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Vertretungsprofessorin Dr. Louisa Prause

Eine gerechte und nachhaltige Zukunft ist keine Utopie, sondern eine Frage des politischen Willens und der konkreten Gestaltung.

Interview

Was genau erforscht Ihr Fachgebiet?

Ich bin Vertretungsprofessorin für das Fachgebiet „Gesellschaftliche Konflikte in sozial-ökologischen Transformationen". In dem Bereich analysieren wir Auseinandersetzungen über den Umbau unserer Wirtschaft und Gesellschaft hin zu mehr sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit. Ausgangspunkt meiner Forschung ist, dass gesellschaftliche Transformationen immer umkämpft sind. Manchmal wird dies sehr sichtbar, z.B. in den FridaysForFuture-Protesten, manchmal geschieht dies eher durch verschiedene Deutungen: ist das Verbrennerauto eine überholte Technologie, die das Klima schädigt, oder Ausdruck von Freiheit und deutschem Erfindergeist? Manchmal werden Konflikte eher in der Politik ausgetragen, wenn es um die Ausformulierung bestimmter Gesetzesvorhaben oder Politikstrategien geht. Ein aktuelles Beispiel: Ich arbeite derzeit viel zu der Frage, wie die ökologische und die digitale Transformation in unterschiedlichen Politikbereichen zusammengebracht werden können – in der EU läuft das unter dem Titel der Twin Transition, also der „Zwillingstransformation". Dahinter steckt die Idee, dass Klimaschutz und Digitalisierung zusammen gedacht werden müssen – aber wie genau, und ob Digitalisierung wirklich zu mehr Nachhaltigkeit führt, darüber gibt es heftige Debatten.

Zum Fachgebiet gehören aber auch Fragen aus der Arbeitssoziologie. So erforsche ich z.B., wie Gewerkschaften die digital-ökologische Transformation in Betrieben mitgestalten können. In dem Fachgebiet geht es aber auch um sehr lokale Konflikte, z.B. um die Verkehrsberuhigung einer Straße. Das Fachgebiet hat aber auch eine starke globale Dimension. In der Vergangenheit habe ich mir Konflikte entlang von Lieferketten für kritische Rohstoffe wie Lithium und Cobalt angeschaut, die zentral für die E-Mobilität sind. Kurz gesagt: Wir erforschen die großen und kleinen Kämpfe darüber, wie unsere Zukunft aussehen soll – von der Dorfstraße bis zur globalen Lieferkette.

Welche konkreten Fragen oder Probleme versuchen Sie derzeit zu lösen?

Ich arbeite aktuell insbesondere zur Transformation des Agrar-Ernährungssystems vor dem Hintergrund der Digitalisierung. Dieser Sektor ist global für knapp ein Drittel aller Treibhausgasemissionen verantwortlich und ein zentraler Treiber für den Biodiversitätsverlust. Er ist zentral für unsere Gesundheit, denn schließlich ernährt er uns. Und auch wenn in Deutschland nicht mehr viele Menschen direkt in der Landwirtschaft beschäftigt sind, so sind es global doch immer noch Milliarden Menschen, die ihre Lebensgrundlage direkt im Agrarsektor erwirtschaften. Trotzdem spielt der Sektor in den klima- und umweltpolitischen Debatten immer noch nicht dieselbe Rolle wie der Energie- und Verkehrssektor. Das muss sich ändern.

Teile des Sektors sind zudem Vorreiter der Digitalisierung. Auch wenn man bei Robotik nicht als allererstes an den Bauernhof denkt, haben wir auf dem Acker mittlerweile high-tech Roboter zum Säen und Ernten, KIs erstellen Anbauempfehlungen für Landwirtinnen und die Äpfel, die Sie im Supermarkt kaufen, können Sie mit Blockchain bis zu der Person zurückverfolgen, die sie gepflückt hat. Ob diese neuen Technologien uns helfen, den Agrar-Ernährungssektor ökologisch und sozial nachhaltiger zu machen, ist umstritten. Mich interessiert, wie diese Konflikte auf politischer und gesellschaftlicher Ebene ausgetragen werden und wie sich bestimmte Werte und Normen in die neuen Technologien selbst einschreiben. Wessen Interessen werden in die Algorithmen programmiert – die der großen Agrarkonzerne oder die der Landwirt*innen und Verbraucher*innen? Und natürlich frage ich mich, wie digitale Technologien ausgestaltet werden müssten, um sowohl die Landwirtschaft als auch unsere Ernährung sozial und ökologisch nachhaltiger und gerechter (und idealerweise auch noch leckerer) zu machen. Dafür forsche ich mit Landwirtinnen in Deutschland und Spanien, analysiere die Innovations- und Agrarpolitik der EU und schaue mir Konflikte entlang globaler Lieferketten zwischen Südafrika und Deutschland an.

Welche persönlichen Ziele oder Visionen treiben Sie in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit an?

Ich glaube fest daran, dass ein gutes Leben innerhalb der planetaren Grenzen möglich ist, wenn wir vor den großen Fragen wie Umverteilung und einem Umbau des kapitalistischen Wirtschaftssystems nicht zurückschrecken. Ich finde es daher unheimlich bereichernd, immer wieder zu erforschen, wie eine solche Alternative und der Weg dorthin aussehen könnte. Was müssen wir verändern, damit wir in Zukunft alle gutes Essen auf dem Tisch haben, das vielleicht sogar noch besser schmeckt, aber ohne dass wir dafür unser Ökosystem aufs Spiel setzen? Welche Akteure müssen wir dafür stärken, welche Strukturen verändern, welche neuen Technologien können wir gebrauchen und welche nicht? Und was läuft eigentlich schon richtig gut und sollte genauso bleiben wie es ist? Eine gerechte und nachhaltige Zukunft ist keine Utopie, sondern eine Frage des politischen Willens und der konkreten Gestaltung.

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