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11.05.2026 | Porträts und Geschichten

Der Wille ist da, der Plastikmüll auch

In der Theorie wollen wir die Welt retten, doch vor der Biotonne sieht die Realität oft anders aus. Das Dilemma beim Gang zur Tonne ist dabei weniger mangelndes Wissen, sondern vielmehr die Fehleinschätzung des eigenen Handelns. Konstantin Bachmann vom Fachgebiet Ressourcenmanagement und Abfalltechnik beschäftigt sich mit diesem Missverhältnis zwischen Eigenwahrnehmung und tatsächlichem Trennverhalten. Er ist überzeugt: „Diejenigen, die korrekt trennen wollen, tun dies meist auch – das Hauptproblem sind eher Personen, denen die Abfalltrennung schlicht egal ist.“ Sein Ziel: diesen Bioabfall in hochwertige Aktivkohle zu verwandeln.

Bild: Uni Kassel.

Tatort Mehrfamilienhaus: Wenn Anonymität die Trennung erschwert

Für eine groß angelegte Bestandsaufnahme untersuchte Bachmann den Müll aus 181 Haushalten in drei Kasseler Stadtteilen, darunter Wehlheiden, Nord-Holland und der vordere Westen. Das Ergebnis liefert eine soziologische Landkarte des Abfalls. Trotz ähnlicher Bebauung schnitten die innerstädtischen Lagen bei der Trennung am schlechtesten ab. „Dort, wo das Wohnumfeld anonymer wird, scheint auch die Disziplin an der Tonne nachzulassen. Schon eine fehlbefüllte Biotonne kann eine ganze Charge unbrauchbar machen“, warnt Bachmann. Die Studie war echte Teamarbeit: Während er die Tonnen-Daten auswertete, lieferte das Fachgebiet Nachhaltiges Marketing durch Tiefeninterviews die psychologischen Hintergründe.

Soziale Kontrolle statt Appelle

Bachmann wollte wissen, ob sich das Verhalten nachhaltig ändern lässt. In einem Feldversuch verteilte er Vorsortierbehälter und Papiertüten, doch der Erfolg war flüchtig. Sobald das kostenlose Material aufgebraucht war, ließ die Bereitschaft nach. Sein Fazit: Kampagnen verpuffen ohne Kontinuität.

Was hingegen wirkt, ist die Sichtbarkeit des eigenen Handelns. Die Kasseler Stadtreiniger setzen hier auf ein zweistufiges System: Bei falscher Befüllung prangt zunächst ein gelber Warnaufkleber auf der Tonne. Ändert sich nichts, folgt der rote Punkt – die Tonne bleibt stehen und wird nur gegen Zusatzkosten als Restmüll geleert. „Dass Fehlverhalten so sichtbar wird, ist eine Möglichkeit, die zur Verhaltensänderung beizutragen scheint“, so der Forscher. Besonders in großen Wohnanlagen erhöht das den sozialen Druck. Wenn das aufmerksame Ehepaar aus dem Erdgeschoss die Entsorgung im Blick hat, wird Mülltrennung zum sozialen Korrektiv.

Diesen Gedanken der sozialen Kontrolle überträgt Bachmann auf die Technik: Ein entscheidender Hebel könnten etwa verschließbare Biotonnen sein, die nur für regelkonforme Haushalte zugänglich sind. Solche Systeme, die zum Schutz vor Waschbären oder Fremdeinwürfen bereits existieren, könnten bei einer flächendeckenden Einführung die Qualität der Sammlung dauerhaft sichern und die soziale Kontrolle durch eine intelligente technische Lösung ersetzen.

Vom Hinterhof ins Labor

Doch warum ist diese penible Sauberkeit in der Tonne so entscheidend? „Mich interessiert nicht nur, wie wir trennen, sondern was danach mit den Abfällen passiert“, erklärt Bachmann. Er ist Teil des Graduiertenkollegs „CirCles“, in dem verschiedene Fachrichtungen gemeinsam untersuchen, wie aus Bioabfall neue Wertstoffe wie etwa Aktivkohle entstehen können. Bachmanns Arbeit konzentriert sich dabei auf eine möglichst fremdstofffreie Sammlung von Bioabfällen und die ökologisch-ökonomische Bewertung anschließender Verwertungsoptionen.

Denn nur möglichst reiner Bioabfall lässt sich hochwertig nutzen, etwa in Aktivkohle, die unsere Gewässer schützt. Sie fungiert dabei wie ein hochporöser Filterstoff: Durch Adsorption haften selbst kleinste Mikroschadstoffe wie Medikamentenrückstände an der riesigen Oberfläche der Kohlepartikel und werden so dauerhaft aus dem Wasser entfernt. Bis zu seinem Abschluss im August zeigt Bachmann: Kreislaufwirtschaft braucht beides – den Menschen, der trennt, und technische Lösungen wie verschließbare Biotonnen, die durch kontrollierte Zugangssysteme den Einwurf von Fremdstoffen schon am Standplatz verhindern.

Faszination für das, was keiner will

Sein Interesse an der Ressource Abfall wurde während eines Praktikums am Witzenhausen-Institut geweckt, wo er bei Sortieranalysen direkt am Sortiertisch stand. „Mich hat fasziniert, was Menschen alles wegwerfen und warum Dinge im Bioabfall landen, die dort absolut nicht hingehören.“ 

Heute nutzt er diese Erfahrung, um den Blick auf den Abfall zu verändern. Für ihn ist klar: „Das, was wir in die Biotonne werfen, verschwindet nicht. Es bestimmt, was daraus entstehen kann.“ Wenn die Trennung funktioniert – unterstützt durch eine optimierte Infrastruktur –, wird aus vermeintlichem Abfall wertvoller Kompost oder eben Aktivkohle, die unsere Umwelt entlastet. So wird aus dem lästigen Gang zur Tonne ein kleiner, aber entscheidender Beitrag zu einem Kreislauf, der weit über den eigenen Hinterhof hinausreicht.

Dieser Beitrag erscheint offiziell in der Sommer-Ausgabe des Universitäts-Magazins publik (2026/2) im Juli 2026.Text und Fotos: Bastian Puchmüller.

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