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23.10.2026 | Porträts und Geschichten

„Wer macht dann die Arbeit?“

Im Gespräch mit Frau Prof. Dr. Kerstin Jürgens über die Zukunft der Arbeit – eine Bilanz nach acht Jahren

Die Soziologin Prof. Dr. Kerstin Jürgens forscht zum Wandel der Arbeitswelt und Ansichten von Beschäftigten. Bereits 2018 sprachen wir mit ihr über die Arbeit im Zeitalter der Roboter und die Rolle des Menschen. Acht Jahre später schauen wir erneut auf die Arbeitswelt: Was hat sich bewahrheitet, was kam anders als erwartet?

Portraitfoto von Prof. Dr. Kerstin Jürgens in weißem Blazer, ernst in die Kamera blickendBild: Sonja Rode

publik:Wenn Sie heute auf die Arbeitswelt schauen: Was beschäftigt Sie am meisten?

Prof. Dr. Kerstin Jürgens: Die Veränderungen sind aktuell äußerst dynamisch. Große Themen sind derzeit der Einsatz von KI und die Bewältigung des Klimawandels. Aber ein nicht minder wichtiges Thema ist der demografische Wandel. Die Alterung der Gesellschaft führt zu erheblichen Personalproblemen und hemmt die wirtschaftliche Entwicklung. Ein Meta-Thema ist daher die Bereitschaft der Menschen, Veränderungen in Folge von Klimawandel, geopolitischen Entwicklungen und Künstlicher Intelligenz mitzugehen. 

 

publik: Sie sind Mitglied im Beraterkreis der Agentur für Arbeit. Was beobachten Sie dort aktuell am Arbeitsmarkt? Wo liegen momentan die größten Herausforderungen? 

Jürgens: Wir stehen aktuell vor zwei großen Herausforderungen: In einigen Bereichen fehlen Arbeitskräfte, während in anderen Arbeitsplätze abgebaut werden. Diese Gleichzeitigkeit ist ein Kernproblem. Wenn Beschäftigte erleben, dass ihr eigener Arbeitsplatz gefährdet ist, während überall vom Fachkräftemangel gesprochen wird, ist diese Widersprüchlichkeit schwer nachzuvollziehen

Im Interview 2018 haben Sie gesagt: „Es wird in Zukunft eher einen Mangel an Arbeitskräften geben in Bereichen wie IT und Softwareent wicklung, in Gesundheitsberufen oder der Medizin. Da lassen sich dann Interessen besser durchsetzen. In anderen Berufsfeldern wird ratio nalisiert, etwa in der Logistik."

publik: Hat sich diese Einschätzung bestätigt und wie haben sich dadurch die Machtverhältnisse zwischen Beschäftigten und Unternehmen verändert? 

Jürgens: Tatsächlich stecken wir durch die demografische Entwicklung in etlichen Bereichen in einem Engpass. Einerseits stärkt der Personalmangel die Verhandlungsmacht der Beschäftigten, andererseits kann er sie auch überfordern, weil sich die Arbeit verdichtet. Studien zeigen, dass Beschäftigte auf Weiterbildung verzichten oder sogar krank zur Arbeit gehen, weil sie ihre Kolleginnen und Kollegen nicht zusätzlich belasten wollen.

Im Interview 2018 haben Sie gesagt: „Wir brauchen ein Innehalten, um zu überlegen, wie wir etwa Künstliche Intelligenz einsetzen wollen.“

publik: Hat dieses Innehalten stattgefunden oder ist die technologische Entwicklung schneller gewesen als die gesellschaftliche Debatte?

Jürgens: Schwierig. Wenn bestimmte Anwendungen erst einmal auf dem Markt sind, entwickeln sie eine Dynamik und Verbreitung, die sich kaum noch einfangen lässt. Aber die Regulierung der Social-Media-Nutzung durch Kinder zeigt, dass Gesellschaften durchaus eingreifen und technologische Entwicklungen bzw. ihren Einsatz gestalten können. Es gilt immer wieder abzuwägen: Wollen wir es so oder anders? 

 

publik: Müssen wir mit einer größeren Zahl von Arbeitsplätzen rechnen, die durch KI und Automatisierung wegfallen?

Jürgens: Die früheren Prognosen, dass 30, 40 oder mehr Prozent der Arbeitsplätze wegfallen, haben sich nicht bewahrheitet. Zudem wirkt in Deutschland der demografische Wandel noch als Gegengewicht, weil teilweise Arbeitskräfte fehlen. In einigen Bereichen, etwa der Automobilindustrie, setzen Automatisierung und KI die Beschäftigung unter Druck. Gleichzeitig spielen verpasste Weichenstellungen und zu zögerliche politische Entscheidungen eine Rolle, etwa bei der E-Mobilität. Die weltpolitische Lage macht es zusätzlich schwierig, einen klaren Kurs vorzugeben, an dem sich die Wirtschaft orientieren kann.

Im Interview 2018 haben Sie gesagt: „Wir müssen den Menschen mit seinen Bedürfnissen wahrnehmen und den Wandel von dieser Position aus gestalten – statt zu versuchen, den Maschinen immer ähnlicher zu werdeen."

publik: Sind wir den Maschinen vielleicht schon zu ähnlich geworden?

Jürgens: Wir sehen aktuell, dass Menschen sich zwar mit vielerlei Technik umgeben, aber zugleich ein existenzielles Bedürfnis nach lebendiger Erfahrung und Austausch mit anderen Lebewesen haben. Lebendigkeit lässt sich technisch simulieren, aber dann sind die Erfahrungen anders und für viele weniger erfüllend. Dies sollte anerkannt werden. Menschen sind als bedürftig nach lebendigem Austausch statt als „Appendix einer Maschine“ zu begreifen. 

 

publik: Wie kann sich dieses Bedürfnis nach lebendiger Erfahrung im Job auswirken?

Jürgens: Technologische Innovationen können dazu verhelfen, Arbeit zu erleichtern und monotone oder entfremdende Tätigkeiten zu reduzieren. So kann mehr Raum für menschliche Kommunikation und Kontakt entstehen. Wenn etwa KI Dokumentationsaufgaben im Gesundheitsbereich erleichtert, bleibt dort mehr Zeit, sich um Patientinnen und Patienten zu kümmern. 

 

publik: Wie wird sich unser Verhältnis zur Arbeitszeit in Zukunft verändern?

Jürgens: Technischer Fortschritt könnte dazu genutzt werden, die Regelarbeitszeit zu reduzieren. Wo Personalmangel herrscht, stellt sich allerdings die Frage: Wer macht dann die Arbeit? Besonders im Dienstleistungsbereich ist das relevant, weil viele Menschen auf diese Leistungen angewiesen sind. Es braucht deshalb eine gesellschaftliche Debatte darüber, wie viel Zeit für was aufgewendet werden soll und woran wir Wohlstand festmachen.

Im Interview 2018 haben Sie gesagt: „Ein längeres Leben bedeutet noch nicht eine längere Leistungsfähigkeit.“

publik: Wie bewerten Sie den Trend zu kürzeren Wochen- und längeren Lebensarbeitszeiten? 

Jürgens: Junge Menschen berichten, dass sie ihre Eltern als gestresst erleben, und sie streben für sich ein anderes Lebensmodell an. Das ist verständlich. Eine andere Gruppe wünscht sich kürzere Arbeitszeiten, weil sie deutlich mehr arbeitet, als ihr Arbeitsvertrag vorsieht. Die aktuelle Debatte über fehlende Flexibilität halte ich für fehlgeleitet. In Deutschland gibt es fortschrittliche Betriebs- und Tarifvereinbarungen, die win-win-Situationen für beide Seiten sicherstellen, Beschäftigte und Arbeitgeber. Eine längere Lebensarbeitszeit ist ein heikles Thema, weil sie nicht für alle Berufe gleichermaßen möglich ist. Bei stark beanspruchender Tätigkeit plus Schichtarbeit kann der Verschleiß schon früher zu stark sein. 

 

publik: Was müsste sich verändern, damit Menschen länger gesund arbeiten können?

Jürgens: Arbeit könnte über den Lebenslauf hinweg vielfältiger gestaltet werden. Wer jahrzehntelang der gleichen Belastung ausgesetzt ist, erreicht schneller ein Limit. Ein Wechsel der Tätigkeiten könnte helfen. Auch technischer Fortschritt kann Belastungen reduzieren. Früher mussten wir z. B. Text tippen, heute können wir diktieren oder die KI schreibt selbständig. Wichtig sind zudem gute Arbeitsorganisation, Mitbestimmung und die Berücksichtigung von Sorgeverpflichtungen. 

 

publik: Der Ökonom Thomas Piketty argumentiert, dass eine Verkürzung der Arbeitszeit zum Klimaschutz beitragen kann und Arbeit sich stärker von materieller Produktion hin zu Gesundheit, Bildung und Kultur verlagern sollte. Wie sehen Sie das?

Jürgens: Wichtig ist der Hinweis, dass dies ein anderes Wohlstandsmodell voraussetzt, einen anderen Konsum. Mehr Freizeit allein wäre noch nicht klimafreundlich. Es kommt darauf an, wie diese Zeit genutzt wird. 

 

publik: Ist eine kürzere Arbeitswoche ein Luxus, den sich nur reiche Länder leisten können? 

Jürgens: Deutschland gehört ökonomisch betrachtet zu den reichsten Ländern der Welt. Daraus ergeben sich auch bestimmte Erwartungen hinsichtlich Einkommen und Arbeitszeit. 

 

publik: Wenn sich Arbeitsplätze, Arbeitszeiten und Erwerbsbiografien verändern: Was bedeutet das für unseren Sozialstaat?

Jürgens: Der Staat als Gerüst der Arbeitswelt ist immer flexibel zu denken. Die Gesellschaft ist heute vielfältiger und die Lebenslagen sind unterschiedlich. Deshalb ist es schwieriger, eine Sozialpolitik zu gestalten, die „aus einem Guss“ daherkommt und für alle gleichermaßen passt. Gleichzeitig setzen äußere Bedingungen wie Krieg, Klimawandel und Deindustrialisierung den Sozialstaat zusätzlich unter Druck. Der Sozialstaat kann eine wichtige Konstante für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sein, aber nur, wenn er sich immer wieder anpasst.

Die Soziologin Prof. Dr. Kerstin Jürgens gab bereits 2018 dem Hochschulmagazin publik ein Interview zum Thema Arbeit.

zum Interview (S. 10 bis S. 13)

 

Dieser Beitrag erschien in der Herbst-Ausgabe des Universitätsmagazins „publik“ (2026/3) im Oktober 2026. Interview: Hannah Eichenberg