Das Po­ly­tech­ni­kum, die „zen­tra­le tech­nisch-na­tur­wis­sen­schaft­li­che Bil­dungs­stät­te des nord­hes­si­schen Rau­mes“ in der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts

 

Was waren die Vorläuferinstitutionen unserer Universität und in welcher Verbindung zur ersten Bildungsstätte für Maschinenbau in Kassel standen die Forscher Friedrich Wöhler, Robert Bunsen und der Industrielle Carl Anton Henschel? Diese Fragen beantworten wir im ersten Teil unserer Kurzserie zur Geschichte des Maschinenbaus in Kassel.

Nicht erst mit der Gründung der Universität im Jahr 1971 begannen Maschinenbauingenieure und Maschinenbauingenieurinnen ihr Handwerk in Kassel zu erlernen (damals waren es tatsächlich mehr Ingenieure als Ingenieurinnen – den ersten Maschinenbauingenieurinnen in Kassel werden wir einen eigenen Artikel widmen). Hiervon zeugt etwa der vielsagende Name „Ingenieurschule“ des Standortes Wilhelmshöher Allee, wo heute unsere Studierenden der Mechatronik den Großteil ihrer Lehrveranstaltungen besuchen. In diesem Gebäude wurde schon ab den 1950er Jahren Maschinenbau gelehrt. Doch bereits 120 Jahre zuvor wurde die naturwissenschaftlich-technische Ausbildung junger Menschen in Kassel forciert und 1832 auf Initiative des Kasseler Oberbürgermeisters Karl Schomburg das „Polytechnikum“ gegründet. Auf dieser offiziell als „Höhere Gewerbeschule“ bezeichneten Einrichtung konnten Jugendliche ab 14 Jahren eine naturwissenschaftlich-technische Grundbildung erwerben, die zum anschließenden Besuch einer Universität berechtigte.

Durch ihre herausragenden Lehrer, darunter etwa die Chemiker Friedrich Wöhler und Robert Bunsen, wurde das Polytechnikum schnell die „zentrale technisch-naturwissenschaftliche Bildungsstätte des nordhessischen Raumes“, so Albert Hoffmann (2011, S. 347). Aufgrund der Bedeutung und des Renommees des Polytechnikums setzte sich in den 1860er Jahren der zuständige Kultusbeamte Herrmann Schwarzenberger mit einigen Unterstützern für dessen Umwandlung in eine vollwertige Technische Hochschule ein. Ihre Initiative blieb jedoch erfolglos. In den nächsten Jahren verlor das Polytechnikum immer mehr an Geltung; wurde zunächst zu einer Handels- und Gewerbeschule herabgestuft und 1888 schließlich geschlossen.

Obwohl das Polytechnikum Jahrzehnte vor der Gründung der Ingenieurschule oder gar der Universität Kassel geschlossen wurde, gehört es dennoch zu dessen Entwicklungsgeschichte – nicht nur aufgrund seiner inhaltlichen Ausrichtung, sondern auch wegen seiner engen Verbindung zur Firma Henschel & Sohn: So war Otto Henschel, Sohn des Maschinenfabrikanten und Erbauers des Gießhauses Carl Anton Henschel, unter den ersten Schülern des Polytechnikums. Zudem nutzte die Firma Henschel ab Mitte der 1840er Jahre die Verbindung zu der Bildungseinrichtung, um „geeignetes Fachpersonal für das wachsende Unternehmen und insbesondere für den Bau von Dampflokomotiven heranzuziehen“ (Hoffmann 2011, S. 354–355).

Mit der zunehmenden Industrialisierung und dem Aufstieg der Firma Henschel in den nächsten Jahrzehnten stieg auch der Bedarf an qualifizierten Fachkräften im Maschinenbau. Aufgrund der Schließung des Polytechnikums konnten diese jedoch lange nicht vor Ort ausgebildet werden. Zwar wurde 1896 mit der „Baugewerkeschule“ eine technische Schule gegründet, „[g]emessen am Ausbildungsprogramm der ‚Polytechnischen Schule‘ war aber nun der Maschinenbau zu kurz gekommen“ (Bennedik 1965, S. 9). Aus diesem Grund wurde 1955 schließlich die Ingenieurschule gegründet.

Text Daniel Koch

Quellen

Bennedik, Kurt (1965): 1955-1965. 10 Jahre staatliche Ingenieurschule für Maschinenwesen Kassel. Kassel.

Hoffmann, Albert (2011): Das Polytechnikum in Kassel (1832-1870). Eine Hochschule für Söhne namhafter Bürgerfamilien im frühen Industriezeitalter. In: Björn Onken und Dorothea Rhode (Hg.): "in omni historia curiosus". Studien zur Geschichte von der Antike bis zur Neuzeit ; Festschrift für Helmuth Schneider zum 65. Geburtstag. Unter Mitarbeit von Helmuth Schneider. Wiesbaden: Harrassowitz (Philippika, 47), S. 347–362.