Veranstaltungen

Gäste:

Valentina Ringelmann (Universität Bamberg)

Gastvortrag im Seminar 'Risikoreich? Abenteuerliches Erzählen im historischen Wandel' (Dr. Susanne Schul)

Ein Abenteuer wird nicht nur erlebt, sondern es entsteht in besonderer Weise dadurch, dass von ihm erzählt wird. Als Narrativ ist das Abenteuerliche in zahlreichen Textformen und Diskursen vertreten, z.B. als Roman oder als Abenteuersequenz in einer Erzählung, die ganz anderen Genremuster folgt, sowie als abenteuerliche Stilisierung in unterschiedlichen medialen Kontexten bis hin zu alltäglichen Formen der Kommunikation, die Momente des risikoreichen Erlebens stilisieren. Dieser Vielfalt des Abenteuerlichen geht das Seminar exemplarisch nach und nimmt den höfischen Roman „Iwein” Hartmanns von Aue zum Ausgangspunkt dieser Erkundung. Die Bewährung bzw. die „âventiure” des höfischen Ritters zählt zu den wichtigen Bestandteilen des höfischen Romans. Sowohl das Konzept als auch der dafür verwendete Begriff werden Ende des 12. Jahrhunderts aus dem Französischen übernommen und zu einem der zentralen Erzählelemente der höfischen Dichtung ausgebaut. Abenteuerliches Erzählen ist dabei immer wieder von Zufällen bestimmt. Es fasziniert die Rezipienten durch gefahrvolle und unberechenbare Ereignisse, lockt und bindet sie mit der Erwartung des Unerwarteten. Zugleich verspricht es, alle Zufälle, die auf der Abenteuerfahrt lauern, in eine Erzählung zu integrieren. Abenteuerlicher Erzählen changiert damit zwischen Kontingenz und Kohärenz – ein scheinbarer Gegensatz, der nicht nur die mittelalterlichen, sondern auch die modernen Erzählungen durchzieht und sie besonders spannend aber auch risikoreich macht.

Marion Darilek (Universität Tübingen) 

Gastvortrag im Seminar 'Mittelalterliches Erzählen im Medienverbund' (Dr. Susanne Schul)

Ob von Siegfried dem Drachentöter aber auch tragischen Helden, dem finsteren aber auch treuen Hagen oder der schönen aber auch rachedurstigen Kriemhild oder von König Artus, höfischen Rittern, von Gralssuche oder gefährlichen Bewährungsfahrten erzählt wird, immer wieder ist die Rezeption der großen Mittelalter-Mythen von den „Nibelungen” und vom „Artushof” durch einen medialen Transfer bestimmt, durch den sie ‚neuartig‘ erzählt werden. Als Medienverbund bezeichnet man dabei die intermediale Verschränkung verschiedener Einzelmedien. Daraus resultieren im Vergleich zum rein verbal-sprachlichen Erzählen veränderte Produktionsbedingungen und Rezeptionshaltungen sowie neue literale und mediale Praktiken und Kompetenzen. Das Seminar widmet sich zwei prominenten Erzählstoffen aus dem Mittelalter und vergleicht diese mit Rezeptionsformen in verschiedenen Medien (Bild, Comic, Film, Internet, Serie etc.). Neben der Vermittlung von grundlegenden Kenntnissen zu den Ausgangserzählungen und exemplarischen Analysen aus verschiedenen medialen Kontexten wird ein besonderer Schwerpunkt auf erzähl- und medientheoretischen Ansätzen liegen.

Peter Somogyi (Universität Dresden)

Gastvortrag im Seminar 'Zum Staunen: Begegnungen mit dem "Fremden" in mittelalterlicher Literatur' (Dr. Susanne Schul)

Was geschieht, wenn Menschen ins Staunen geraten? Staunen kann als eine emotionale Reaktion verstanden werden, die mit Verwirrung oder Verunsicherung, aber auch Faszination oder Begehren, mit Abwehr oder Aneignung verbunden wird und ist weder begrifflich noch phänomenologisch leicht zu fassen. Und doch wird das Stauen immer wieder zum Anfang und Ziel von Erzählungen gemacht. Das Seminar widmet sich dem Staunen in einem Spannungsfeld von Eigenem und Fremdem und nimmt den mittelhochdeutschen Versroman „Herzog Ernst” (um 1180) zum Ausgangspunkt. Sowohl die problematischen Verhältnisse in der ‚Heimat‘, die durch die Konkurrenz von Fürsten und Königen, von Landes- und Zentralgewalt geprägt sind, als auch die gefährlichen Bewährungsproben des Helden im ‚fremden‘ Orient, die auf eine Vielzahl literarischer Quellen, mittelalterliches Wissen aus Enzyklopädien und antiken Weltbeschreibungen verweisen, zeichnen sich durch mehrdimensionale Aushandlungsprozesse aus. Diese sind durch eine Verschränkung verschiedener Ungleichheit generierender Kategorien bestimmt. Das Seminar zielt darauf ab, das Zusammenwirken verschiedener Positionen der Ungleichheit in der Erzählung zu analysieren und in ihren Verschränkungen und Wechselwirkungen zu betrachten.


Seminare:

Heldengestalten - Helden gestalten: Mittelalterliche Literatur im Erklär- und Lernvideo (Dr. Susanne Schul)

Erklär- und Lernvideos sind kurze Videoclips, die auch unter der Bezeichnung „Explainer” oder „How-To-Video” bekannt sind. Diese Clips werden sowohl im Bereich des Marketings als auch im Bereich der Wissensvermittlung u.a. im Kontext von Ausstellung oder Fernsehsendungen sowie in vielfältigen Lehr-Lern-Zusammenhängen auf You Tube eingesetzt. Ein Erklär- und Lernvideo präsentiert seinen Inhalt in unterschiedlichen Formaten (z.B. in Form von animierten Zeichnungen oder im persönlichen Auftritt eines Lehrenden) und stellt einen Sachverhalt einfach und verständlich dar. Kennzeichnendes Element für dieses spezielle Vermittlungsformat sind somit das Storytelling und die Multisensorik. Dabei wird sowohl in der Form als auch beim Inhalt auf alle ‚unnötigen‘ Elemente verzichtet. Die zumeist ein- bis dreiminütigen Videos erschöpfen Themen somit nicht, sondern zeigen die relevanten Punkte effizient auf. Diesem Lehr- und Lern-Format hat sich das Projektseminar zugewendet, seine Potentiale untersucht und eigene Lern- und Erklärvideos zum mittelhochdeutschen „Nibelungenlied“ als Projektarbeiten entwickelt.

Erklärvideo von Tim Welker
Erklärvideo von Lena Sprenger
Erklärvideo vom Denise Großkrüger
Erklärvideo von Hannah Malou Wagner
Erklärvideo von Sina Frieling
Erklärvideo von Annika Palm
Erklärvideo von Sabiene Bischoff
Erklärvideo von Jennifer Pilz
Erklärvideo von Sonja Seeger-Clemen
Seminarteaservideo von Florian Bitter

Workshop mit Ralph Erdenberger

Im Wintersemester 2019/20 startete die Seminarreihe „Mittelalterrezeption“ mit dem Schwerpunkt Audionarrationen. Die Studierenden beschäftigten sich intensiv mit Ralph Erdenbergers Adaptionen des „Nibelungenlieds“ („Der Schatz der Nibelungen“) und des „Parzival“ Wolframs von Eschenbach („Parzival – der rote Ritter“). Am 15.01.2020 kam der Künstler im Rahmen des Seminars für einen vierstündigen Workshop nach Kassel. Dieser startete mit einem Vortrag von Herrn Erdenberger, in dem er sich selbst und seine Arbeitsgebiete vorstellte und Impulse für die Gestaltung eigener Audionarrationen gab. Daran wurde im zweiten Teil des Workshops gearbeitet: Auf der Grundlage des Märe „Ritter Beringer“ haben die Studierenden in Kleingruppen die Anfänge von eigenen Audionarrationen entwickelt, die in den darauffolgenden Seminarsitzungen weiter ausgestaltet wurden.

Studentisches Seminar - "Altnordisch"

Das Seminar „Altnordisch“ wurde im Wintersemester 2019/20 von zwei Studierenden aus der Kasseler Germanistik ins Leben gerufen. Anlass dazu war, dass die Universität Kassel zwar einige Möglichkeiten zur Beschäftigung mit alten Sprachen bietet – darunter Mittelhochdeutsch, Gotisch, Latein und Altgriechisch –, es bis dahin jedoch noch keinen Kurs gegeben hatte, der sich den alten Sprachen und der mittelalterlichen Literatur Skandinaviens widmete. Die Veranstaltung nahm es sich daher zum Ziel, einen Überblick über literatur- und sprachwissenschaftliche Aspekte des Altnordischen zu geben.
Im sprachwissenschaftlichen Teil, geleitet von Marcel Linnenkohl, wurden neben kleineren Übersetzungsübungen grammatische Phänomene anhand von Textbeispielen beleuchtet. Währenddessen wurde das Altisländische immer wieder innerhalb der indogermanischen Sprachfamilie verortet, indem Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu etwa dem Lateinischen, Gotischen oder Mittelhochdeutschen herausgearbeitet wurden. Im Mittelpunkt standen dabei lautliche Entwicklungen, Flexionsklassen sowie die verschiedenen Ablautreihen der starken Verben.
Als Textgrundlage des literaturwissenschaftlichen Teils, geleitet von Annika Palm, dienten die Prosa- und die Lieder-Edda. Anhand der darin enthaltenen Texte haben die Studierenden sich der altnordischen Mythologie angenähert und dabei immer wieder literaturgeschichtliche Besonderheiten thematisiert sowie Brücken zur modernen Rezeption geschlagen. Das Themenspektrum erstrecke sich von den mythologischen Erklärungen über Anfang und Ende der Welt über die Götter bis zur nordischen Nibelungensage. Als besonderer Höhepunkt stattete sogar Thor dem Seminar einen Besuch ab.

In der Abschlusssitzung kamen schließlich die Studierenden an die Reihe, ihre Studienleistungen vorzustellen. Heraus kamen viele tolle Projekte, die sich kreativ mit  den im Seminar behandelten Themen auseinandersetzten: Zeichnungen und Gemälde von nordischen Gottheiten und mythologischen Wesen, Runensteine, selbstverfasste Texte, Videos mit Elementen zeitgenössischer Rezeption sowie verschiedene Plastiken.
Im Sommersemester 2020 findet eine Fortsetzung von „Altnordisch“ statt, in der neue Texte übersetzt, noch mehr grammatische Phänome diskutiert und weitere literatur- und rezeptionsgeschichtliche Themen altnordischer Mythologie aufgegriffen werden.

Studienleistung: Nadja Vieweger
Studienleistung: Patric Schneid, Wilrun Schmidt, Antonia Schirmer, Birk Magnussen

Tagungen:

Mittelalterliche Lernpfade - Konzepte einer Didaktik der älteren Sprache und Literatur für den Deutschunterricht (2. und 3. März 2018, Universität Kassel)

Die Lernpfade von Schülerinnen und Schülern sind unterschiedlich, vielfach verschlungen und führen mitunter in Sackgassen. So sind die Wege, die Kinder und Jugendliche zu einem Wissen über das Mittelalter führen, oft von populärkulturellen Vorstellungen geprägt. Die Schülerinnen und Schüler verfügen also bereits über ein gewisses Vorwissen über und ein Interesse für das Mittelalter.[1] Beides kann ein enormes motivationales Potential für den Deutschunterricht eröffnen, das es zu nutzen gilt. Dabei ermöglicht das Thema ‚Mittelalter‘ in besonders produktiver Weise den Zugang zu außerschulischen Lernorten, wie Burgen, Museen und Kirchen und lassen so einen Unterricht zu, der alle Sinne anspricht und einbezieht. Durch das Lernen auf Wandertagen und Exkursionen können die Schülerinnen und Schüler ihre Lernpfade im wahrsten Sinne des Wortes neu begehen, austreten und vertiefen.

In den letzten Jahren haben verschiedene Didaktikerinnen und Didaktiker gezeigt, dass mediävistische Themen sowohl auf sprachlicher als auch auf inhaltlicher Ebene für Schülerinnen und Schüler kompetenzfördernd sind.[2] Die Umstellung von inhaltszentrierten Lehrplänen auf kompetenzorientierte Kerncurricula stellt in dieser Hinsicht zugleich eine Chance und eine Herausforderung für Lehrende dar, denn die Kompetenzorientierung ermöglicht zwar grundsätzlich eine Beschäftigung mit mittelalterlicher Sprache und Literatur, aber sie macht sie nicht verpflichtend. Daher entscheiden häufig die Lehrenden und deren Zugriff auf Lehrmaterialen, Schülerausgaben und die didaktische Aufbereitung von Themen darüber, was im Unterricht behandelt wird. Das Angebot an mittelalterlicher Sprache und Literatur ist in Lehrbüchern allerdings nur spärlich vertreten. Dabei bieten die Themen des Mittelalters zahlreiche Anknüpfungspunkte für einen fächerübergreifenden Unterricht mit Fächern wie Geschichte, Religion, Sachunterricht, Kunst etc. Außerdem wohnt den Alteritätserfahrungen, die Lernende mit fremden Denkmustern, Sprachstufen und Literaturgattungen machen, ein hohes Reflexionspotential in Bezug auf Fremdheit, Spracherwerb und Sprachwandel inne. Und so ist, verschiedener Initiativen der letzten Jahre zur fachlichen und didaktischen Aufbereitung von Unterrichtsmaterial zum Trotz, die Erschließung des Themas ‚Mittelalter‘ für den Deutschunterricht nach wie vor ein Desiderat.

Genau an diesem Punkt möchten wir mit unserer Tagung ansetzen und uns über aktuelle fachdidaktische Projekte und ihr Potential für den Deutschunterricht austauschen. Die Beschäftigung mit dem Thema ist aus zwei fachlichen und fachdidaktischen Kooperationsseminaren mit anschließender Exkursion hervorgegangen, in denen die Studierenden eigene didaktische Konzepte und entsprechendes Lehrmaterial entwickelt haben. Die Studierenden wirken konzeptionell und organisatorisch an der Tagung mit und möchten mit Kommilitoninnen und Kommilitonen, Lehrerinnen und Lehrern sowie Expertinnen und Experten in einen disziplinären Austausch über didaktische Konzepte, die Erprobung von Lehr- und Lernmaterial, sowie die Diskussion über Chancen und Grenzen mittelalterlicher Themen und Literatur im Deutschunterricht treten.

 


[1] Karg 2011, S. 103; Heiser 2012, S. 271; Mendes 2012, S. 12; Miedema/Sieber 2013, S. 7; 8; Küenzlen et al. 2014, S. 10. 

[2] Vgl. Krohn/Wunderlich 1983, S. 9; Hofmeister 2006, S. 159; Hinterholzer 2007, S. 42; Bärnthaler 2010, S. 29; Pfeiffer 2010, S. 60-61; Wichert 2010, S. 51; Mendes 2012, S. 12-14; Hamm 2013, S. 144; Miedema/Sieber 2013, S. 8; Schwinghammer 2015, S. 158; 160.

 

Datum: 2. und 3. März 2018

Ort: Universität Kassel

Kurt-Wolters-Str. 5, Raum -1029

Organisation: Johanna Kahlmeyer und Annegret Montag

Plakat Mittelalterliche Lernpfade