Dr. Vik­to­ria Ka­l­ass

Apparent conflict between trade unions at Deutsche Bahn AG. Evolution of a craft organisation to a discrete trade union. The example of Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL)

The dissertation aims at explaining the transformation of "Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL)" (trade union of German locomotive engine drivers) which managed to establish itself as an independent trade union in the aftermath of a spectacular collective bargaining success in 2008. The related strike of locomotive engine drivers was frequently mentioned in the German media and it also gave rise to a continuing debate about new forms of competition and conflict between trade unions, its sources, reasons and consequences for the German Model of industrial relations between political scientists, sociologists and industrial lawyers. The analysis is based on political science but still reflects the historical context as well as organisationally and culturally oriented sociological aspects. The central thesis assumes a fundamental change of the GDL and depicts its development from a powerless craft organisation without substantial influence in employment relations to a powerful, self-consciously acting trade union.

The reasons and explanations for the GDL's will to break up with long-lived, established bargaining traditions are numerous. The transformation process itself is ridden with prerequisites. A substantial amount of the transformation can be explained by considering environmental changes which can be summarized under the terms of "Deutsche Einheit" (German Unity) and "Bahnreform" (structural reform of the German railway system). Both have changed the German railway sector radically and thus forcing employers as well as employee organisations to find answers to these structural changes. Competition and shareholder value-orientation influenced the organisation of work. Jobs were cut while the whole process of work was modified. The disintegration of the formerly state-owned German railway company Deutsche Bahn out of the public sector promoted a new definition of work and especially of professional status of employees in this sector. This especially concerned the locomotive engine drivers. Contents and the tenure of job training were reduced since locomotive engine drivers no longer obtained the status of civil servants whereas skill requirements of engine drivers were cut with reference to technological progress. Meanwhile many locomotive engine drivers recall these changes as degrading about which the GDL constantly keeps complaining in collective settings.

At the same time the GDL managed to organise new members who are allowed to engage in protest. Engine drivers possess structural power since their professional performance is essential for the maintenance of the transportation process. Nevertheless, the GDL was unable to exert a veto because as civil servants, locomotive engine drivers traditionally were not given the right to strike. This situation changed due to organisational success of the GDL in Eastern Germany after November 1989, especially since Eastern German engine drivers were not employed as civil servants and therefore able to strike. After the beginning of Bahnreform new employees as well as East German engine drivers were allowed to strike and the GDL gained factual veto power. During the dispute in collective bargaining in 2007/08 at Deutsche Bahn AG the GDL was able to mobilise its veto power and to realise discrete bargaining demands. This was possible since the GDL established a connection between membership and organisational interests. Whereas the GDL leadership was primarily interested in organisational survival and independence, the engine drivers asked for improvements in work condition and payment. The claim of a surplus of 30% symbolically illustrates the attentiveness that the GDL leadership displayed towards member interest (logic of membership).

The tactical combination between logic of influence and logic of membership backed the GDL leadership following top-down oriented strategy to institutionalise organisational independence with the required membership support. On this basis the GDL succeeded in executing its transformation from a craft organisation to a discrete trade union. But since the transformation process was ridden with prerequisites the often announced fear of employers and industrial unions concerning a profound erosion of the German Model seems unlikely.

Die Dissertation untersucht die Transformation der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), die sich mittels ihres medial spektakulär inszenierten Tariferfolgs aus dem Jahr 2008 als eigenständig agierender Gewerkschaftsakteur in den industriellen Beziehungen etablieren konnte. Die GDL kann als einer der prominentesten Protagonisten der seither anhaltenden Debatte um die Ursachen, Entstehungsbedingungen und Folgen spartengewerkschaftlicher Konkurrenz, an der sich neben den Akteuren des Felds Politikwissenschaftler, Soziologen und Arbeitsrechtler beteiligen, gewertet werden. In der vorliegenden Untersuchung wird eine politikwissenschaftliche Analyse des Phänomens vorgenommen. Berücksichtigt werden dabei sowohl historische Bezüge als auch organisationssoziologische wie kultursoziologische Zusammenhänge. Grundlegend ist die These, dass die GDL in den letzten Jahren einen umfassenden Wandel vollzogen hat und sich von einem handlungsohnmächtigen Berufs- und Standesverband zur offensiv-selbstbewusst auftretenden, vetostarken Berufs-Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer entwickelt hat.

Die Hintergründe und Bedingungen dafür, dass die GDL eine Transformation vollziehen konnte, sind vielfältiger Natur. Der Wandel selbst erweist sich als ausgesprochen voraussetzungsvoll. Ein Großteil des Wandels, ist auf Umweltveränderungen zurückzuführen. Diese Kontextveränderungen lassen sich unter den Begrifflichkeiten von Deutscher Einheit und Bahnreform subsummieren. Beide Prozesse haben die Bahnlandschaft nachhaltig verändert und mussten arbeitnehmer- wie auch arbeitgeberseitig bearbeitet werden. Wettbewerb und gewinnorientiertes Management wirkten auf den Faktor Arbeit zurück, haben eine Verknappung der Personalressourcen induziert, Arbeitsabläufe modifiziert und mit Streichung des Beamtentums eine Neudefinition einzelner Berufsprofile erforderlich gemacht. Betroffen waren auch die Lokführer. Der Wegfall des Beamtentums und die damit verbundene Streichung laufbahnlogischer Elemente, die zuvor in die Lokführerausbildung integriert waren und technische Neuerungen, die viele lokführerspezifische Fachkenntnisse verzichtbar machten, legten eine Novelle des Berufsbilds nahe. Es zeigt sich, dass die Neudefinition ihres Berufs von vielen Lokführern als Abwertung erlebt wird, die von der GDL auf kollektiver Ebene beklagt wird.

Zugleich hat die GDL infolge der Deutschen Einheit an Mitgliederstärke und Streikfähigkeit gewonnen. Die Lokführer verfügen generell über eine hohe strukturelle Macht, die sich aus der Unsubstituierbarkeit ihres Berufs für die Aufrechterhaltung des Betriebs speist. Bis zur Bahnreform konnte die GDL diese Vetomacht jedoch nicht ausspielen, weil es ihr an streikfähigen Mitgliedern mangelte. Das änderte sich im Zuge der Deutschen Einheit mit den Organisationserfolgen der GDL in Ostdeutschland. Mit dem Auslaufen der Beamtenlaufbahn gewannen die Lokführer an Streik- und die GDL an Vetomacht. Im Zuge des DB-Tarifkonflikts 2007/08 vermochte es die GDL, ihre hinzugewonnene Vetomacht wirksam zu mobilisieren und eigenständige Vertretungsansprüche anzumelden. Dies gelang mithilfe einer engen Verknüpfung von Mitglieder- und Einflussinteresse. Während es der Verbandsspitze vorrangig um Eigenständigkeit und letztlich um organisationale Bestandssicherung ging, standen für die Mitglieder Einkommen und Arbeitsbedingungen im Vordergrund. Mit der Forderung nach einem 30%-igen Plus brachte die GDL-Spitze die Interessen ihrer Mitglieder plakativ auf den Punkt. 

Die geschickt gewählte Verknüpfung von Mitglieder- und Funktionärsinteresse, sicherte der GDL bei ihrem Top-Down geleiteten Streben nach gewerkschaftspolitischer Autarkie die notwendige Unterstützung in den eigenen Mitgliederreihen, um die Transformation vom Standesverband zur Gewerkschaft erfolgreich vollziehen zu können. Die voraussetzungsvolle Natur des Transformationsprozesses spricht indes gegen die von Arbeitgebern und Branchengewerkschaft vielfach geäußerte Befürchtung einer flächendeckenden Vergewerkschaftung von Berufsverbänden.

"Neue Gewerkschaftskonkurrenz bei der Deutschen Bahn AG. Vom Wandel eines Standes- und Berufsverbands zur Berufs-Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL)"

Die Dissertationsschrift ist 2012 im  Springer Verlag für Sozialwissenschaften erschienen:
Kalass, Viktoria (2012): Neue Gewerkschaftskonkurrenz im Bahnwesen. Konflikt um die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, Wiesbaden: Springer VS.
Link zur Publikation

Seit April 2012 ist Viktoria Kalass als Referentin im Ressort Beschäftigungsbedingungen und Sozialpolitik für die Deutsche Bahn AG tätig.

Kon­takt

Neben meinem Studiums war ich als seit Januar 2005 als studentische Hilfskraft am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung (Köln) beschäftigt. Im Rahmen dieser Tätigkeit habe ich mich erstmals intensiv mit Arbeitsbeziehungen befasst. Für meine damalige Chefin Dr. Britta Rehder habe ich diverse Arbeitskonflikte in deutschen Unternehmen im Zeitraum 2000-2003 anhand der Presseberichterstattung rekonstruiert. Darunter befand sich auch der Tarifkonflikt 2002/03 bei der Deutschen Bahn AG. Im Rahmen meiner Recherchen zu diesem Tarifkonflikt wurde ich auf die kulturellen Unterschiede zwischen den am Konflikt beteiligten Bahngewerkschaften aufmerksam. Als "Bahnerkind" war mir ein grundsätzliches Interesse an bahnspezifischen Zusammenhängen ohnehin "in die Wiege gelegt".

In die Endphase meines Studiums fiel dann der Lokführerstreik der GDL von 2007. Mir war sofort klar: Das ist mein Thema. Prof. Dr. Wolfgang Schroeder konnte ich schnell für die Thematik begeistern. Ich ging von Köln an die Uni Kassel, wo ich zwei Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig war. In dieser Funktion konnte ich eine Vielzahl an Interviews mit relevanten Akteuren der Arbeitsbeziehungen des Bahnwesens sowohl auf Arbeitgeber- wie auf Gewerkschaftsseite führen.

Ver­öf­fent­li­chun­gen

Im Erscheinen

  • (Zusammen mit Friedhelm Boll): Streik und Aussperrung, in: Schroeder, Wolfgang/Weßels, Bernhard (Hrsg.): Die Gewerkschaften in Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik. Ein Handbuch, Aktualisierte Auflage.

2012

  • Rezension Christian Brütt: Workfare als Mindestsicherung. Von der Sozialhilfe zu Hartz IV. deutsche Sozialpolitik von 1962 bis 2005 (Gesellschaft der Unterschiede, Bd. I), Bielefeld: transcript Verlag, in: Archiv für Sozialforschung, Friedrich-Ebert-Stiftung, unter: www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi.
  • Neue Gewerkschaftskonkurrenz im Bahnwesen. Konflikt um die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, Wiesbaden: VS Verlag.

2011

  • (Zusammen mit Samuel Greef): Les relations sociales á la Deutsche Bahn: nouveaux acteurs et évolution des rapports de force sur fond de privatisation et de libération, in: Hazouard, Solène/Lasserre, René/Uterwedde, Henrik (eds.): Relations sociales dans les services d’interêt général. Une comparaison France-Allemagne, Cergy-Pontoise Cedex: Cirac, 85-105.
  • (Zusammen mit Wolfgang Schroeder und Samuel Greef): Berufsgewerkschaften in der Offensive. Vom Wandel des deutschen Gewerkschaftsmodells, Wiesbaden: VS Verlag.
  • Verbandskonkurrenz und Tarifpluralität: Neue Kräfteverhältnisse in den Arbeitsbeziehungen des Bahnwesens?, in: Andresen, Knud/Bitzegeio, Ursula/Mittag, Jürgen (Hrsg.): „Nach dem Strukturbruch“? Kontinuität und Wandel von Arbeitsbeziehungen und Arbeitswelt(en) seit den 1970er-Jahren, Bonn: Dietz, 317-341.

2010

  • Konkurrenz und Pluralität: Anfang vom Ende der Tarifeinheit, In: Greef, Samuel/Kalass, Viktoria/Schroeder, Wolfgang (Hrsg.): Gewerkschaften und die Politik der Erneuerung. Und sie bewegen sich doch, Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung, 109-116.
  • (Zusammen mit Wolfgang Schroeder und Samuel Greef): Gewerkschaftliche Erneuerungsdebatte, In: Greef, Samuel/Kalass, Viktoria/Schroeder, Wolfgang (Hrsg.): Gewerkschaften und die Politik der Erneuerung. Und sie bewegen sich doch, Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung, 8-11.
  • (Zusammen mit Wolfgang Schroeder): Sozialdemokratie und Gewerkschaften in Mittel- und Osteuropa. Schwache Verbindungen und versteckte Gemeinsamkeiten, Berlin: Friedrich Ebert Stiftung.
  • Bahn-Tarifverhandlungen. Interessenvielfalt, in: iW Gewerkschaftsspiegel, 3, 3.
  • Die Wende als Chance. Führungskräfte Chemie in Ost und West. 20. Jahrestag der Gründung des VFCI, VAA: Köln.
  • Vor 20 Jahren: Gründung des VFCI. Keine Berührungsängste zwischen Ost und West, in: VAA Magazin, April, 14-16. 2008 - (Zusammen mit Wolfgang Schroeder und Samuel Greef): Kleine Gewerkschaften und Berufsverbände im Wandel, Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung.
  • (Zusammen mit Wolfgang Schroeder): 68 in den Betrieben. Die Bewegung von 68 und die Forderung nach mehr Mitbestimmung für Arbeitnehmer, Online-Publikation, unter: www1.bpb.de/themen/OC5VFT,0,0,68_in_den_Betrieben.html.

Le­bens­lauf

Akademischer Werdegang

Februar 2012

Promotion an der Universität Kassel, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Politikwissenschaft
Thema: Neue Gewerkschaftskonkurrenz bei der Deutschen Bahn AG. Vom Wandel eines Standes- und Berufsverbands zur Berufs-Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL)
Gutachter: Prof. Dr. Wolfgang Schroeder (Uni Kassel)
Zweitgutachter: PD Dr. Martin Höpner (Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln)

Oktober 2010 - Februar 2012

Promotionsstipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung

WS 2001/02 - WS 2007/08

Studium an Universität zu Köln
Hauptfach: Politikwissenschaft Nebenfächer: Mittlere/Neuere Geschichte, Englische Philologie
Abschluss: Magistra Artium
Titel der Magisterarbeit: Die Rolle der CDA innerhalb der CDU. Programmatischer Einfluss der CDA auf die Mitbestimmungsbeschlüsse der CDU
Betreuer: Prof. Dr. André Kaiser

WS 2000/01 - SoSe 2001

Studium der Volkswirtschaftslehre; Universität zu Köln

2000

Abitur am Rupert-Ness-Gymnasium Wangen i. Allg.
Leistungskurse: Englisch, Französisch

Beruflicher Werdegang

Seit April 2012

Referentin für Beschäftigungsbedingungen und Sozialpolitik, Deutsche Bahn AG

März 2008 - September 2010

Wissenschaftliche Mitarbeiterin Lehrstuhl: Das politische System der BRD-Staatlichkeit im Wandel (Prof. Dr. Wolfgang Schroeder); Universität Kassel

Oktober 2008 - September 2010

Mitarbeit im Forschungsprojekt „Wandel der Arbeitnehmerverbandslandschaft und neue Akteurskonstellationen in der kollektiven Interessenvertretungspolitik“
Projektleitung: Prof. Dr. Wolfgang Schroeder
Projektförderung: Hans-Böckler-Stiftung

März - September 2008

Mitarbeit im Forschungsprojekt „Arbeitsbeziehungen in Mittel- und Osteuropa“
Projektleitung: Prof. Dr. Wolfgang Schroeder
Projektförderung: Friedrich-Ebert-Stiftung

2005-2008

Studentische Hilfskraft Dr. Britta Rehder, Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln
Themenschwerpunkte: Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaften

2002-2004

Studentische Hilfskraft Lehrstuhl Prof. Dr. Werner Eck, Universität zu Köln, Institut für Altertumskunde

August - Oktober 2004

Praktikum in einem Abgeordnetenbüro des Bundestags (Ute Berg; SPD)