Wenn Pflanzen Politik erklären
Wer das Tropengewächshaus am Standort Witzenhausen betritt, lässt das nordhessische Wetter sofort hinter sich. Man spürt die feuchte Wärme auf der Haut, der Geruch von Erde und üppigem Grün erfüllt den Raum. Ein schmaler Pfad schlängelt sich wie ein Korridor durch das dichte Blattwerk, an dem schwere Kakaofrüchte hängen. Von außen wirkt diese Welt kompakt, doch im Inneren weitet sie sich zu einem tropischen „Dschungel“ aus. Mit fast 500 Arten wächst hier die größte Sammlung tropischer Nutzpflanzen in Deutschland. Doch wer hier nur nach schönen Pflanzen sucht, greift zu kurz. „Jede Pflanze hat einen politischen Aspekt“, sagt Eva-Maria Kohlmann, die das Bildungsmanagement des Hauses leitet. Gemeinsam mit Catherina Merx, zuständig für das Sammlungsmanagement, bilden sie eine Doppelspitze, die das Gewächshaus als Ort des globalen Lernens versteht. Es geht darum, durch das Grün hindurch auf die oft unsichtbaren Verbindungen zwischen Pflanzen, globaler Produktion, unserem eigenen Handeln und politischer Verantwortung zu blicken. Als botanischer Garten ist er das grüne Schaufenster der Universität Kassel und schlägt eine Brücke zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit.
Das Staunen als Türöffner
Oft beginnt der Besuch mit einem simplen Aha-Erlebnis. „Ah, so wächst also eine Ananas“, ist ein Satz, den Merx oft hört. Viele Menschen kennen die Früchte nur mundgerecht zerteilt aus der Konservendose oder als schimmernde Scheiben im Glas. Im Gewächshaus sieht man sie als Teil einer Mischkultur, eingebettet in landwirtschaftliche Systeme, die zeigen, wie Anbau wirklich funktioniert. Besonders eindrucksvoll ist die Vielfalt: Während wir im Handel meist nur eine Sorte Bananen finden, leuchten hier rote Bananen zwischen den Blättern hervor. Und dann gibt es die botanischen Kuriositäten wie die Teufelszunge. Wenn sie einmal im Jahr ihre Blüte öffnet, ist das für die Nase kein Vergnügen: Sie riecht intensiv nach Aas. „Für Menschen wirkt das irritierend, aber im System der Pflanze erfüllt es den Zweck, Fliegen zur Bestäubung anzulocken“, erklärt Merx. Solche Momente machen neugierig. Wer erst einmal über die Biologie staunt, ist eher bereit, sich auch auf die schwierigen Fragen nach globaler Gerechtigkeit einzulassen.
Kakao und die Frage nach der Macht
Dass Pflanzen eine eigene politische Geschichte haben, zeigt das Beispiel Kakao. In Bildungsprogrammen rekonstruieren Teilnehmende, vom Grundschüler bis zum Studierenden, die gesamte Produktionskette. Sie schlüpfen in Rollen: Kakaobäuerin, Exporteur, Schokoladenhersteller, Supermarktkonzern. Warum bleibt der Großteil der Wertschöpfung im globalen Norden, während die Erzeuger oft kaum ihre Kosten decken können? „Manche reagieren wütend, wenn sie die Ungerechtigkeiten schwarz auf weiß sehen“, beobachtet Merx. „Aber genau diese Emotionen wollen wir erreichen. Verständnis entsteht oft erst, wenn man die Perspektive wechselt und merkt, dass es auf komplexe Fragen keine einfachen Antworten gibt.“
Bild: Universität KasselVon der Papaya zum Chinin: Storytelling mit Tiefgang
Um diese Zusammenhänge greifbar zu machen, nutzt das Team Geschichten. Jede Pflanze erzählt eine. Die Papaya etwa zeigt, wie vielseitig die Natur ist: Ihre Frucht ist essbar, ihre Samen schmecken scharf wie Kresse und ihr Enzym Papain wird sogar in der Textilverarbeitung genutzt. Historische Bezüge schlagen die Brücke direkt in die Stadt. So führt die Geschichte der Weltmarke ‚Schweppes‘ unmittelbar nach Witzenhausen, dem Geburtsort des Firmengründers Johann Jacob Schweppe. Der gelernte Uhrmacher entwickelte als erster ein Verfahren, um Kohlensäure in der Flasche zu halten – die Grundlage der Limonadenherstellung. Die Firma brachte bald darauf chininhaltige Limonaden auf den Markt, hergestellt aus der Rinde des Chinarindenbaumes. Zuvor war Chinin zu Kolonialzeiten vor allem als Mittel gegen Malaria bekannt. Solche Beispiele machen deutlich: Die Tropen stecken in unseren Getränken, unseren Medikamenten und unserer Geschichte.
Für jüngere Zielgruppen werden Märchen erzählt, in denen Pflanzen zu handelnden Akteuren werden. Für das Fachpublikum fließen literarische Texte von Plantagenarbeiterinnen ein, die von den harten sozialen Realitäten hinter dem Genussmittel Kaffee berichten. So wird Wissen multisensorisch: Man kann die Pflanzen sehen, riechen, schmecken und ihre Hintergründe hören. Zuletzt konnte man sie beim Format „Plant Music“ sogar akustisch erleben. Dabei wurden elektrische Impulse der Pflanzen in Töne übersetzt, was das Gewächshaus in einen pulsierenden Klangraum verwandelte.
Lehre als Erfahrungsraum für Studierende
Für die Universität Kassel ist das Tropengewächshaus ein essenzieller Lernort. Studierende der Ökologischen Agrarwissenschaften sitzen hier nicht nur in Seminaren, sie werden selbst aktiv. In Praktika lernen sie das Pflanzenmanagement kennen, in Lehrveranstaltungen entwickeln sie eigene Programme für Schulklassen. „Es geht darum, die Theorie in die Praxis zu übersetzen“, sagt Kohlmann. Wer lernt, eine Gruppe durch den „Dschungel“ zu führen und dabei Themen wie Biopiraterie oder Klimawandel verständlich zu erklären, schärft seine eigene Ausdruckskraft.
Vernetzt im „Weltgarten“
Witzenhausen bietet eine deutschlandweit einmalige Konstellation. Das Tropengewächshaus ist Teil des „Zentrums für Globales Lernen – WeltGarten Witzenhausen“, in dem sechs Partner ihre Erfahrungen in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit bündeln. Diese Zusammenarbeit fließt in Bildungsangebote für alle Altersgruppen ein, die an drei außerschulischen Lernorten umgesetzt werden: dem Tropengewächshaus, dem Weltladen und dem Museum. Während das Gewächshaus die biologischen Prozesse beleuchtet, liefert das Museum die historische Einordnung und der Weltladen zeigt Handlungsoptionen für den Alltag. „Wir wollen nicht bei der Problemanalyse stehen bleiben“, betont Kohlmann. Es geht darum, die Sinne anzusprechen und zur Reflexion anzuregen: Wo beginnt meine Verantwortung? Was kann ich verändern? Wo stehen andere in der Verantwortung und haben die Macht etwas zu verändern?
Eine ausgezeichnete Zukunft
Diese Arbeit wurde nun offiziell gewürdigt. Am 16. April 2026 erhielt das Tropengewächshaus die „Nationale Auszeichnung – Bildung für nachhaltige Entwicklung“, verliehen durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie die Deutsche UNESCO-Kommission. Es ist eine Anerkennung für einen Ort, der Komplexität aushält, statt zu vereinfachen. Und der Blick richtet sich nach vorn. Die Kustodinnen denken bereits über die Gewächshauswände hinaus. Eine Idee ist die engere Verknüpfung mit dem Fachgebiet Radverkehr: Eine Fahrradroute zwischen Kassel und Witzenhausen könnte als „Bildungsweg“ etabliert werden, um die Verbindung zwischen der Kernuniversität und dem Uni-Standort physisch erfahrbar zu machen. Themen wie der Klimawandel und die notwendige Agrarwende werden die Arbeit im Gewächshaus auch in Zukunft prägen. Die Sammlung wird kontinuierlich angepasst, neue Anbausorten für Kaffee etwa werden integriert, um zu zeigen, wie sich die globale Landwirtschaft unter Druck verändert. Das Tropengewächshaus bleibt, was es ist: ein Ort des Staunens und des Lernens, ein Fenster, das sich immer wieder neu in die Welt hinein öffnet.
Dieser Beitrag erscheint in der Sommer-Ausgabe des Universitätsmagazins „publik“ (2026/2) im Juli 2026.Text: Bastian Puchmüller.