Wie landet ein Olympia-Skispringer im Architekturstudium?
Der Blick vom Startbalken hinunter auf die Anlaufspur, den Schanzentisch und die Zuschauertribüne. In wenigen Sekunden muss alles zusammenpassen: Timing, Wind, Körperhaltung und Mut. Stephan Leyhe kennt diesen Moment. Nach Jahren im Leistungssport stand er wieder vor einem Absprung. Nur diesmal nicht auf der Schanze.
Bild: Stephan LeyheZeit für etwas Neues
Leyhe blickt auf eine erfolgreiche Karriere zurück. Im Frühjahr 2025 beendete er mit 33 Jahren seine aktive Laufbahn. „Ich hatte eine sehr schöne Karriere, eine gute Zeit und habe viel erreicht. Seit 2015 war ich im Weltcup dabei und zweimal bei Olympia. Ich wollte so langsam sesshaft werden und auch noch andere Dinge erreichen“, erinnert er sich.
Den Plan für die Zeit danach hatte er schon länger: Architektur an der Universität Kassel studieren. Mit dem Karriereende zog es ihn zurück in die Heimat nach Willingen. „Als feststand, dass ich aufhöre, habe ich mich deshalb sofort für das Wintersemester 2025 / 26 an der Uni Kassel beworben. Das war meine erste Wahl und daher auch meine einzige Bewerbung.“
Neben Skisprungschanzen waren auch Baustellen Orte, an denen Leyhe schon als Kind viel Zeit verbrachte. „Mein Opa hatte ein Baugeschäft“, erzählt er. „Auch mein Vater ist im Handwerk tätig. Deshalb durfte ich schon als Kind mit auf Baustellen.“ An der Architektur reizt ihn vor allem die Verbindung von Planung und praktischer Arbeit. Besonders interessiert ihn, Gebäude für Menschen und ihre Bedürfnisse zu entwerfen.
Ankommen im neuen Alltag
Bild: Stephan LeyheInzwischen hat Leyhe die ersten beiden Semester abgeschlossen. „Ich habe einen klaren Cut gemacht und mit dem Studium ein neues Kapitel angefangen.“ An der Universität ist Leyhe zunächst vor allem Student. Seine Vergangenheit als Skispringer stellt er nicht in den Vordergrund, verschweigt sie aber auch nicht. Spätestens gegen Ende des ersten Semesters wussten seine Kommilitoninnen und Kommilitonen, wer hinter dem Architekturstudenten steckt. Ein klassisches Studentenleben mit langen Nächten führt der 34-Jährige allerdings nicht. „Für mich ist die Uni besonders ein Ort zum Lernen und Studieren.“ Dem Sport ist er trotzdem noch verbunden: Den Ski-Club Willingen unterstützt er weiterhin unter anderem als freiwilliger Helfer beim Weltcupspringen.
Was vom Leistungssport bleibt
Disziplin, Struktur und Ehrgeiz begleiten Leyhe auch im Studium. „Ich gehe zum Beispiel zu jeder Vorlesung und bin sehr strukturiert.“ Auch bei seinen Prüfungen will er mehr als nur bestehen: „Als Sportler habe ich gelernt, dass ich, wenn ich ein Ziel habe, akribisch darauf hinarbeite.“ Eine neue Herausforderung waren die Präsentationen vor den Professorinnen und Professoren. „Es ist schon etwas anderes, vor einem Professor zu stehen und über ein für mich noch neues Thema zu sprechen. Bei den Interviews nach dem Springen war ich nicht so aufgeregt.“ Was ihm aus seinem früheren Alltag fehlt? Das Ausschlafen. Bereuen tut er den Wechsel nicht: „Ich bin sehr froh über meine neue Aufgabe. Das Studium ist genauso, wie ich es mir vorgestellt habe, und macht einfach Spaß.“

Der nächste Sprung
Jetzt blickt Leyhe gespannt auf sein drittes Semester und möchte seinen Bachelor abschließen. Danach hofft er auf einen Masterplatz in Kassel und darauf, als Architekt in der Region zu arbeiten. Sein nächster Sprung führt nicht mehr über eine Schanze. Doch eines ist geblieben: das Gespür für den richtigen Zeitpunkt. Nach Jahren im Leistungssport hat Leyhe den Mut gefunden, einen neuen Weg einzuschlagen – an der Universität Kassel.
Dieser Beitrag erschien in der Herbst-Ausgabe des Universitätsmagazins „publik“ (2026/3) im Oktober 2026. Text: Hannah Eichenberg