CO­VID-19

Quelle: Geistes und Sozialwissenschaften BMBF, Ausgabe Woche 06/05/2020

Herr Prof. Burchardt, wie wirkt sich die Corona-Krise vor dem Hintergrund der sozialen Ungleichheiten und der Benachteiligung von Frauen in Südamerika aus?

Es ist nicht nur das hochinfektiöse Corona-Virus, das tötet. Es sind genauso die tiefen Gräben der sozialen Ungleichheit, das materielle Elend großer Teile der Bevölkerung sowie die vollständige Abwesenheit der sozialen Dienste, die die Politik bisher ignoriert oder sogar befördert hat. Deshalb helfen Ausgangssperren nicht überall. In Lateinamerika ist social distancing eine Luxustherapie, die sich nur eine Minderheit leisten kann. Mehr als die Hälfte der erwerbsfähigen Bevölkerung arbeitet in der informellen Ökonomie ohne

Arbeitsvertrag, Kranken- bzw. Sozialversicherungen und lebt von niedrigem Einkommen. Quarantäne und Arbeitsniederlegung bedeutet darum Darben, Hungern oder gar den Tod. Frauen, Indigene und Schwarze sind hier besonders gefährdet. Diese Situation trifft übrigens nicht nur auf Lateinamerika zu, sondern auf viele Regionen des Globalen Südens.

Wie kann CALAS zu einem besseren Verständnis/Umgang mit der Pandemie beitragen?

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Maria Sibylla Merian Center for Advanced Latin American Studies CALAS erforscht globale Krisen und bündelt dabei einen enormen Wissensstand. Es ist also prädestiniert, Antworten auf die Corona-Krise zu finden. Dabei wird deutlich, dass die Krise nicht allein mit medizinischen Maßnahmen gelöst werden kann, sondern versierten geistes- und sozialwissenschaftlichen Sachverstand benötigt. Also ist CALAS sofort aktiv geworden: Wir verknüpfen die Krise mit der sozialen Frage sowie dem ökologischen Wandel und schlagen verschiedene Maßnahmen vor. Ganz konkret hat CALAS aus Bordmitteln ein hochrangiges Stipendium ausgeschrieben, welches die Folgen und mögliche Lehren der Pandemie für Lateinamerika erforscht. Weitere Events und Veröffentlichungen sind in Planung.

Gibt es Lösungsansätze, die stärker diskutiert werden sollten?

Die Pandemie hat uns gezeigt, was wirklich `systemrelevant´ ist: Nicht Banken, sondern Gesundheit und Pflege, eine breite Daseinsvorsorge für alle. In Ländern mit hohem Anteil an informeller Ökonomie müssen jetzt Direkthilfen für die arme Bevölkerung gewährt werden. Erfahrungen aus Brasilien haben gezeigt, dass solche Maßnahmen sehr effektiv sind.

Nach der Corona-Krise sollte mit Investitionen in Gesundheit, Bildung, Pflege, Grundversorgung, Transport sowie eine Stärkung des ländlichen Raums weltweit eine breite Daseinsvorsorge aufgebaut werden, die gleichzeitig der Nachhaltigkeit verpflichtet ist. Das geht nur durch Gemeinsinn. Hier sind die ökonomischen Eliten – die in Lateinamerika, aber auch bei uns gigantische Geldmengen angehäuft haben – in der Pflicht. Wir brauchen also ein gerechteres Steuersystem. Zusätzlich ist Corona ein Weckruf für die internationale Gemeinschaft. Jetzt sind globale Anstrengungen erforderlich. Sonst werden lokale Residuen entstehen, in denen Covid-19 überlebt und in Wellen auch nach Europa zurückkommt.

Wir bedanken uns für Ihren interessanten Beitrag, Herr Prof. Burchardt!