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13.03.2026 | Porträts und Geschichten

Die Stadt einfach mal als Fuchs betrachten

Das Lehrprojekt PerspekTIERwechsel zeigt Alternativen zur menschenzentrierten Planung

Stellen Sie sich vor, ein Fuchs führt Sie durch die Stadt – nicht in einem Märchen, sondern in einem Audiowalk durch Grünflächen, Gebüsche und Wege. Wo wir Ordnung, Gestaltung und Erholung sehen, erkennt er Gefahren, Rückzugsorte und Chancen auf Nahrung. Dieser Perspektivwechsel steht exemplarisch für den Ansatz des Kasseler Forschungs- und Lehrprojekts PerspekTIERwechsel: Städte sind nicht nur Lebensräume für Menschen. Und doch werden sie fast ausschließlich aus menschlicher Perspektive geplant. Tiere bleiben dabei oft unsichtbar oder gelten als Störfaktoren, obwohl wir den urbanen Raum mit Tauben und anderen Vögeln, mit Fledermäusen, Insekten oder Füchsen teilen. 

„Das ist ein riesiges Problem“, findet Dr. Annette Voigt, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Freiraumplanung und Leiterin des Projekts. Angehende Architekten und Planerinnen „lernen kaum, welche Folgen ihre Entwürfe für Tiere haben. Es gibt große Wissenslücken und erstaunliche Unsensibilität. Die Konsequenzen zeigen sich später: in Gebäuden, die Vögel zum Brüten einladen und zugleich gefährden, in Infrastrukturen, die für Tiere zu unüberwindlichen Barrieren werden, oder in der Beleuchtung urbaner Räume, die zum Rückgang von Insekten beiträgt.“

Genau hier setzt PerspekTIERwechsel an. Es versteht „Kohabitation“, also das Zusammenleben von Mensch und Tier, nicht als moralisches Schlagwort, sondern als planerische Aufgabe. „Es geht um Verantwortung. Gute Gestaltung kann Konflikte minimieren, Leid verhindern und vor allem Chancen eröffnen – sowohl für Tiere, die in von Menschen intensiv genutzten Räumen Lebensraum finden, als auch für Menschen, die im Alltag Tierbegegnungen und Naturerfahrungen machen“, erklärt Voigt. PerspekTIERwechsel setzt dort an, wo die Stadt von morgen entsteht – in der Ausbildung derjenigen, die sie planen und bauen werden.

 

Blinde Flecken der Stadtplanung

Gefahren für Tiere zeigen sich überall: Tauben verirren sich am Kasseler City Point hinter die Glasfassade und finden keinen Ausgang. Kollisionen mit Glasscheiben enden häufig tödlich. „Das ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck einer Planung und Architektur, die Tiere nicht mitdenkt“, so Voigt. Vögel erkennen spiegelnde und transparente Glasfassaden nicht als Hindernisse und kollidieren mit ihnen. Künstliche Beleuchtung verschärft das Problem – in Deutschland sterben so jährlich nach Schätzungen unvorstellbare 100 Millionen Vögel an Glasflächen.

Anderes Beispiel: In Berlin soll eine Fläche bebaut werden, auf der die letzte Kreuzkrötenpopulation der Stadt lebt. Ob es langfristig gelingt die Tiere umzusiedeln, ist ungewiss. „Häufig steckt die Haltung dahinter: Die Stadt ist von und für Menschen gebaut. Tiere gehören in die ‚Natur‘. Aber Tiere nutzen schon immer auch städtische Räume und es ist zu erwarten, dass sie das immer mehr tun werden“, sagt Voigt. „Können wir nicht Bauprojekte von Anfang an so planen, dass sie bestehende Tiervorkommen integrieren – oder sogar neuen Lebensraum bieten?“ Um das Thema freilebende Tiere stärker in die ASL-Studiengänge zu integrieren, wurden in Lehrveranstaltungen verschiedene Werkzeuge entwickelt: thematische Hefte zu Vogelschlag und den Auswirkungen von Beleuchtung, Artenportraits, aber auch kreative Methoden wie der Fuchs-Audiowalk für einen Perspektivwechsel.

Fotocollage mit Mensch und Umriss eines Fuchses im ParkBild: Nina Fritsch

Tiere als Akteure im Stadtraum 

Die studentische Mitarbeiterin Irene Fischer arbeitet an Artenporträts, etwa zum Schönbären, einem Nachtfalter. „Viele Nachtinsekten orientieren sich an Sternen und Mondlicht“, erläutert sie. „Künstliche Beleuchtung bestimmter Lichtwellenbereiche kann sie irritieren oder anziehen – mit teils schlimmen Folgen.“ Die Porträts dienen nicht nur der Vermittlung von Wissen, sondern geben konkrete Hinweise für die Planungspraxis, unter anderem zur Gestaltung von Beleuchtung und zur Auswahl von Lichtwellenbereichen, die Tiere weniger beeinträchtigen. Ein weiteres Format ist der Audiowalk „Mit anderen Ohren durch die Stadt“, den die Studentin Nina Fritsch als Masterarbeit erstellt hat und der Teil des Projekts geworden ist. Die Teilnehmenden werden – angeleitet von einem sprechenden Fuchs – in gewisser Weise selbst zum Fuchs und lernen so seine Bedürfnisse kennen. Solche Methoden machen den Perspektivwechsel nicht nur theoretisch, sondern sinnlich erfahrbar. Ergänzend dazu ermöglichen Rollenspielkarten, sich in die Situation von zwölf verschiedenen Tierarten in der Stadt einzufühlen: Wo finde ich Nahrung? Wo lauern Gefahren? Wo kann ich mich zurückziehen?

 

Nicht nur Lieblingstiere 

Doch im Projekt geht es nicht nur um charismatische oder geschützte Arten. „Ratten, Tauben, Bettwanzen – auch sie sind Teil der Stadt“, sagt Samantha Hentschel, die im Projekt mitgearbeitet und ihre Masterarbeit zum Umgang mit Tauben und Ratten im urbanen Raum geschrieben hat. Wer besser plane, könne Konflikte zwischen Mensch und Tier vermeiden und müsse weniger Gift einsetzen. Positive Beispiele zeigen, dass das Zusammenleben funktioniert: Auf dem Tempelhofer Feld in Berlin, dem ehemaligen Flughafenareal, brüten Feldlerchen zwischen den Start- und Landebahnen – trotz der intensiven Nutzung als öffentlicher Park. Durch gezielte Schutzbereiche, temporäre Einschränkungen und Rücksichtnahme entstehen dort Räume, in denen Mensch und Tier koexistieren. Auch kleine architektonische Lösungen wie in Fassaden integrierte Quartiere für Sperlinge, Fledermäuse und Igel oder eine durchdachte Pflanzenwahl im Freiraum können viel bewirken. Das zeigt das Wohnungsbauprojekt in der Brantstraße in München, das erste, das nach dem Prinzip des Animal-Aided Design umgesetzt wurde. Dennoch gibt es in der Praxis noch große Wissenslücken: „Viele Studierende der Architektur sind schockiert, dass sie noch nie vom Phänomen Vogelschlag gehört haben – also davon, dass Vögel massenhaft an Glasfassaden und transparenten Bauteilen verenden“, gibt Voigt zu bedenken. „Das zeigt, wie groß die Lücke in der Ausbildung noch ist.

 

Toolbox für die Stadt von morgen 

Alle Erkenntnisse des Projekts fließen daher in eine Toolbox, die künftig über das doku:lab zugänglich sein wird: eine Sammlung von Methoden zum Perspektivwechsel, ökologischen Artenportraits für Planende und Planungsansätzen für Studierende und Lehrende. „Wir wollen dauerhaft etwas verändern“, erklärt Voigt. „Wenn wir die Lehre verändern, verändern wir langfristig die Städte der Zukunft.“

Dr. Annette Voigt ist Leiterin des Projekts PerspekTIERwechsel. Es knüpft an ihre Forschungen zum Umgang mit freilebenden Tieren in Stadtplanung und Verwaltung seit 1949 an. „Wir haben festgestellt, dass Tiere, besonders wenn sie nicht unter Artenschutz stehen, oft ignoriert oder problematisiert werden“, erklärt Voigt. „Sie tauchen selten als Mitbewohner auf, sondern gelten als Störung, die reguliert, vertrieben oder kontrolliert werden muss.“

Dieser Beitrag erschien im Universitäts-Magazin publik 2026/1. Text: Bastian Puchmüller.

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