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13.03.2026 | Porträts und Geschichten

Smarte Sicherheit im Haushalt

Wie das Kasseler Start-up Veli mit seiner Technologie Leben rettet

Ein lautes Signal, ähnlich dem Ton einer Schiffshupe, ertönt im Büro von Veli im Science Park Kassel. „Das ist nur eine Benachrichtigung vom System“, erklärt Dr. Jan-Peter Seevers, Mitgründer und Geschäftsführer. Doch hinter dem Alarm steckt mehr: „Irgendwo in Deutschland hat unsere KI gerade eine Anomalie im Strom- oder Wasserverbrauch erkannt und an die zuständige Notrufzentrale weitergeleitet.“ Solche Abweichungen können auf einen Sturz, medizinische Notfälle oder hilfsbedürftige Personen hinweisen. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) überwacht das System Haushalte kontinuierlich und kann so frühzeitig reagieren, bevor ein Notfall unbemerkt bleibt. Die operative Reaktion übernimmt jedoch nicht das Team in Kassel. Im Ernstfall prüfen die externen Partner wie das DRK oder die Johanniter die Situation. Denn die Signale, die beim Team von Veli eingehen, dienen ausschließlich der technischen Überwachung, um die Zuverlässigkeit des Systems sicherzustellen. Die Vision für diese Technologie entstand bereits 2019.

Ein konkretes Ereignis brachte Tim Weiß, CTO und verantwortlich für die technische Entwicklung, auf die Idee: Seine Großmutter stürzte in ihrer Wohnung und lag mehrere Stunden allein auf dem Boden, bevor sie zufällig gefunden wurde. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Weiß als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel und analysierte in Kooperation mit Daimler den Verbrauch verschiedener Produktlinien. „In der Industrie erfassen wir viele Daten und Werte. Zuhause fehlt diese Erfassung aber, obwohl unsere alltäglichen Handlungen regelmäßig Spuren im Strom- und Wasserverbrauch hinterlassen“, sagt Weiß. Moderne Strom- und Wasserzähler senden ohnehin in regelmäßigen Abständen Verbrauchsdaten, die bislang kaum genutzt werden. Sein persönliches Erlebnis machte ihm klar, dass es eine Lösung geben muss, die diese Lücke schließt. Gemeinsam mit Seevers gründete er 2023 das Start-up Veli, mit dem Ziel, Hilfe zu ermöglichen, wenn niemand vor Ort ist.

 

Gruppenfoto mit neun PersonenBild: Fiona Körner
Das Team von Veli im Science Park

Das System von Veli vereint mehrere Komponenten: Ein Schlüsselanhänger signalisiert, ob die Bewohnerinnen und Bewohner sich in ihrer Wohnung befinden. Die Verbrauchsdaten von Strom und Wasser werden in den meisten Haushalten direkt von den bestehenden Zählern erfasst. Eine Veli-Box überträgt die Daten anschließend an das Rechenzentrum. Der Kern von Veli ist das KI-System, das den aktuellen Verbrauch der Haushalte ununterbrochen analysiert und mit dem erwarteten Verbrauch vergleicht. Erkennt das System ungewöhnliche Abweichungen, etwa fehlende Aktivität oder einen auffällig hohen Verbrauch wie bei einem versehentlich angelassenen Herd, schlägt es Alarm.

„Veli funktioniert dabei ein bisschen wie ein Airbag im Auto“, so Seevers. „Das System ist im Hintergrund aktiv und alarmiert erst dann, wenn wirklich etwas passiert. Aber dann kann es Leben retten.“ Wird ein solcher Alarm ausgelöst, folgt ein klar definierter Ablauf: Zunächst wird die Meldung an eine Notrufzentrale, etwa des DRK oder der Johanniter, übermittelt. Dort wird die betroffene Person telefonisch kontaktiert. Bleibt der Kontaktversuch erfolglos, werden Angehörige informiert oder weitere Maßnahmen eingeleitet. Das System von Veli ist derzeit für Einzelkunden im Raum Kassel, Frankfurt und Potsdam verfügbar, demnächst auch im Raum Köln. Bundesweit ist Veli bereits in rund 2.000 Haushalten im Einsatz. Gleichzeitig richtet sich Veli an Betreiber von betreutem Wohnen: Das System erhöht die Sicherheit, entlastet das Personal und wahrt die Balance zwischen Schutz und Privatsphäre. Das Start-up beschäftigt rund 15 Mitarbeitende in Kassel und in München.

Veli ist eine Ausgründung des Fachgebiets Umweltgerechte Produkte und Prozesse (UPP) vom Fachbereich Maschinenbau unter der Leitung von Prof. Dr. Jens Hesselbach. Während der Gründungsphase wurde das Team von Programmen der Universität wie dem Start-up Hack unterstützt und finanziell gefördert durch Hessian AI, das EXIST-Gründerstipendium, Hessen Ideen und Distr@l vom Land Hessen. Auch der Sitz im Science Park auf dem Campus der Uni Kassel bietet dem Team heute Vorteile: „Besonders die Campusnähe ist für uns sehr wertvoll, zum Beispiel bei der Rekrutierung neuer Mitarbeitender. Außerdem arbeiten wir immer noch eng mit dem UPP zusammen und sind gut vernetzt“, betont Seevers. „Grundsätzlich ist die Uni Kassel sehr gründungsfördernd. Das schätzen wir sehr.“
Die Vision für die nächsten Jahre ist klar: Veli soll in möglichst viele Haushalte kommen, eine jüngere Kundengruppe im Bereich Smart Living gewinnen und sich langfristig als fester Teil der Gebäudetechnologie etablieren – auch international. Ziel ist es, die KI-Lösung des Start-ups aus Kassel weltweit einzusetzen, um Leben zu retten und Fachkräfte zu entlasten.

Für Studierende, die selbst gründen möchten, hat Seevers einen Rat: „Sammelt zuerst praktische Erfahrungen in einem bestehenden Start-up, um die Atmosphäre kennenzulernen. Nutzt die Möglichkeiten, die euch die Uni bietet – etwa den Start-up Hack oder Veranstaltungen von Hessen Ideen. Das Wichtigste ist: Einfach anfangen.“

 

Dieser Beitrag erschien im Universitäts-Magazin publik 2026/1. Text: Hannah Eichenberg.

Detailaufnahme eines MessgerätsBild: Veli

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