Tra­di­ti­on und In­no­va­ti­on: Die Werk­stoff­tech­nik im So­phie-Hen­schel-Haus

Mit dem Aufbau der Universität Kassel verbunden war auch die Suche nach effektiven Strukturen für Lehre, Forschung und die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Hier leistete im Fachbereich Maschinenbau die Werkstofftechnik durch die Gründung eines „Instituts für Werkstofftechnik“ Pionierarbeit. Es war im Jahr 1981 die erste und zur damaligen Zeit viel beachtete Institutsgründung an der noch jungen Gesamthochschule Kassel. Diese Form der Zusammenarbeit verwandter Fachgebiete hat sich später an der Universität Kassel durchgesetzt. Heute ist das Institut für Werkstofftechnik mit über 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weltweit sichtbar und gehört zu den führenden Forschungseinrichtungen auf dem Gebiet der Eigenspannungsforschung, der Additiven Fertigung, der Materialentwicklung und Verbundwerkstoffe sowie der Kunststoff-Prozesstechnik und Biokunststoffe.

Das Institut für Werkstofftechnik ist nicht nur aus organisatorischer und wissenschaftlicher Perspektive eine Kasseler Erfolgsgeschichte. Auch architektonisch und historisch ist das Institutsgebäude von großer symbolträchtiger Bedeutung: An dessen Standort befand sich in der Gründungszeit des Unternehmens Henschel das Wohnhaus der Eigentümerfamilie. In einem Anbau war die Werkstatt mit Dreherei und Schlosserei untergebracht.

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1906 wurde dieses Gebäude zu der Werkshalle K 13 ausgebaut, die jedoch bei Bombenangriffen im September 1944 und Februar 1945 zu großen Teilen zerstört wurde. Nach dem Krieg wurde an der gleichen Stelle eine neue Werkshalle errichtet. Deren restaurierte Fassade umschließt noch heute das 1993 bezogene Institutsgebäude. Diese Integration moderner architektonischer Elemente in die ehemalige Werkshalle hat große Beachtung erfahren, denn

"[z]usammen mit dem restaurierten Gießhaus bildet die Fassade der ehemaligen Industriehalle K 13 ein Ensemble, das auch heute noch an den Industriestandort der alten Firma Henschel erinnert und gleichzeitig moderne Elemente mit einbezieht. Von der alten Halle hat man nur die zehn Meter hohen Außenmauern im Rundbogenstil stehen lassen und in den Leerraum einen dreigeschossigen Glaskubus gesetzt. [...] Der Bund deutscher Architekten hat Anfang 1998 dem Neubau eine 'Auszeichnung für gute Architektur' verliehen." (Ickler 2012, S. 83)

Seit 2004 trägt das Institutsgebäude der Werkstofftechnik den Namen Sophie-Henschel-Haus. Auf diese Weise wird in weiterer Hinsicht an das Erbe der Firma Henschel angeknüpft und an die Verdienste der Sophie Henschel erinnert, die

"eine Reihe betrieblicher Fürsorgeeinrichtungen [gründete] und […] sich in der Stadt Kassel auf sozialem Gebiet [engagierte]. […] Der Mythos Henschel bündelt sich insofern in der Person Sophie Henschels, die vielleicht auch deswegen bis heute geehrt wird, weil sie die im K13 ebenfalls enthaltene Geschichte des Wegs der deutschen Industrie in Rüstungsproduktion und Krieg zu überstrahlen vermag." (Speitkamp und Weise-Kusche 2012, S. 66)

Text Daniel Koch

 

Quellen

Ickler, Gerhard (2012): Ein Industriegebiet wird zum Hochschulcampus. Zur Baugeschichte der jungen Kasseler Universität. In: Annette Ulbricht (Hg.): Henschel, Gottschalk & Co. Die industrielle Vorgeschichte des Campus Holländischer Platz der Universität Kassel. Kassel: Kassel Univ. Press, S. 76–86.

Speitkamp, Winfried; Weise-Kusche, Sebastian (2012): Der "Weg der Erinnerung" der Universität Kassel. Aufarbeitung der Belastungen der Henschel-Firmengeschichte und Mahnmal für die Verantwortung der Wissenschaft. In: Annette Ulbricht (Hg.): Henschel, Gottschalk & Co. Die industrielle Vorgeschichte des Campus Holländischer Platz der Universität Kassel. Kassel: Kassel Univ. Press, S. 60–71.