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26.10.2026 | Porträts und Geschichten

Schuften oder Sinnsuche? Die Gen Z definiert Karriere neu

Jens Behrmann vom Career Service blickt auf die Realität am Campus und darauf, wie eine junge Generation die Spielregeln der Arbeitswelt frisch verhandelt.

Die Debatte um die Arbeitsmoral der jüngeren Generation hat die Politik längst erreicht. „Mit einer Vier-Tage-Woche werden wir den Wohlstand in unserem Land nicht erhalten können“, urteilte etwa Kanzler Friedrich Merz. Themen wie Work-Life- Balance, Teilzeit und vermeintliche Leistungsschwäche prägen den öffentlichen Diskurs. Faul, verweichlicht, anspruchsvoll – wer über die Geburtsjahrgänge zwischen 1995 und 2010 spricht, landet schnell in der Klischeefalle. Jens Behrmann begegnet solchem Schubladendenken mit Skepsis. Er leitet seit 2010 den Career Service der Universität Kassel und hat bereits rund 5.000 Studierende auf dem Weg in den Beruf begleitet. An der Schnittstelle zwischen Hochschule und Wirtschaft erlebt er die Wirklichkeit abseits politischer Parolen: „Ich tue mich schwer damit, die Einstellung zur Arbeit allein auf das Geburtsjahr zu beziehen. Viel entscheidender ist, wie alt man in einer bestimmten Lebensphase ist und was einen persönlich geprägt hat.“

Charlotte Bode, 23 Jahre, Psychologie im Bachelor

Dass die Gen Z nicht arbeiten will, stimmt einfach nicht. Wir wollen arbeiten, aber nicht bis zum Burnout. Uns geht es um eine Kultur ohne Angst, mit gegenseitigem Respekt und offener Kommunikation. Es geht uns nicht darum, faul zu sein, sondern schlicht um unsere psychische Gesundheit.

Charlotte Bode, 23 Jahre, Psychologie im Bachelor
Junge Frau blickt in die Kamera

Lebensphase und verzerrte Erwartungen

Ob Corona-Pandemie, globale Konflikte oder wirtschaftliche Unsicherheiten: Solche einschneidenden Erfahrungen treffen junge Menschen mitten in einer sensiblen Orientierungsphase. Sie prägen den Berufseinstieg oft viel nachhaltiger als das Jahrgangsetikett. Hinzu kommt eine verzerrte Erwartungshaltung an den Arbeitsmarkt: Jahrelang wurde der Nachwuchsgeneration vermittelt, dass die Unternehmen ihnen wegen des demografischen Wandels die Türen einrennen würden. Die Realität sieht oft anders aus, denn frei werdende Stellen passen keineswegs automatisch zu den Qualifikationen und Interessen der Absolventinnen und Absolventen. „So gesehen hatten viele beim Studienstart eine ganz andere Vorstellung von ihrer Verhandlungsposition. Dass dieses optimistische Bild überhaupt entstehen konnte, liegt nicht zuletzt an stark vereinfachten Medienberichten“, erklärt Behrmann.

Simon Hermann, 20 Jahre, Psychologie im Bachelor

Mir ist wichtig, dass ich am Arbeitsplatz als Mensch respektiert werde und die Bedingungen passen. Die Gen Z wird oft falsch eingeschätzt: Da digitale Arbeit selten sofort physisch greifbar ist – anders als beim Schreiner –, entsteht schnell das Klischee vom faulen Studierenden.

Simon Hermann, 20 Jahre, Psychologie im Bachelor
Junger Mann lächelt in die Kamera

Sicherheit oder Selbstverwirklichung?

Was aber erwarten Studierende konkret von ihrem späteren Beruf? Auch darauf gibt es für Behrmann keine allgemeingültige Antwort – zu stark hänge das von der individuellen Lebensrealität ab. Wer auf finanzielle Unterstützung der Familie bauen kann, geht mit ganz anderen Ansprüchen in den Berufseinstieg als jemand, der unmittelbar auf ein eigenes Einkommen angewiesen ist. Dennoch beobachtet Behrmann vor allem zwei Kernbedürfnisse: den Wunsch nach Sicherheit und das Streben nach Selbstverwirklichung. Dabei schließen sich diese Faktoren keineswegs aus: Viele Studierende suchen gezielt nach verlässlichen Strukturen und einem sicheren Gehalt, möchten dabei aber keinesfalls auf eine sinnstiftende Aufgabe verzichten. Gleichzeitig wächst die Unsicherheit durch neue Technologien. In seinen Beratungen hört er immer öfter die Frage: „Was mache ich, wenn KI meinen Job ersetzt?“. Ebenso greift das Klischee zu kurz, die Gen Z wolle schlicht nicht mehr arbeiten. Wenn Studierende eine Reduzierung der 40-Stunden-Woche oder mehr Flexibilität anstreben, stecken dahinter meist praktische Gründe, von Angehörigenbetreuung über Ehrenamt bis hin zu Hobbys. Auch der Wunsch nach Homeoffice sei längst kein Phänomen einer einzelnen Altersgruppe mehr: „Da findet gerade ein gesamtgesellschaftlicher Paradigmenwechsel statt. Die Pandemie hat bewiesen, dass mobiles Arbeiten funktioniert. Entsprechend wird diese Flexibilität heute generationenübergreifend eingefordert.“

Hannah Hohberg, 28 Jahre, Soziologie mit Nebenfach Nachhaltigkeit

Wir sehen bei unseren Eltern, wie sie zu viel arbeiten und zu wenig auf ihre mentale Gesundheit achten. Genau deshalb setzen wir andere Prioritäten – zum Beispiel bei den Arbeitszeiten. Statt pauschaler Vorurteile braucht es hier eine gemeinsame Basis, mit der beide Seiten langfristig zufrieden sind.

Hannah Hohberg, 28 Jahre, Soziologie mit Nebenfach Nachhaltigkeit
Junge Frau blickt in die Kamera im Hintergrund die Univeritätsbibliothek der Uni Kassel

Praxiserfahrung verändert den Blick

Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Praxiserfahrung. „Wer die Arbeitswelt bereits kennt, hat meist viel klarere Vorstellungen von Unternehmenskulturen, Hierarchien und eigenen Werten als jemand, der frisch aus der Theorie kommt.“ Studierenden rät er deshalb, schon während des Studiums Praxisluft zu schnuppern und Netzwerke aufzubauen: „Setzt euch im Studium nicht zu sehr unter Druck und nutzt die Zeit, um euch beruflich in Ruhe auszuprobieren.“ Gerade beim Übergang vom Campus in die Praxis beobachtet er jedoch oft Verunsicherung: „Manchen fehlt schlicht der Mut, wenn es mit dem direkten Berufseinstieg nicht auf Anhieb klappt.“ Viele Absolventinnen und Absolventen erwarten, ihr theoretisches Uni-Wissen eins zu eins im Job anzuwenden. Doch entscheidende Kompetenzen entwickeln sich erst in der Praxis. Auch eine Absage sei kein Grund zum Verzweifeln: „Sie sagt nichts über den eigenen Wert aus, sondern spiegelt nur die hohe Bewerberzahl wider.“ Sein Plädoyer: Flexibel und offen bleiben und sich auch in anderen Branchen umsehen.

Oliver Bracht, Geschäftsführer von eoda GmbH

Ich erlebe bei Bewerberinnen und Bewerbern aus der Gen Z, dass ihnen Home-Office wichtig ist. Work-Life-Balance ist eine gesellschaftliche Strömung, die von Gen Z ausgelöst wurde und sich auf alle Altersstufen übertragen hat. Im Arbeitsalltag ist ihnen wichtig, mitzugestalten und Verantwortung zu übernehmen. Das Vorurteil, dass die Gen Z nicht arbeiten möchte, kann ich nicht bestätigen. Im Gegenteil: Wenn sie für ihre Themen im Job brennen, sind sie sehr engagierte Mitarbeitende.

Oliver Bracht, Geschäftsführer von eoda GmbH

Die Arbeitswelt von morgen

Gleichzeitig bieten Start-ups jungen Menschen große Chancen, um früh Verantwortung zu übernehmen – etwa direkt auf dem Campus im Science Park der Universität Kassel. Wie die Arbeitswelt in zehn Jahren aussieht, lässt sich allerdings durch die Dynamik von KI und voranschreitender Digitalisierung kaum exakt vorhersagen. Deshalb wird eine Fähigkeit in Zukunft wichtiger sein als jedes Fachwissen: Anpassungsfähigkeit. Aus Behrmanns Sicht geht es immer weniger darum, krampfhaft nach dem perfekten Anforderungsprofil in einer Stellenausschreibung zu suchen: „Viel entscheidender ist es, sich flexibel in Zukunftsfelder wie digitale Transformation und Prozessmanagement einarbeiten zu können.“ Am Ende dreht sich die Debatte wohl kaum um fehlenden Fleiß. Vielmehr wandelt sich schlicht die Frage, was gute Arbeit im digitalen Zeitalter ausmacht. Und die Antwort darauf müssen Generationen gemeinsam finden.

Portraitfoto von Jens Behrmann, wie er leicht lächelnd in die Kamera blickt.Bild: Sascha Mannel

Jens Behrmann vom Career Service blickt auf die Realität am Campus und darauf, wie eine junge Generation die Spielregeln der Arbeitswelt frisch verhandelt.

zum Career Service der Uni Kassel

Dieser Beitrag erschien in der Herbst-Ausgabe des Universitätsmagazins „publik“ (2026/3) im Oktober 2026. Text: Bastian Puchmüller, Hannah Eichenberg