Die Rohstoffe der Zukunft
Soviel ist klar: Wenn die Erde ein lebenswerter Ort bleiben soll, muss das Kohlenstoff-Zeitalter enden. Aber wie sieht eine postfossile Welt aus? Im Käte-Hamburger-Kolleg „Rohstoffwelten“ ist man überzeugt: Es geht um viel mehr als um Windräder oder Elektromotoren. Mit neuen Rohstoff-Bedarfen entstehen neue Machtzentren, neue Konflikte, neue Ideen, neue Techniken und neue Kulturen. Diesen tiefgreifenden Umbruch wird das Kolleg in seinen zahlreichen Facetten untersuchen. So etwas geht nur interdisziplinär: Deshalb gehört mit Prof. Dr. Mi You eine Kulturwissenschaftlerin zur Leitung.
Mi You ist Professorin für Kunst und Ökonomien und hat eine der Documenta-Professuren der Universität inne. Kunst und Rohstoffpolitik? Kunst und Welthandel? Genau darum gehe es, betont Mi You: „Mit kulturellen Praktiken und in der Kunst reagieren Gesellschaften auf Beharrung, Veränderungen und Herausforderungen. Kunst und Kultur waren und sind Komplizen des fossilen Energieverbrauchs, aber sie lassen auch Möglichkeitsräume entstehen, aus denen Neues und Zukunft wachsen können.“
Prof. Dr. Hans-Jürgen Burchardt, der zweite Teil der Doppelspitze, richtet den Blick auf die internationalen Machtverschiebungen: „In den vergangenen 80 Jahren haben die Golfstaaten durch ihr Öl enormes Kapital und große Macht akkumuliert. Was brauchen wir in Zukunft? Lithium für Batterien. Wer hat Lithium? Die größten Vorräte haben Argentinien und Chile. Sie werden den Golf als eine Rohstoff-Großmacht ablösen.“ Mit weitreichenden Folgen für die globale Ordnung. Doch die neue Rohstoffwelt entscheidet sich nicht nur in der Weltpolitik. Sie reicht tief in unseren Alltag. Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn neue Formen der Mobilität neue Lebens- und Wohnformen hervorbringen? Wie verändern neue Rohstoffe Arbeit, Konsum und gesellschaftliches Zusammenleben? „Wir nehmen das ganz große Bild in den Blick“, sagt Burchardt.
Bild: Can Wagener, Paul MaguraGroß ist auch der Rahmen des Projekts: Das Kolleg „Rohstoffwelten: Kulturen im Umbruch“ wurde vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt bewilligt und ist vor wenigen Wochen gestartet. Es hat eine Laufzeit von bis zu 12 Jahren und einen Haushalt von mehr als 20 Mio. Euro. In einem eigenen Gebäude in der Wilhelmshöher Allee (dem ehemaligen CESR-Haus) werden Forscherinnen und Forscher aus aller Welt arbeiten. Jedes Jahr werden bis zu zehn „Fellows“ aufgenommen. Sie forschen am Kolleg, bringen ihre Perspektiven in die wissenschaftliche und öffentliche Debatte ein und wollen auch an der Universität lehren. Der erste Jahrgang hat seine Arbeit begonnen. Im Zentrum des ersten Forschungsjahres steht die Frage, wie das fossile Zeitalter unsere Gesellschaften geprägt hat. Wie genau die postfossile Zukunft aussehen wird, ist offen. Dass Kassel zu einem zentralen Ort ihrer Erforschung werden soll, dagegen nicht. Mi You und Hans-Jürgen Burchardt sind sich sicher: Der Wissenschaftsstandort Kassel wird durch das Kolleg massiv aufgewertet. Die Einbettung in das Umfeld aus documenta Institut, Kassel Institute for Sustainability und Centro de Estudios Latinoamericanos (CELA) schaffe ideale Bedingungen für internationale Spitzenforschung. Burchardt selbstbewusst: „Wir werden Kassel zum wichtigsten Ort der Rohstoffforschung in Europa machen.“
Dieser Beitrag erschien in der Herbst-Ausgabe des Universitätsmagazins „publik“ (2026/3) im Oktober 2026. Text: Sebastian Mense