürlich steht kein einziger Senatsbeschluss über dem Landes- oder gar Grundgesetz. Das ist völlig klar. Doch die Zivilklausel ist kein Gesetzestext. Sie ist eine moralische Selbstverpflichtung der Universität Kassel. Als solche ist sie wirksam und wird von Rüstungsunternehmen und Politik gefürchtet. Sie ist ein moralischer Kompass, der ein klares Signal nach innen und außen sendet: Militärische Forschung und Entwicklung sind hier nicht willkommen. Und dabei soll es auch bleiben!
Wir als GEW-Betriebsgruppe und als Gewerkschafter*innen werden uns morgen um 8.30 Uhr vor dem Senatssaal einfinden, um gegen die Aufweichung der Zivilklausel zu protestieren. Wir rufen alle Beschäftigten und Studierenden dazu auf, sich dem Protest der Initiative „Zivilklausel bleibt“ anzuschließen. Und wir erwarten von allen Senator*innen, dass sie sich ihrer historischen Verantwortung bewusst sind: Kassel wäre die erste Universität in Deutschland, die eine wirksame Zivilklausel de facto abschafft. Und das auf dem ehemaligen Gelände der Henschel-Fabrik. Dieser Ort mahnt uns, dass Wissenschaft und Technik in der Kasseler Geschichte schon einmal missbraucht wurden, um die Verbrechen des Nationalsozialismus ideologisch und praktisch zu ermöglichen. Dazu, liebe Kolleginnen und Kollegen, darf es nie wieder kommen. Danke!

GEW-Betriebsgruppe

Die GEW-Betriebsgruppe Universität Kassel bereitet ihre Aktivitäten auf regelmäßigen Vorstandssitzungen vor.
Die Sitzungen sind grundsätzlich offen für alle Mitglieder der GEW im Bereich der Uni Kassel.

Bei Interesse oder bei anderen gewerkschaftlichen Anliegen kann man sich an grote@uni-kassel.de wenden.

Die Betriebsgruppe wird auf verschiedenen Ebenen aktiv.
Wir widmen uns den Arbeitsbedingungen der Beschäftigten und Studierenden sowie ihrer Interessenvertretung, insbesondere im Personalrat (hier Verweis auf die Übersicht über unsere Mitglieder im Personalrat) 

- Gewerkschafts- und gesellschaftspolitisch arbeiten wir in Kassel und der Region mit anderen DGB-Gewerkschaften und GEW-Verbänden sowie weiteren zivilgesellschaftlichen Gruppen zusammen.


- Zudem sind wir auf Landesebene im Verband Hochschule und Forschung Hessen (HuF-He) und in der GEW-Fachgruppe Hochschule und Forschung aktiv (https://www.gew-hessen.de/bildungsbereich/hochschule-und-forschung), wo unsere Vertreter:innen sich insbesondere mit übergreifenden bildungspolitischen Fragen und Herausforderungen befassen. Hier werden z.B. hessenweite Kampagnen für bessere Lern-, Arbeits- und Lebensbedingungen in und um die Hochschule geplant und umgesetzt.


- Mitglieder der GEW erhalten ehrenamtliche Rechtsberatung durch den Bezirksverband Nordhessen (https://gew-nordhessen.de/recht/rechtsberatung-bezirksverband) und Rechtsschutz durch die Landesrechtsstelle (https://www.gew-hessen.de/recht/landrechtsstelle). 

Die nächste Sitzung der Betriebsgruppe gemeinsam mit der BG Verdi:

das nächste Treffen unserer Betriebsgruppe findet am Dienstag, dem 14. Juli ab 16:30 Uhr in der KW 5, Raum 3044 statt.






Zivilklausel

Die GEW-Betriebsgruppe der Universität Kassel spricht sich gegen die geplante Aufweichung der seit 2013 bestehenden Zivilklausel durch den Senat der Universität Kassel aus und unterstützt den Protest der Initiative „Zivilklausel bleibt“ am 01. Juli 2026 im Senatssaal (um 8:30 Uhr, Mönchebergstraße 3, 2. OG).
Die Zivilklausel soll in der Senatssitzung am 01. Juli 2026 durch eine Art „Friedensklausel“ bzw. „Werteklausel“ ersetzt werden. Diese Entscheidung würde es militärischen Akteur*innen wie der Bundeswehr oder der Rüstungsindustrie ermöglichen, universitäre Forschung für ihre Zwecke zu nutzen und diese in ihrem Sinne zu beeinflussen.
Die GEW-Betriebsgruppe der Universität Kassel schließt sich mit dieser Positionierung den Entscheidungen der GEW-Bund an, die 2025 in ihrem Beschluss „Gegen Militarisierung von Hochschulen und Forschung“ das Engagement für die Zivilklausel fordert. Vor allem verurteilt die GEW-Betriebsgruppe die fehlende Transparenz und den Mangel an öffentlicher Diskussion über die Aufweichung bzw. Auflösung der Zivilklausel an der Universität Kassel. Die fehlende Einbindung und Mitbestimmung durch die Studierendenschaft widerspricht den Grundsätzen demokratischer Teilhabe.
Aus diesem Grund fordern wir von Wissenschaftler*innen und Studierenden der Universität Kassel, sich für den Erhalt der Zivilklausel einzusetzen und „sich kritisch mit den Möglichkeiten der militärischen Nutzung von Forschungsergebnissen auseinanderzusetzen und im Rahmen ihrer Forschungsfolgeverantwortung für eine ausschließlich zivile Nutzung einzutreten“ (GEW Bund 2025, Beschluss 1.16).
Wir rufen alle GEW-Mitglieder, Wissenschaftler:innen und Studierende auf, am 01.07.2026 gegen die Aufweichung der Zivilklausel zu protestieren (um 8:30 Uhr Mönchebergstrasse 3, 2. OG) und die Petition der Initiative „Zivilklausel bleibt“ zu unterschreiben (liegt im Café Desasta am HoPla und im Café Krise in der Kunsthochschule aus).

Beschluss des Senats der Universität Kassel vom 4. Dezember 2013:
„Forschung und Entwicklung, Lehre und Studium an der Universität Kassel sind ausschließlich friedlichen Zielen verpflichtet und sollen zivile Zwecke erfüllen; die Forschung, insbesondere die Entwicklung und Optimierung technischer Systeme, sowie Studium und Lehre sind auf eine zivile Verwendung ausgerichtet.“

Beschluss des Senats der Universität Kassel vom 11. Juli 2012 für die „Neu­fas­sung der Ori­en­tie­rung für Pro­fes­so­rin­nen und Pro­fes­so­ren“:
„Es ge­hört zur Ver­ant­wor­tung von Wis­sen­schaft sich mit mög­li­chen An­wen­dun­gen und Fol­gen ihrer Er­geb­nis­se zu be­fas­sen, auf Ri­si­ken auf­merk­sam zu ma­chen und ihnen ent­ge­gen­zu­wir­ken. Ge­fragt sind des­halb Trans­pa­renz und Dis­kurs von un­ter­schied­li­chen Fach­kul­tu­ren. Es ge­hört zum ge­sell­schaft­li­chen Auf­trag der Uni­ver­si­tät, Frie­den und in­ter­na­tio­na­le Ver­stän­di­gung zu för­dern. Des­halb sol­len For­schung, Lehre und Stu­di­um an der Uni­ver­si­tät Kas­sel aus­schließ­lich zi­vi­len und fried­li­chen Zwe­cken die­nen. Dis­kus­sio­nen über Ziele und Ri­si­ken wis­sen­schaft­li­cher Ak­ti­vi­tä­ten müs­sen offen ge­führt wer­den. Ähn­li­ches gilt für Nach­hal­tig­keit als ein Prin­zip, das seine Be­deu­tung im Hin­blick auf Um­welt­schutz, Kli­ma­wan­del oder so­zia­le Ge­rech­tig­keit in In­ter­pre­ta­ti­on und Um­set­zung er­fährt – als wis­sen­schaft­li­ches Thema wie auch für Kon­zep­te und Han­deln der Uni­ver­si­tät selbst. Glei­cher­ma­ßen zu nen­nen sind hier för­dern-​ und schät­zens­wer­te Be­lan­ge von Leben und Ge­sund­heit, Zu­sam­men­halt der Ge­sell­schaft und Ver­mei­dung von Dis­kri­mi­nie­rung.“

Wir rufen alle GEW-Mitglieder, Wissenschaftler:innen und Studierende auf, am 01.07.2026 gegen die Aufweichung der Zivilklausel zu protestieren (um 8:30 Uhr Mönchebergstrasse 3, 2. OG) und die Petition der Initiative „Zivilklausel bleibt“ zu unterschreiben (liegt im Café Desasta am HoPla und im Café Krise in der Kunsthochschule aus; online unter https://www.openpetition.de/petition/online/petition-gegen-forschung-zu-kriegszwecken-fuer-den-erhalt-der-zivilklausel-an-der-universitaet-kassel

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