09.02.2026 | Porträts und Geschichten

"Es gibt in unserer Zeit keinen Sprechenden Hut mehr"

Er ist einer der profiliertesten KI-Experten Deutschlands – besonders, was die gesellschaftlichen Folgen von Künstlicher Intelligenz betrifft. Der Journalist und Podcaster Fritz Espenlaub ist Hauptredner beim Campusfest der Universität am 21. Mai. Im publik-Interview spricht er über Aussichten, Auswirkungen und Gegenbewegungen – und über die wichtigste Fähigkeit im KI-Zeitalter. Das vollständige Interview lesen Sie in der publik 2026/1 (erscheint am 12. März).

Fritz vor Baum.Bild: Cindy Ngo
Fritz Espenlaub.

publik: Herr Espenlaub, Sie sind dafür noch ein bisschen jung, aber: Hätten Sie ein Kind, das studieren will, wozu würden Sie raten? Welches Fach? Und lohnt sich das überhaupt noch? Es kursieren Listen, welche Jobs bald der KI zum Opfer fallen …

Fritz Espenlaub: Ich habe tatsächlich einen 16-jährigen Patensohn, und dem würde ich jedenfalls nicht von einem Studium abraten. Ich würde aber auch kein spezielles Fach empfehlen. Er sollte seinen Neigungen folgen. Wichtig ist, etwas ganz anderes zu lernen, egal ob in einem Studium oder in einer Ausbildung, und das ist Agency

 

publik: Das heißt? 

Espenlaub: Es gibt in unserer Zeit keinen Sprechenden Hut mehr wie bei Harry Potter; ein Studium sortiert uns nicht mehr für den Rest des Lebens ein. Die Welt ist eher wie ein Computerspiel geworden, in dem es ständig neue Aufgaben zu bewältigen gibt. Agency heißt: Ich lerne, wie ich Probleme löse, wie ich mich weiterentwickle, wie ich mir immer neue Skills aneigne. Die wichtigste Fähigkeit ist: Meinen Lebensentwurf immer wieder anpassen zu können.

 

publik: Einige Lehrende an der Universität berichten, dass sich eine gewisse Anzahl von Studierenden mit KI gar nicht auseinandersetzen will …

Espenlaub: Warum?

 

publik: Unter anderem, weil sie es nicht verlernen wollen, sich Wissen selbst anzueignen. Haben Sie dafür Verständnis?

Espenlaub: Dieses Argument finde ich gar nicht so schlecht. Wir müssen auch reflektieren, wo wir KI besser vermeiden, um Dinge weiterhin zu beherrschen. Trotzdem muss jeder den Umgang mit KI lernen. Sonst steht er oder sie bald da, wo jemand steht, der das Telefon oder den Taschenrechner verweigert.

 

publik: Die Sozialen Medien werden mit KI-generiertem Müll geflutet. Wenn man alles mit spitzen Fingern anfassen muss, was einem insbesondere Instagram, Tiktok usw. inzwischen so servieren: Welche Zukunft haben die Sozialen Medien dann noch?

Espenlaub: Ich glaube nicht, dass Soziale Medien verschwinden werden. Vor 100 Jahren gab es auch schon Manipulationen mit Bildern, denken Sie an Schwarz-weiß-Fotos mit Ufos oder Elfen. Das hat die Fotografie nicht aufgehalten. Vielleicht ist es am Ende sogar gut, wenn die Menschen wieder lernen, Inhalte auf Plausibilität zu prüfen. Zugleich denke ich, dass die Bedeutung der Sozialen Medien nachlässt und der persönliche Kontakt wieder wichtiger wird, echte Begegnungen. Wir interessieren uns wieder mehr für das, was uns echte Menschen berichten, die wir kennen und denen wir vertrauen.

 

publik: Was heißt das für die Kommunikationsbranche?

Espenlaub: Da gilt dasselbe. Es gibt zum Beispiel Journalismus-Slams, bei denen Redakteure von ihren Recherchen berichten und die Ergebnisse dadurch nachvollziehbar machen. Die Leser oder Zuschauerinnen wollen wissen, vom wem eine Nachricht stammt und ob sie ihm oder ihr vertrauen können. Autorennamen sind wichtig, vertraute Podcast-Hosts sind wichtig. 

 

publik: Wir führen dieses Gespräch für ein Magazin, das auch im Printformat erscheint. Ist dieser Wunsch nach Authentizität auch eine Chance für Print?

Espenlaub: Die Menschen sind nach meiner Beobachtung überreizt und übersättigt von der Online-Welt. Das wird durch die anschwellende Flut von KI-generiertem Content sicher noch drastischer und erzeugt eine Pendelbewegung. Ich merke an mir selber, dass ich Ruhe suche und wieder viel mehr Bücher lese, ganz analog. 

 

„Ich würde Europa nicht abschreiben“

publik: Bleibt das Silicon Valley bei der Enwicklung von KI das Maß aller Dinge? Oder holen die Chinesen auf? 

Espenlaub: Die US-Firmen haben immer noch einen technischen Vorsprung. Aber China verfolgt einen interessanten Weg, einen ganz anderen Ansatz. Sie kommen mit Open-Source-Tools, die leicht in andere Systeme zu integrieren sind und sich daher schnell verbreiten. Und ich würde auch Europa nicht abschreiben. Wir haben eine starke Wirtschaft und clevere Köpfe. Es gibt auch hier innovative Unternehmen wie Mistral oder Black Forest Labs.

 

Interview: Kathrin Meckbach und Sebastian Mense