Matthias Kramm
Gerade für ein Thema wie Nachhaltigkeit ist ein interdisziplinärer Ansatz unumgänglich.
Interview
Was genau erforscht ihr Fachgebiet?
Mein Fachgebiet befindet sich an der Schnittstelle zwischen Umweltethik, politischer Philosophie und nicht-westlicher Philosophie. Dabei geht es mir primär um die normative Frage, ob etwas ethisch oder politisch wünschenswert ist. Zugleich versuche ich, nicht ausschließlich innerhalb eines eurozentrischen Bezugsrahmens zu denken.
Welche konkreten Fragen oder Probleme versuchen Sie derzeit zu lösen?
Thematisch liegt mein Fokus derzeit auf der Biodiversitätsethik und den Rechten der Natur. Einerseits beschäftige ich mich mit dem Begründungsdiskurs: Warum ist Biodiversität wertvoll? Inwiefern lässt sich der Begriff der Rechtspersönlichkeit auf die Natur oder spezifische Ökosysteme übertragen? Andererseits liegen mir als politischem Philosophen auch die politische Dimension und der Umsetzungsdiskurs am Herzen: Wie könnte Biodiversitätsschutz innerhalb deliberativer Demokratien umgesetzt werden? Welche politischen und juristischen Instrumente können dazu beitragen, dass Rechte der Natur kein Papiertiger bleiben?
Was ist Ihr aktuell wichtigstes Forschungsprojekt und warum?
Mein aktuelles Forschungsprojekt heißt RONCLIM, was eine Abkürzung für folgenden Projekttitel ist: „Rights of Nature in times of climate crisis: Opportunity or obstacle?“. Das Forschungsprojekt ist Teil meines Marie-Curie-Postdoctoral-Fellowships an der Universität Kassel und wird von der EU gefördert. In diesem Projekt möchte ich der Frage nachgehen, inwiefern die Zuweisung von Eigenrechten an die Natur oder spezifische Ökosysteme einen Beitrag zu Klimaschutz oder Klimaanpassung leisten kann. So können Rechte der Natur beispielsweise die Biodiversität von Ökosystemen schützen, was diese in ihrer Funktion als Kohlenstoffsenken stärken würde. Auch die Resilienz gegenüber zunehmendem Klimadruck würde gestärkt. Zugleich könnten Rechte der Natur aber auch anderweitig genutzt werden, etwa im Rahmen von Klagen gegen Wind- oder Solarenergieprojekte.
Was zeichnet Nachhaltigkeitsforschung am Kassel Institute for Sustainability aus?
Was mir am Kassel Institute for Sustainability unmittelbar positiv ins Auge fiel, ist die gelebte Interdisziplinarität. Gerade für ein Thema wie Nachhaltigkeit ist ein interdisziplinärer Ansatz unumgänglich. Auch werden normative Fragen explizit mitgedacht, da Nachhaltigkeit immer schon ein Bild davon zeichnet, wie wir als Gesellschaft leben wollen bzw. sollen. Ebenso beeindruckend ist der Fokus auf sozio-ökologische Transformation, der es ermöglicht, theoretische Überlegungen konsequent in Richtung praktischer Anwendung weiterzudenken.

