Das Konzept hinter Praxis³

Praxis³ wurde an der Universität Kassel entwickelt, um professionelle Entwicklungsprozesse in den schulpraktischen Studien systematisch zu begleiten und zu reflektieren. Im Zentrum stehen die individuellen Erfahrungen und Entwicklungsziele der Studierenden sowie unterschiedliche Perspektiven auf ihre Entwicklung.

Praxis³ ist dabei mehr als das Reflexionstool oder eine einzelne Selbst- und Fremdeinschätzung. Es verbindet persönliche Zielsetzungen, unterschiedliche Wahrnehmungen und gemeinsame Beratungs- und Reflexionsgespräche zu einem fortlaufenden Reflexionsprozess.

Professionelle Entwicklung bewusst in den Blick nehmen

Schulpraktische Erfahrungen bieten Studierenden die Möglichkeit, ihre Vorstellungen vom Lehrer:innenberuf, ihre bisherigen Kompetenzen und ihre persönliche Entwicklung mit konkreten Erfahrungen in Schule und Unterricht in Beziehung zu setzen.

Praxis³ unterstützt diesen Prozess, indem Studierende

 ▸ eigene Entwicklungsziele formulieren,
 ▸ ihre Entwicklung selbst einschätzen,
 ▸ Rückmeldungen aus schulischer und universitärer Perspektive erhalten,
 ▸ unterschiedliche Wahrnehmungen gemeinsam reflektieren,
 ▸ daraus weitere Entwicklungsschritte ableiten.

Entwicklungsziele sind dabei nicht als einmalige Aufgabe gedacht. Sie werden im weiteren Verlauf aufgegriffen, überprüft und weiterentwickelt. Genau diese Verbindung von Zielarbeit und mehrperspektivischer Reflexion bildet den Kern von Praxis³.

Zwei zentrale Elemente von Praxis³

Persönliche Entwicklungsziele

Studierende formulieren Ziele, an denen sie während ihrer schulpraktischen Erfahrungen arbeiten möchten. Ausgangspunkt können beispielsweise bisherige Erfahrungen, eigene Stärken, Unsicherheiten oder Fragen sein, die sie im Praktikum näher untersuchen möchten.

Neue Erfahrungen, Gespräche und Rückmeldungen können dazu führen, dass bisherige Ziele bestätigt, konkretisiert, verändert, weitergeführt oder durch neue Entwicklungsziele ergänzt werden.

Selbst- und Fremdeinschätzungen

Studierende betrachten ihren eigenen Entwicklungsstand aus ihrer persönlichen Perspektive. Ergänzend erhalten sie Einschätzungen ihrer schulischen und universitären Begleitpersonen.

Diese unterschiedlichen Sichtweisen erweitern die eigene Wahrnehmung und schaffen Anlässe für gemeinsame Reflexion. Die Einschätzungen werden über das Praxis³-Reflexionstool durchgeführt.

Mehrperspektivische Reflexion

Drei Perspektiven auf professionelle Entwicklung

Praxis³ bringt drei Perspektiven auf professionelle Entwicklung zusammen. Das Dreieck im Praxis³-Logo steht dabei für das gleichberechtigte Zusammenwirken von Studierenden sowie ihrer schulischen und universitären Begleitung.

Studierende

bringen ihre eigenen Erfahrungen, Wahrnehmungen, Fragen und Entwicklungsziele ein. Ihre Selbsteinschätzung bildet die persönliche Perspektive auf den bisherigen Entwicklungsstand.

Schulische Begleitpersonen

bringen ihre Beobachtungen aus der schulischen Praxis ein. Sie erleben die Studierenden in konkreten schulischen Handlungs- und Entwicklungssituationen.

Universitäre Begleitpersonen

ergänzen eine weitere Perspektive aus der universitären Begleitung der schulpraktischen Studien und greifen die Erfahrungen der Studierenden in Beratung und Reflexion auf.

Reflexion statt Angleichung

Praxis³ verfolgt nicht das Ziel, dass Selbst- und Fremdeinschätzungen möglichst übereinstimmen.

Gerade dort, wo Studierende und Begleitpersonen Situationen unterschiedlich wahrnehmen, entstehen wichtige Reflexionsanlässe: Warum beurteilen wir einen Bereich unterschiedlich? Welche Erfahrungen oder Beobachtungen liegen den Einschätzungen zugrunde? Was überrascht? Und welche Entwicklungsfragen ergeben sich daraus?

Die unterschiedlichen Perspektiven werden deshalb nicht zu einem gemeinsamen Urteil verrechnet. Sie dienen als Gesprächsgrundlage für Rückmeldung, Reflexion und die weitere Arbeit an persönlichen Entwicklungszielen.

Entwicklung über Zeit sichtbar machen

Praxis³ versteht professionelle Entwicklung nicht als einzelne Momentaufnahme. Erfahrungen während eines Praktikums, Rückmeldungen und neue Erkenntnisse können verändern, woran Studierende weiterarbeiten möchten.

Der grundlegende Reflexionsprozess lässt sich deshalb vereinfacht so beschreiben:

Entwicklungsziele → Erfahrungen sammeln → Selbst- und Fremdperspektiven einholen → gemeinsam reflektieren → Ziele und nächste Schritte weiterentwickeln

Dieser Prozess kann im weiteren Verlauf erneut aufgegriffen werden.

Wie oft und zu welchen Zeitpunkten dies geschieht, unterscheidet sich jedoch je nach Praxisphase und Prüfungsordnung. Die konkrete Durchführung wird deshalb auf den jeweiligen Praxisphasenseiten erläutert.

→ Praxis³ in den Praxisphasen

Vom Einschätzen zum gemeinsamen Reflektieren

Die Selbst- und Fremdeinschätzungen entfalten ihren eigentlichen Nutzen erst in der gemeinsamen Auseinandersetzung mit den Ergebnissen.

In den Beratungs- und Reflexionsgesprächen können Studierende und Begleitpersonen beispielsweise betrachten:

  • Wo zeigen sich ähnliche Wahrnehmungen?
  • Wo unterscheiden sich die Perspektiven?
  • Welche Beobachtungen stehen hinter den Einschätzungen?
  • Welche Stärken und Entwicklungsfelder werden sichtbar?
  • Welche bisherigen Ziele passen weiterhin?
  • Welche nächsten Entwicklungsschritte erscheinen sinnvoll?

Konzept, Instrument und Dokumentation unterscheiden

Für das Verständnis von Praxis³ ist die Unterscheidung verschiedener Ebenen hilfreich:

a) Praxis³ bezeichnet den übergeordneten Reflexionsansatz mit Entwicklungszielen, unterschiedlichen Perspektiven und gemeinsamen Reflexionsgesprächen.

b) Das Praxis³-Reflexionstool ist das technische Instrument für die Selbst- und Fremdeinschätzungen.

c) Mahara bzw. die ePortfolio-Arbeit kann der Dokumentation und Reflexion von Erfahrungen und Entwicklungsprozessen dienen und wird an der Universität Kassel in den schulpraktischen Studien in der Regel dafür eingesetzt.

d) Der Praktikumsbericht ist davon wiederum als Dokumentations- bzw. Prüfungsleistung der jeweiligen Praxisphase zu unterscheiden.

Welche konkrete Form in einer Praxisphase gilt, richtet sich nach den entsprechenden Vorgaben und der Gestaltung des Begleitseminars.

Lernprozesse und Eignung reflektieren

Praxis³ ist unter dem Leitgedanken „Lernprozesse und Eignung im Schulpraktikum gemeinsam reflektieren, begleiten und würdigen“ entwickelt worden.

Im Mittelpunkt steht damit nicht ausschließlich die Frage, welche Kompetenzen bereits vorhanden sind. Schulpraktische Erfahrungen sollen auch dazu genutzt werden, die eigene Entwicklung, persönliche Zielsetzungen und Erfahrungen mit dem Lehrer:innenberuf bewusst zu reflektieren.

Welche Bedeutung Fragen der Eignungsreflexion in einer konkreten Praxisphase haben, richtet sich nach den jeweiligen Vorgaben dieser Praxisphase.

Entwicklung und wissenschaftlicher Hintergrund

Praxis³ wurde an der Universität Kassel als Konzept zur mehrperspektivischen Reflexion professioneller Entwicklungsprozesse in den schulpraktischen Studien entwickelt.

Die Konzeption und Erfahrungen mit Praxis³ wurden in verschiedenen Veröffentlichungen aufgegriffen.

Böhnert, A., Klingebiel, F., Siedenbiedel, C., Osterberg, J. & Kuhn, H. P. (2024). Lernprozesse und Eignung im Schulpraktikum mehrperspektivisch reflektieren, begleiten und würdigen: Das Projekt Praxis³ an der Universität Kassel. In J. Holle, W. Böttcher, W. Johannes & P. Gollup (Hrsg.), Eignungsabklärung und -reflexion im Lehramt. Praktiken, Befunde und multiperspektivische Zusammenhänge. Münster: Waxmann, 273-290. DOI: 10.31244/9783830998792

Böhnert, A., Klingebiel, F., Siedenbiedel, C. & Osterberg, J. (2023). Ich sehe was, was du nicht siehst! Lernprozesse und Eignung im Schulpraktikum gemeinsam reflektieren, begleiten und würdigen. In A. Schöning & A. Pfeiffer (Hrsg.), Schriftenreihe der Bundesarbeitsgemeinschaft Schulpraktische Studien: Bd. 15, Schulpraktische Studien professionell begleiten: Konzepte, Formate und Instrumente (S. 81–90). Leipziger Universitätsverlag. (Link)

Böhnert, Anne; Klingebiel, Franz (2022): Gemeinsam reflektieren mit Praxis³. In: Die Grundschulzeitschrift (336). (Link)

Praxis³ praktisch nutzen

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