Zurück
02.04.2026 | Porträts und Geschichten

Lässt sich Straffälligkeit vorhersagen?

Ulrich Schroeders geht neue Wege der Psychologischen Diagnostik

Quizfrage: „Mit welcher Band hatte der kanadische Sänger David Clayton-Thomas (* 1941) Ende der 1960er den Hit Spinning Wheel? Der Name der Gruppe geht zurück auf ein Zitat aus der Antrittsrede Winston Churchills als britischer Premierminister.“ Zehn mit dezenten Lösungshinweisen versehene Fragen wie diese stellt der Deutsche Quiz-Verein seit 2014 wöchentlich auf seiner Internetseite zum Knobeln und Mitraten zur Verfügung. „Spätestens nach der dritten Frage weiß man oft keine Antwort mehr“, sagt Prof. Dr. Ulrich Schroeders, seit Kurzem selbst Vereinsmitglied. Schroeders liebt solche Kniffligkeiten. Im Gespräch in seinem Büro an der Holländischen Straße landen wir schnell bei dem Online-Worträtselspiel „Wordle“, beim Logik-Brettspiel „Mastermind“, bei „Sudoku“ und dem Quizspiel „Trivial Pursuit“. Schroeders ist seit Herbst 2017 Professor für Psychologische Diagnostik. Zuvor war er Juniorprofessor für Empirische Bildungsforschung in Bamberg und davor Postdoktorand am Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), das mit groß angelegten Bildungsvergleichsstudien regelmäßig die schulischen Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern erfasst. 

Anhand dieser Stationen mag man schon erkennen, welche Forschungsinteressen Schroeders hat. Wie misst man schulische Kompetenzen, faktisches Wissen oder schlussfolgerndes Denken möglichst genau, umfassend und fair? Welche technischen Möglichkeiten und mathematischen Modelle können dafür eingesetzt werden? Ihn interessieren maschinelles Lernen, Lernalgorithmen und Metaheuristiken, also zum Beispiel die Frage, ob das Nahrungssuchverhalten von Ameisen oder Bienen als Blaupause zur Verbesserung von psychologischen Tests und Fragebögen dienen kann. Oder welche kognitiven Fähigkeiten mit Brett- und Strategiespielen gemessen werden. 

Im Zusammenhang mit der spielerischen Leistungsmessung ist das bis Spätsommer 2027 laufende Forschungsprojekt PINGUIN, ein Akronym aus „Potenzialidentifikation in der Grundschule“, zu nennen. Im PINGUIN-Projekt, das in Kooperation unter anderem mit dem Hector Institut für Empirische Bildungsforschung in Tübingen durchgeführt wird, wird mit einem tabletbasierten Messinstrument, spielerisch und dennoch objektiv, das kognitive Potenzial sowie die Lernausgangslagen von Schülerinnen und Schülern zu Beginn der Grundschulzeit erhoben. Das Messinstrument besteht aus vier Modulen, die das kognitive Potenzial, die sprachlichen Leistungen sowie schriftsprachliche und mathematische Basiskompetenzen erfassen. Am Standort Kassel werden maßgeblich die drei letztgenannten Module zu den Lernausgangslagen entwickelt. PINGUIN soll dazu beitragen, Potenziale frühzeitig zu erkennen, um eine faire, evidenzbasierte Förderung zu ermöglichen. 

In einer anderen Forschungsarbeit untersuchten Schroeders und sein Team, inwieweit sich delinquentes Verhalten im Jugendalter sowie kriminelles Verhalten im Erwachsenenalter vorhersagen lassen. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob es Verhaltensmuster oder selbstberichtete Probleme gibt, die als eine Art Frühwarnsystem dienen können. Als Datenbasis diente eine groß angelegte, bevölkerungsrepräsentative US-amerikanische Längsschnittstudie, in der Drogen-, Eigentums- und Gewaltdelikte über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrzehnten erfasst wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass delinquentes Verhalten im Jugendalter vergleichsweise gut vorhergesagt werden kann – insbesondere bei Drogen-, Gewalt- und Eigentumsdelikten. Deutlich geringer fiel hingegen die Vorhersagegenauigkeit für kriminelles Verhalten im Erwachsenenalter aus. 

Ein zentrales Ergebnis: Jugendliche, die bereits früh durch delinquentes Verhalten auffielen – insbesondere durch Drogenkonsum, schulische Probleme wie Suspendierungen oder Schulverweise sowie weitere Regelverstöße –, hatten ein erhöhtes Risiko, später als Erwachsene strafrechtlich in Erscheinung zu treten. Aus den Befunden lassen sich Ansatzpunkte für Prävention ableiten. So könnten Schulpsychologen und Schulsozialarbeiterinnen sowie gezielte Anti-Sucht- und Anti-Gewaltprogramme dazu beitragen, problematische Entwicklungsverläufe frühzeitig zu unterbrechen. „Mit vergleichsweise geringem Aufwand“, betont Schroeders, „könnte so vielen gefährdeten Kindern und Jugendlichen wirksam geholfen werden.“

 

Dieser Beitrag erschien im Universitäts-Magazin publik 2026/1. Text: Andreas Gebhardt

Pressekontakt

Service für Presse und Medien (Presseanfragen, Expertenempfehlungen)