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Prof. Dr. Ana Bonet

Das Recht betrachtet Ernährung oft nur aus einer existenziellen Perspektive – also im Sinne der Bekämpfung von Hunger – oder aus einer biomedizinischen, technokratischen Sicht. Mich interessiert hingegen die relationale Dimension der Ernährung, ihr Potenzial, soziale und ökologische Beziehungen zu stärken.

Interview

Was genau erforschen Sie im Fachgebiet?

Ich arbeite im Bereich Recht und Nachhaltigkeit, mit einem besonderen Fokus auf die sozial-ökologische Transformation. Mich interessiert, welche rechtlichen und institutionellen Formate zu einem nachhaltigeren Wandel der Lebens- und Produktionsweisen beitragen können – sowohl aus sozialer als auch aus ökologischer Perspektive. Dabei untersuche ich, wie rechtliche Rahmenbedingungen entstehen, welche Grenzen und Potenziale sie aufweisen und ob sie sich an die aktuellen Herausforderungen einer planetarischen Koexistenz anpassen lassen.

Welche konkreten Fragen oder Probleme versuchen Sie derzeit zu lösen?

Ein zentrales Thema meiner Forschung ist die Frage, wie das Recht Bedingungen schaffen kann, die eine gerechtere und nachhaltigere Ernährung ermöglichen. Das betrifft die Regulierung des Zugangs, der Verfügbarkeit und der Qualität von Lebensmitteln sowie die Förderung sogenannter Ernährungsnähe (alimentarische Proximität). Diese Nähe verstehe ich nicht nur geografisch, sondern auch relational: Ernährung verbindet Menschen miteinander, aber auch mit Nicht-Menschlichem – mit der Biodiversität, der Erde und den kulturellen Geschichten hinter jedem Gericht.
Das Recht betrachtet Ernährung oft nur aus einer existenziellen Perspektive – also im Sinne der Bekämpfung von Hunger – oder aus einer biomedizinischen, technokratischen Sicht. Mich interessiert hingegen die relationale Dimension der Ernährung, ihr Potenzial, soziale und ökologische Beziehungen zu stärken.

Was ist Ihr aktuell wichtigstes Forschungsprojekt und warum?

In Argentinien habe ich das transmediale Dokumentarprojekt Faros Alimentarios geleitet, das lokale und gemeinschaftliche Ernährungsinitiativen dokumentiert – wie städtische Gärten, Kooperativen, Märkte und öffentliche Programme – als Beispiele alternativer Wege des Produzierens, Verteilens und Konsumierens von Lebensmitteln. Dieses Projekt verbindet wissenschaftliche Forschung mit öffentlicher Kommunikation und rechtlicher Analyse: Wir untersuchen, welche Normen solche Praktiken fördern oder behindern.
Derzeit nehme ich außerdem an der Koordination eines internationalen Kooperationsprojekts zwischen dem Kassel Institute for Sustainability und dem CONICET (dem nationalen Forschungsrat Argentiniens) teil. Das Projekt befasst sich mit der Umsetzung der EU-Verordnung über entwaldungsfreie Lieferketten in Argentinien. Diese Regelung wirft nicht nur Fragen zum ökologischen Fußabdruck von Exportprodukten auf, sondern auch zu den sozialen und ökologischen Problemen rund um die Produktionsprozesse – insbesondere bei Fleisch, Soja und Holz. Das Projekt ist wichtig, weil es einen Dialog zwischen europäischen und lateinamerikanischen Perspektiven eröffnet und zeigt, wie globale oder regionale Nachhaltigkeitsstandards lokal umgesetzt werden.

Was zeichnet Nachhaltigkeitsforschung am Kassel Institute for Sustainability aus?

Was mich am Kassel Institute for Sustainability besonders beeindruckt, ist sein interdisziplinärer und reflexiver Ansatz. Nachhaltigkeitsforschung hier versteht sich nicht nur als technisches oder ökonomisches Feld, sondern als Raum für gesellschaftliche und ethische Reflexion. Sie integriert soziale, ökologische, kulturelle und normative Dimensionen und eröffnet so neue Perspektiven auf das Zusammenleben im planetarischen Kontext. Diese Offenheit und Komplexität machen die Arbeit am Institut für mich besonders wertvoll.

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