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06.10.2022 | Literaturkritik

»Licht bricht, be­vor es strahlt« von Bec­ca Braun: Über ei­ne be­son­de­re Mut­ter-Toch­ter-Be­zie­hung, ei­nen fur­zen­den Fried­rich Schil­ler und die Fra­ge nach Lie­be oder Frei­heit

von Wiebke Bierwirth

Bild: Wiebke Bierwirth

(Roman, 2022, 315 Seiten, dtv Verlag)

"Liebe Leser:innen, 
´Licht bricht, bevor es strahlt ´ ist ein fiktives Werk, doch es behandelt Themen, die potenziell retraumatisierend wirken können. Diese sind: Tablettenmissbrauch, Tod, Trauer, Essstörung, sexuelle Belästigung, Emetophobie. Eine Auflistung von Hilfestellen findet ihr hinten im Buch. 
Alles Liebe, Becca"

 

Mit diesen Worten der Autorin beginnt der 2022 erschienene Debütroman der in Köln lebenden Literatur- und Medienkulturwissenschaftlerin Becca Braun, wodurch einerseits eine Triggerwarnung für die Leserschaft ausgesprochen, und andererseits auf die Vielschichtigkeit der im Roman aufgegriffenen Themen hingewiesen wird.  

Obwohl sie von einem Leben in Berlin träumt, beginnt Virginia ihr Soziologiestudium in Havenitz, in der Nähe ihrer Mutter Mirella, die nicht nur süchtig nach Schlaftabletten, sondern ebenfalls nach der Liebe ihrer Tochter ist. Neben Dilara, Sascha und Benny, die Virginia innerhalb einer feministischen Hochschulgruppe kennenlernt, macht die Protagonistin außerdem Bekanntschaft mit dem überehrgeizigen Jurastudenten Benedict. Dieser stammt aus wohlhabenden Verhältnissen, während Virginia bei ihrer alleinerziehenden Mutter, welche als Sexarbeiterin ihr Geld verdient, in der Wohnwagensiedlung der Kleinstadt aufwuchs. Die beiden treffen sich auf einer Party, lernen einander kennen und nähern sich an.

Zu Beginn ihres Studiums, und in Begleitung Ihres Chihuahuas Friedrich Schiller, bezieht Virginia ihr Zimmer im Wohnheim der Universität – „Es ist der erste Tag meines neuen alten Lebens“. Doch wie lange dauert es, bis sie von ihrem alten Leben und der toxischen Beziehung zu ihrer Mutter wieder eingeholt wird?

Wenngleich man hier, aufgrund des Klappentextes, lediglich eine komplizierte Liebesgeschichte erwarten könnte, ist die Liste der im Roman verarbeiteten Themenfelder lang: Aus Virginias Sicht, und mit einem feministisch-cleveren Blick, wird man als Leser:in in Situationen gebracht, die einen über Feminismus, Kultur, Identität, die eigenen Privilegien, Selbstliebe und -hass, Rassismus, Sexismus, eigene Vorurteile, Bedürfnisse, Sorgen und Wünsche nachdenken lassen. Damit beginnt der Roman schnell – ohne lange Vorerzählung begleitet man Virginia zu ihrem ersten Treffen der feministischen Hochschulgruppe und bekommt einen vorläufigen Einblick in das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter. Dieses wirkt im gesamten Handlungsverlauf sehr greifbar. Mithilfe von Rückblicken aus ihrer Kindheit und den aus Virginias Sicht beschriebenen gegenwärtigen Gefühlen zu ihrer Mutter, schwankend zwischen Liebe und Scham, wird ihr Umgang mit dieser für den/die Leser:in verständlich. Die Frage nach Liebe oder Freiheit, die ihr im Roman immer wieder von Benedict gestellt wird, lässt sich ebenso auf die Beziehung zu ihrer Mutter beziehen – für die Mutter Verantwortung übernehmen oder den eigenen Bedürfnissen nachgehen?

„In meinen übelsten Momenten schäme ich mich für sie. Ich schäme mich nicht für ihren Beruf, aber für ihre Hilflosigkeit und Abhängigkeit. In meinen übelsten Momenten wünsche ich mir eine andere Mutter. Eine Mutter, die in einer Altbauwohnung mit zu vielen Pflanzen lebt, nach teurer Gesichtscreme riecht und zu Friedrich Dürrenmatt forscht, anstatt sich seine Texte reinzuziehen, wenn es ihr dreckig geht.“

Da sich der Freundeskreis rund um Virginia, Dascha, Sascha und Benny aus unterschiedlichen Herkünften, Religionen, Sexualitäten usw. zusammensetzt, bietet er weiteren Spielraum, um die oben genannten Themen zu diskutieren. Zu erwähnen ist hier der gelungene Austausch innerhalb der Gruppe. Braun bildet Charaktere ab, die keineswegs perfekt sind, auch wenn sie sich alle für eine gleichberechtigte Gesellschaft einsetzen und im weiteren Sinne alle als woke beschrieben werden könnten. Positiv fällt hier der Umgang mit ihren Fehltritten auf: Virginia wird auf ihr Vorurteil hingewiesen, davon auszugehen, dass Benny schwul sei, nur weil er sich als Mann schminke. Dascha erklärt Benny, dass es rassistisch sei, sich den Hautton von People of Color anzueignen. Beide reflektieren ihr Handeln, hören dem Gegenüber zu, entschuldigen sich und verinnerlichen die Kritik. Auf diesem Weg nimmt Becca Braun immer wieder wichtige gesellschaftliche und politische Themen in ihrem Roman auf. Doch obwohl es die Charaktere in gewisser Weise formt und die Leserschaft dadurch zum eigenen Nachdenken angeregt wird, wirkt die Unterbringung so vieler unterschiedlicher Themen, neben den größeren Sujets, wie der toxischen Mutter-Tochter-Beziehung, Tablettensucht, Essstörungen und allgemeinem Leistungsdruck, etwas gezwungen und an manchen Stellen zu viel für einen einzigen Roman.

Hervorzuheben ist allerdings vor allem Virginias und Benedicts Beziehung – hier bietet Braun vielmehr als eine einfache Liebesgeschichte zweier Leute aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten. Als Leser:innen begleiten wir zwei Menschen, die voneinander lernen, sich gegenseitig unterstützen und beschützen:

„Da draußen gibt es eine Welt, die von Leistungsdruck, Unsicherheit, Kalorienzählen und toxischen Elternbeziehungen bestimmt ist. Aber hier, auf meinem Bett, gibt es nur ihn und mich und die Magie dazwischen.“

Letztendlich ist es nicht ausschließlich Benedicts sozialer Status, der Virginia und ihre Beziehung zu ihm herausfordert. Und somit muss sich die Protagonisten letztendlich fragen, ob für den Jurastudenten, in ihrer ohnehin schwierigen Situation, Platz in ihrem Leben ist oder ob sie die Ängste, die sie sonst bei ihrer Mutter verspürt, nur auf Benedict projiziert.

Virginia selbst glänzt als starke, reflektierte und kluge Protagonistin, die einerseits weiß, was sie will und sich andererseits schwertut mit Gefühlen wie Liebe, Verantwortung und Schuld. Das Einfühlen in ihre Situation wird vor allem durch Becca Brauns leichten, aber auch bildhaften, teils poetischen Schreibstil vereinfacht:

„Ich denke nach. Über den Tod. Er ist männlich, gut gekleidet und keine Trockenübung. Ich dachte, ich bin unsterblich. Stabile Demokratie, funktionierendes Gesundheitswesen, Zugang zur Bildung. Ich dachte, ich bin unsterblich. Es gibt das Leben. Und den Tod. Dazwischen ein Punkt, kein Komma.“

Zusätzlich gelingt Braun die spannende Gestaltung jedes einzelnen Kapitels, sodass man als Leser:in immer dranbleiben möchte und niemals in einen reading slump gerät. Dazu tragen ebenfalls die unterschiedlichen Handlungsstränge rund um ihre Freund:innen an der Uni und die Beziehungen zu Benedict und ihrer Mutter bei, die immer wieder ineinander verlaufen.

Bei „Licht bricht, bevor es strahlt“ von Becca Braun handelt es sich um einen gelungenen Debütroman, der wichtige gesellschaftspolitische Themen aufgreift, interessante, vielfältige und glaubwürdige Charaktere abbildet und Vorfreude auf die nächsten Veröffentlichungen der Autorin macht.