„Es war kei­ne Uni, es war ei­ne Schu­le, al­so am An­fang.“ Die In­ge­nieur­schu­le

Welche Widrigkeiten erschwerten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Aufbau einer Bildungsstätte für Ingenieure und Ingenieurinnen in Kassel? Welche Verbindung besteht zwischen einer Brauerei und der Ingenieurschule? Und wie hat die 68er Bewegung die Ausbildungspraxis im Maschinenbau verändert? Diese Fragen beantworten wir im zweiten Teil unserer Kurzserie zur Geschichte des Maschinenbaus in Kassel.

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In den Jahrzehnten nach der Schließung des Polytechnikums stieg der Bedarf nach im Maschinenbau geschultem Personal in der Region Kassel stetig an. Aus diesem Grund wurden ab 1908 „Behördlich genehmigte Maschinenbaukurse“ eingerichtet, die – mit einer Unterbrechung während des Ersten Weltkriegs – bis 1928 fortgeführt wurden. Scheinbar konnten diese Kurse den Bedarf an ausgebildeten Fachkräften aber nicht decken, denn ab den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden die Rufe nach einer staatlichen Ausbildungsstätte für Ingenieure immer lauter. Dennoch dauerte es noch bis 1955 bis Kassel endlich seine „Ingenieurschule“ bekam.

Aufgrund der verheerenden Bombenangriffe im Jahr 1943 und der bis in die 1950er Jahre bestehenden Raumnot musste der Lehrbetrieb mit den Fachrichtungen Maschinenbau und Elektrotechnik zunächst provisorisch in einem Schulhaus am Königstor aufgenommen werden. 1957 wurde dann auf dem Gelände der ehemaligen Aktien-Brauerei und dem Aktienpark schließlich der Grundstein für die Gebäude der Ingenieurschule für Bauwesen und der Ingenieurschule für Maschinenwesen gelegt. Dort, wo früher die Kelleranlagen der Brauerei waren, entstanden nun Laborräume. Im Wintersemester 1958/59 konnte der Gesamtbetrieb der Ingenieurschule am Standort Wilhelmshöher Allee aufgenommen werden.

Wie der Name „Ingenieurschule“ bereits vermuten lässt, unterschied sich die damalige Ausbildungspraxis immens von der einer modernen Universität. „Es war keine Uni, es war eine Schule, also am Anfang“, erinnert sich Rainer Herbold, der von 1966 bis 1970 an der Ingenieurschule studierte. Man lernte im Klassenverbund und bei tadelhaftem Verhalten wurde ein negativer Vermerk in das Klassenbuch aufgenommen. Diese Art des Unterrichtens wurde irgendwann jedoch nicht mehr kritiklos hingenommen, so Herbold: „Wir waren ja die Revoluzzer und haben jedes Semester vor Klausuren 14 Tage gestreikt. Wir wollten ernstgenommen werden und haben uns auch für die Abschaffung der Klassenbücher eingesetzt!“ Heute weitgehend in Vergessenheit geraten, veränderte die 68er Bewegung die Bildungslandschaft also nicht nur an alteingesessenen Universitäten, sondern auch schon in den Vorläuferinstitutionen der Universität Kassel.

Trotz aller Umbrüche, des steten technischen Fortschrittes und des Umzugs zum Holländischen Platz (Gesamthochschule) weist das Maschinenbaustudium in Kassel ein hohes Maß an Kontinuität und Verlässlichkeit auf. So sind Fächer wie Mathematik, Physik, Steuerungs- und Regelungstechnik und Technische Mechanik auch heute noch zentrale Bestandteile des Curriculums. Und auch die Verbindung zur Ingenieurschule ist nie abgerissen, denn noch immer absolvieren unsere Studierenden der Mechatronik den Großteil ihrer Veranstaltungen am Standort Wilhelmshöher Allee.

Text Daniel Koch

Quelle

Bennedik, Kurt (1965): 1955-1965. 10 Jahre staatliche Ingenieurschule für Maschinenwesen Kassel. Kassel.