26.10.2026 | Porträts und Geschichten

Von wegen herzlos – Eltern und Kinder im Mittelalter

Bislang hieß es in der Forschung meist, im Mittelalter hätten Eltern ihre Kinder herzlos großgezogen – eine Doktorandin kommt zu anderen Ergebnissen

Mutter und Wiegenkind: Zeichnung von ca. 1520 aus dem Trachtenbuch von Matthäus Schwarz.Bild: Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig
Mutter und Wiegenkind: Zeichnung von ca. 1520 aus dem Trachtenbuch von Matthäus Schwarz.

Finster dieses Mittelalter, vor allem für Kinder: viel Arbeit, von jüngsten Jahren an. Wer nicht spurt, bekommt von Vater oder Mutter einen hinter die Löffel, auch wer aus der Reihe tanzt; eigentlich sitzt die Rute ständig locker. Die Eltern sehen im Nachwuchs sowieso nur ihre Altersvorsorge und trachten in erster Linie danach, abgehärtete Erben zu produzieren. Warmherzigkeit? Selten. Soweit die vorherrschende Meinung in der Geschichtswissenschaft. Nur: „So war es gar nicht“, stellt Dr. Anna Hollenbach richtig. 

Die 34-jährige Historikerin hat im vergangenen Frühjahr ihre Dissertation zu „Elternschaft im Spätmittelalter“ veröffentlicht. Einer ihrer Befunde: Auch im ausgehenden Mittelalter gab es das Konzept der Elternliebe – und die Praxis. Was uns natürlich erscheint, ist in der Lehrmeinung, die seit Jahrzehnten geprägt wird von Philippe Ariès‘ „Geschichte der Kindheit“, eine Außenseiterposition. Mit diesem Standardwerk der Sozialgeschichte von 1960 hat Ariès beeinflusst, wie die Wissenschaft, aber auch Literatur und Film auf die Familien vergangener Jahrhunderte blicken. Der französische Mediävist schreibt, die Vorstellung einer Kindheit, die sich unterscheidet vom Erwachsenenleben, habe sich erst in der Aufklärung entwickelt und mit ihr die „Gefühlskultur“ der Eltern. 

Die Geschichtsstudentin Anna Hollenbach setzte sich mit diesen Thesen auseinander, als sie vor etwa zehn Jahren ihr Dissertationsprojekt entwarf. „Damals war die Regretting Motherhood-Bewegung auf dem Höhepunkt“, erzählt sie. „Ich wollte untersuchen, wie sich Rollenbilder von Eltern verändern.“ Während Ariès vor allem normative Quellen, also beispielsweise Erziehungsratgeber des Adels, oder repräsentative Quellen, etwa Gemälde, auswertete (Hollenbach: „Und die auch noch selektiv“), zog die Kasseler Doktorandin einige Briefe, vor allem aber Selbstzeugnisse heran. „Autobiografien im heutigen Sinne gab es nicht, aber Rückblicke, die vor allem Männer am Ende ihres Lebens schrieben.“

So schildert der fränkische Benediktinermönch Johannes Butzbach um 1500 einen Abschied von seiner Mutter, als er elf Jahre alt war:

Als wir uns also trennten – weh! Welche Trauer und welche Betrübnis befiel uns beide! Welch ein Strom von Tränen netzte unsere Wangen! Wie manchen Seufzer zogen wir da aus den tiefsten Winkeln der Lunge, bis uns fast das Herz brach! Wie oftmals schluchzten wir beide bitterlich! Ich weine, sie weint; ich heule, ihr fließen die Tränen noch erbärmlicher.

Das mag um des Effektes willen übertrieben sein, auch war der Familienalltag sicher nicht immer nur von Hingabe ausgefüllt; viele Autoren jener Zeit raten zu Zucht und Strenge bei Kindern. Doch immerhin, wer schreibt wie Butzbach, der kann sich auf ein gängiges Konzept von Mutterliebe beziehen. Mit geradezu zärtlichen Worten gibt der italienische Autor Maffeo Vegio Mitte des 15. Jahrhunderts, als in Italien das Mittelalter bereits ausläuft, Erziehungstipps und rät dabei auch von der Indienstnahme von Ammen ab:

Ist es nicht höchst unnatürlich, dass die Mutter ihrem Sprössling, den sie unter dem Herzen getragen und, bevor sie ihn jemals gesehen, mit ihrem Blute genährt hat, diese nämliche Wohltat von dem Augenblick an entzieht, wo derselbe das Tageslicht erblickt, wo sie ihm ins Angesicht schaut, ihm zulächelt, sein kindliches Stammeln und Flehen mit Liebkosungen erwidert?

Apropos Ammen: Oft werde ihre Existenz als Beleg für Gefühlsarmut der leiblichen Eltern ins Feld geführt, berichtet Hollenbach. Das missachte jedoch, dass oft schlicht und ergreifend die Umstände das Fremdstillen erzwangen. Vielleicht noch wichtiger: Elternschaft wurde nicht notwendigerweise als direkte biologische Beziehung verstanden. Oft genug – die Zeiten waren hart, das irdische Leben kurz – haben Ammen, Verwandte oder Freunde die Rolle übernommen; das habe der Zuneigung zum Kind nicht unbedingt Abbruch getan.

Zeugungstipps im Mittelalter

Was hat sie bei ihren Recherchen am meisten überrascht? „Der Umgang mit Sexualität“, sagt Hollenbach. Erstaunlich unschamhafte Ratschläge kursierten, was beim Zeugungsakt für gesunden Nachwuchs (oder überhaupt für Nachwuchs) sorgt. Auch nützliche Hinweise für werdende Väter gab es, etwa woran sie erkennen, ob ein Stammhalter heranwächst (dann tritt die Schwangere zuerst mit dem rechten Fuß auf) oder eine Tochter (links). Sei der Säugling auf der Welt, habe der Vater die Pflicht, liebevoll für Frau und Kind zu sorgen. Ob an Vater oder Mutter gerichtet, die Quellen, schreibt Hollenbach, zeigten „differenzierte, emotional aufgeladene Narrative“, die die Gefühlsbeziehung von Eltern und Kindern betonen. Ihr Fazit. „Die Vorstellung von gefühlskalter Elternschaft im Mittelalter lässt sich nicht halten.“

Portraitfoto von Dr. Anna Hollenbach auf dem UniversitätsgeländeBild: Universitätä Kassel

Dr. Anna Hollenbach arbeitet inzwischen im Service Center Lehre der Universität.

Dieser Beitrag erschien in der Herbst-Ausgabe des Universitätsmagazins „publik“ (2026/3) im Oktober 2026. Text: Sebastian Mense