24.10.2026 | Pressemitteilung

Hildebrandlied, Gutenbergbibel etc: Sanierte "Murhardsche" präsentiert Schätze

Ein europaweit bedeutender Ort für Wissen, Forschung und Kultur ist zurück: Am (heutigen) Tag der Bibliotheken hat die Murhardsche Bibliothek in Kassel nach umfassender Sanierung und Erweiterung vollständig ihre Türen geöffnet. Kostbarkeiten wie das Hildebrandlied aus dem 9. Jahrhundert werden erstmals seit über einem Jahrzehnt wieder gezeigt. Alle Bereiche des historischen Bibliotheksgebäudes und des Neubaus stehen der Öffentlichkeit und der Wissenschaft wieder zur Verfügung.

Bild: Universitätsbibliothek Kassel/Roy Blender.

Die auf der „Kasseler Museumsinsel“ prominent gelegene Murhardsche Bibliothek ist seit Juli 2017 in mehreren Bauabschnitten umfassend saniert und erweitert worden. Der Neubau und der sanierte Kopfbau wurden 2024 an die Universität übergeben und „teileröffnet“; nun sind auch die Arbeiten im Mittelbau und Südflügel abgeschlossen, mit der heutigen Eröffnung ist das Gesamtprojekt vollendet und die gesamte Murhardsche Bibliothek wieder nutzbar. Schatzkammer des Gebäudes ist ein moderner Tresorraum, in dem bedeutende mittelalterliche Handschriften und andere kulturelle Zeugnisse von Weltrang präsentiert werden, die seit 2012 ausgelagert waren. Darunter sind die Immenhäuser Gutenbergbibel (15. Jhd.), der Willehalm-Kodex aus dem 14. Jahrhundert und das Hildebrandlied. Diese Handschrift aus dem 9. Jahrhundert gilt als besonderes literarisches Zeugnis und ist die einzige erhaltene schriftliche Überlieferung eines germanischen Heldengedichts in deutscher Sprache.

Die generalsanierte Murhardsche Bibliothek verfügt neben dem 210 m² großen Tresorraum für die Präsentation der historischen Sammlungen (neben Handschriften und Drucken auch Musikalien) nun über ein hochmodernes Magazin und Sicherheitstechnik, einen hellen Lesesaal sowie einen Sonderlesesaal und Schulungsräume. Die Innenräume wurden so gestaltet, dass der historische Charakter erhalten bleibt und gleichzeitig aktuelle Anforderungen an Barrierefreiheit, Energieeffizienz, Sicherheitsstandards und moderne Bibliotheksnutzung erfüllt werden. Der historische Eulensaal im Südflügel steht wieder für Veranstaltungen mit bis zu 100 Personen offen. 

„Mit dem Vollbetrieb der Murhardschen Bibliothek sind wir zum einen in der Lage, adäquate, moderne Lese- und Arbeitsplätze in einem historischen Ambiente anzubieten, zum anderen können wir die kostbaren Sammlungen sicher präsentieren, und der Eulensaal ist wieder ein lebendiger Kulturort,“ fasste Claudia Martin-Konle zusammen, die Leiterin der Universitätsbibliothek Kassel.   

Wissenschaftsminister Timon Gremmels erklärte: „Die vollständige Wiedereröffnung der Murhardschen Bibliothek ist ein großer Gewinn für die Forschung und für die Öffentlichkeit. Gerade in einer digitalen Welt brauchen wir Bibliotheken als Orte, die verlässliches Wissen vermitteln, Orientierung geben und den Austausch ermöglichen. Mit der Sanierung und Erweiterung stärken wir den Wissenschaftsstandort Kassel und machen dieses einzigartige Erbe für kommende Generationen erlebbar.“

Finanzminister Professor Dr. R. Alexander Lorz erklärte: „Mit der Fertigstellung der Murhardschen Bibliothek mit ihrer Schatzkammer setzen wir ein weiteres Zeichen für den Erhalt unseres kulturellen Erbes. Die Gesamtkosten von rund 17,9 Millionen Euro wurden aus dem HEUREKA-Programm finanziert. Dank der professionellen Umsetzung durch den Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen steht nun ein moderner und sicherer Ort für die wertvollen Handschriften und einzigartigen Buchdrucke bereit. Das ist ein Gewinn für die Forschung und die Öffentlichkeit.“ 

„Die Murhardsche Bibliothek steht seit ihrer Gründung für die Idee, Bildung und Kultur für alle zugänglich zu machen“, ergänzte Kassels Oberbürgermeister Dr. Sven Schoeller. „Mit ihrer vollständigen Wiedereröffnung gewinnt Kassel einen Ort zurück, an dem bedeutende historische Schätze und damit ein wertvoller Teil unseres kulturellen Erbes für die Öffentlichkeit erlebbar werden. Gemeinsam mit den weiteren Kulturinstitutionen am Brüder-Grimm-Platz stärkt sie diesen besonderen Stadtraum als lebendigen Ort für Kultur, Bildung und Austausch.“

„Bibliotheken von Universitäten besitzen eine hohe gesellschaftliche Relevanz. Sie sind Brücke zwischen akademischer Forschung und breiter Öffentlichkeit. Es ist eine Investition in die Zukunft, ein so zentrales Gebäude zu sanieren und seine Funktion als Bildungseinrichtung damit zu stärken“, betonte der Kanzler der Universität Kassel, Dr. Oliver Fromm.

Leonhard Lemke, Leiter der Niederlassung Nord des Landesbetriebs Bau und Immobilien Hessen, sagte: „Mit der Eröffnung der Murhardschen Bibliothek hat der LBIH eine komplexe Bauaufgabe abgeschlossen: Die Kernsanierung des denkmalgeschützten Bestands, die energetische Modernisierung und der neue Anbau wurden während des laufenden Betriebs umgesetzt. Die Generalsanierung zeigt, wie Denkmalschutz und Fortschritt Hand in Hand gehen. Besucher erleben dies vom neuen Foyer bis zum historischen Eulensaal.“

Das Projekt wurde vom Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen verantwortet. Der Neubau stammt aus der Feder des Architekturbüros Sichau & Walter (Fulda); die Sanierung von Mittelbau und Südflügel wurde von ebene 4, architektur und städtebau Linker & Hupfeld (Kassel), architektonisch geplant und umgesetzt. 

Am (heutigen) bundesweiten Tag der Bibliotheken (24. Oktober) konnten Besucherinnen und Besucher im Rahmen eines Tags der offenen Tür erstmals den Bau und die Ausstellung „Schätze aus Pergament und Papier“ besichtigen. Das auf zwei Pergamentblättern überlieferte Hildebrandlied wird dabei in einer speziell angefertigten Vitrine präsentiert. Ermöglicht wurde dies zum einen durch eine Spende der WIBank, vermittelt durch Wissenschaftsminister Gremmels, zum anderen durch Spenden von Brigitte und Wolfram Bremeier, Sabine Köttelwesch und Rainer Meyfahrt. „Mit der sicheren Präsentation der Handschrift des Hildebrandlieds wird die Universitätsbibliothek Kassel ihrer Rolle als Bewahrerin und Vermittlerin kulturellen Erbes gerecht, und wir haben diese Aufgabe gerne unterstützt“, unterstrich Dr. Michael Reckhard, Mitglied der Geschäftsleitung der WIBank.   

 

Hintergrund:

Die Murhardsche Bibliothek ist nach den Kasselern Friedrich und Karl Murhard benannt, die in ihrem Testament 1845 ihrer Heimatstadt ihr Vermögen zur Stiftung einer wissenschaftlichen Bürgerbibliothek hinterließen. Das Neorenaissance-Bibliotheksgebäude wurde 1905 eröffnet und wird seit 1959 gemeinsam durch die beiden Bibliotheken „Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel“ und „Landesbibliothek“ genutzt. Vorausgegangen war der Übergang der Zuständigkeit für die Landesbibliothek, die frühere kurfürstliche Bibliothek, vom Land zur Stadt Kassel 1957. Seit 1976 sind die beiden Bibliotheken Abteilungen der Universitätsbibliothek Kassel und verfügen, insbesondere im Bereich der Handschriften und Autografen, über Bestände von Weltrang. Zu den wertvollsten Beständen der Landesbibliothek zählen bspw. mittelalterliche Handschriften wie das Hildebrandlied aus dem 9. Jahrhundert, eines der ältesten Zeugnisse deutscher Dichtung. 

Mit der vollständigen Wiedereröffnung steht die „Murhardsche“ ihren Nutzerinnen und Nutzern wieder zu den regulären Öffnungszeiten offen. Die Bibliothek kann nun rund 700.000 Medien beherbergen und bietet zeitgemäße Bedingungen für Studium, Forschung und Lehre. Zugleich präsentiert sie sich als offener Ort der Begegnung. Geplant sind regelmäßige Ausstellungen, Lesungen und Veranstaltungen, mit denen die Bibliothek ihre Rolle als zentraler Kultur- und Wissensort weiter ausbauen wird.

 

Kontakt:

Sebastian Mense
Universität Kassel
Kommunikation, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: +49 561 804-1961
E-Mail: presse[at]uni-kassel[dot]de

Marijana Pavic
Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel
Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: +49 561 804-2762
E-Mail: oeffentlichkeitsarbeit[at]bibliothek.uni-kassel[dot]de