Arbeit in der Vergangenheit: Was der Faustkeil über den Arbeitsschutz weiß
Wie ergonomisch ist ein Hammer? Wer diese Frage auf der Baustelle stellt, bekommt selten verlässliche Daten. Gefährdungsbeurteilungen basieren im Handwerk bis heute meist auf den subjektiven Einschätzungen von Vorgesetzten oder nachträglichen Befragungen der Beschäftigten. Welche physikalischen Kräfte bei einem Schlag tatsächlich auf Sehnen und Handgelenke wirken, ließ sich bislang nicht exakt erfassen. Dr. Johannes Pfleging vom Fachgebiet Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Kassel stellt nun einen Messaufbau vor, der dieses gewohnheitsmäßige Bauchgefühl durch harte Daten ersetzen soll. Als Ausgangspunkt dient ihm ausgerechnet die Urgeschichte.
Bild: Dr. Sylvie BeyriesFilmtechnik im Steinzeitlabor
Die Idee dahinter hat eine längere Vorgeschichte. Bereits 2015 beschäftigte sich Pfleging während seiner Promotion an der ETH Zürich mit der Gebrauchsspurenanalyse. Mit dieser archäologischen Methode werden Kerben und Abnutzungsmuster an prähistorischen Werkzeugen untersucht, um deren genaue Funktion zu rekonstruieren. Zusammen mit einem internationalen Konsortium drehte Pfleging diesen Ansatz um. Die Forscher ließen Probanden im Labor mit nachgebauten Steinzeitwerkzeugen hantieren, etwa bei der Simulation von Speerstößen. Das technische Herzstück bildet eine Kombination aus Kamerasystemen, Bewegungssensoren und einer Messdose für Kräfte und Drehmomente. Diese Sensorfusion erfasst Bewegungen und wirkende Kräfte zeitgleich in hoher Auflösung im dreidimensionalen Raum. So lassen sich Gebrauchsspuren auf Werkzeugen direkt mit konkreten Bewegungsabläufen und Kraftanforderungen verknüpfen. „Bisher fragte die Archäologie meist, wie alt ein Fundstück ist“, erklärt Pfleging. „Uns interessiert die genaue Kinematik dahinter: Wie genau wird das Werkzeug geführt, welche Kräfte wirken auf den Körper und wo entstehen Fehlbelastungen? Das liefert uns direkte Hinweise für das Design moderner Arbeitsmittel.
Vom Speerstoß in den Forstbetrieb
Was primär nach Grundlagenforschung für Geschichtsbücher klingt, besitzt einen direkten Transfernutzen für die Gegenwart. In Kassel entwickelte Pfleging zusammen mit Prof. Oliver Sträter, Fachgebietsleiter und Experte für Ergonomie-Messungen, ein abgeleitetes Konzept, das zeigt, wie der Messaufbau künftig direkt in Werkzeuge integriert werden kann. Das erlaubt die genaue Analyse von Tätigkeiten im Handwerk, im Gartenbau, in der Landschaftspflege oder in der Forstwirtschaft.
Die Forscher unterscheiden dabei technisch zwischen verschiedenen Kategorien: von freien Bewegungen mit minimaler Kontaktkraft über handgeführte Elektrowerkzeuge mit Vibrationen wie Bohrmaschinen bis hin zu Schlagwerkzeugen mit harten Stößen. Für verlässliche Daten testen Personen ganz unterschiedlicher Statur im Labor, von klein und schlank bis groß und kräftig. Was nämlich für den statistischen Durchschnittsmenschen ergonomisch funktioniert, kann bei abweichenden Körpermaßen schnell zu Fehlbelastungen führen.
Forschung, die auf der Baustelle ankommt
Für diese Verknüpfung von Anthropologie und Ergonomie nahm Pfleging stellvertretend für das internationales Konsortium den zweiten Projektpreis des renommierten Hans Martin Preises 2025 entgegen. In den kommenden sechs Monaten soll der umfassende Forschungsantrag eingereicht werden, um die Methode breitflächig in der Praxis einzusetzen. Ob die Kasseler Daten am Ende dazu führen, dass Werkzeuge im Baumarkt neu gestaltet werden, bleibt abzuwarten. Pfleging sieht in dem Ansatz aber auch eine Frage der universitären Anständigkeit: „Wir bekommen Steuergelder, unter anderem von Menschen, die täglich körperlich arbeiten. Forschung wird oft als isoliert wahrgenommen, weil Beschäftigte das Gefühl haben, sie tangiert ihren Alltag nicht. Wenn unsere Daten dazu beitragen, Arbeitsmittel physisch belastungsärmer zu gestalten, erbringen wir einen konkreten Nutzen für die Gesellschaft.“ Sollten die Daten aus Kassel den Hammer auf der Baustelle künftig tatsächlich gelenkschonender machen, erfüllt der Faustkeil nach Jahrtausenden wieder einen neuen Zweck.
Dieser Beitrag erschien in der Herbst-Ausgabe des Universitätsmagazins „publik“ (2026/3) im Oktober 2026. Text: Bastian Puchmüller