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11.06.2026 | Porträts und Geschichten

„Ein Studium ist nicht ersetzbar“ Rita Borromeo Ferri im Interview

Die neue Vizepräsidentin Rita Borromeo Ferri über die Zukunft der Bildung

Interviewsituation mit Rita Borromeo Ferri am Tisch sitzendBild: Universität Kassel

publik: Frau Borromeo Ferri, wie wird man eigentlich Vizepräsidentin der Universität Kassel? Schon klar, man wird gewählt. Aber wie wird man zur Kandidatin?

Borromeo Ferri: Per Mail hat mich die Präsidentin zum Kaffee eingeladen. Als Frau Clement mich dann gefragt hat, ob ich mich zur Wahl stellen würde, hat mich das sehr gefreut. Aber ich habe nicht sofort Ja gesagt, sondern bin erst einmal nach Hause gefahren und habe mit meinem Mann Heavy Metal gehört.

 

publik: Heavy-Metal-Fan?

Borromeo Ferri: Absolut. Heavy Metal macht den Kopf frei. Das ist nicht nur Musik, sondern auch eine Lebenseinstellung: mutig und energiegeladen vorangehen. 

 

publik: Wieso mussten Sie überlegen?

Borromeo Ferri: Ich lehre sehr gerne, ich forsche sehr gerne, das wird ja alles nun weniger. Andererseits ist das Amt natürlich eine einzigartige Möglichkeit, die Universität mitzugestalten. 

 

publik: Sie haben vor Ihrer Wahl ein Programm vorgestellt. Fangen wir mal mit einem der schwierigen Punkte an: der Stärkung dualer Studienanteile.

Borromeo Ferri: Ich glaube, dass uns das sehr im Wettbewerb mit den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften helfen könnte, auch mit den privaten Hochschulen. Die Universität Kassel bietet bislang nur einen Dualen Studiengang an. Es gibt ein sogenanntes Studium im Praxisverbund. Ein Duales Studium würde da weiter gehen, zum Beispiel was die Vergabe von Credits für die Praxisphasen angeht. Ich kann mir vorstellen, dass künftig mehr Schülerinnen und Schüler Studium mit Praxis verbinden wollen. Wir sollten dafür attraktive Angebote machen, sonst gehen die woanders hin.

 

publik: Können Universitäten das? Duale Studiengänge werden vor allem von Hochschulen für Angewandte Wissenschaften angeboten, die sind per se praxisnäher ausgerichtet.

Borromeo Ferri: Ich weiß, dass es offene Fragen in der Universität gibt. Für mich ist klar, dass wir unsere universitären Ansprüche nicht herunterschrauben werden. Andererseits glaube ich, eine stärkere Verbindung von Praxis und Studium auf universitärem Niveau ist möglich. 

 

publik: Wir haben vor unserem Gespräch die Studierenden über Insta gefragt, was sie von Ihnen wissen wollen. Eine der Fragen knüpft hier an: Wäre eine engere Zusammenarbeit mit Unternehmen mit einem Aufweichen der Zivilklausel verbunden?

Borromeo Ferri: Die aktuelle Situation ist doch die, dass der Senat derzeit über die Neufassung der Grundordnung berät und in der letzten Senatssitzung einem Änderungsentwurf der Grundordnung im Grundsatz zugestimmt hat. Was dies hinsichtlich der Zusammenarbeit mit Unternehmen bedeutet, werden die weiteren Entwicklungen zeigen.

Portrait von Studentin Pia ThiedeBild: Andreas Fischer
Studium und Praxis verbinden, das hat an der Universität Kassel Tradition. Im Mai feierte das Modell „Studium im Praxisverbund” 25. Geburtstag. Eine der Teilnehmerinnen war Wirtschaftsingenieur-Studentin Pia Thiede (Achivbild von 2014).

publik: Das zweite Thema, dass Sie bearbeiten wollen: KI im Studium. Lohnt sich ein Studium im KI-Zeitalter überhaupt noch?

Borromeo Ferri: Aber ja! Gerade jetzt ist es doch interessant, sich an einer Universität mit KI auseinanderzusetzen. Es gibt eine Million total interessanter Fragen. Wie kann ich als Studentin KI in meinem späteren Beruf einsetzen? Wie sieht eine KI-Literacy überhaupt aus? Was erwarte ich von den Dozentinnen und Dozenten? Davon abgesehen: Erkenntnisgewinn lebt von Austausch und Kommunikation. Ein Studium mit allem, was dazugehört, ist nicht ersetzbar. 

 

publik: Mit dieser Begründung legt die Universität Kassel ziemlich viel Wert auf Präsenzlehre. Nächste Studierenden- Frage: Wie gestaltet man Präsenzlehre möglichst attraktiv?

Borromeo Ferri: Zum Beispiel durch einen Wechsel von Input und Anwendung auch in Zusammenhang mit Digitalisierung. Natürlich sollten alle Inhalte gut vorbereitet sein. Aber mit das Wichtigste ist: Begeisterung fürs eigene Fach ausstrahlen. Die Studierenden sollen spüren: Der oder die brennt für das Fach, bei diesen Lehrenden möchte ich studieren! Von solch einer Energie spüren Sie über Zoom kaum etwas oder nichts. Digitale Lehrelemente haben ihre Berechtigung, vor allem in der Unterstützung, nicht unbedingt ausschließlich.

 

publik: Und wenn eine Veranstaltung nicht gut ist? Wo kann man sich darüber beschweren, fragt ein Student.

Borromeo Ferri: Zunächst einmal sollte man in den direkten Austausch mit dem Dozenten oder der Dozentin gehen. Falls das nichts bringt, ist die Studiendekanin oder der Studiendekan des Fachbereichs der richtige Ansprechpartner. Übrigens freuen sich Lehrende auch über Lob; wir sind alle Menschen und keine Maschinen. Man kann ruhig einmal sagen: „Das war eine richtig coole Vorlesung.“ Wenn’s stimmt.

 

publik: Noch eine Studierenden-Frage: Wie werden Sie als Vizepräsidentin Kontakt zu den Studierenden halten?

Borromeo Ferri: Auf jeden Fall möchte ich in verschiedene Studierenden-Gremien gehen. Ich will aus erster Hand erfahren: Was brauchen die Studierenden? Der Kontakt ist aber auch in die andere Richtung wichtig, ich will auch vermitteln, was die Lehrenden erwarten. Die Uni ist und soll ein Ort der Zusammenarbeit sein. 

 

publik:Sie haben mit anderen den MINT-Hub auf die Beine gestellt, der junge Menschen für Mathematik, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften und Technik begeistern will und auch den Übergang von der Uni in den Beruf fördert. Deutschlandweit fehlen Studierende in den MINT-Fächern, insbesondere in den ingenieurwissenschaftlichen Fächern. Warum eigentlich?

Borromeo Ferri: Berechtigte Frage. Wir brauchen gute Leute – nicht nur – in den MINT-Fächern, um die Probleme unserer Welt zu lösen. Dass nicht genügend junge Menschen diesen Weg einschlagen, ist besorgniserregend. Aber mein Eindruck ist: Es tut sich etwas. Die Lehrkräfte an den Schulen können inzwischen besser darstellen, warum diese Disziplinen attraktiv sind. Es könnte noch besser gelingen, zu vermitteln, in welche konkreten Berufe ein MINT- Studium führt. 

 

publik: Internationalisierung ist Ihnen wichtig …

Borromeo Ferri: Da ist die Universität ziemlich gut aufgestellt. Es gibt erfreuliche Zahlen und einen Service für internationale Studierende. Aber dass Leute aus dem Ausland zu uns nach Kassel kommen, ist das eine. Dass sie ihren Abschluss machen, das andere. Hier kann man vielleicht noch etwas verbessern. 

 

publik: Und das Dritte ist die Frage: Bleiben sie nach dem Abschluss hier?

Borromeo Ferri: Von universitärer Seite ist es wichtig den Studierenden Unterstützung anzubieten, um den Weg in die Unternehmen der Region zu erleichtern. Aber natürlich gibt es da ein Spannungsverhältnis: Wir haben ein Interesse daran, dass die internationalen Absolventen hier in den Arbeitsmarkt einsteigen. Aber in ihren Herkunftsländern können sie mit ihrem Wissen und Erfahrungen oft viel bewirken. Das weiß ich durch viele Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen, wie neulich in Südafrika. 

 

publik: Sie haben nach Ihrer Promotion erst eine Vertretungsprofessur in Siegen übernommen und dann ein Referendariat angeschlossen. Wie war’s an der Gesamtschule Poppenbüttel?

Borromeo Ferri: Super. Die Schulerfahrung und das Referendariat sind für mich wichtig gewesen, damit ich einerseits meine Lehramtsstudierenden besser ausbilden kann und andererseits hilft es mir immer noch enorm in der Forschung. Dieser Perspektivwechsel Uni-Schule-Uni war wertvoll für mich als Fach-Didaktikerin.

 

publik: Zum Schluss: Bitte drei Tipps für Studierende.

Borromeo Ferri: Okay, erstens: Studiert mit vollem Herzen; es ist ein Privileg, so viel Zeit für den Wissenserwerb zu haben. Holt das Maximum an Wissen und Kompetenzen raus! Ich sage das, weil ich die Studienbedingungen und Studienmöglichkeiten in vielen Ländern gesehen habe. Zweitens: Schafft euch aber auch einen Ausgleich zum Studium. Ich kann u.a. die Goldgrube an der Eisenschmiede empfehlen, eine super Location für Musik. Drittens: Habt Vertrauen zu euren Dozentinnen und Dozenten. Die allermeisten denken sich etwas bei dem, was sie tun und wissen, warum Inhalte wichtig sind. Wenn es einmal nicht so gut klappt, sucht das Gespräch.

 

Das Interview erschien im Universitäts-Magazin publik 2026/2. Text: Sebastian Mense, Bastian Puchmüller.