Vom Hörsaal über Indien ins Klassenzimmer
Authentisch sein, nicht gradlinig
Als Jörg Firnkorn vor einigen Wochen in Berlin-Neukölln Zeuge einer handfesten Auseinandersetzung wurde, hätte er wegsehen können. Zwei angetrunkene Männer, zwei Hunde, aggressive Stimmung. Stattdessen blieb er stehen, fragte nach, versuchte zu deeskalieren, obwohl ihm Schläge angedroht wurden. „Nicht wegsehen, sachlich bleiben, nüchtern handeln“, sagt er. Mut zeigt sich bei Firnkorn im Alltag, nicht im Pathos. Seit rund zehn Jahren lebt er nun schon in Neukölln, einem Viertel, das er als „kleinen Mikrokosmos“ beschreibt: rau, vielfältig, herzlich. „170 Nationen auf einem Fleck. Das ist manchmal anstrengend, aber ich mag das.“
Als Gastprofessor für Wirtschaftsethik erlebte er im Wintersemester 2016/17 in Kassel ein offenes, menschliches Klima, das von Kollegialität und echtem Austausch geprägt war. „Ich habe dort gelernt, wie gute Lehre funktioniert“, sagt er. Nicht von oben herab, sondern im Dialog. Zweieinhalb Stunden im Hörsaal, Mikrofon in der Hand, viele Studierende vor sich: „Da bin ich gewachsen“. Diskussion, Widerspruch, verschiedene Sichtweisen. Für Firnkorn war das gelebte Universitätskultur: Begegnung ohne Hierarchie. Und genau diese Haltung bringt er bis heute mit, nur ist der Ort ein anderer.
Bild: Jörg FirnkornHeute steht er nicht mehr im Hörsaal, sondern im Klassenzimmer. Als „LifeTeacher“ beim Berliner Bildungs-Start-up LifeTeachUs geht er zwei- bis dreimal im Monat in Schulen. Dort spricht er über Mut – also genau das, was er bei Streit in Neukölln an den Tag legen musste – über Werte, Lebenswege und darüber, wie man seinen eigenen Standpunkt findet. LifeTeachUs bringt Menschen mit besonderen Biografien in die Schulen. Über eine App können Schulen die „LifeTeacher“ kurzfristig anfragen, etwa bei Unterrichtsausfall oder Projekttagen. Die Themen werden geprüft, alle Lehrkräfte legen ein polizeiliches Führungszeugnis vor. „Jede Schulstunde, die nicht gehalten wird, ist ein Versäumnis“, sagt Firnkorn. Externe Perspektiven können etwas auslösen, neugierig machen, Denkprozesse anstoßen. „Das ist die Magie von LifeTeachUs.“
Im Klassenzimmer hört Firnkorn zu, knüpft an und stellt Fragen, die zum Nachdenken anregen: über das eigene Leben ebenso wie zum Beispiel über Künstliche Intelligenz, ein Feld, in dem er viele Jahre gearbeitet hat. In einer fünften Klasse fragt er, wer schon ChatGPT genutzt hat – alle Hände gehen hoch. „Erst denken, dann KI“, mahnt er. „Wer immer nur die KI fragt, verlernt, selbst Antworten zu finden.“ In einer Berliner Gemeinschaftsschule erkundigt er sich nach Mut: „Wo wart ihr mutig?“ Erst Stille, dann Geschichten, vom Sprung vom Zehnmeterbrett bis zu kleinen persönlichen Überwindungen. „Das gibt mir Hoffnung. Diese Offenheit.“
Er erzählt auch von sich. Von Momenten, in denen er gezweifelt hat, in denen ihm etwas schwerfiel, etwa nachts allein im Zelt auf seiner langen Fahrradreise nach Indien. „Niemand will einen Vortrag von oben. Authentisch sein bedeutet, auch mal zu sagen: ‚Das weiß ich nicht.‘“ Sein bisheriger Weg war alles andere als geradlinig. Nach seiner Zeit in Kassel entschied sich Firnkorn für einen radikalen Schnitt. Er kündigte Wohnung und Job, stieg aufs Fahrrad und fuhr los. Ziel: Neu-Delhi. 15.000 Kilometer durch 24 Länder. „Ich wollte raus aus dem Gewohnten, rein ins Leben“, sagt er. Die Universität ließ er dabei nicht hinter sich; er nahm ihre Fragen mit: nach Werten, Verantwortung, Selbstbestimmung.
„ ... dann muss man keine Maske tragen“
Nach seiner Rückkehr arbeitete er mehrere Jahre im Bereich Trustworthy AI, prüfte für Unternehmen und Start-ups, ob Algorithmen diskriminierungsfrei, robust und transparent sind. Gleichzeitig hat er den Extremsport für sich entdeckt, läuft Ultramarathons in den Bergen, meditiert regelmäßig. Inzwischen denkt Firnkorn wieder über eine Rückkehr in die Wissenschaft nach. Ein Comeback an der Universität Kassel, erzählt er lächelnd, wäre vorstellbar. Gleichzeitig möchte er seine Arbeit als LifeTeacher gerne fortführen. In Kassel lernte er, Diskussionen anzustoßen, Menschen zum Denken zu bringen und neue Perspektiven zu eröffnen. Genau das setzt er heute im Klassenzimmer fort, ergänzt um Erfahrungen weit außerhalb klassischer akademischer Wege. „Wenn man weiß, wer man ist und wofür man steht, muss man keine Maske tragen.“
Dieser Beitrag erschien im Universitäts-Magazin publik 2026/1. Text: Bastian Puchmüller.
Pressekontakt
Service für Presse und Medien (Presseanfragen, Expertenempfehlungen)
- Telefon
- +49 561 804-1961
- presse[at]uni-kassel[dot]de