Exkursionen

Escuela de Basica de Inti Raymi

Bernd Overwien, Edith Glaser:

Internationalisierung in der Lehrer*innenbildung praktisch: Studienreise nach Ecuador

Anfang Oktober reisten 21 Lehramtsstudierenden der Universität Kassel zusammen mit den Hochschullehrer*innen Prof. Dr. Edith Glaser (FB 01) und Prof. Dr. Bernd Overwien (FB 05) sowie der Wissenschaftlichen Mitarbeiterin Friederike Thole (FB 01) nach Ecuador. Ziel der Reise war es, die internationale Perspektive der Studierenden in der Lehrer*innenbildung zu stärken und sich reflek­tiert mit einem anderen Bildungssystem, dem sozialen Hintergrund, Nachhaltigkeitsthemen und mit interkulturellen Fragen auseinanderzusetzen. Es war die bereits vierte Exkursion, die aus den beiden Fachgebieten angeboten wurde. Die ersten Studienreisen führten nach Israel und Schweden.

Die Studierenden begannen die Reise sehr gut vorbereitet. Im Sommersemester hatten sie ein Seminar zu den lateinamerikanisch-internationalen Pädagogen Paulo Freire und Ivan Illich besucht und hieraus viele pädagogische Fragen mit auf den Weg genommen. In einem weiteren Seminar wurden sie intensiv auf das Land Ecuador und sein Bildungssystem vorbereitet und entwickelten Fragen und Reflexionsthemen für die Schulbesuche vor Ort.

Die Reise führte die Gruppe zunächst in die Hauptstadt Quito. Hier fand an der Partnerhochschule der Universität Kassel, der Faculdad Latinoamericana de Ciencias Sociales, mit der der FB 05 durch das Forschungsprojekt CALAS (Centro de Estudios Avanzados Latinoamericanos) eng verbunden ist, eine erste inhaltlich intensive Veranstaltung statt, bei der es in Vorträgen renommierter Wissenschaftler*innen des Landes um das Verhältnis indigener Nationalitäten zu Mehrheits­bevölkerung (Prof. Dr. Daniela Cellerie) sowie um interkulturelle Bildung und zweisprachige Bildung im selben Zusammenhang ging (Dr. José Figuera). Die ehemalige Bildungsministerin Dr. Rosa Maria Torres setzte sich kritisch mit der Bildungspolitik der Regierung Correa auseinander. Diese Veranstal­tungen führten deutsche und ecuadorianische Studierende zusammen, die teils auch kontroversen Diskussionen konnten gut übersetzt werden, da es eine ganze Reihe von Studierenden des Schulfa­ches Spanisch gab, die sich hier sehr konstruktiv einbrachten. Am Nachmittag gab es dann einen deutsch-spanischen Vortrag von Herrn Gustavo Endara (Friedrich-Ebert-Stiftung) zur Verankerung des „Buen Vivir“ in der Verfassung des Landes und der politischen Realität. Diese Diskussion findet internationale Aufmerksamkeit, weil es neu ist, dass Fragen eines „guten Lebens“ Verfassungsrang haben und hier auch Vorstellungen der indigenen Bevölkerung eingeflossen sind. Auch hier wurde von deutschen und ecuadorianischen Studierenden intensiv nachgefragt und kommentiert. Das Programm in der Hauptstadt Quito wurde durch einen Stadtrundgang ergänzt, der originellerweise von Alexander von Humboldt angeboten wurde, also eines Schauspielers, der aus dessen Perspektive seiner Reisen Anfang des 19. Jahrhunderts berichtete. Ein weiterer Höhepunkt war der Besuch der beeindruckenden Ausstellung des Museums eines in Lateinamerika sehr bekannten Malers, des Ecuadorianers Olwaldo Guayasamin.

Der Schwerpunkt der Exkursion lag dann auf einem Besuch der 400 km südlich gelegenen Stadt Cuenca, die ungefähr die Größe Kassels hat. Nach einer Busfahrt durch faszinierende Gebirgsland­schaften standen hier Besuche bei Schulen und in der Universidad de Cuenca im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Dabei konnten die Studierenden sehr direkte Eindrücke gewinnen. Die Schulbe­suche waren so vorbreitet, dass Kleingruppen (jeweils mit Flüsterübersetzung) ganz konkreten Unterricht ansehen konnten, nachdem zuvor die Schulen und ihr Einzugsbereich von Lehrkräften und Schulleitungen vorgestellt wurden. In den Pausen ergaben sich spannende Gespräche mit Schüler*innen, einmal gab es sogar ein spontanes ecuadorianisch-deutsches Fußballspiel in der Pause. In Ecuador gibt es seit einiger Zeit auch zweisprachige Schule, in denen spanisch und kitchwa unterrichtet wird. Die Gruppe besuchte mit dem Colegio bilingual de Shiña und der Escuela de Basica de Inti Raymi zwei ländliche bilinguale Schulen, eine Grundschule (1.-6.Klasse) und eine Sekundar­schule (7.-12. Klasse), und konnte so sehr direkte Eindrücke sammeln. Der Besuch einer sehr neuen modernen städtischen „Escuela de Milenium“, einer staatlichen Einheitsschule, die im Rahmen eines Erneuerungsprograms kürzlich erst die Arbeit aufnahm, stand dann in Cuenca auf dem Programm. Außerdem konnte im innerstädtischen Raum auch noch die Förderschule San José de Calasanz besucht werden. Die Unterrichtsbesuche und der direkte Kontakt zu Lehrenden und Schüler*innen standen dabei im Vordergrund. Ein Besuch in der deutschen Schule Colegio aleman Stiehle in Cuenca, wo neben Unterrichtsbesuchen eine intensive Diskussion mit dem Schulleiter im Mittelpunkt stand, rundete das Schulbesuchsprogramm.

Escuela de Milenium, Cuenca

Beim Besuch der Universidad de Cuenca stellten zunächst in einer hochschulöffentlichen Veranstal­tung, an der auch viele Studierende teilnahmen, ecuadorianische Hochschullehrer*innen den Ansatz der Lehrerbildung an ihrer Universität vor, wobei sie ausführlicher auf Konzept und Organisation der Schulpraktika eingingen. Seitens der deutschen Gruppe gab es dann einen Vortrag über das deutsche Bildungssystem und das Lehrer*innenbildungsmodell, wie es an der Universität Kassel praktiziert wird. Auch hier wurde ein Schwerpunkt auf Inhalte und Form der Praxisphasen gelegt. Während der Vorträge und der Diskussion zeigte sich sehr deutlich, dass die Modelle beider Universitäten sich sehr gleichen und ähnliche Ansätze und Ansprüche an die Praxisphasen an den Universitäten Kassel und Cuenca existieren. Dies führte in der Folge dann zu intensiven Diskussionen der Lehrenden über eine mögliche Kooperation, bei der deutsche Lehramtsstudierende ihr Praktikum in Cuenca absolvieren könnten und ecuadorianische in Kassel. Es wurden konkrete Möglichkeiten diskutiert, bei denen bisher das Fach Spanisch im Vordergrund steht. Ecuadorianische Studierende hätten, so ergaben weitere Sondierungen nach der Exkursion, in Kassel die Möglichkeit didaktische Lehrveranstaltungen und einen Teil der fachwissenschaftlichen in spanischer Sprache zu absolvieren, da diese sowieso schon dergestalt angeboten werden.

An der Universität Cuenca gab es dann noch einen Vortrag der deutschen Seite zum Themenfeld Bildung für nachhaltige Entwicklung und es entspannte sich eine intensive Diskussion über die dahin­ter stehenden Konzepte und die Frage, wie das erwähnte „Buen-Vivir“-Konzept in Ecuador in die Lehramtsausbildung einfließt. Als Querschnittsthema ist dies bereits vorgesehen, wobei allerdings Studierende der Universität Cuenca anmahnten, hier müsse mehr geschehen. Deutsche Studierende und die aus Cuenca trafen sich anschließend und diskutierten neben Fragen des Studiums auch eine ganze Bandbreite von Themen die Studierende bewegen. Die Begegnung deutscher und ecuadorianischer Studierenden wurde am nächsten Tag fortgesetzt. Diese Diskussionen motivierten einige Studierende sich weitergehend in Seminararbeiten mit Themen der Verankerung von nachhal­tiger Entwicklung in Bildungskonzepten von Ecuador und Deutschland im Vergleich auseinanderzu­setzen.

Die Lehrenden trafen sich gleichzeitig mit Lehrenden der Universidad de Cuenca und mit dem Leiter des dortigen International Office, um Möglichkeiten einer längerfristigen Kooperation zu eruieren. Dabei ergaben sich konkrete Ansätze, an denen künftig gearbeitet werden soll.

Zum Programm in Cuenca gehörte über das beschriebene Programm hinaus eine Stadtführung, bei der, neben naheliegenden historischen Entwicklungen, politisch-soziale Fragen im Mittelpunkt stan­den. Außerdem wurde der Nationalpark „Cajas“ besucht, ein Schutzgebiet, das im Hochgebirge liegt. Ein weiterer kultureller Programmpunkt war der Besuch der Ausgrabungsstätte von Inkapirca. Hier sind Gebäude und Anlagen aus der Zeit des Inkareichs und vorheriger Völker zu sehen. In einer sehr beeindruckenden Hochgebirgslandschaft erfuhr die deutsche Gruppe Substantielles über vorkoloni­ale Zeit in Ecuador und in den Nachbarländern.

Als ein weiteres Ergebnis der Reise ergab sich die Möglichkeit, Dr. Daniela Cellerie, die zum Forschungsnetzwerk CALAS gehört, für einen öffentlichen Vortrag an die Universität Kassel einzula­den. Angebunden an eine Vorlesung zur Bildung für nachhaltige Entwicklung und darüber hinaus bekanntgegeben, kamen etwa 250 Studierende zu ihrem Vortrag, bei dem das Leben indigener Jugendlicher in Ecuador im Vordergrund stand. Dabei ging es insbesondere um neue Forschungser­gebnisse zur Lebensrealität Jugendlicher indigener Herkunft und um deren jugendkulturellen Aus­druck. Somit konnte damit Wissen aus der Exkursion in Kassel einem breiteren Kreis Interessierter zur Verfügung gestellt und weitere Kooperationen mit der ecuadorianischen Kollegin angebahnt werden.